20. Mai
Erlangen-Büchenbach – Herzogenaurach – Emskirchen – Markt Erlbach – B470 – Burg Bernheim – Nordenberg – Linden – Windelsbach – Linden – Wachsenberg – Rothenburg ob der Tauber – Rothenburg-Bettenfeld – Reusch – Leuzendorf – Speckheim – Blaufelden – Langenburg – Braunsbach – B19 – Schwäbisch Hall – Schwäbisch Hall-Sülz (150 km)
Eigentlich wollte ich ja schon um fünf aufstehen, denn das Gepäck liegt mitnichten griffbereit. Es ist zwar alles schon da, aber die Sachen liegen ohne Konzept in der Wohnung verteilt. Auf dem Herd türmt sich der höchste Haufen. – Um sechs meldet der Wecker die revidierte Weckzeit. Das gibt heute mal keine Probleme. Und das Wetter? Na ja, draußen ist es ziemlich grau. Aber weil das Wetter in Deutschland nicht so sicher ist, fahre ich ja nach Frankreich. Also sollte mich schlechtes Wetter eher anspornen.
Der Kram wirkt zwar unübersichtlich, aber erträglich. Was wird er wohl wiegen? Nein, es kann nicht einfach eingepackt werden. Erst mal muss ich mich selbst zurechtmachen, die Reisekluft muss sitzen, dann kommt das Sortieren dran, und das dauert am längsten. Obwohl das Problem jedes Jahr dasselbe ist, habe ich noch keine goldene Regel, in welche Tasche nun was kommt (so dass ich unterwegs nach einem bestimmten Stück nicht erst alle Gepäckteile durchsuchen muss). Aber aus diesem Grund versuche ich ja, möglichst wenig mitzunehmen.
Es zeigt sich, dass ich mit den Ortlieb-Taschen doch eine kleine Probefahrt hätte machen sollen. Erst einmal müssen sie haltbar an den Lowridern festgemacht werden, und dabei stellt sich heraus, dass sie nicht ganz passen. Es lässt sich zwar viel an ihnen einstellen und ändern, aber das Problem der Halterung wird nur soweit gelöst, dass ich damit eben losfahren kann. Überzeugend ist es nicht. Aber bevor es auf die Reise geht, will ich dann doch noch wissen, wie schwer der Kram ist. Also steige ich erst mit den Sachen auf die Waage (du lieber Gott!) und dann ohne. 27 Kilogramm, und dabei war der Kühlschrank diesmal doch gar nicht so voll! (Er wird vor der Fahrt ausgeräumt und alles Verderbliche eingepackt; das kann die Fracht anfangs schon um zwei, drei Kilo erhöhen, aber im Grunde ist das auch nicht mehr, als was ich unterwegs so manchmal auf einen Schwung einkaufe.) Na denn, happy cycling!
Die Zeit vergeht. Also, um acht wollte ich doch wirklich schon unterwegs sein! Aber bei Elisabeth verschwatze ich noch ein paar Minuten, um mich bei ihr für ihre Karte zu bedanken, und dabei ist sie noch privilegiert! Einige Geburtstagsbriefe bleiben ungeöffnet liegen. Ich kann sie jetzt ohnehin nicht beantworten, also lese ich sie nach meiner Rückkehr.
Zehn nach acht sitze ich schließlich im Sattel. Ein feiner Nieselregen hat eingesetzt. Ich kann also gleich ausprobieren, ob ich allein in Oberhemd und leichter Hose noch soweit wetterfest bin, dass mir unter diesen Umständen nicht kalt wird. Über die Dörfer führt mich der Weg in Richtung Westen. Diese Himmelsrichtung wird mit kleinen Abweichungen in den Vogesen für die vor mir liegenden sechs Tage dominierend sein. Es geht zunächst über die kleinen Dörfer, durch die ich oft fahre, wenn ich im Westen von Erlangen unterwegs bin. Mein Gepäck ist halt ein bisschen unübersichtlicher, umfangreicher und ungewöhnlicher, aber da es zwar eine ganze Menge Hügel, aber im Grund kaum Berge gibt, und da ich auch wieder meine bewährte Urlaubsübersetzung eingebaut habe, ist das alles nicht so schlimm. Ich bin nur gespannt, wann ich meine Urlaubsstartkrise kriege, denn zu dieser habe ich dieses Mal allen Grund. Die längste Fahrt zur Vorbereitung habe ich vor einigen Wochen mit Johanna am König-Ludwig-Kanal gemacht, und das waren gerade mal 130 Kilometer fast ohne jedes Gepäck und ohne Berge. Danach war ich ganz schön fertig. Heute, nach Schwäbisch-Hall, kommt von allem mehr: vom Wetter, von den Bergen, vom Gepäck und von der Länge der Strecke.
Einige Kilometer hinter Herzogenaurach fällt mir ein, dass ich vergessen habe, die Badehose einzupacken. Na prächtig! Da fahre ich also in den Süden, ans Meer, ins Warme, und jetzt werde ich nicht baden können! Zurück also? Nö, das wäre ja noch schöner. Einen Badeurlaub habe ich ohnehin nicht geplant, und wenn’s notwendig oder unwiderstehlich wird, muss ich eben nackt baden. Den Gedanken, mir unterwegs noch eine Badehose zu kaufen, erwäge ich nur kurz. Schließlich muss, wer eine Badehose anziehen will, zuvor eine andere ausziehen. Ohne Bademantel bin ich unter diesen Umständen dann auch erst mal ohne.
Die nächste Überlegung gilt meinem Haarschnitt. Ich bin aus Mangel an Gelegenheit ohne Urlaubsfrisur losgefahren. Das dürfte also lustig werden, wenn die ersten schweißtreibenden Abschnitte beginnen. Und in sieben Wochen wächst ja noch einiges nach. Ich werde also unterwegs die Angebote studieren. Nur: Mit Bittkau kann ohnehin keiner konkurrieren, wahrscheinlich nicht einmal annähernd.
Wenige Kilometer später beginnt terra incognita. Noch nie gesehen und auch schon etwas uneben. Es geht hinauf. Bevor ich nach Bad Windsheim rollen kann, muss ich in die Berge. Na ja, diese Bezeichnung wird sich später sicherlich relativieren. Einstweilen genügt ein entschiedenes Runterschalten, um ohne größeren Kraftaufwand zu klettern. Das erste Mal denke ich darüber nach, wie sich das hier wohl auf einem neuen Fahrrad mit »gescheiter« Schaltung machen würde. Aber ich hab’s ja nun nicht, also muss es so gehen.
Das Wetter hat sich inzwischen deutlich gebessert. Die Sonne ist herausgekommen; an meiner Garderobe ändere ich aber erst mal nichts: also keine Handschuhe, kein Hut und keine Sonnenbrille. Wer weiß, wann der nächste Niederschlag kommt.
Nach der Abfahrt nach Bad Windsheim (die eigentlich eher an der Stadt vorbeiführt als in sie hinein) wird’s ein bisschen langweilig: Bundesstraße. Die einzige Abwechslung ist ein Bundeswehrhubschrauber, der oben seine Kreise zieht. Wahrscheinlich macht er einen Übungsflug. Die Karte verspricht jedoch kurz nach der Überquerung der B13 Abwechslung. Da geht es nämlich links ab nach Burg Bernheim. Hinter dem Ort erheben sich die Berge. Sie sind wahrscheinlich nicht der leichteste Weg nach Rothenburg, aber interessanter als die Bundesstraße werden sie wohl allemal sein.
Zuerst mal machen sie sich noch nicht bemerkbar. Es geht wirklich total eben in das Dorf oder die kleine Stadt, und erst nach einer Weile beginnt allmählich der Anstieg. Die letzte Straße macht dann langsam ernst. Hinter einer Brücke unter der Eisenbahn droht gar ein 15%-Schild. Na fein! Dabei wollte ich doch meine Schaltung nicht gleich am ersten Tag kaputtmachen. Aber es ist nicht nur meine Schaltung. Vor allem ich bin offensichtlich nicht in dem Maße fit, wie die Topologie es erfordert. Also fahre ich in Schlängellinien durch den Wald in die Höhe. Dass es am ersten Tag immer so heftig kommen muss!
Nach diesem gebührenden Prolog wird es etwas milder, und ich werde mit einer Fahrt durch den Nordenberger Forst für den Betrieb auf der Bundesstraße entschädigt. Hier ist nämlich nicht viel los. Außer viel Wald fällt mir an einer Stelle der Strecke nur ein Tier auf, das vor mir die Straße überquert. Die Größe passt vielleicht zu einer Katze, aber die Bewegungen sind dafür zu ungeschickt. Es muss ein junges Tier sein. Offensichtlich ist es auch scheu; ich bin mir bald ziemlich sicher, dass dies ein junger Fuchs war, aber überprüfen kann ich es natürlich nicht mehr.
Auf der Anhöhe »darf« ich noch etwas länger bleiben: In Linden nehme ich die falsche Richtung, stelle das nach einer längeren, aber glücklicherweise flachen Abfahrt bis nach Windelsbach auch schließlich fest, und so geht es erst wieder zurück, und dann richtig weiter in Richtung Rothenburg. Über diese Stadt habe ich schon viel gehört: Der Tourismus hier soll bedeutend, der Autoverkehr ziemlich schnell unterwegs sein. Alles natürlich ein bisschen detaillierter, aber diese Punkte sind mir im Gedächtnis geblieben, und sie sollen nun mit der Realität abgeglichen werden.
Der Ortseingang ist zunächst wenig spektakulär. Zwar sehe ich bereits Einrichtungen des Fremdenverkehrsamtes, aber da sind weder historische Bauten noch ein Fluss im Tal zu sehen. Kommt wohl noch, denke ich mir und fädele mich so nach und nach in die inneren Zirkel der Stadt. Dort werden sie auch sichtbar, die unvergleichlich überflüssigen, aber doch für eine Stadt wie diese unentbehrlichen kleinen Läden mit all dem Kitsch, den Trinkgläsern, Ansichtskarten, Schweizer Taschenmessern, … ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht so genau, was es da alles gibt. Aber in all ihrer Vielfalt sind sie doch unverkennbar von einem Genre.
Nach Westen hin geht es den Hügel hinab, und irgendwann sollte dort doch auch die Tauber kommen. Schließlich ist sie da, und sie liegt so tief, und der Abhang ist so steil, dass keine Straße hinabführt – jedenfalls sehe ich keine. Also immer an der Wand lang. Mit meinem Gefährt bin ich nicht gerade wendig, verglichen jedenfalls mit Fußgängern. Es ist vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar, welche Masse bei jedem Wendemanöver ausbalanciert werden muss, aber mit einem konkreten Tagesziel vor den Augen und ausreichend Zeit für die verbleibende Strecke kann ich all diese Kurven mit Ruhe nehmen.
Die Stadt ist wirklich an vielen Stellen im späten Mittelalter stehen geblieben. Die Wohngebäude des Zentrums, die Kirchen sowieso, die Stadtmauer und auf ihr die überdachten hölzernen Wandelgänge (das dürfte wohl einige Male gebrannt haben) und nicht zuletzt das Image, das die Kommune wie das Land fleißig pflegen, locken viele Leute an, und heute dürften sie angesichts des nicht zu warmem Wetters (im Moment regnet’s aber auch nicht) auch zufrieden sein. Die Legende der Raser kann ich nicht bestätigen, aber vielleicht hätte ich dazu in den Außenbezirken etwas genauer hinschauen müssen. Der Ort selbst könnte später vielleicht noch mal mit weniger Gepäck und mehr Zeit bereist werden. Vorerst suche ich die Ausfahrt. Schwäbisch Hall ruft.
Nach der Überquerung der Tauber im Tal wird das Panorama wieder ländlich, aber es bietet nichts Besonderes. Ich konzentriere mich also auf die Streckenvorgabe und habe damit in dem Zickzack (die ursprünglich geplante Ausfahrt aus Rothenburg habe ich nicht gefunden und mache nun eine Südumfahrung) auch genügend zu tun. Die Gemeinden sind unseligerweise häufig nicht identisch mit den Siedlungen; so gibt es ein knappes dutzend Schrozbergs, alles eine Gemeinde, aber jedes von Fall zu Fall mit noch einem Extranamen oder auch nicht ausgestattet. Die Landkarten tragen diesem Umstand nach eigenem Gutdünken Rechnung. Und dann fängt es auch noch an zu regnen, so richtig sogar, viel zu viel für meine Landkarte, und nachdem diese bereits im zehnten Jahr ist, beschließe ich, sie vor der Überfahrt nach Frankreich aus dem Verkehr zu ziehen – ist ja dann auch wieder ein kleines Stückchen weniger Gepäck.
Vorerst – nach einer kleinen Essenspause von zehn Minuten – brauche ich sie aber noch. In Langenburg knickt die Route nach Süden ab. Sie tut dies aber nicht so einfach, sondern führt vorher ins Jagsttal hinunter. Bevor ich dort hinunterrolle, schaue ich mir die Anlagen eines Schlosses an, das ähnlich wie Rothenburg über dem Tal thront. Da das Wetter inzwischen gemischt ist und vielleicht auch die Konkurrenz durch Rothenburg zu groß, ist hier touristisch nicht viel los. Das Innere von Schlössern interessiert mich auch nicht, also nehme ich den neuen Aufstieg in Angriff. Die Abfahrt ist ja schnell zurückgelegt. Auf der Rückseite des Berges weiß ich eine weitere Abfahrt, diesmal ins Kochertal, und bevor ich nach Schwäbisch Hall komme, werde ich die Kocherbrücke unterqueren, über die ich erst vorgestern mit meinen Kollegen auf dem Weg nach Stuttgart gebrettert bin. Bei dieser Fahrt war von der Brücke nicht viel zu sehen. Vielleicht ist es gut, dass den Autofahrern während der Überfahrt das Panorama verwehrt wird. Wer weiß, wie viele Unfälle es sonst gäbe. Jetzt gucke ich mir dieses von weitem filigran erscheinende Stahlbetonwerk von unten an. So aus der Nähe würde ich es nicht schön nennen, aber von weitem ist es schon erstaunlich, über welche Spannweiten hunderte Tonnen Fahrzeuglast in einer Weise getragen werden, wie sie jeder traditionellen Kraftabführung (von der Romanik bis in unser Jahrhundert hinein) über Rund- und Spitzbögen zu widersprechen scheint. Aus der Nähe werden die Pfeiler allerdings dann schon voluminös und wuchtig, und was die Masse nicht bringt, muss der Stahlbeton erledigen. Sie steht jedenfalls, und zu hören ist fast nichts, so dass der Eingriff in das Tal eigentlich nur optisch erfolgt. Ich weiß allerdings nicht, welchen Weg die Autoabgase bei Windstille nehmen.
Zum Glück schaue ich vor der Teilung des Tals nach Südosten und Südwesten noch einmal genau auf die Karte, und während ich Sülz bislang bei Sulzdorf vermutet hatte (wofür ich dem Fluss Bühler hätte folgen müssen), entdecke ich den Ortsteil jetzt nordwestlich von Schwäbisch Hall, und das lässt mich im Kochertal bleiben.
Es gibt keinen Weg an Schwäbisch Hall vorbei in die Berge, also, vielleicht doch einen Weg, aber jedenfalls keine Straße, die einigermaßen gemäßigt in die Höhe führen würde, und so viel ist inzwischen klar: Das heutige Ziel liegt nicht im Tal. Also fahre ich mit dem Hauptverkehr in die Stadt, und weil ich einmal dort bin und auch noch genügend Zeit ist, mache ich einen kleinen Abstecher in die Fußgängerzone. Dort hält gerade einer eine Rede gegen den Krieg auf dem Balkan und den Einsatz deutscher Truppen. Etwa einhundert Menschen stehen um ihn herum und klatschen gelegentlich Beifall. Na ja.
Die Ausfahrt kenne ich. Zwar bin ich sie noch nicht hinaufgefahren, aber vor einigen Jahren war ich mal auf einer Hauptversammlung in Schwäbisch Hall und habe sie gesehen. Nach einigem Zirkeln bin ich auf dem Radweg und folge ambitioniert einem Mädchen, das – allerdings ohne Gepäck – ebenfalls auf dem Weg nach oben ist.
Als wir den Wald hinter uns lassen und es flacher wird, biegen die ersten Straßen nach rechts ab. Eine von diesen muss es sein. Ich überhole meine Schrittmacherin und frage sie nach dem Weg. Die Auskunft ist eher vage, aber ich biege trotzdem ab und versuche mein Glück. Nach weiteren zwei Dörfern kommt schließlich Sülz in Sicht, eine Ansammlung von wenigen Häusern, und eine gute viertel Stunde zu früh erreiche ich die verabredete Adresse bei den Dachgebern. Ich nutze die Zeit für ein erstes frühes Abendessen im Schatten einer Linde. Da wären noch saure Heringe aus dem Kühlschrank. Das Glas mit der vielen Marinade muss ich ja nun wirklich nicht noch durch die halbe Welt schleppen. Also wird es vertilgt.
Pünktlich um sieben klopfe ich an, und ein Mann, vielleicht ein paar Jahre älter als ich, macht mir auf. Der Mann ist Lehrer an einer Waldorfschule, aber gerade kommt er aus seiner Schreinerei, und später zeigt er mir, woran er arbeitet: Musikinstrumente. Das ist ja nicht gerade das, wobei sich Anfänger des Holzes ihren ersten Span in die Finger ziehen, und ich habe gehörigen Respekt vor seiner Kunst. Oben ist seine Frau. Kinder haben sie keine, aber im Laufe des Abends zeigt sich, dass das Haus, der Beruf und die Hobbies keine Langeweile aufkommen lassen. Er erzählt mir, wie sie in eine Ruine eingezogen waren, dass er auf die Scheune ein Windrad setzen will, wie sie im Herbst immer Obstsaft mit einer uralten Obstpresse machen, wo alle kurbeln müssen, und zu diesen Erzählungen gibt es Kaiserschmarrn, den seine Frau gemacht hat. Mein Schlaflager finde ich auf der Küchenbank, wo ich die erste Nacht der Reise gut verbringe.
21. Mai
Schwäbisch Hall-Sülz – B14xB39 – Hirrweiler – Etzlenswenden – Großbottwar – Mundelsheim – Besigheim – Freudental – Illingen – B10 – Mühlacker – Pforzheim – Neuenbürg – Bad Herrenalb – Gernsbach – Gaggenau – Bischweier – Muggensturm – Ötigheim (162 km)
Guten Morgen! Es regnet. Es regnet, und es sieht so aus, als würde es noch lange regnen. Inzwischen weiß ich, wie ein Himmel aussieht, aus dem noch mindestens eine Stunde lang Regen fällt. Er ist entweder einheitlich grau, oder unter einer hell- bis mittelgrauen strukturlosen Wolkendecke ziehen vereinzelte dunkelgraue Fetzen dahin. Wichtig ist, dass jede Struktur fehlt. Denn dann sind die Wolken dicht und dick, und das garantiert Dauer. Da hilft auch kein ausführliches Frühstück und keine Debatte über Gott und die Welt. Irgendwann muss ich ’raus, und in Frankreich wird sowieso alles besser. Schließlich habe ich eine Regenjacke mitgeschleppt, die auch bei Schnee und 10 Grad unter Null trage, und eine Regenhose, die ebenso kältetauglich ist. Eigentlich sollte mir diese Kältefähigkeit zu denken geben. Aber ich werde noch früh genug darauf kommen, dass es eine Temperaturobergrenze gibt, oberhalb derer eine Badehose die geeignetere Regenkleidung ist (sofern man eine dabei hat).
Also los! Zunächst mal muss ich auf die Hauptstraße zurück, und dann geht es nach Westen hinauf, in die Waldenburger Berge. Es ist kein steiler Berg, aber es zieht sich hin. Im Grunde sollte ich bei dieser Anstrengung nicht gerade Winterkleidung tragen, aber das ist es, was mich gegen den Regen schützt. Ich muss mich nur eben entscheiden, ob ich lieber von außen oder von innen nass werde.
So zieht sich das hin. Wer den Blick bei Regen einmal durch den Sucher eines Fotoapparates zwängt, der weiß, wie Kontrast spendend Sonnenlicht sein kann, dass hier kaum ein Foto wirklich gut wird, dass auch das reale Erleben viel grauer ist als bei schönem Wetter, dass also mit einem Satz der Spaß höchstens der halbe ist. Kurz vor Löwenstein muss ich links abbiegen, um auf Umwegen in die Ebene des Neckar hinabzurollen. In Baden-Württemberg scheinen Wahlen anzustehen, wahrscheinlich Kommunalwahlen; jedenfalls hängen viele Plakate entlang der Straße, und in dieser Gegend scheinen nur die Reps zu plakatieren. Braunes Volk!
Dort komme ich auch durch die erste Weingegend. Es wird wohl nicht die letzte sein. Immerhin werde ich noch durchs Elsaß und durch die Champagne fahren. Aber eins nach dem anderen. Jetzt hat sich erst mal das Wetter gebessert, und das kommt mir natürlich gelegen. Auf dem Weg nach Pforzheim halte ich mal wieder Ausschau nach einem Friseur. Aber erstens haben die selten ihren Laden direkt an den Fernstraßen, und zweitens habe ich noch eine lange Strecke vor mir und nicht mehr so viel Zeit. Also, das wird heute nichts mehr mit dem Haareschneiden. Und in Frankreich?
In der Goldstadt setzt wieder ein leichter Regen ein. Nach einigen Schnörkeln finde ich auch die richtige Ausfahrt nach Südwesten, und in Kürze geht es mal wieder ordentlich zur Sache: Schwarzwald, Berge! Im feuchten Milieu, verbreitet weniger durch den Regen von oben als durch die Reifen vorbeifahrender Autos, erarbeite ich mir einen Meter nach dem anderen. Ich hatte befürchtet, dass meine fehlende Ausdauer hier erste Zeichen setzen würde. Wahrscheinlich kann ich das durch eine gewisse Gelassenheit kompensieren. Jedenfalls verzeichne ich vorerst keine Einbrüche. Bad Herrenalb wird (topologisch) das erste Zwischentief sein, bemerkenswert ist sein Straßenbahnanschluss nach Karlsruhe, unverkennbar der Charakter der Kurstadt mit all ihren Häusern Rosi und Renate und wie sie so heißen.
Nach Gernsbach führt die Straße noch ein letztes Mal über den Berg. Aber er hält sich in Grenzen. Das Beste an der Abfahrt ist jedoch, dass der Himmel langsam aufklart. Eigentlich ist es verrückt: Der Regen kommt doch meist von Westen, und diesmal sieht es fast so aus, als staute er sich auf der Ostseite des Schwarzwaldes. Es kann natürlich auch sein, dass gerade mal der Schönwetterteil des Tiefdruckgebietes kommt, und zwar wiederum von Westen.
Auch wenn noch ein ganzes Stück vom Rhein entfernt, spüre ich doch, dass ich jetzt unten bin, in der Rheinebene. Das ist an der Temperatur zu merken, an der Vegetation, und das Flüsschen Murg hat auch einen so flachen Verlauf, dass da keine großen Wasserfälle mehr kommen können. Also habe auch ich keine Höhengutschriften mehr und muss folglich einfach Kraft einsetzen, wenn ich nicht zu spät in Ötigheim ankommen will. Gaggenau zieht sich in die Länge. Mercedes hat hier große Fertigungsanlagen, ist vermutlich der größte Arbeitgeber des Ortes. Auf der anderen Rheinseite müssten dann ebenfalls Werke mit dem Stern stehen, denn Uwe erzählte mal, der einzige Unterschied zwischen der Produktion der Nutzfahrzeuge auf französischer Seite und der A-Klasse auf Deutscher Seite bestünde darin, dass die Franzosen die größeren Kipper bauten. Inzwischen sind die Elchwitze aber nicht mehr so neu, und die PKW scheinen mittlerweile auch eine gute Straßenlage zu haben.
Über Bischweier und Muggensturm geht es weiter in Richtung Westen. Inzwischen bin ich fast wieder trocken, die Straße sowieso, die durch ausgedehnte Obstplantagen führt. Für einen kleinen Imbiss ist es leider noch viel zu früh – vielleicht in zwei Monaten. In Ötigheim muss ich erst mal an der Schranke warten. Ich übe mich in Geduld, denn wahrscheinlich ist dies das ICE-Gleis, und vielleicht kommt ja sogar mal eine der oft erwähnten Straßenbahnen darauf entlang. Allein, es ist nur ein alter Silberling, und zu allem Überfluss lässt er uns lange warten. Als sich die Schranke dann endlich wieder hebt, stehe ich vor dem Problem, dass ich Uwes Adresse nicht mehr weiß, buchstäblich nichts mehr außer der Tatsache, dass das Haus sich hier im Ort befinden muss, unweit der Kirche und einer Durchgangsstraße steht (vielleicht dieser), ja, und wie es ungefähr aussieht. Daran kann ich mich von meiner Übernachtung im Urlaub 1997 noch vage erinnern. Leute kann ich auch keine fragen, denn es ist nach acht Uhr, und da ist die Straße buchstäblich wie leergefegt. Also fahre ich erst mal der Nase nach und suche die Kirche. Der Schwerpunkt des Ortes scheint links zu liegen, also muss ich dort wohl auch die Kirche finden. Im Vorbeifahren werfe ich einen Blick in die linken Seitenstraßen. Da, halt! Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Kein Kirche, aber der Giebel eines Hauses oder was weiß ich. Es ist unglaublich! Die Straße ist richtig, nach 50 Metern sehe ich das Haus. Was ist da eben abgelaufen? Ich habe mir doch niemals diese Straße bewusst eingeprägt. Das Haus selbst steht eingerückt, ist also von der Hauptstraße aus gar nicht zu sehen. Unklar! Welche Information war da gespeichert, und welcher Vorgang hat sie in Sekundenbruchteilen selektiert und erkannt? Wenn das doch auch so perfekt bei Französischvokabeln funktionieren würde!
Für Pascal und Alina geht der Tag inzwischen zu Ende. Aber mit Bettina und Uwe unterhalte ich mich am Abend noch eine Weile. Uwe macht einen entspannten Eindruck. Sein Wechsel nach Karlsruhe ist jetzt in trockenen Tüchern; er wird von nun an nicht mehr am Wochenende stundenlang auf der Autobahn sein müssen, dafür jeden Morgen und Abend gute 20 Kilometer pendeln. Auf jeden Fall hat er damit weniger Kilometer zurückzulegen und natürlich mehr Zeit für seine Kinder.
Noch einmal suche ich ein ordentliches Bett auf (wer weiß, wann das das nächste Mal der Fall sein wird), und dann ist Nachtruhe.
22. Mai
Ötigheim – Steinmauern – Plittersdorf – Wintersdorf – DxF – D87xD468 – Strasbourg – D392 – Entzheim – Altorf – D127 – Bischoffsheim – Obernai – Ottrott – D426xD214 – Champ du Feu – D214xD57xD425xD424 – Villé – D424xN59 – Sainte Marie-aux-Mines (162 km)
Nach der nicht übermäßig großen Anstrengung von gestern werde ich relativ früh wach. Jedenfalls herrscht noch Stille im Haus. Ich sortiere meine Sachen um mich herum, soweit ich sie überhaupt am Abend zuvor aus den Taschen gekramt habe (Schlafsack und Isomatte waren bei derart komfortablen Verhältnissen ja überflüssig). Mir fällt wieder ein, was ich alles unbedingt noch am Abend hatte machen wollen und was jetzt womöglich am Morgen gänzlich ausfallen wird. Eines aber ist wichtig: Ich muss die Nabe noch etwas straffer kontern. Den Ärger mit defekten Kugellagern wegen zu lasch oder zu straff gekonterter Naben hatte ich schon auf zwei Reisen. Das muss ich dieses Jahr nicht schon wieder haben.
Aber erst mal gibt’s Frühstück. Alina schmeißt zur Feier des Tages ihren Lieblingsteller auf den Boden, und überhaupt produzieren sich die Kinder natürlich in Gegenwart eines Gastes, wie das nun mal so üblich ist. Die Eltern sind angesichts dessen relativ ruhig. Für Uwe scheint es überhaupt ein Stress der besonders entspannenden Art zu sein, wenn er sich am Wochenende mit seinen Kindern auseinandersetzen darf. Mal sehen, ob er das in einem viertel Jahr noch genauso sieht.
Wenn ich bedenke, dass ich gern um acht losgefahren wäre, stecke ich natürlich tief in den roten Zahlen. Es ist bereits deutlich nach acht, und am Fahrrad ist noch nichts gemacht. Nun aber rasch. Es muss allerdings ohne die dritte Hand, den Schraubstock, gehen. Kontern mit zwei Werkzeugen und zwei Händen ist gewöhnlich ein ziemlich mühseliges Geschäft. Aber es macht sich überraschend gut, und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden. Ob das Fahrrad dies auch so sieht, wird sich zeigen.
Das Wetter verspricht nichts. Jedenfalls nichts Gutes. Es sieht nach einem stabil grauen Himmel aus. Hoffen wir, dass es auch so stabil trocken bleibt. Ich nehme Abschied, und nun geht die Reise eigentlich erst so richtig los. Uwe hat mir empfohlen, über Steinmauren zu fahren, um so Rastatt zu umfahren. Nun, das wäre nicht die größte Metropole der Reise, durch die ich käme, aber ich folge seinem Rat. Die Fähren über den Rhein seien derzeit wegen Hochwassers außer Betrieb. Verständlich nach den letzten Nachrichten. Also werde ich den Fluss bei Beinheim überqueren.
Die Fahrt ist entspannt und zügig – kein Wunder bei diesen äußeren Bedingungen: kaum Wind, kein Hügel, die Technik und ich in Ordnung. Mit mir zusammen macht sich eine alte Bahnlinie auf den Weg nach Frankreich. Sie sieht allerdings so aus, als sei dort schon lange nichts mehr gefahren. Und da kommt auch das Grenzschild. Es ist nun so, dass ich ja durchaus schon mal in Frankreich war, mehrere Male sogar und auch für mehr als nur ein paar Stunden. Es ist aber dennoch ein besonderes Gefühl, ein bisschen so, als bräche eine Brücke hinter mir ab – nicht auf einmal, aber Stück für Stück wird sie immer schmaler, der Weg ans rettende Ufer immer weiter, falls hier in der Fremde alles schief gehen sollte.
Das erste Wort, das ich neu lerne, ist das für Gewerbegebiet. Das ist nämlich das Erste, was ich in Frankreich sehe. Und Kreisverkehr. Sollten die das hier auch schon eingeführt haben? Der Kreisverkehr, so hatte ich gelernt, sei besonders auf ermüdenden Fernstraßen eine immer populärere Aufmunterungsmaßnahme. Na ja, eine Fernstraße ist das zwar nicht, aber wenn’s hübsch gemacht wird, mag’s angehen. Ich habe nichts gegen Kreise. Bereits am ersten vollführe ich eine 270-Grad-Drehung und bin nun auf dem Weg nach Südwesten, rheinaufwärts in Richtung Strasbourg.
Aber was heißt schon rheinaufwärts? Es ist flach, kein Hügel ist in Sicht, überzeugendes Wetter auch nicht, aber immerhin trocken. Das ist doch schon mal was im Gedenken an gestern. Meine erste Sorge gilt dem Geld. Im Moment habe ich nämlich noch nicht einmal einen einzige Sou, brauche auch erst mal nichts, aber es ist Samstag, und irgendwann ist der letzte Kanten alle, die Getränke sowieso, und dann kriege ich ohne französisches Geld ein ernstes Problem. In diesem Jahr reise ich zum ersten Mal nicht mit dem Postsparbuch, sondern mit einer Karte. Frankreich hatte für das Sparbuch ein dichtes Netz von Postfilialen, in denen man Bargeld günstig abheben konnte. Probiert habe ich es jedoch nie. Ich werde nun sehen, wie es um die Akzeptanz des Plastiks bestellt ist. In jedem Ort versuche ich zu erahnen, wo wohl ein Postamt sein könnte. Lange Zeit bleibe ich allerdings ahnungslos. Fragen könnte man ja auch mal. Aber das lasse ich lieber. Die Konversation wird sowieso spätestens bei den Verhandlungen mit den Postbeamten beginnen.
Regen kommt auf. In einer größeren Ortschaft biege ich rechts ab, und nach einer längeren Strecke finde ich rechts die Post. Na also, das Geld habe ich doch schon so gut wie in der Tasche. Die deutsche Post hat vorgesorgt und die Reisenden mit den entsprechenden Formulierungen in allen relevanten europäischen Sprachen ausgestattet. Der Mann versteht mein Anliegen offensichtlich, aber anstatt Geld zu sehen kriege ich einen Redeschwall zu hören. Ich verstehe nur Bahnhof. Das merkt der Beamte offenbar und fügt noch etwas auf Englisch hinzu, das in mir den Gedanken keimen lässt, dass Geldabheben mit dieser Karte nur am Automaten möglich ist. Na gut, aber welche Post hat einen Automaten? Diese jedenfalls nicht. Ja, die Bank vorn an der Hauptstraße, bekomme ich noch gesagt, und tatsächlich, da ist eine Bank. Da vor mir jemand zum Automaten stürmt, gewinnt die Skepsis in mir die Oberhand, ob die Benutzung der Karte an irgendeinem Automaten – und nicht an einem der Post – ebenso kostenlos ist, wie mir bei der Kontoeröffnung versprochen wurde. Ich setze mich wieder aufs Rad und fahre ohne Geld weiter.
Bis Strasbourg passiert nichts Außergewöhnliches. In einer Ortschaft ist eine Baustelle, und ich fahre ein paar Male im Kreis, bis ich die richtige Ausfahrt finde. An Bahnübergängen lese ich (immer wieder), dass hinter einem Zug ein weiterer kommen kann (wobei mir nicht so richtig klar wird, ob damit ein Zug auf demselben oder dem zweiten Gleis gemeint ist). Die Landschaft wirkt nicht ungewöhnlich, die Menschen auch nicht. Na ja, was soll ich nach ein, zwei Stunden im fremden Land schon erwarten?
Strasbourg kündigt sich lange vorher an. Die Vororte ziehen sich hin, der Verkehr wird stärker, der Regen lässt vorübergehend nach. Ich frage mich, was ich jetzt hier anfange. In Strasbourg ist man schließlich nicht alle Tage. Da muss es doch irgendetwas geben, über das ich später notfalls mal mitreden kann. Diese Ansicht scheinen viele Touristen zu teilen, jedenfalls schieben sie sich ziemlich dicht durch das Stadtzentrum, werden auch gefahren, was bei dem Niesel niemandem zu verdenken ist. Ich steuere den Münster an. Da ist ein Kommen und Gehen. Und 100 Meter entfernt steht ein Postamt, und da ist doch wahrhaftig ein Geldautomat. Nach fünf Minuten verlasse ich mit einem wesentlich besseren Gefühl das Gebäude. So schnell wird mich während der nächsten Tage nichts erschüttern können! Und jetzt den Münster. Die nagelneuen Ortliebtaschen nehme ich lieber ab. Hier ist mir der Touristenrummel einfach zu groß. Da kann schnell mal was verloren gehen. – Allein, die Kirche ist enttäuschend. Habe ich etwas was mit den Augen? Oder liegt es am grauen Himmel? Jedenfalls sind die vielen Kerzen fast das Einzige, das für Licht sorgt, und das ist spärlich. Ich kann für mich nicht viel entdecken, und so verlasse ich nach kurzer Zeit wieder die Kirche.
Draußen stehe ich ein bisschen ratlos herum. Strasbourg muss doch noch mehr zu bieten haben. Das EU-Parlament fällt mir in diesem Moment leider nicht ein, aber dann wäre ja immer noch zu klären, wo sich das wohl befindet. In meinen Grübeleien tritt ein Mann an mich heran, der noch ein bisschen mehr heruntergekommen ist als ich, ich sage mal, ein Penner. Leider dauert es eine Weile, bis ich verstehe, dass er mich zunächst nur fragt, woher ich komme. Schande! Das war eine der ersten Fragen im Französischunterricht. Nachdem wir das geklärt haben, erzählt er mir (nun auf Englisch), dass er hier zu einem Fußballspiel war, und fügt stolz hinzu, die letzte Nacht in der Kirche verbracht zu haben. Nun, wenn er nicht geschnarcht hat, dürfte das in der Dunkelheit kaum aufgefallen sein. Aber trotz dieses originellen Einfalls habe ich mir die Begegnung mit den »richtigen« Franzosen etwas anders vorgestellt. Nach einigen Minuten mache ich Anstalten, weiterzufahren, und er hindert mich auch nicht.
Ein wenig kurve ich noch in Strasbourg herum, obwohl ich schon eine klare Vorstellung davon habe, in welche Richtung ich aus der Stadt heraus muss, und als sich dann all die Dinge, derentwegen Touristen hier herkommen, wieder einmal in einem Regenschauer auflösen, schöpfe ich Hoffnung auf die Schönheit der Natur außerhalb der Stadt und vielleicht auch jenseits dieses Tiefdruckgebietes und fahre nun zielstrebig in den Südwesten der Stadt. Dort muss es hinausgehen in Richtung Flughafen, später nach Obernai und schließlich in die Berge.
Aber eins nach dem anderen. Die Metropole zieht sich hin. Als sich dann jedoch die Traufhöhen langsam verringern, die Besiedlung kleinstädtischer wird, da erscheint der Tag nicht nur wegen der niedrigeren Häuser heller – auch die Wolken liegen nicht mehr ganz so dicht über dem Land. Und als ich gar die letzten Häuser hinter mir lasse, scheint hier und dort sogar die Sonne durch. Fesselnd ist die Landstraße freilich nicht; erst so nach und nach sind im Dunst die Hänge der Vogesen auszumachen. Dort geht’s hin. Leider nicht so schnell, wie ich mir das wünsche. Immer wieder muss ich auf die Karte schauen, und dieses Monstrum (DIN A3) will jedes Mal aus der Tasche geholt, ausgepackt, aufgeschlagen, wieder eingepackt und verstaut werden. Es dauert nicht lange, und ich lasse den ersten sowie letzten Schritt weg. Die Plastiktüte muss reichen, aber angesichts des unsicheren Wetters bleibt wenigstens sie unverzichtbar.
Wenig später überhole ich zwei Mädchen, die an der Landstraße entlanggehen. Ein seltenes Bild: Wanderer über Land auf der Straße. Aber sie wandern nicht wirklich. Sie müssen nur von einem Ort in den nächsten. Wenig später überholen sie mich, von zwei Mopeds mitgenommen. Die letzte Begegnung bleibt es dennoch nicht; denn schon im nächsten Dorf überhole ich sie erneut. Dort verpasse ich am Ortseingang die Ausfahrt und fahre stattdessen in den Dorfkern. Der Ort liegt bereits am Hang, und ich darf erstmalig auf französischem Boden ausprobieren, wie viel Wendigkeit mit einem halben Zentner Gepäck bleibt, wenn es »uneben« wird. Es geht. Die Vogesen sind auch nicht viel anders als der Schwarzwald, und zwanzig Meter Höhenunterschied kann ich schließlich fast überall haben.
Weiter geht die Fahrt, nun am Fuß der Berge bis nach Obernai. Dieser Ort hat es in sich! Fußgänger, Autos, vor allem Touristen, und ein Grund dafür müssen die vielen schönen Fachwerkhäuser sein. Es ist wirklich bemerkenswert, wie dominant sie sind, und erinnert mich irgendwie an Wernigerode. Dort sind die Häuser aber, wenn ich mich recht erinnere, höher, haben also mehr Geschosse. Hier gibt es auch viel mehr Cafes. Langsam bewege ich mich durch die Ortschaft – dort, wo Autos fahren dürfen, noch im gemäßigten Reisetempo, denn die Autos müssen schließlich auch auf die vielen Fußgänger achten, und wahrscheinlich wollen auch die Fahrer noch ein wenig sehen, und in der Fußgängerzone praktisch im Schritttempo. Ich könnte eigentlich zu Fuß gehen, aber Schieben ist so überhaupt nicht standesgemäß, und außerdem bin ich im Sattel noch gute zehn Zentimeter größer und sehe mehr.
Von Obernai aus geht es bereits aufwärts, nach Ottrott, und schon bin ich in den Vogesen. Von hier aus gibt es kein Entrinnen mehr, es geht ins Gebirge. Zunächst verläuft die Straße noch zwei Kilometer im Tal, und anlässlich eines kleinen Teiches lerne ich die französische Übersetzung für die Wörter ›Teich‹ und ›fischen‹. Aber dann kommt der Abzweig, der zum Champ du Feu führt, und von da an hat der Spaß ein Ende. Über allerlei Kurven gewinnt die Straße durch den Wald (das sind hier Forste, die einzelnen Schildern zufolge bestimmten Kommunen gehören) allmählich an Höhe. Ab und zu kommt ein Auto, gelegentlich auch mal ein paar Motorradfahrer, aber sehr viel ist nicht los, besonders, wenn man bedenkt, dass Pfingstsamstag ist. Allerdings ist das Wetter auch nicht gerade einladend: kühl, bedeckt, diesig, fehlt nur noch Regen, aber der bleibt mir glücklicherweise erspart, und so kann ich die Fahrt ganz einfach im Oberhemd machen und auch erst mal auf den Hut verzichten.
Nach einer Weile erreiche ich den ersten Abzweig. Eine Schautafel weist den nicht vorhandenen Wanderern den Weg. Beim Gasthaus auf der gegenüber liegenden Straßenseite fehlen nicht nur die Gäste, sondern auch noch das Personal. Es ist geschlossen. Der Ort ist nicht so einladend. Und mir wird langsam kalt. Da hilft nur Weiterfahren. Aber wärmer wird’s auch nicht. Also, ich könnte ja einen Pullover herausholen. Aber dann ist es bestimmt wieder zu viel.
Die Vegetation wird karger, und der Wald weicht Heidelandschaft, die von großen Steinen durchsetzt ist. Und da kommt er, der Champ du Feu, der Leuchtturm, ein Turm jedenfalls… Wann und warum soll denn hier ein ganzes Feld gebrannt oder geleuchtet haben? Der Turm reicht mir, seine frühere Funktion ist mir völlig egal; er markiert jedenfalls den höchsten Punkt der heutigen Fahrt, und von nun an wird es vorrangig bergab gehen. Aber erst mal halte ich an, greife mir den Fotoapparat und steige im Innern des Turms die enge Wendeltreppe hinauf. Oben ist es windig und noch kälter als unten. Keine Spur von Frühling, kein Sonnenstrahl, keine Aussicht auf Wochenendwetter. Die Sicht reicht vielleicht einen knappen Kilometer weit. Bei solchen Motiven macht man eigentlich keine Fotos. Aber ich möchte endlich den Papierfilm vollmachen, damit ein Diafilm in den Apparat kann. Wem soll ich denn Landschaftspostkarten zeigen?
Abseits der Straße haben sich ein paar Motorradfahrer aus Deutschland neben einer Hütte ein Feuer gemacht. Ich werde mich jetzt auch mit Wärme versorgen müssen. Also wird mein Reisegepäck geplündert. Und dann geht’s los: Aus 1100 Meter Höhe hinunter fast wieder bis in die Rheinebene. Es dauert schon einige Minuten, bis ich das Gefühl habe, dass die Temperatur langsam wieder steigt. Aber nachdem ich dick vermummt bin, ist mir die Kälte relativ egal, und solange ich mich nicht bewege, auch die Wärme, wenn denn welche kommen sollte.
Im Tal angekommen, muss ich mir langsam um die Übernachtung Gedanken machen. Das ist nun das erste Mal in Frankreich in diesem Urlaub. Ein Gasthof gefällig? Oder das Hotel zum freien Himmel? Bei diesem Wetter? Es ist überraschend schnell dämmerig geworden. Ich muss bald was finden, wenn ich es noch wirklich in Augenschein nehmen will. Nach dem letzten Hakenschlag geht es nun geradewegs in Richtung Sainte Marie-aux-Mines. Acht Kilometer vor dieser Stadt und Wegmarke wird die Straße zur Magistrale, vierspurig und für Radfahrer eigentlich nicht zugelassen. Diese »dürfen« hinunter ins Tal und dort über die Dörfer fahren. Ohne einen Blick auf die Karte, die ich bei der Dunkelheit sowieso nicht mehr lesen kann, fahre ich einfach weiter. Es ist ja genug Platz für Radfahrer und Autos. Begeistert sind diese trotzdem nicht, einen schlecht beleuchteten Radfahrer (das Rücklicht streikt) auf ihrer Piste zu finden. Und ich finde die Straße letztlich auch nicht so toll. Sie schlägt sich quasi in die Berge, um im Tal nicht in Erscheinung zu treten; also muss ich mit hinauf, obwohl es doch keinen geologischen Grund für die Berg- und Talfahrt gibt.
Schließlich erreiche ich den Ort. Gleich am Eingang lockt rechts ein Sägewerk mit überdachten Bretterstapeln. Wer glaubt, dass ich um diese Zeit noch eine preiswerte Herberge finde, muss ganz schön optimistisch sein. Aber auf dem offenen Grundstück ist noch Leben. Ich habe keine Lust, mich mit Arbeitern oder gar Eigentümern herumzustreiten und trolle mich. Ein paar Meter weiter: ein Schuppen. Nein, das ist dann doch zu unfein für den Anfang. Ich fahre ins Stadtzentrum und drehe dort ein paar Runden. Es ist, als wären die Bürgersteige hochgeklappt. Um zehn Uhr schläft die Stadt, kaum ein Mensch auf den Straßen, gerade mal ein paar Laternen leuchten noch. Na gut, in der Dunkelheit sind alle Katzen grau. Es wird mich dann wohl auch kaum jemand sehen können. Irgendwo finde ich ein eingerüstetes Haus. Baustellen sind meistens gut (sofern schon ein Dach existiert), zumal in der Nacht zum Sonntag (da kommt am nächsten Morgen keiner, um Baulärm zu machen). Aber diese wirkt ziemlich verriegelt. Das ist wohl nichts. Daneben führt eine Toreinfahrt auf einen Hinterhof. Die fortgeschrittene Uhrzeit macht mich bescheiden, so dass ich ihn mir einmal ansehe. Da ist nicht viel. Es gibt einen gemauerten Stall… Und der ist offen! Na, da ist doch zumindest schon mal Ruhe und Trockenheit, und wenn ich ein bisschen Glück habe, belästigt mich auch niemand heute Nacht.
Als erstes hieve ich mein Fahrrad hinein und schließe die Tür. Aus dem Fenster des ersten Stocks beobachtet mich eine Katze. Besser als ein Hund; der würde womöglich Lärm schlagen. Ich suche meine Taschenlampe und preise meine Entscheidung, trotz der hellen Jahreszeit und langen Abende auf eine Leuchte nicht verzichtet zu haben. Freilich muss sie mit Bedacht benutzt werden. Schließlich ist solch ein Schein im Dunkeln besonders leicht zu sehen. Ich muss sie abschirmen, während ich das Inventar inspiziere. Da sind ein paar Teppichfetzen, die ich auf dem steinernen Boden ausbreite, damit mir die erste Nacht auf französischem Boden ein wenig weicher werde. Es dauert dann so seine Zeit, bis die Zähne geputzt sind und alles bereit ist für die Nachtruhe. Aber dann hat alles seinen Platz, ich verkrieche mich im Schlafsack und muss nach dem ersten Pass über 1000 Meter nicht lange auf den Schlummer warten.
23. Mai
Sainte Marie-aux-Mines – D48 – Col des Bagenelles – D148 – Col du Pré de Raves – Col du Bonhomme – Col du Louchbach – Col du Calvaire – D148xD61 – Col de la Schlucht – D430xD431 – Cernay – Than – Col du Hundsrück – Masevaux – D466xD465 – Col du Ballon – D465xN66 – le Thillot – Ferdrupt (157 km)
Die Nacht war gar nicht so schlecht. Aber bei aller Freude auf den Urlaub (der mir sicherlich noch besseres Wetter und interessantere Landschaften bieten wird, als was ich bisher gesehen habe) bzw. über die drei Tage, die ich inzwischen erlebt habe, gehe ich doch nicht so weit zu behaupten, das sei eine abenteuerlich-romantische Nacht gewesen, die einer baldigen Wiederholung bedürfe. Jetzt kommt nämlich erst mal ein ganz unromantischer Teil, nämlich der, den Hinterhof zu verlassen, ohne jemandem (unangenehm) aufzufallen (Was macht der Kerl in meinem Stall?!). Ich packe also alles so unauffällig wie möglich zusammen, lege in meiner »Herberge« alles wieder dorthin, wo es zuvor gelegen hat, werfe einen Blick aus dem Fenster – niemand zu sehen, wer denn auch am Sonntagmorgen um 7? – öffne vorsichtig die Tür, schiebe meine Fracht ins Freie, mich hinterher, schließe die Tür leise und sehe dann zu, dass ich Land gewinne. Die Nacht ist, wenn schon kein Gewinn gewesen, so doch gewonnen.
Ohne Frühstück will ich jedoch nicht in die Berge. Wenige Meter weiter, auf einem Platz vor der Kirche, halte ich also wieder an und mache mich über die verbliebenen Vorräte her. Sie sind weniger geworden. Aber vorläufig droht mir kein Hunger. Ich habe mehrere Kilogramm Powerbar im Gepäck. Das reicht aus der indischen Tiefebene bis auf die höchsten Pfade des Himalaja. Aber es ist natürlich keine Nahrung für den ganzen Tag, schon gar nicht bei diesen Temperaturen. Da taugt es bestenfalls als Plombenzieher. Und Getränke vermag es natürlich auch nicht zu ersetzen. Damit habe ich aber noch keine Probleme und fahre bald wieder los. Es ist kühl, der Himmel bedeckt: Kein schöner Pfingstsonntag. Aber solange es nicht regnet, will ich mich bescheiden und über jeden gesparten Schweißtropfen am Hang fröhlich sein.
Der Anfang lässt sich gut an. Es geht im Tal aufwärts, jedoch zunächst neben einem Bach und einigermaßen flach, gerade richtig für ein Greenhorn in den Bergen, also für ein diesjähriges Greenhorn. Ansonsten halte ich mir ja durchaus eine gewisse Bergfähigkeit zugute. Ich werde sehen, wie sich die Maßstäbe an den Realitäten dieses Jahres machen.
Nach ein paar Kurven wird sichtbar, dass das Tal ein steiles Ende nimmt. Und da ich laut Karte einen Pass vor mir habe, werde ich dieses steile Hindernis wohl überwinden müssen. Am Fuße der Steigung macht die Straße um ein Gehöft herum eine lange 180-Grad-Kurve, und dann geht es in den Wald und etwas steiler nach oben. Nun denn. Da es kühl ist, ist es kein schweißtreibender Aufstieg. An einer Kehre stehen ein paar Motorräder mit deutschen Kennzeichen, an einem Bach machen sich die Fahrer zu schaffen, waschen sich und kochen Kaffee. Hinter den Büschen steht eine Hütte, in der sie offensichtlich übernachtet haben. Ich mache Halt, denn heute morgen habe ich weder richtig gefrühstückt noch mir die Zähne putzen können. Wir kommen ein bisschen ins Gespräch. Mit meinen Plänen halte ich mich zurück – schließlich ist der Anteil der Reise, der noch vor mir liegt, erdrückend groß. Wer weiß, welche Streiche mir die Technik noch spielen wird. Die Männer sind nur über das verlängerte Wochenende unterwegs. So richtig Glück haben sie mit dem Wetter nicht, aber das lässt sich nun mal nicht planen. Weil in der letzten Nacht leider kein geheiztes Bad in meinem Stall war, mache ich auch gleich noch eine kleine Wäsche, obwohl das eher ein Luxus ist: Schließlich bin ich noch nicht oben und werde trotz günstiger äußerer Bedingungen sicherlich noch ein bisschen schwitzen. Aber was soll’s.
Es sind nicht die letzten Biker. In einer anderen Kurve werde ich gelobt: »Vorbildlich!«. Ja, ja, denke ich und erwidere: »Nachmachen!« Das löst nur eingeschränkte Begeisterung aus. »Aber nicht mit diesen Reifen!« ist die Antwort. Freilich, die weiße Alarmspur ist breit und deutlich zu sehen. Auf den ersten Blick würde ich einem solchen Pneu auch keine großen Chancen mehr einräumen. Aber er macht es noch eine Weile, und als Antwort verweise ich auf den Reservereifen, den ich auf den Gepäckträger geklemmt habe.
Weiter geht’s nach oben, und weil der Pass letztlich eher zu den harmlosen gehört (jedenfalls für alpine Maßstäbe), bin ich schließlich oben. Der Papierfilm ist immer noch nicht voll, die Aussicht ist im Grunde belämmert; fotografiere ich halt meinen Drahtesel. Jetzt ist schließlich noch alles dran und intakt. Wer weiß, wie lange noch. – Der Pass ist eine Besonderheit. Es gibt zwar auf der anderen Seite einen Weg nach unten, aber mich führt der Weg nach rechts, und da geht es noch weiter nach oben. Ich bin jetzt auf der Route des Crêtes, und das wirft für mich schon einige Fragen auf. »Crêtes« wird wohl nicht ohne Grund großgeschrieben worden sein. Das muss ein Eigenname sein. Von wem? Den Kreten? Schlecht, dass ich mich in der älteren Geschichte der Völker Mitteleuropas überhaupt nicht auskenne. Die Goten, die Kelten, die …, was weiß ich, die Kreten meinetwegen. Hier sind sie also langgezogen. Ich nun hinterher. Zuerst einmal aber ganz gemächlich, weil nach oben. Ich probiere ein(en) Powerbar. Scheußlich, das Zeug, wenn es bei 15 Grad verabreicht wird. Hier ist es wahrscheinlich sogar noch kühler, und im Oberhemd ist zu viel frische Luft, als dass sich der Riegel am Körper nennenswert erwärmen könnte. Aber vielleicht hilft’s. Ich möchte jedenfalls erst mal versuchen, die Zivilisationspfunde abzunehmen, um einfacher die Berge hinaufzukommen, und da haben sich, mit Erinnerung an meine USA-Reise, diese Riegel als wirksam erwiesen. Vielleicht wirken sie ja auch in Europa.
Ich nähere mich dem Col du Bonhomme. Die Straße ist allmählich in die Horizontale übergegangen. Ein Rennfahrer überholt mich. Ich bin in Frankreich. Da werden sie mir wohl noch öfter begegnen. Da, vorne eine Kreuzung, auf der anderen Seite ein Haus. Und da schießt es mir durch den Kopf, fast so wie vorgestern in Ötigheim: 31. Dezember 1992, Fahrt nach St. Dié in klirrender Kälte, der Hauptpass in den Vogesen. Ich war damals von links gekommen, aus der Rheinebene. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals die Querstraße wahrgenommen habe, aber die Szene hat sich eingeprägt, denn damals machte ich Pause, zwar mit einigen Francs in den Taschen, aber ohne Sprachkenntnisse, die über merci und bon jour wesentlich hinausgegangen wären. Also bin ich nicht in die Gaststätte gegangen, habe zwar draußen nicht gerade gefroren, aber warm war mir auch nicht geworden. Die Szene muss sich aber gut eingeprägt haben, sonst hätte es jetzt nicht geblitzt.
Diesmal mache ich nicht lange ’rum, sondern überquere die Hauptstraße, um den Anstieg auf der anderen Seite in Angriff zu nehmen. Er ist nicht so wild, aber der Pass ist ein typischer Sattel, ein tiefer Punkt im Kamm also, und auf diesem scheine ich unterwegs zu sein. So geht es auch bald mal wieder bergab, nach einem Abzweig nach links aber wieder hinauf, und permanent bleibt es trüb, trocken und kühl. Es ist fast eine herbstliche Stimmung hier auf der Höhe. Der Laubwald ist immerhin von Zeit zu Zeit fast still, wenn die Motorradfahrer mal mehrere Kilometer entfernt sind. In einer Rechtskurve parken links Autos, viele Autos. Was ist hier los? Eine Tafel verheißt Wanderziele. Mal sehen. Vielleicht kann ich ja eine Pause machen. Ein schwarzer, ein grüner und ein weißer See werden in Aussicht gestellt, aber sie sind ein ganzes Stück entfernt, und ich mag meinen ganzen Kram nicht so weit und so lange aus den Augen lassen. Also überlasse ich die Seen den anderen und fahre weiter.
Nach einiger Zeit erreiche ich den Col de la Schlucht. Ist schon ein merkwürdiger Name. Er hat ganz eindeutig deutschen Ursprung. Die rheinseitige Straße windet sich tatsächlich aus einer tiefen Schlucht herauf. Hier wird endlich der Film voll. Wer wird sich wohl jemals diese Papierbilder anschauen? Egal. Da angesichts des trüben Wetters keine so atemberaubenden Panoramen zu erkennen sind, halte ich mich nicht lange auf und verfolge weiter den Weg der Kreten. Die Straße folgt weiter dem Kamm und muss den geologischen Gegebenheiten Rechnung tragen. Es ist eine kurvige Strecke, selten übersichtlich, und hin und wieder geht es ein paar Meter hinauf, dann wieder hinab. Rechts öffnet sich ein tiefes Tal. Die Farbenvielfalt ist zwar nicht so üppig wie im Herbst, aber dafür enthält sie mehr Grünfacetten als ein Herbstwald: Dunkel die Nadelbäume und heller abgestuft die Laubbäume mit frischen Trieben. Hin und wieder ein See, auch mal eine kleine Siedlung. Die haben bestimmt selten Sonnenschein, so eingeengt zwischen den Bergen.
Vor mir habe ich den Grand Ballon, mit über 1400 Metern vorläufig der höchste Berg der bisherigen Tour. Unterwegs habe ich einen jungen Deutschen aufgegabelt. Mit ihm fahre ich auf dieses Zwischenziel zu, und am Nachmittag erreichen wir einen Parkplatz an der Straße, die hier die Bergspitze umrundet. Es ist kalt, oben liegt sogar noch alter Schnee, und angesichts der vielen Touristen habe ich keine Lust, mein Fahrrad hier stehenzulassen, um zu Fuß die Spitze zu erklimmen. Dafür sind 1424 Meter Höhe und die Aussicht nicht hoch genug. Nach einer kurzen Pause mit einem Foto trennen wir uns wieder. Jetzt geht es in weitem Zickzack nach unten. Einen kurzen Halt mache ich noch mal am Hartmannswillerkopf, einer Gedenkstätte für die Gefallenen vor allem des ersten Weltkrieges, allerdings liegen die Grabfelder uneinsehbar abseits der Straße.
Wenig später tritt die Rheinebene wieder ins Blickfeld, der Fluss selbst liegt allerdings im Dunst. Nach einer viertel Stunde hat die Talfahrt ein Ende. Es wird wieder warm, wie sich das für einen durchschnittlichen Maitag gehört, die Sicht wird klarer, weil ich den Wolken nicht mehr so nahe bin, und der Architektur nach bin ich praktisch wieder in Deutschland. Praktisch trennen mich allerdings ca. 30 Kilometer von der Grenze. Wenn ich mich jetzt wieder in Richtung Westen abwende, dann wird dies eine gewisse Endgültigkeit haben. Wenig später, in Thann, mache ich noch einmal kurz Pause und gönne mir einen Döner. Der Preis ist heiß: 20 Francs. Das ist Spitze. Eigentlich muss man so viel nur in München zahlen. Und so toll ist das Stück auch nicht. Aber der Türke oder Grieche kann auch ein bisschen deutsch, und so kann ich noch ein paar letzte Worte wechseln, bevor es ins französische Kernland geht.
Eine frühabendliche Erwärmungsrunde stellt die Auffahrt zum Col du Hundsrück dar, und auf der Abfahrt nach Masevaux stellt sich zum ersten Mal die Frage, ob ich die Nacht noch diesseits oder schon jenseits der Vogesen verbringen will; denn den Col du Hundsrück hätte ich zur Not auch ohne große Umwege ebenerdig umfahren können. Im Moment ist es aber einfach zu früh, um einfach anzuhalten und mich in die Büsche zu schlagen. Also folge ich weiter der Straße in Richtung Westen. Rechts und links begrenzen hohe Berge das Tal, nach vorne ist kein Ausweg erkennbar. Wie auch – zu ebener Erde existiert keiner. Der Col du Ballon liegt in enormer Höhe über mir, ist aber von hier aus nicht erkennbar.
Zur Weiterfahrt wird der Fahrrad- und Fußgängerverkehr auf eine ehemalige Eisenbahnlinie umgeleitet. Normalerweise bin ich Radwegen gegenüber (die ich nicht kenne) ziemlich misstrauisch. Aber eine alte Gleisanlage garantiert meist eine exzellente Streckenführung. Es fährt sich sehr schön. Nur am Vorderrad surrt etwas ungewöhnlich, ein leichtes Scheppern. Und zu den Dingen, die mich auf dem Fahrrad fuchtig machen, sind ungeklärte Geräusche. Ich beuge mich hinab. Nichts zu lokalisieren. Ein Zwischenstopp bringt Licht ins Dunkel: Der Lowrider ist gebrochen. Na prima! Die Bruchstelle hat zwar keine tragende Funktion, sie verhinderte aber bislang seitliches Schwingen der Packtaschen. Künftig werden diese stärker schwingen, und für die verbliebene Aluminiumkonstruktion ist das natürlich das reinste Gift. Ein Bruch an sensibler Stelle ist so nur noch eine Frage der Zeit. Eine Reparatur ist unmöglich, aber glücklicherweise ist die Angelegenheit kein blocking point – ich kann also weiterfahren.
Nach einer halben Stunde kommt der letzte Ort vor der Auffahrt zum Pass. Zwar ging es schon die ganze Zeit leicht nach oben, aber angesichts der in Aussicht stehenden Steigungen war das eher vernachlässigbar. Na gut, dann also los! Die Fahrt geht vorbei an den letzten kleinen Stauseen und schließlich in die Kurven. Hinter einer von denen stehen plötzlich Ziegen auf Straße. Na ja, mit meinem Fußgängertempo umfahre ich sie ohne Probleme, und sie machen sich auch nichts aus mir. Aber wenn Autos kommen… Kurz darauf begegne ich einem Wagen und gebe ihm Zeichen, langsamer zu fahren. Der Fahrer scheint tatsächlich meinem Rat zu folgen, jedenfalls gehen die Bremslichter an, und dort, wo die Tiere auf der Straße waren, wird er ohne Reifenquietschen nochmals langsamer.
Weiter geht’s. Der Berg zieht sich, und der Anstieg ist nicht gerade flach. Nach einer Weile bemerke ich ein Geräusch, das scheinbar aus der Hinterradnabe kommt und das mir nicht gefällt. Das passt jetzt natürlich glänzend: Abends, am Berg, im Wald, ohne Beleuchtung, schon am vierten Reisetag… irgendwas ist da nicht in Ordnung. Ich steige ab, bocke das Rad auf und drehe das Hinterrad: Nichts auffälliges. Ich prüfe das erforderliche Drehmoment beim Drehen des Rades; na ja, es könnte vielleicht etwas leichter gehen. Gibt es ein seitliches Spiel des Rades, d.h., ist es zu schwach gekontert? Nein, keinesfalls. Möglicherweise ist es also gestern früh bei Uwe zu straff gestellt worden. Hm, jetzt kann ich aber erst mal nichts anderes tun als weiterzufahren. Hier lässt sich nur im Fall einer Katastrophe etwas retten.
Bei der Weiterfahrt bin ich natürlich sensibilisiert, und ich höre schabende und feilende Geräusche. Prachtvoll! Wie lange macht die Schaltung das wohl mit? Ich schmiede erste Krisenpläne für das Szenario »Totalausfall an der Côte d’Azur«. Die helfen jetzt aber auch nicht. Und der Berg ist noch lang. Bei all dem Grün um mich herum habe ich leider kaum Ausblick auf das, was mir noch bevorsteht bzw. was ich schon unter mir gelassen habe. Da hilft nur weiterfahren.
Als die Straße sich allmählich aus dem Gedärm des Aufstiegs herauswindet und den Weg in Richtung Westen mit etwas mehr Kontinuität einschlägt, wird sie flacher und lichter. Die Höhe ist inzwischen recht respektabel, das Tageslicht indes nicht mehr so sehr. Ich bin mir nicht sicher, ob die Sonne noch über oder schon unter dem Horizont steht, aber Zeit für eine Quartiersuche ist es sicher. Rechts beginnen ein paar eingezäunte Grundstücke. Da steht so etwas wie ein Wetterhäuschen. Es hat immerhin ein Dach. Wie wär’s also damit? Ich schaue es mir genauer an, und dabei zeigt sich, dass es einerseits relativ verschlossen wirkt, andererseits aber jede Menge Glas herumliegt. Ist wohl doch nicht so das Richtige. Also geht’s erst mal weiter.
An der nächsten Gabelung biege ich rechts ab. Etwas später taucht rechts ein hotelähnliches Gebäude auf. Vor dem Haus steht ein Kastenwagen, vor dessen rückseitiger Tür ein Mann ein Rennrad repariert. Die Szene muss wohl was mit Radsport zu tun haben. Ich stelle mein Fahrrad ab und trete ein. Im Erdgeschoss ist gar nichts los – wohl doch kein Hotel. Im ersten Stock dann gibt es so etwas wie einen Empfang. Ich frage nach, ob das ein Hotel ist, aber die Antwort klingt sehr nach »alles voll«. Na ja, wäre wohl eh zu teuer gewesen. Also geht’s weiter.
Wenig später steht rechts wieder ein Gebäude, diesmal eher ein Ferienhaus, aber es sieht verschlossen und leer aus. Na, umso eher ist es interessant. Aber die Elsässer schließen ihre Häuser sorgfältig ab. Da ist nichts zu machen. Ich erklimme den Balkon im ersten Stock und kriege erst mal einen Schreck: Da brennt Licht. Aber das scheint wohl jemand genau aus diesem Grund angelassen zu haben – oder eben versehentlich. Weil der Himmel noch immer sehr unsicher aussieht, ist mir ein Dach über dem Kopf wichtig, und der Balkon bietet erstens zu wenig Schutz vor Regen bei auch nur leichten südlichen Böen, und zweitens ist er von der Straße sehr gut einsehbar. Ich klettere wieder hinunter. Wieder nichts.
Vielleicht sollte ich nicht jedes zweite Haus untersuchen, sonst komme ich nicht weiter. Jedenfalls ist es jetzt nicht mehr weit bis zum Col du Ballon. Die Bergsteigerei hat ein Ende. Und da, in faszinierender Unscheinbarkeit, wie ein rosa Stück Papier ohne Leuchtkraft über den Horizont gehängt: Die Sonne. Sie muss es sein. Der ganze Himmel ist bedeckt, und nur dort, wo das Zentralgestirn kurz vorm Verschwinden ist, scheint der Vorhang etwas dünner zu sein. Allerdings kommt von dort keine Wärme, und für die Abfahrt muss ich mich gut einpacken.
Als das Tal und damit auch die Hauptstraße (die E512) erreicht ist, bricht die Finsternis mit Macht herein. Ja, und wo soll ich hier bleiben? Die Besiedlung ist in den Dörfern natürlich dichter, aber ich muss lernen, dass zwar viele Häuser leer stehen, mindestens genauso viele aber nur so aussehen, als seien sie unbewohnt, wie sich dann bei genauerem Hinsehen zeigt.
In der Finsternis bekomme ich nicht mit, dass ich le Thillot erreiche, wo ich laut Planung eigentlich links abbiegen wollte. Die Dunkelheit hat nur den einen Vorteil, dass ich als Fußgänger nicht mehr sichtbar bin, wenn ich zum Auskundschaften eines Grundstücks das Fahrrad mit seinem verräterischen Standlicht und die Straße verlasse. Einige Kilometer später ist links ein Sägewerk erkennbar. Einige Stämme liegen auf einem Lagerplatz davor, und ich halte zur Erkundung an. Wieder preise ich mich weise, eine Taschenlampe eingepackt zu haben. Ich durchstöbere die gesamte Halle, die besonders bei diesen Beleuchtungsverhältnissen jede Menge Unfallrisiken bereithält. Schließlich mache ich die »Buchung«, schleppe mein Fahrrad eine Holztreppe hoch, um so weder von der Straße noch von Leuten, die direkt an der Holzrampe stehen, gesehen werden zu können, und nach kurzer Toilette ist Nachtruhe. Hoffentlich wird hier am Pfingstmontag nicht gearbeitet, denke ich noch.
24. Mai
Ferdrupt – N66 – Rupt-sur-Moselle – Col du Mont de Fourche – D6 – Raddon – D18 – Fougerolles – D83 – Corbenay – Saint Loup-sur-Semouse – D417 – Mailleroncourt-Saint Pancras – Departement-Grenze bei Grignoncourt – Mailleroncourt-Saint Pancras – Bourbonne-les-Bains – Montigny-le-Roi (158 km)
Als ich erwache, ist tolles Wetter: Die Vogesen liegen hinter mir, die Wolken ebenfalls, und Pfingsten…, nein, heute ist ja erst Montag. Also muss ich noch »aus dem Koffer leben«. Es wird schon gehen. Meine Energierationen sind jedenfalls beeindruckend, nahezu unangetastet. Wie es um den Rest bestellt ist, muss eine Inventur zeigen. Ich rolle meinen Schlafsack zusammen, packe alles ein, hieve den ganzen Kram wieder ins »Parterre« – na ja, wie ein Wohnzimmer sieht ein Sägewerk nicht aus –, und los geht’s. Schnell weg, falls mich jemand beim Verlassen des Grundstücks gesehen haben sollte.
Indes fällt mir beim Fahren bald wieder ein, welche Sorgen ich gestern in den Bergen mit der Technik hatte. Wegen des Frühstücks muss ich ohnehin bald anhalten. Nach wenigen Kilometern liegt rechts ein Rastplatz an der Straße, leer, schön übersichtlich, in der prallen Morgensonne. Ideal zumindest zum Frühstücken, und fürs Reparieren zumindest einer der geeignetsten Orte, wenn man einmal davon absieht, dass Reparieren auf großer Fahrt grundsätzlich unerwünscht ist.
Ich beschließe, die Nabe im gleißenden Prüflicht in alle Einzelteile zu zerlegen. Nun, bis zur letzten Feder wird’s dann doch nichts, aber ich bin selten so weit vorgedrungen, und wie fast jedes Mal, so kann ich auch bei dieser Inspektion nichts Verdächtiges erkennen. Das, was gefettet werden muss, erhält Fett, die übrigen Teile einen Tropfen Öl, und das Einzige, was ich wohl anders mache als bei der letzten Montage, ist der Platz, den ich den Lagern diesmal lasse, sprich: Das Ganze wird nicht so fest gekontert. Dieses Geheimrezept habe ich von Heiner im E-Werk, und es wird Gelegenheit sein zu prüfen, ob es etwas taugt. Nach einem Ausflug in die Büsche packe ich wieder alles auf und schwinge mich in den Sattel. Nach wenigen Sekunden gibt es einen Schlag, dass ich denke, die ganze Nabe fliegt auseinander. Da habe ich wohl einen Fehler gemacht. Aber was soll ich jetzt tun? Erst mal weiter.
Nach wenigen Minuten erreiche ich Rupt-sur-Moselle. Nachdem ich gestern die geplante Abfahrt nach Südwesten verpasst habe, will ich nun hier von der Nationalstraße herunter. Als ich anhalte, um mich auf der Karte zu orientieren, sehe ich an der Straße einen Fleischerladen, einen geöffneten, wohlgemerkt. Wenn am Pfingstmontag sonst schon nichts offen ist, warum soll ich mir dann nicht ein paar Eiweißspender besorgen? Vorausgesetzt, das scheitert nicht an meinen Sprachkenntnissen. Also, bon courage und hinein ins Abenteuer! Die Preise sind nicht schlecht: Wenn hier alles so gesalzen ist… Aber es ist schließlich Feiertag, auch wenn ich den Verdacht hege, dass das damit wenig zu tun hat. Außerdem muss ich bedenken, dass ich in Deutschland selten beim Fleischer bin, stattdessen meist im Supermarkt einkaufe, und da existieren eben auch Preisunterschiede. Und zu guter Letzt kauft man ja Milch und Käse normalerweise nicht beim Fleischer, und wenn man es doch tut, so muss man schon damit rechnen, dass diese etwas branchenfremden Produkte auch etwas andere Preise nach sich ziehen. Ich stelle mich bescheiden in eine Ecke, bis die andere Kundschaft bedient ist, damit ich mich wenigstens nicht vor mehr Leuten als unbedingt notwendig blamiere. Der Fleischer merkt wohl schon, bevor ich den Mund öffne, was los ist, jedenfalls geht er ganz unverkrampft an die Verständigung. Ich kaufe mir noch etwas Wurst, auch wenn die irgendwie künstlich aussieht (und so besonders schmeckt sie auch nicht, wie ich später merke), eine in Scheiben, die andere comme ça (also ungeschnitten), und dann geht’s auf in die Berge.
So schlimm sieht’s nicht aus, und so unüberwindlich ist dieses Hindernis auch in der Realität nicht. Wenn ich ernsthaft etwas beim Zusammensetzen der Nabe falsch gemacht habe, wird sie jetzt sicherlich Laut geben. Sie schweigt. Ich deute das vorsichtig als vorläufigen Waffenstillstand.
Das Tal vor mir scheint höher zu liegen als das der Mosel. Es ist jedenfalls flacher, aber nach links geht’s doch immerhin so weit hinauf, dass ich vermuten darf, auf der geplanten Route wäre ich noch höher gefahren. An der Straße und einem Bach liegen kleine Ortschaften. Das könnte auch irgendwo zwischen Röhn und Thüringer Wald sein. Nett, wenn auch nicht spektakulär. Aber das hatte ich hier ja auch nicht erwartet.
Nach gut 15 Kilometern wechselt die Szene: Links löst eine Ebene die Hügel ab, und rechts liegen die Berge dafür etwas dichter an der Straße. Dann weiß ich ja, was mich erwartet; denn demnächst muss ich dort hinüber. Hier unten ist die Landschaft auch nicht besonders interessant. Und bevor ich abbiege, diesmal in Richtung Nordwesten, gehe ich noch mal einkaufen. Diesmal stehen Schokolade und anderer Süßkram auf dem Wunschzettel, und dass das hier keine Aldi-Preise sind, nehme ich nur noch als Phänomen Frankreichs und vielleicht der kleinen Läden zur Kenntnis. Jedenfalls hoffe ich nicht mehr, am Dienstag günstigere Konditionen vorzufinden.
Der Abzweig führt auf eine unbedeutende Nebenstraße. Das muss man dem Michelin-Atlas lassen: Es scheint alles eingezeichnet zu sein, was asphaltiert ist, vielleicht auch noch der eine oder andere unbefestigte Weg. Diese Straße führt zunächst in die Berge und Wälder. Im Forst machen sich einige Arbeiter zu schaffen. Sie scheinen Feuerholz zu schlagen, jedenfalls werden die Bäume in ziemlich kleine Stücke zersägt. Derweil bietet die Sonne alles auf, was ihr Ende Mai möglich ist. Da bin ich ganz froh, wenig später im Schatten der Buchen fahren zu können. Das hätte mir mal gestern oder vorgestern jemand erzählen sollen.
Den nächsten Halt mache ich in Mailleroncourt-St.-Pancras an einem Brunnen. Haarewaschen ist angesagt. Ich lege den Fotoapparat zur Seite. Hoffentlich vergesse ich den nachher nicht. Angesichts der Temperaturen landen alle Klamotten im Wasser, einschließlich Hut. Dann wasche ich zuerst mich, danach die Sachen, soweit das mit einem bisschen Seife geht, aber ich will hier ja keinen Modewettbewerb gewinnen. Ich ziehe das Zeug auch gleich wieder an, packe Haarwaschmittel und Seife weg, und weiter geht’s.
Wenige Kilometer später halte ich wieder an: Pause, Futter fassen und ein bisschen in den Schatten legen. Abseits der Straße liegen riesige Splitthaufen (ein Teil davon ist offenbar schon auf der bereits zurückgelegten Strecke verteilt worden), und dort mache ich mich breit. Wie weit werde ich heute wohl noch kommen? Das ist ja fast nie geplant. Vielleicht Châteauvillain, am Ende der D107? Aber um dorthin zu kommen, muss ich erst mal meine Trägheit überwinden. Auf denn also!
Hinter einer Ortschaft überhole ich eine Familie, die einen Nachmittagsausflug mit dem Fahrrad macht. Schade, dass ich nicht genügend französisch kann, um einen Scherz auszutauschen oder eine Frage zu stellen (obwohl ich eigentlich keine Frage habe). Wieder zehn Kilometer später erreiche ich die Grenze des Departements am Ende eines Waldstücks. Ist die Szene vielleicht mal wieder ein Fotomotiv? Die rechte Hand greift mechanisch an die Brust, um den Trageriemen der Kamera zu verschieben. Na ja. Da ist bloß keiner. Wieder einmal gibt es einen Geistesblitz, nur dauert er diesmal etwas länger als eine halbe Sekunde: Vergessen. Wie vermutet. Verdammt! Was jetzt? Zurück? Oder endlich eine neue kaufen? Dann kann ich ja alle anderen Objektive wegschmeißen. Also nicht. Wie weit muss ich nun zurück? Und ist der Apparat noch da? Es ist keine Frage, dass mir die Kamera nicht erst am Splitthaufen abhanden kam, sondern am Brunnen. Die Karte liefert genauere Informationen über das Extra des Tages: 20 Kilometer einfache Strecke. Na prima! Was vom Gepäck irgendwie entbehrlich ist – also eigentlich alles außer dem Flickzeug und den Papieren – landet im Gebüsch, und dergestalt erleichtert mache ich mich auf die Rückfahrt. Also, mit Châteauvillain wird das unter diesen Umständen natürlich heute nichts mehr. Hoffentlich ist der Fotoapparat nun überhaupt noch da. Aber einen solchen Oldtimer wird ja wohl hoffentlich niemand klauen. Wer zum Bezahlen zu faul ist, ist auch zum Messen und Einstellen der Zeiten und Schärfe zu faul – unterstelle ich jetzt einfach mal, um mir Mut zu machen.
Aber auch ohne Gepäck fährt das Fahrrad nicht von allein. Es dauert ungefähr eine Stunde, bis ich den Brunnen wieder erreiche. Und – die Kamera ist weg! Gleichzeitig mit diesem Erkenntnisgewinn sehe ich aber, dass dort jetzt ein mit Steinen beschwerter Zettel liegt. Eine Französischlektion. Grandios! »Monsieur!« Die Kamera befindet sich unter dem Fenster des Hauses, das gegenüber der »Fontaine« steht. Die Fontaine scheint wohl der Ort zu sein, an dem ich den Zettel gefunden habe. In der Tat, eine Minute später halte ich das gute Stück wieder in Händen. Natürlich möchte ich mich bedanken. Aber es ist niemand da, wie ja auch aus dem Zettel hervorgeht. So will ich mir wenigstens die Adresse aufschreiben. Die angegebene Telefonnummer nützt mir vor dem Jahre 2003 (oder wann immer ich einigermaßen telefontaugliches Französisch auf die Beine bringe) nichts. Aber vielleicht langt’s zu einer Karte oder einen kurzen Brief.
Und nun wieder zurück. Was ist jetzt, frage ich mich als Nächstes, wenn nun das versteckte Gepäck weg ist – oder ein Teil davon fehlt? So wahnsinnig aufregend ist die dritte Passage dieser Strecke natürlich trotzdem nicht mehr. Hinzu kommt (das Gepäck findet sich übrigens noch komplett im Gebüsch), dass die Verbindung zwischen Bourbonne und Montigny eine klassische Römerstraße ist. Die Karte verrät es bereits: schnurgerade und ohne Rücksicht auf die Topologie. Die habe ich dann auszubaden – bzw. die Gangschaltung. Aber der steile Anstieg ist kurz, und das Einzige, was mich demnächst wirklich stoppen wird, ist die hereinbrechende Dunkelheit. Trotz aller guten Vorsätze werde ich heute wohl nicht weiter als bis Montigny kommen. Sei’s drum.
Ich überquere die erste französische Autobahn – da ist nicht viel los – und erreiche eine Ortschaft auf einem Berg. Vielleicht darf es heute eine preiswerte Herberge sein? Duschen wäre ja kein Fehler. Am Stadtplan orientiere ich mich. Aha, da gibt es auch einen Zeltplatz. Das wäre immerhin eine Ersatzlösung. Bevor ich die Angebote jedoch vergleichen kann, muss ich einen mordsmäßigen Anstieg hinauf. Ich fahre Serpentinen auf der Straße, und überhaupt sollte ich im Interesse der Technik und wahrscheinlich auch meiner Gelenke lieber schieben, aber so ist das nun mal mit den Leuten im Sattel: Wann steigen die schon ab?
Mit Herbergen sieht es am höchsten Punkt der Ortschaft nicht so gut aus. Es ist überhaupt nicht viel los. Na ja, die Feiertage sind nun endgültig vorbei. Morgen muss wieder gearbeitet werden. Kultur- und Entertainmentpaläste stehen auch nicht herum. Da bleibt man doch lieber zu Hause. Außerdem ist nicht ganz sicher, ob der Ort ein großes Dorf oder eine kleine Stadt ist. Ich werde mal sehen, wie der Zeltplatz beschaffen ist.
Es geht ein kleines Stückchen wieder hinab, und dann, auf der rechten Seite, kommt die Zufahrt. Abends nach neun wartet hier niemand mehr auf mich, aber der Empfang deklariert, dass der Zeltplatz entweder von Niederländern gemanagt oder vorwiegend für diese gedacht ist. Das suggeriert jedenfalls die am häufigsten verwendete Sprache. Ganz sicher befindet sich am Eingang eine Dusche. Ich mache gar nicht lange ’rum. Bevor ich irgendetwas anderes unternehme, ist jetzt erst mal Körperpflege angesagt.
Mit einem viel besseren Gefühl und abgeschaltetem Licht fahre ich in der Dämmerung den Weg entlang, der nach den ersten 100 Metern von einzelnen Zelten gesäumt wird. An einem Platz, der etwas abseits liegt, einen Blick auf die letzten 15 Kilometer der Tour, den halben Ort und ein Stückchen der Autobahn freigibt, breite ich die Isomatte und den Schlafsack aus und halte Nachtruhe. Wegen irgendwelcher Registrierungen oder Gebühren begegne ich niemandem und kann lautes Lamentieren über diesen unordentlichen Umstand gerade noch zurückhalten.
25. Mai
Montigny-le-Roi – Nogent – Foulain – Richebourg – Châteauvillain – D107xD396xD145 – Cunfin – D67 – Essoyes – D70 – Gyé-sur-Seine – les Riceys – D17 – Chaource – D444xD944 – Tonnerre – (TGV-Strecke) (162 km)
So ohne Dach wird’s morgens natürlich nicht nur frisch, sondern auch feucht. Da habe ich Glück, dass der Schlafsack reine Synthetik ist. Erstens verträgt er die Feuchtigkeit also, und zweitens muss es eine ganze Menge sein, bis sie durchkommt. Sie kam nicht durch. Ich habe also gut geschlafen, auch wenn ich in der Nacht einige Male wach wurde. Sobald die Sonne sich auf ihre Bahn macht – und sie tut das auf meiner Seite des Hanges –, rolle ich meine Sachen zusammen und suche nach Eßbarem im Gepäck. Ich will mich hier lieber nicht zu lange aufhalten, jedenfalls nicht als jemand, der offensichtlich am Platz übernachtet hat, damit nicht am frühen Morgen noch jemand kassieren kommt.
Als ich soweit bin, dass es losgehen kann, sind auch meine deutschen Nachbarn wach. Wir kommen ins Gespräch. Sie erzählen mir, wo sie schon überall waren, aus der Heimat natürlich, und ich mache einige Andeutungen über meine Vorhaben. Vorsichtig natürlich noch, denn große Leistungen waren das ja bisher nicht, und wer bei Kilometer 800 erzählt, er habe noch mehr als 6000 vor sich, der riskiert leicht ungläubige und anderweitige Blicke. Und am Ende wird’s ja gar nichts. Aber dann geht’s los. Die Strecke hier wollte ich ja eigentlich schon gestern zurückgelegt haben. Die D107 soll es heute sein, jedenfalls für den Vormittag. Nach einigem Suchen und Abbiegen gelange ich an der richtigen Stelle zum Ortsausgang. Die Straße wird mich jetzt auf den nächsten 40…50 Kilometern begleiten. Mal sehen, wie sie sich macht.
In Troyes, einer größeren Stadt an der Seine, gibt es eine Servas-Dachgeberin. Das wird eine aufregende Sache, wenn ich sie anrufe. Im Laufe des Vormittags will ich den ersten Versuch starten. Von Christoph Schäfers (Adtranz) habe ich eine französische Telefonkarte mit noch 21 Einheiten bekommen; also muss ich mich nicht auch noch vorher in das Abenteuer stürzen, eine solche Karte zu kaufen – obwohl, das wäre wahrscheinlich die leichtere Übung, weil das kein so komplexer Vorgang ist, ich meinen Gesprächspartner dabei sehe und natürlich keinen Telefonhörer dazu brauche. Aber ich habe keine Wahl. Stopp an der nächsten Telefonzelle. In den Dingern wird es tagsüber immer so wunderbar heiß. Wer nicht weiß, was ein Treibhauseffekt ist, kann es hier lernen. Der erste Versuch endet am Anrufbeantworter. Er singt mir ein Lied vor. Na, prächtig! Das war zwar nicht anstrengend, aber vergeblich. Weiter!
Die D107 macht was her. Zwischen Richebourg und Châteauvillain verläuft sie ziemlich geradlinig durch einen langen Buchenwald, der nach den Seiten hin schier undurchdringlich scheint. Nur ab und zu führen kleine Schneisen ins Gehölz, die sauber aufgeräumt scheinen. Hier ein Häuschen, und dich findet kein Mensch. Aber es wäre wohl etwas einsam. – Gegen Mittag verlasse ich die D107. Die Landschaft lockert auf, weniger Wald, mehr Felder, Weinfelder: Ich nähere mich der Champagne. In Essoyes mache ich neben einem Fluss Halt. Einkauf, Rast, neuer Versuch in einer Telefonzelle. Wieder ein Lied. Das wird ein richtig erfolgreicher Tag!
Mit meinen Einkäufen setze ich mich auf eine Bank und beginne zu stopfen. Der Fluss ist toll. Im Ort soll Renoir geboren worden sein oder zumindest ein Atelier gehabt haben. Aber mit einem Besuch dieser Kulturstätte wird’s wohl nix. Für einen Apfel beginne ich, in meiner Seitentasche nach dem Messer zu fahnden. Diese tiefen Hosentaschen sind schrecklich praktisch, weil so viel ’reinpasst. Problematisch daran ist nur, dass das Gesuchte stets ganz unten liegt. Ich wühle. Gerade habe ich das Messer erhascht, als aus unerfindlichen Gründen mein Kamm den Weg ins Freie gefunden hat. Nun, normalerweise würde ich ihn aufheben und wieder einstecken. Dumm ist nur, dass ich direkt neben dem Fluss sitze, und deshalb liegt das wertvolle Stück jetzt einen halben Meter tief im steingefassten Flussbett – mit schöner Strömung natürlich. Und nun? Natürlich muss ich den wieder haben. Da das Wasser klar ist, raffe ich die Hosen und steige publikumswirksam in die Fluten. Hat ihn!
Das wird rasch trocknen. Glücklicherweise ist das Wasser klar. Und die Sonne heiß. Ich setze meine Mahlzeit fort. Da fällt mir ein junger Vogel auf, der traurig und verloren ganz in meiner Nähe hockt. Oben im Baum sitzen Mama und Papa und piepen. Da hat es wohl einen Unfall gegeben. Was macht der Kleine nun hier? Irgendwie will oder kann er nicht wegfliegen. Ich habe zwar keine vogelkindgerechte Nahrung, aber ein Stückchen Baguette will ich riskieren. Indes, er hat wohl schon mit dem Leben abgeschlossen, jedenfalls reizt ihn das Zeug nicht so sonderlich. Ich fürchte, da kann ich ihm nicht mehr helfen. Anfassen geht ja auch nicht.
Es ist jetzt so, dass Troyes gute 40 Kilometer abseits meiner Route liegt. Also sollte ich nicht hinfahren, wenn ich dort ohnehin nicht übernachten kann. Aber heute ist Werktag, und da kann ich nicht erwarten, dass jeder zu Hause sitzt und auf Anrufe von fremden Menschen lauert. 20 Kilometer will ich noch entlang meiner Route fahren. Dann ergibt sich die Möglichkeit, ein längeres Stückchen auf die Verbindungsstraße zwischen meinem eigentlich Tagesziel und Troyes zuzufahren, zwar ein Abweichen von der eigentlichen Route und auch ein Umweg, falls das in Troyes nichts werden sollte, aber zu beiden Orten wäre der Umweg nicht länger als 15 oder 20 Kilometer. Das ist schon vertretbar.
Im nächsten Ort überquere ich die Seine. Das ist hier eher ein unscheinbares Flüsschen im Vergleich zu Paris. Da muss also noch einiges zusammenfließen, bis ein Hauptstadtgewässer draus wird.
Die Gegend steht voll im Zeichen des Champagner. In den Ortschaften reiht sich ein Hof an den anderen, überall werden Möglichkeiten zur Verkostung, Bewirtung und natürlich zum Einkauf angeboten, und die Grundstücke, die als Kelterei und Keller ausgewiesen sind, zeugen von Wohlstand. Und die Felder um die Ortschaften sind mit Wein bepflanzt. Traktoren versprühen Gift. Oder was sonst? Jedenfalls regt sich neben dem Wein kein unerwünschtes Grün. Bloß weg hier, sonst hole ich mir noch einen Hautausschlag!
In Chaource muss ich mich entscheiden. Auch beim dritten Mal nur der Anrufbeantworter. Nun reicht’s! Das kostet schließlich auch Geld. Also, auf nach Süden. Die Strecke ist auf der Karte als wichtige Straße ohne grünen Streifen ausgewiesen, und sie ist auch nicht so besonders schön, aber es lässt sich gut aushalten. Tonnerre wird nun voraussichtlich mein Nachtquartier. Wegen des letztlich überflüssigen Umwegs komme ich heute wahrscheinlich nicht weiter. Die Stadt liegt im Tal und an dessen Südhang. Ich sehe sie unter mir liegen, oder eher: vor mir. So tief ist das Tal nun auch wieder nicht. Hier wäre es mal an der Zeit, einen telefonischen Gruß in die Heimat zu senden. Ich drehe meine Kreise durch die Stadt, und was ich suche, weiß ich gar nicht so genau. Vielleicht ein Hotel? Oder eine andere Herberge? Na, jedenfalls erst mal ein Telefon. Ich rufe an, erkläre, wo ich bin und neben freudiger Erleichterung vernehme ich den Rat, dass es wohl für heute dann langsam reiche. Na, stimmt ja eigentlich auch. Aber mir wird schon eine Lösung einfallen.
Auf der Karte ist hinter der Stadt eine TGV-Strecke eingezeichnet. Das wäre doch ein Quartier. So einen Zug möchte ich schon mal sehen. Wer weiß, wie lange ich darauf werde warten müssen. Also schwinge ich mich wieder in den Sattel, suche mir die steilste Ausfahrt und kurbele mich im Stehen den Berg hinauf. Es hätte wirklich bequemere Ausfahrten gegeben, aber das sehe ich erst, als ich oben die Karte konsultiere. Das ist hier jetzt zwar schön übersichtlich, aber ich bin erst mal schweißgebadet. So gefällt’s mir eigentlich nicht für die Lagersuche, aber das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Noch sind die Gleise auch nicht erreicht. Erst mal unterquere ich eine Umgehungsstraße. Dann ist der Scheitelpunkt erreicht und es geht wieder leicht bergab. Da hinten, zwischen den Hügeln scheint ein Gleis zu verlaufen. Rasch näher, sonst verpasse ich womöglich den einzigen Abendzug. Aber wann der kommt, weiß ich natürlich überhaupt nicht.
Unter einer unscheinbaren Brücke geht’s hindurch. Das Einzige, was an Modernität gemahnt, ist die elektrische Oberleitung. Gleich hinter der Brücke biegt links ein Weg ab. Rechts daneben ein Maisfeld, teilweise abgeerntet. Dort werde ich mich hinpflanzen, mit dem Blick nach Norden auf den Bahndamm. Dann werde ich die Eisenbahn ja hoffentlich nicht verpassen, wenn mal eine kommt. Ich bocke das Rad auf, da höre ich ein Geräusch, das eigentlich nicht von Autos kommen kann. Der TGV! Mensch, habe ich ein Glück! Noch keine fünf Minuten hier, und schon kommt einer. Das ist wirklich ein schneller Zug. In 100 Meter Entfernung wird das auch akustisch klar. Anderthalb Sekunden später donnert er ohrenbetäubend an mir vorbei. Der Lärm macht ihn glatt 100 km/h schneller. Das waren bestimmt über 300 km/h. So muss ein schneller Zug fahren. (Vielleicht nicht so laut.) Mal sehen, wann ich das mal bei der Deutschen Bahn erlebe. Aber wir arbeiten ja fleißig am ICE3.
In den nächsten Minuten rolle ich die Isomatte und den Schlafsack aus, zufrieden, den Zug so günstig abgepasst zu haben. Da, der nächste! Wahnsinn! Der fährt in dieselbe Richtung, und das nach gerade fünf Minuten?! Na, mir soll’s recht sein. Habe ich halt gleich zwei gesehen. Schön sind diese Züge allerdings nicht. Ich suche mein Quartier auf, und als nach zehn Minuten wieder einer vorüberdonnert, schwant mir, dass der TGV vielleicht öfter fährt als der ICE und dass dieser Schlafplatz möglicherweise nur ein Liegeplatz ist.
Das geht so bis 23 Uhr. Dann scheinen die Geschäftsleute aus dem Süden alle wieder in Paris zu sein, und der Spuk hat ein Ende. Nur einmal, zwischen zwei TGVs, tuckelt eine kleine Inspektionslok über die Strecke. Die muss machen, dass sie nicht vom Gleis geschubst wird, denke ich. Aber bevor der nächste Kracher kommt, ist sie wieder verschwunden.
26. Mai
D944 (an der TGV-Strecke) – D944xD86 – Noyers – D86 – l’Isle-sur-Serein – D86xD957 – Avallon – D957 – Saint Père – D36 – Usy – D20xD944xC? – Vésigneux – Queuzon – Chalaux – Marigny-l’Eglise – D210xD6 – Lormes – D944 – Vauclaix – la Chaumière (136 km)
Der Morgen fängt so an, wie der Abend aufgehört hat: laut. Wenigstens weiß ich, dass halb sechs die ersten Züge gen Süden fahren. Oder sollte ich tatsächlich den einen oder anderen dieser Krachmacher übersehen haben? Wer mit diesem oder einem der nächsten Züge fährt und aufmerksam erstens aus seinen verschlafenen Augen und zweitens aus dem Fenster schaut, mag mich dort liegen sehen, ein oder zwei Sekunden lang vielleicht.
Unter diesen Umständen gibt es natürlich kein längeres oder gar mehrfaches Umdrehen und Weiterschlafen. Schlafen schon gleich gar nicht. Jetzt mache ich noch ein morgendliches Foto von diesem hässlichen rasenden Stück Technik, und dann geht’s weiter. Es wird doch bald mal wieder einer kommen? Jetzt ist alles gepackt, jetzt ist schönes Wetter, die Kamera schußbereit, auf dem Film noch Platz, und jetzt macht sich die Kiste rar. Kann ja wohl nicht sein! Da, endlich taucht noch einer auf. Standen wohl doch noch ein paar Leute auf dem Bahnsteig in Paris. Mit einer 500stel dürfte nicht viel schiefgehen.
Als ich wieder auf der Hauptstraße gen Süden bin und fast oben auf dem höchsten Punkt, taucht noch mal ein Zug auf. Ja, so viel zum TGV. Wer weiß, wann ich mal wieder einen sehe. Die Karte weist dessen Strecke künftig weit abseits meiner Route aus. Stattdessen fahre ich in den Parc Regional du Morvan. Dort sind einige Schnörkel geplant. Hoffentlich macht er dann auch was her. – Vorerst werde ich das Flüsschen Serein eine Weile begleiten. Also verlasse ich nach acht Kilometern wieder die Hauptstraße. Nach einer Weile erreiche ich das sehr flache Tal, und wieder einige Minuten später den Ort Noyers, eine kleine Stadt, die den Fluss malerisch umgibt. Hier atme ich zum ersten Mal das normale und typische Frankreich, einen Markt, auf dem es alles Lebensnotwendige gibt. Zwar könnte ich schon etwas gebrauchen, so richtig dringend aber nicht, und das Flair hat seinen Preis. Also gehe ich doch beim Bäcker einkaufen. Der Bäcker verkauft Honig. Und gar nicht mal so teuer. Es ist zwar kein Schnäppchen, gemessen an meinen sonstigen Quellen, allerdings sind die jetzt weit weg, und ich weiß auch nicht, ob der Honig wirklich gut ist, also kalt geschleudert, aber darauf kommt es im Moment jetzt nicht so an. Ich brauche etwas, was dem Baguette die Trockenheit nimmt. Künftig werde ich es also abwechselnd in Honig und in Nugatcreme tunken. Ist das nichts?
Diese Zukunft beginnt gleich am Fluss. Hinter der Brücke, im Schatten einiger Bäume, lasse ich es mir gut gehen. Eine Telefonkarte habe ich leider nicht bekommen, aber ich habe ja gerade erst zu Hause angerufen – nur bei Servas-Anrufen könnte ich sie schon bald vermissen. Aber noch ist es nicht soweit.
Weiter geht’s. Weiter im Tal, eine leichte und recht angenehme Fahrt, jedoch nicht spektakulär. In l’Isle-sur-Serein verlasse ich den Fluss in Richtung Avallon. Der Naturpark liegt deutlich höher als dieses Tal und auch seine Umgebung, und Avallon macht den Anfang. Es geht bergan.
Um die Mittagszeit komme ich in der Stadt an. Es ist ein heißer Tag, und da ich noch in der »Aufwärmphase« bin (also oft zum Essen anhalten muss), kommt mir ein Platz im Zentrum der Stadt gerade recht. Warm im eigentlichen Sinne ist mir allerdings wirklich genug; darum setze ich mich wieder unter die Bäume.
Bevor ich die Stadt wieder verlasse, fahre ich noch ein bisschen in der Altstadt spazieren. Ich möchte die Stadt in Richtung oder besser: entlang des Vallée du Cousin verlassen, und irgendwo finde ich auch Schilder, aber ich traue der Richtung nicht. Jedenfalls fahre ich dann praktisch genau in die entgegengesetzte Richtung, es geht auch ein ganzes Stückchen bergab, aber nur, damit ich noch innerhalb der Stadtgrenzen wieder auf eine Straße in die Höhe treffe, die ich dann auch benutze, weil mir die ganze Beschilderung nicht geheuer ist. Letztlich lande ich auf so etwas wie einer Umgehungsstraße, also nicht gerade einem naturalistischen Reißer. Da kann ich letztlich nichts falsch machen: Die ist gut beschildert, führt in die richtige Richtung, und nach wenigen Kilometern erreiche ich letztlich auch das Vetterntal, allerdings nur auf der Durchquerung. Hier wäre ich dann also herausgekommen. Nicht schlecht, aber nun nicht mehr zu ändern. Stattdessen geht es weiter nach St. Père, wo die heutige Route die erste scharfe Wendung nimmt.
Eine knappe Stunde später biege ich wieder nach Süden ab, nachdem ich die D944 erreicht habe, auf der meine Fahrt heute morgen auch begann. Jetzt wird die Landschaft richtig interessant, allerdings auch bergig – flaches Mittelgebirge, würde ich sagen. Wald, Wasser, Wiesen und Berge verschmelzen zu einem abwechslungsreichen und überaus grünen Arrangement. Wenn grün beruhigt, müsste ich ja bald apathisch am Straßenrand sitzen. Damit es nicht soweit kommt, thront an einem der Hänge ein Château, ein ziemlich großes, graues Schloss, quasi der Antifarbklecks, aber auch als solcher irgendwie passend und natürlich in toller Lage. Trotzdem möchte ich so ein Ding nicht geschenkt haben. Das macht ja endlos Arbeit und ist vermutlich zu keiner Jahreszeit warm zu kriegen. Was hatten die früher doch für ein erbärmliches Leben!
Fünf, sechs Kilometer später beschließe ich eine kleine Abweichung von der Route und steuere nun einen See an, der auf der Karte zwischen den Höhenzügen regelrecht eingeklemmt wirkt. Michelin macht zwar falsche Steigungsangaben, aber insgesamt ist die Gegend viel zu schön, um sich darüber ernstlich aufzuregen. Der Park ist mit seinen Anstiegen etwas für ambitionierte Anfänger oder sagen wir mal: fürs Mittelfeld. Es geht fast immer entweder hoch oder ’runter, und die Höhenunterschiede sind teilweise größer als 100 Meter. Wer so was aus dem Stand macht, verliert trotz allen Grüns, trotz aller Stille und Abgeschiedenheit, trotz verwunschener Gehöfte und Dörflein wahrscheinlich schnell die Freude daran, kann sich zumindest nicht so viel ansehen wie ich, denn ich werde bis zum späten Abend fahren – ziemlich gleichgültig, ob es bergan oder bergab oder beides geht oder was sonst noch an hinderlichen oder begünstigenden Umständen eintreten mag, Reparaturen und Unfälle natürlich ausgenommen.
Ich erreiche den See und weiß auch schon, dass es dahinter noch weiter hinaufgehen wird. Na, und? Die Abfahrt ist Spitze. Schmal, hinter Wiesenrainen verborgen, zieht die Straße ihre Bahn. Natürlich ist unten dann nicht mehr so viel Tempo geboten, aber für die Auffahrt hat sich wieder alles eingefunden, was eine solche Sache zu einem Vergnügen machen kann – außer dem Rückenwind. Aber mit dem ist so mitten im Wald auch nicht zu rechnen. Es wächst von allen Seiten, kleine, dichte Bäume, alle möglichen Gräser – ich komme mir fast so ein bisschen wie im Urwald vor. Und kein Kraftfahrzeug stört das Idyll. Jedenfalls fast keins.
Die Auffahrt nach Marigny-l’Eglise zieht sich hin. Aber irgendwann bin ich oben – und wieder in einem Dorf, in dem man meinen könnte, die Leute müssten hier mit Frohsinn ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber ganz so ideal wird’s wohl nicht laufen. Jedenfalls mache ich dort erst mal wieder Pause. Auf den Stufen vor einer kleinen Kirche mache ich Rast und trinke Wasser aus einem nahen Wasserhahn. Wer weiß, ob das immer so gut ist, aber bisher hatte ich keine Beschwerden. Auch hier ist fast nichts los, kaum ein Mensch zu sehen.
Wieder geht es eindeutig ein Stückchen in die »richtige« Richtung, also nach Süden. Wieder führt die Straße durch den Wald, wieder hinauf. Das hier könnte eine Wasserscheide sein, so hoch, wie es hinauf geht. Im Wald überholen mich zwei deutsche Motorradfahrer. Das hat hier, so tief im Hinterland, schon einigen Seltenheitswert. Aber irgendwie muss schließlich jeder, der auf zwei Rädern an die Côte d’Azur will, den Weg dorthin bewältigen. Warum also nicht hier entlang?
Ganz oben, kurz vor der Abfahrt, sehe ich links im Wald die Spuren von Forstarbeiten. Tiefe Reifenspuren haben sich in den Waldboden eingegraben; hier ist kaum noch etwas, wie es vorher war. Riesige Stämme liegen zum Abtransport bereit. Na ja, wer mit dem Wald Geld verdienen will, muss hin und wieder etwas herausholen, keine Frage.
Abfahrten machen fast immer Spaß. Zwischen den nächsten zwei Ortschaften stoße ich auf ein Hindernis besonderer Art: Eine Kuhherde wird über die Straße auf eine neue Weide oder ins Dorf getrieben. Die Viecher zeigen einerseits kein Interesse, mich durchzulassen, aber andererseits haben sie scheinbar so viel Respekt, dass der Viehtrieb nicht mehr so richtig vorangeht. Dabei scheißen sie nach Kräften auf den Asphalt. Hier sind die Wiesen saftig, und entsprechend sieht das Ergebnis aus. Erst als ich Platz mache, funktioniert der Weitermarsch einigermaßen reibungslos.
An der nächsten Hauptstraße wechsle ich erneut die Richtung. Es geht jetzt wieder nach Westen, dorthin, wo allmählich die Sonne sich dem Horizont zuneigt. Zuerst überquere ich einen größeren See, dann den Höhepunkt der heutigen Fahrt, und in Lormes hat die Schnörkelei vorerst ein Ende: Jetzt habe ich wieder – in ganz, ganz großer Entfernung – das Mittelmeer vor mir. Es wird nun Zeit, an eine Übernachtung zu denken. Allerdings ist bislang weder die Sonne untergegangen noch gibt der Stand des Kilometerzählers Anlaß zu besonderem Stolz. Da darf ruhig noch was kommen.
Die nächsten Kilometer führen leicht und elegant wieder in die Niederungen der Gegend, wobei die Aussicht keineswegs vermuten lässt, dass ich mich im Weiteren nur noch dort unten bewegen werde. Es ist eher ein vorübergehender Abstieg.
Ich könnte mich heute Abend durchaus mal mit einem Hotel anfreunden. Ich muss mir nur noch überlegen, welcher Preis mir akzeptabel erscheint, und dann muss ich natürlich noch eins finden. In Vauclaix ist damit erst mal Fehlanzeige. Darf’s heute vielleicht noch Château-Chinon sein? Hm, das ist noch 25 Kilometer hin. Das wird wohl nichts mehr. Aber vielleicht habe ich ja unterwegs Glück.
»Unterwegs« ist indes nicht so einfach. Die Landschaft ist respektabel hügelig. Irgendwie scheint aber die Luft ’raus zu sein. Als ich daher einige Kilometer später an der Straße einen Gasthof sehe, zögere ich nicht, mir »die Sache« wenigstens mal anzusehen. Was wird es wohl kosten, hier eine Nacht zu verbringen und, was viel wichtiger ist, mal eine Dusche zu nehmen? Und werde ich mich verständlich machen können?
Es geht ganz gut. Ich erfahre ja in erster Linie Zahlen. Die habe ich gelernt, und wenn alles nichts hilft, kann man sie international verständlich aufschreiben. Etwa 50 Mark soll eine Nacht kosten. Das sind jedenfalls die günstigsten Zimmer, also diejenigen ohne Dusche. Diese befindet sich dann auf dem Flur. Das Zimmer selbst ist nicht schön, aber ich will damit auch nicht angeben, sondern darin schlafen, und zwar weich und tief und sauber. Das Fahrrad kommt in die Garage, das Gepäck nehme ich zum größten Teil mit ins Zimmer. Meine Herren, das möchte ich ja keine 400 Meter tragen müssen! Auch wenn die ganze Chose durch den Drahtesel noch mal um 20 kg schwerer wird, lässt sie sich doch so unglaublich viel eleganter transportieren. Es ist das alte Hohelied auf die Erfindung des Rades im Allgemeinen und auf die des Fahrrades im Besonderen.
Dann kommt die Dusche und die Wäsche. Schließlich hat sich einiges angesammelt. Es ist unbeschreiblich, zu welchem Ereignis eine banale Dusche werden kann, wenn man sie nicht allzu oft kriegt. Wie viele Tage ist das jetzt her? Fünf. Wurde auch Zeit! Die Wäsche macht zwar noch etwas Arbeit, aber als es dunkel wird, kann ich in die Federn, und da mache ich auch nicht lange ’rum, sondern schlafe.
27. Mai
la Chaumière – D944 – Château-Chinon – D27xD177xD157 – Onlay – D18xD299xD227 – Chiddes – D124xC?xD985 – Luzy – D27xD25 – Issy-l’Evêque – Gueugnon – D994xD25 – Saint Vincent-Bragny – Saint Aubin-en-Charollais – Charolles – Aigueperse – D987xD43xD10xD66 – Anglure-sous-Dun – Mussy-sous-Dun (161 km)
Das »Einzige«, was am Morgen zu tun bleibt, ist die Inspektion der Wäsche, deren Ergebnis jedoch einigermaßen belanglos ist, weil ich sie ja doch wieder mitnehmen oder sogar anziehen muss, und das Frühstück. Das dauert natürlich, aber irgendwann steige ich mit all meinen Taschen wieder hinab ins Erdgeschoss, belade meinen Drahtesel im Hinterhof, bedanke und verabschiede mich und radle von dannen.
Die Karte verzeichnet hier viele landschaftlich angeblich reizvolle Strecken, jedenfalls finde ich neben vielen Straßen grüne Streifen, und so ist es auch mit meiner Route, und ich muss sagen: Es ist hier wirklich recht nett. Hier hätte ich auch übernachten können. Ich fahre an einem Bach entlang, und Schilder warnen – sogar auf Deutsch – vor Überflutungen und Hochwasser. Das ist ja gerade so wie in der Wüste. Ich erinnere mich, wie ich 1993 im Death Valley Warnschilder sah, die bei knapp 46 Grad im Schatten vor Hochwasser und Überflutungen warnten, und es war weit und breit kein Tropfen Wasser zu sehen, nicht einmal eine Rinne oder ein Flussbett, in dem sich die angekündigten Wassermassen gegebenenfalls hätten dahinwälzen können. Na ja, hier gibt’s immerhin Wasser, und wenig später lerne ich meine Lektion: Solche Schilder finden sich häufig am Unterlauf von Staudämmen, wie niedrig auch immer sie sein mögen. Kurz darauf erreiche ich den gefährlichen Stausee, und zwar ist das Wassergefälle nicht sehr groß, aber wenn sich diese Fläche auch nur um zwei oder drei Meter Höhendifferenz in Bewegung setzt, ist lange nicht Schluss: Der See ist einige Quadratkilometer groß. Aber das Stauwerk sieht nicht wie eine drohende Katastrophe aus. Und ich fahre jetzt ohnehin oberhalb des Sees. Und nicht nur das – von wenigen flachen Abwärtspassagen abgesehen, geht es immer hügelan.
So erreiche ich Château-Chinon. Am Ortseingang wird der Verkehr aus Richtung Norden in die Tiefe umgelenkt. Die Stadt liegt aber oben auf dem Berg, und ich habe überhaupt keine Lust, jetzt wieder hinabzurollen, um kurz darauf alles wieder hinaufklettern zu müssen. Also ignoriere ich die Umleitung kurzerhand, muss nun allerdings sorgfältig auf den Gegenverkehr achten, von dem ich nicht dasselbe erwarten kann. Aber die unsichere Strecke ist nicht lang. Nach wenigen Minuten erreiche ich das Stadtzentrum, und dort hat die Einspurigkeit ein Ende und Einkaufen ist angesagt. Was brauche ich denn so alles? Na ja, das Übliche, würde ich sagen: Viele Kalorien, aber wenig Fett, denn die Berge liegen ja noch vor mir, und mit 70 Kilo fährt es sich objektiv leichter hoch als mit 75. Also keine Schokolade? Aber ja doch! Was haben wir denn noch? Eine Geschäftsstraße bietet alles, was in einer Kleinstadt so nachgefragt werden könnte. Da ist auch eine Buchhandlung. Also, ich werde mir jetzt ganz bestimmt keine französische Literatur kaufen. Aber gucken kann ich ja trotzdem mal, was sie so haben. Von außen natürlich nur, durch die Schaufensterscheibe. Am Ende fragt mich noch jemand: Monsieur, vous désirez? Was soll ich denn da sagen? Sieh an, den Michelin-Atlas haben sie hier auch, natürlich mit französischem Einband. Und ein Jahr jünger. Dauert halt lange, bis man so ein Deckblatt übersetzt und nach Deutschland transportiert hat. Ist ja weit weg. Oder ich habe einen Restbestand gekauft. Einerlei – gute Karten, die nur ein Jahr alt sind, kriegt man von Deutschland auch nicht so ohne weiteres.
Nun muss ich aber weiter, der südliche Teil des Parc régional du Morvan liegt vor mir. Hier werde ich zwar keine solchen Haken schlagen wie im nördlichen Teil, aber schnurgerade verläuft die Route auch nicht. Und flach ist sie nebenbei bemerkt ebenso wenig. Es geht nach einer Weile bergan. Ich fahre durch den Wald, und das ist schon mal schön. An der nächsten Kreuzung hinter dem Anstieg muss ich nach rechts abbiegen. Es geht nach Onlay. Ich stelle bald fest, dass die Kletterei umsonst war – oder sich gelohnt hat. Wie man’s nimmt. Jedenfalls geht es bergab, und zwar lange und tief und kurvenreich. Ich komme gar nicht so richtig in Fahrt, so verwinkelt ist die Straße. – Und dann bin ich unten, über 300 Meter tiefer. An der Kreuzung mit der quer verlaufenden Durchfahrtsstraße mache ich Pause. Da ist auch ein Restaurant und eine Baustelle, auf der gearbeitet wird. Einer der Bauarbeiter scheint mit einer Goldwing »angereist« zu sein, jedenfalls steht das Motorrad eher vor der Baustelle als vor der Kneipe. Alle Wetter! Nobel geht die Welt zugrunde. Von der Bauarbeit kann man, scheint’s, leben. Während ich kaue, umkreise ich die Maschine, die so wendig wie ein Sattelschlepper zu sein scheint. Der Lenker sieht ziemlich dürr aus, ist zwar an den meisten Stellen mit Armaturen verkleidet, aber dort, wo man sein Rohr sieht, wirkt er regelrecht mickrig. Wie schwer solch eine Kiste wohl ist. Also, eine Panne möchte ich damit nicht haben. Dann kann man ja nur noch bergab rollen – wenn man denn noch rollen kann.
Letztlich biege ich links ab und fahre neben einem Bach ein Stückchen in Richtung Südosten. Ich habe leichten Gegenwind. Das hatte ich hier eigentlich nicht erwartet. Ich hatte von dem Mistral gehört, und der solle von den Alpen in Richtung Süden wehen, und zwar heftig. Und die Alpen… na ja, sie liegen wohl doch eher östlich oder gar noch südlich von mir. War also nix. Könnte aber trotzdem von hinten kommen, der Wind. Was heißt eigentlich Rückenwind auf französisch? Also, in Amerika waren das so ziemlich die ersten Vokabeln: head wind und tail wind. Und weil das wörtlich weder mit gegen noch mit dem Rücken zu tun hat, muss ich vorsichtshalber vermuten, dass die Franzosen da auch ihre eigenen Formulierungen haben. Ich muss bei Gelegenheit nachsehen. Jetzt ist aber keine Gelegenheit, denn es geht wieder in die Berge, nachdem ich die Hauptstraße in Richtung Süden verlassen habe. Es geht anständig in die Berge! Die Straße ist schmal wie auf einer Alm, nichtsdestotrotz wollen große Fahrzeuge an mir vorbei. Die Hauptstraße unten im Tal war im Weiteren wegen einer Baustelle gesperrt, und nun wollen Tankwagen, Trecker, LKW und PKW an mir vorbei, als sei ich auf einer Nationalstraße unterwegs. Nur haben sie schon ohne mich mit dem Gegenverkehr Probleme. Was soll das erst noch mit dem langsamen Radfahrer werden? Ich mache Platz, sobald sich dazu vernünftig Gelegenheit bietet.
Allgemein gilt: Je weiter man nach oben kommt, desto übersichtlicher wird das Terrain. Sofern kein Nebel herrscht. Es herrscht kein Nebel. Übersichtlich ist es trotzdem nicht. Es geht auf und ab, links und rechts rum, und immer mal wieder an irgendeiner Ecke steht ein Haus. Es ist ganz hübsch hier, und nachdem die Fahrt insgesamt auf hohem Niveau stattfindet, ist der Hauptteil der Kletterarbeit bereits geleistet, aber ich bin mir keineswegs sicher, noch auf richtiger Route unterwegs zu sein. Und so finde ich mich nach einer Weile in Chiddes, das 5 km abseits meiner Route liegt. Da die Richtung insgesamt aber stimmt, suche ich nun nach dem kürzesten Weg nach Luzy, wo ich eine viertel Stunde später auch eintreffe.
Die Weiterfahrt nach Gueugnon ist nicht weiter spektakulär – nur heiß. Es ist Mittag, und die Hitze ist immerhin so beachtlich, dass sich die Kühe auf der Weide – oder was unter dieser Sonne noch davon übrig geblieben ist – unter dem einzigen großen Baum, der Schatten spendet, zusammenscharen. Und dort sind sie geduldig. Bis zum Geht-nicht-mehr. Ich möchte mal auch nur einen kleinen Teil der Gelassenheit dieser Viecher haben. Da stehen sie also, gut gewärmt durch ihr Fell, bei gut 30 Grad, einige in der Sonne, weil im Schatten nicht genug Platz für alle ist. Und sicherlich – von hier aus kann ich das nicht beurteilen, aber ich habe es schon mal beobachtet – schwirren ihnen die Mistfliegen um die Augen und das Maul und sonst wo noch, und sie können sie weder erschlagen noch fernhalten… es einfach nur erdulden. Nun könnte man sagen, ich sei noch verrückter – oder geduldiger –, weil ich nicht nur nicht im Schatten unterwegs bin, sondern mich sogar noch anstrenge, was keineswegs erforderlich ist, um Nahrung aufzunehmen oder gar am Leben zu bleiben. Aber ich empfinde die Hitze in meiner Kleidung und bei dem, was ich tue, nicht so störend, und dann habe ich noch etwas, was ich den Kühen sicherlich getrost absprechen kann bei dem, was sie tun oder lassen: Ehrgeiz. Aber mal angenommen, man würde hier ein paar Leute einsperren, auf dieser Weide, zu viele für alle Schattenplätze und ein bisschen stinkend, damit auch die Fliegen kommen. Die würden doch alle den Verstand verlieren. Also ich jedenfalls.
In Gueugnon wird erst mal eingekauft. Vor dem Supermarkt bettelt mich einer an. Ich biete ihm von meinen Keksen an, aber die gefallen ihm nicht. Na, dann nicht. Hat wohl keinen Hunger. Ich fahre mampfend langsam weiter durch die Stadt. Die Kirche des Ortes ist von einem riesigen Platz umgeben. Dort stehen auch ein paar Bänke. Hier mache ich erst mal Pause, weil sich beim Fahren doch nicht so richtig essen lässt. Heute Abend würde ich ganz gern einen neuen Versuch unternehmen, bei Servas-Gastgebern »an Land« zu gehen. Dazu muss ich die Herrschaften allerdings anrufen. Ich habe einen Horror davor. Bisher bin ich ja immer bei Anrufbeantwortern gelandet, und die waren anspruchslos, was die Menge und Verständlichkeit meiner Rede angeht. Und sie nahmen es mir auch nicht übel oder wurden ratlos, wenn ich sie nicht verstanden hatte. Aber das eigentliche Ziel meiner Übungen war es ja nicht so sehr, France Télécom ein paar Francs Extraumsatz zu verschaffen, sondern eher mir eine Übernachtung. Also muss ich wohl oder übel auf gut Wetter hoffen. Und tatsächlich habe ich Glück. Die Dame des Hauses, von der es im Adressverzeichnis heißt, sie spreche ein wenig deutsch, ist zu Hause. Aber wie erwartet, verstehen wir einander nicht. Vielmehr mißverstehen wir einander. Als ich dann das Wort Servas einige weitere Male fallen lasse, scheine ich doch eine Tür auf der anderen Seite aufgestoßen zu haben, und ich kann schließlich auch begreiflich machen, dass ich voraussichtlich gegen Abend bei ihnen eintreffen würde. Na ja, ob das jetzt alles so angekommen ist, wie ich es mir dachte…? Aber letztlich ist das Risiko gering. Wenn’s nix wird, schlaf’ ich halt in bewährter Weise. Die Frau scheint mir noch Tipps für die beste Anfahrt geben zu wollen. Ich schätze, das geht weit über meine kommunikativen Fähigkeiten hinaus. Wozu habe ich schließlich einen Atlas und die Adresse?— Eine neue Telefonkarte könnte ich langsam gebrauchen.
Und wie komme ich jetzt aus der Stadt heraus? Auf dieser Straße vielleicht. Nur die Richtung passt nicht ganz, der Sonne nach zu urteilen. Ich sollte einen Stadtplan haben. Aber in diesem Punkt kommen französische Orte, jedenfalls die meisten ab der Kategorie »Kleinstadt«, dem Reisenden sehr entgegen. An vielen Ortseingängen stehen Tafeln mit ausführlichen Ortsplänen, und zwar nicht nur für die Durchfahrt, sondern wirklich zu gebrauchen. Einer solchen »Karte« entnehme ich, dass dies tatsächlich nicht die richtige Richtung ist. Also zurück. Über einen Fluss und einen Hang hinauf, doch halt! Links ist ein Tabac-Laden. Oder ein Zeitungskiosk. Oder eine Bonboniere. Oder alles zusammen. Dort gibt’s jedenfalls Telefonkarten. Zwar habe ich meine Not damit, die Preise für die beiden Angebote mit der enthaltenen Anzahl von Einheiten zu vergleichen, um so das günstigere Teil zu ermitteln, was weniger an den Rechen- als mehr an den Sprachkünsten liegt… »Künsten«! Also, schon das Wort in näherer Umgebung meines Französisch! Letztlich ist der Unterschied nicht so groß – je Einheit jedenfalls. Ich plane noch viele Anrufe, also lange ich hin. Wie steht es um mein Budget? Ach was.
Kurz vor Charolles fällt mir eine interessante Brücke über das Tal auf. Das scheint die Umgehungsstraße für den wahrhaftig nicht so großen Ort zu sein. Sehr großzügig. Aber man gönnt sich ja sonst nichts.
Jetzt wird’s ein bisschen schwierig. Zuerst muss ich die D25 finden, dann an der richtigen Stelle abbiegen und schließlich einen sehr steilen Berg hinauffahren. Auch das Wetter ist inzwischen schwierig geworden. Windig, zuweilen sogar ein paar Tropfen von oben, zusätzlich also noch bedeckt. Und an le Palais bin ich schließlich auch vorbeigefahren. Wo ist überhaupt dieses »le Palais«? Ich bin andauernd an irgendwelchen Gehöften vorbeigekommen, habe kleine Dörfer passiert, eher winzige Siedlungen, x-mal die Karte studiert, aber Ortsschilder scheinen hier Sammlerobjekte zu sein. Es gibt keine. Und dann bin ich in Aigueperse zu einer Zeit, wo ich eigentlich schon bei meinen Gastgebern eintreffen wollte. Bis dorthin sind es aber noch je nach Strecke bis zu 20 Kilometer. Mir fällt mein erster Tag in den USA ein. Halb zwei an Los Angeles International Airport, 60 Kilometer vor mir. Ja, und dann war plötzlich das Hinterrad verbogen, die Karte vom ADAC taugte nur für den Hintern, andere Karten waren nicht so ohne weiteres zu kriegen, Auskünfte musste ich zweimal einholen, um sie einmal zu verstehen, und von der Sonne glaubte ich, dass sie in Amerika im Osten untergeht, was zu einer Irrfahrt über die doppelte Distanz führte mit Ankunftszeit gegen halb elf, tief in der Nacht. So schlimm wird’s hier hoffentlich nicht werden. Ich suche mir eine Telefonzelle und »präzisiere« meine Ankunftszeit.
Wie geht’s jetzt weiter? Klar ist, ich muss über den Berg. Also, da nehme ich doch vielleicht lieber die längere, dafür landschaftlich schönere Strecke. Der Wind sollte zweckmäßigerweise aus einer anderen Richtung wehen, aber das kann ich mir nicht aussuchen. Ab der nächsten Kreuzung wird’s einfacher. Die D66, die dann schon einigermaßen »zielführend« ist, schlängelt sich in erträglichen Prozenten nach oben. Am ersten Pass biege ich ab, fahre erst durch buchstäblich dunklen Tann (schwarz wie die Nacht), dann quasi auf Almwegen und schmalsten -straßen wieder zu Tal. Hoffentlich war das nicht schon zu früh. Noch einen Berg brauche ich nicht. Brauche ich doch! Mussy liegt nämlich am Hang. Zwar beginnt es unten, und darum starte ich – da ich einmal im Tal bin – dort meine ersten Erkundungen zur Gastgeberfamilie, aber eine Straßenbezeichnung will nicht auftauchen, auch die Nummern sind völlig anders. Ist wohl nicht der richtige Ortsteil. Ich fahre unter einem riesigen Viadukt hindurch. Oben soll eine Bahnstrecke das Tal überqueren. Auf der anderen, der Sonnenseite (ja, sie scheint inzwischen wieder, wenn auch inzwischen hart an der Kante) erfahre ich die grausame Wahrheit: Ich muss hinauf, bis zur Eisenbahn. Aber warum auch nicht? Überschlagen habe ich mich heute ja nicht.
Als ich oben bin, ist die Sonne bereits verschwunden. Das wird problematisch. Wenn ich die Leute nicht allein finde, wen soll ich da noch fragen? Um die Zeit scheint hier niemand mehr auf der Straße zu sein. Und eine Telefonzelle ist auch weit und breit nicht zu sehen. Vielleicht unten im Tal. Haha.
Nur Mut und irgendwo angeklopft. Da macht sich noch jemand im Vorgarten zu schaffen. Ich halte der Frau mein Adressverzeichnis unter die Nase, und nach einigem Bedenken werde ich wieder in niedere Regionen des Ortes geschickt. Ich glaube, ich habe sie verstanden. Also denn. Ich rolle eine furchtbar steile Straße hinab und halte mit quietschen Bremsen vor einem einfachen Wohnhaus, klingele und bin – falsch. Aber dichter dran, wie es scheint. Das wird heute Abend noch eine richtige Fitnessübung. Wo geht’s jetzt hin? Nach einiger Diskussion kommt ein Auto. Der richtige Adressat wurde telefonisch benachrichtigt. Welch ein Service! Ah, die Tochter. Sie heißt Isabelle und begrüßt mich, und nach einigen Worten wird mir klar, dass ich den furchtbar steilen Berg wieder hinauf muss. Na, die Gangschaltung wird sich bedanken. Ich auch. Auf den letzten 50 Metern muss ich dann doch bei allem Stolz absteigen, obwohl ich »sûr« war, dass ich es schaffe.
Das richtige Haus macht einen besseren Eindruck. Man sieht, da steckt viel Arbeit drin. Erst später lerne ich, dass beaucoup de travaux genau das ist. Davon erzählt mir zumindest der Mann, Yvan. Er kann wohl ein paar Brocken Englisch, scheint aber nicht sonderlich scharf darauf zu sein, sie auszuprobieren. Dann nicht. Isabelle hat eine Zeit in Deutschland verbracht und spricht daher ein paar Worte deutsch. Aber ein besonderes Sendungsbewusstsein hat sie diesbezüglich auch nicht. Na ja, eigentlich wollte ich ja auch mein Französisch verbessern. Nur wo anfangen? Isabelle erzählt mir erst mal, warum sie am Telefon so lange gebraucht hat, mich einzuordnen. Yvan hatte nämlich in Deutschland einen Unfall, und sie meinte nun zuerst, dass der Unfallgegner am Telefon sei. Dieses Mißverständnis zumindest hätten wir schnell aus der Welt geräumt.
Die beiden haben zwei Kinder und unwahrscheinlich viel Geschmack für die Einrichtung ihrer eher hohen als großflächigen Wohnung. Aus dem Dachgeschoss, wo ich mein Quartier aufschlagen soll, kann ich auf die Bahnlinie gucken, und hin und wieder kommt ein Triebwagen vorbei, ein TGV, wie Isabelle sagt. Das Prunkstück französischer Eisenbahntechnik scheint sie eher mit Ironie wahrzunehmen. Es fährt hier aber nicht lang. Die Strecke ist nicht elektrifiziert.
Für die Kinder bin ich der Fremde schlechthin. Was sollen sie mit jemandem anfangen, der zuerst von weit her kommt, dann auch noch auf dem Fahrrad, was in dieser geologischen Formation verständlicherweise nicht so sehr verbreitet ist, und dann versteht er kaum ein Wort, und was er sagt, ist auch nicht verständlich, egal, ob er deutsch spricht oder so tut, als spräche er französisch.
An dem Haus fällt auf, dass es tatsächlich vom deutschen Schema deutlich abweicht. Man betritt das Gebäude durch die Küche. Sie hat noch Platz für den Esstisch, und es gibt auch noch was zu essen, aber ich gebe mich, als hätte ich den ganzen Tag nichts getan und gerade ausführlich diniert.
Wir klären noch, dass ich am nächsten Tag da bleibe (muss ich an sich nicht haben, aber in den USA hatte ich mit meiner Weiterreise am jeweils nächsten Tag doch gelegentlich etwas Verwunderung ausgelöst, und das will ich hier nach Möglichkeit vermeiden), vielleicht eine kleine Rundreise mache. Dann schaue ich mir mit den Kindern noch einen Zeichentrickfilm an, verstehe natürlich nur Bahnhof – aber was macht das schon – und steige dann in meine Schlafetage hinauf. Es ist schrecklich viel Kram, den ich da ausbreite. Ich muss bei der nächsten Fahrt unbedingt weniger mitnehmen.
28. Mai
Mussy-sous-Dun – D316 – Chauffailles – D31 – Belmont-de-la-Loire – D31xD8 – Cours-la-Ville – D64 Ranchal – D54 – Col de Favardy – Saint Nizier-d’Azergues – D9xD485xD9xD23 – Chénelette – D37xD485 – Chauffailles – D316 – Mussy-sous-Dun (79 km)
Der Tag geht los, und ich weiß nicht so richtig, was heute wird. Aller Voraussicht nach werde ich auch die nächste Nacht an derselben Stelle verbringen, also könnte ich mich faul von einer Seite auf die andere drehen. Allerdings ist das nicht Sinn eines Tages bei Servas-Gastgebern. Ich muss erst mal hören, wie meine Hosts sich das vorstellen, was sie heute vorhaben. Schließlich ist Werktag.
Bei diesem »Gespräch« (hoffentlich kann ich die Gänsefüßchen in späteren Jahren einmal weglassen) stellt sich heraus: Yvan geht arbeiten, zwar nicht vor Tau und Tag, aber wird eine ganze Zeit außer Haus sein. Auch Isabelle wird nicht den ganzen Tag zu Hause sein. In der Zeit des leeren Hauses werde ich wohl auch nicht da bleiben, also vielleicht eine Rundfahrt machen. Aber den Vormittag verbringe ich mit Beobachtungen und Kommunikationsversuchen. Dann wird es Mittag geben, und bis dahin werde ich wahrscheinlich eine kleine Rundreise konzipiert haben. Mein Vorteil wird sein, dass ich die Freßphase des Vormittags in Ruhe verbringe. Da schaffe ich sowieso keine langen Strecken. Also setze ich mich für eine halbe Stunde auf den Dachboden auf meinen Schlafsack, zähle Kilometer, beobachte einen »TGV« und habe zum Schluss einen unscheinbaren Rundkurs von gut 100 Kilometern zusammen. Der müsste wohl bis zum frühen Abend zu machen sein, wenn ich schon kein Gepäck mitnehme – außer vielleicht dem Flickzeug und dem Atlas. Isabelle nennt mich verrückt. Wieder einmal. Vorerst kocht sie Mittag. Sie benutzt dazu einen etwas antiquierten Schnellkochtopf, legt das Kochgut, ein großes Stück Fleisch, hinein, entzündet das Gas und überlässt die Angelegenheit sich selbst. Ich bin skeptisch. Einerseits wird sie wissen, was sie tut, und der Topf hat auch ein leistungsfähiges Sicherheitsventil. Andererseits benutze ich auch von Zeit zu Zeit einen Schnellkochtopf und weiß, dass die Hitze nach Erreichen des Maximaldrucks heruntergefahren werden sollte, weil sonst eben das Ventil anspricht und so nach und nach das Wasser verdampft. Und wenn das geschehen ist, unterscheidet sich ein angebranntes Essen im normalen Topf nicht mehr von dem im Schnellkochtopf. Dann ist ja auch der Druck weg. Es dauert ein paar Minuten, und dann beginnt das Hütchen wild zu tanzen. Der Dampf entweicht. Ich kümmere mich lieber um mein Gepäck. Das wäre wohl eine Anmaßung, wenn ich jetzt eigenmächtig nur aufgrund meiner Erfahrungen handeln würde.
Als Isabelle aus dem Ort zurückkehrt, weiß sie, dass sie früher hätte kommen sollen. Sie erklärt mir – auf Deutsch! –, dass sie keine gute Köchin sei und das Essen verbrannt hätte. Na ja. Kann mal vorkommen. Vom Fleisch ist noch was zu retten. Zuweilen wird es ja sogar über offener Flamme gegart.
Nach dem Essen fahre ich los. Draußen ist eine Affenhitze. Vielleicht hat Isabelle Recht. Jedenfalls geht es voran wie schlecht geölt, obwohl ich natürlich keinen Hunger habe. Selbstverständlich geht es so leichter voran als mit all dem Gepäck, aber es ist auch ungewohnt, vorn kein »beruhigendes« Gepäck zu haben. Der Lenker folgt jetzt jedem noch so kleinen Tipp, anstatt sich gemächlich auf die eigentliche Fahrtrichtung auszurichten. Und natürlich muss man schon zur Kenntnis nehmen, dass die Erleichterung vielleicht 20 Prozent beträgt, nicht etwa viel mehr. Das Fahrrad und ich bleiben nach wie vor. Auf den hinteren Gepäckträger habe ich meinen Atlas geklemmt, verpackt in seine bewährte Tüte. Außerdem findet sich darin noch das Werkzeug für eine Reifenpanne. Mehr darf nicht passieren.
Dass es nicht so recht vorangeht, liegt auch daran, dass das Tal bei Mussy, das ich zuerst durchqueren muss und über das der Viadukt führt, doch relativ niedrig liegt im Vergleich zu den Höhen, die meiner harren. Sind es am Anfang vielleicht gut 350 Meter über dem Meeresspiegel, so liegt die erste Anhöhe zwischen Belmont und Cours-la-Ville schon bei 680 Meter. Das sind an sich Kleinigkeiten, eine Stunde Aufstieg, aber eben nicht heute.
Die Landschaft ist dabei schön. Sie erinnert ein wenig an den Thüringer Wald oder das Erzgebirge, und wenn ich mir Mühe geben und hier mehr Zeit verbringen würde, bekäme ich vielleicht auf diesen Höhenzügen heraus, wo welche Wasserscheide verläuft, welche Gewässer sie trennt und wo die abenteuerlichsten Schienenstränge verlaufen. Hinter Cours freue ich mich nach den heftigen Steigungen gleich bei der Ortsausfahrt auf den ersten Wald, weil der mir sogar jetzt bei diesem hohen Sonnenstand Schatten spendet. Nach dem nächsten Höhepunkt bei 755 Metern scheint der Aufstieg erst mal geschafft. Es fährt sich jetzt ganz angenehm. Die Straße folgt glücklicherweise ziemlich konsequent dem Chaos der Höhenlinien, das die Geologie mir hier derzeit bietet. So weiß ich zwar nie genau, wohin die Fahrt geht, aber dafür kann ich mir die Dinge rechts von mir (wo das Tal liegt) aus mindestens zwei Himmelsrichtungen anschauen, manchmal fast rundum.
Kurz vor Ranchal hat der Spaß ein Ende, und es geht wieder bergan. Inzwischen bin ich so langsam zu Kräften gekommen – es scheint für meine Leistungsfähigkeit nicht so sehr darauf anzukommen, nach wie vielen Mahlzeiten oder wie viel Futter ich auf das Rad steige, sondern vielmehr darauf, dass ich meine Warmlaufphase unter möglichst angenehmen Bedingungen absolviere und dafür eine bestimmte Zeit zur Verfügung habe, so ein, zwei Stunden eben. Wenn ich stattdessen in des Tages Mitte Berge zum hors d’œvre nehme, macht’s eben weniger Spaß.
Die nächste Auffahrt führt über den Col de Favardy, den höchsten Punkt der heutigen Reise. Oben mache ich Pause und widme mich der Verpflegung. Ich habe Mühe, einen Sitzplatz zu finden. Zwar liegen da ein paar Fichtenstämme, aber die Borke ist so rau und meine Hose so dünn, dass dieser Sitzplatz bei aller Rustikalität und Natürlichkeit kein Vergnügen bietet. Da bin ich bald wieder im Sattel. Auf der Abfahrt wird es richtiggehend kühl, und je weiter es nach unten geht, desto steiler wird es. Michelin spendiert zwar mehrere Pfeile, aber sie stehen alle vereinzelt. Dass das hier nur maximal neun Prozent Gefälle sind, mag glauben, wer will. Wahrscheinlich hatten sie gerade keine Druckerschwärze mehr. Die Strecke endet so abrupt und steil, dass ich fast Not habe, an der Hauptstraße zum Stehen zu kommen. Ohne nennenswertes Gepäck auf dem Hinterrad hüpft das schon mal bei solcher Verzögerung – und dann bremst es natürlich nicht mehr. Aber das Fahrrad steht, und jetzt stellt sich allmählich die Frage, ob die ausgearbeitete Route angesichts der fortgeschrittenen Zeit durchgeboxt werden sollte. Ich mache nicht lange ’rum und kürze zehn bis 15 Kilometer. – Als ich einem Klappern am Vorderrad nachgehe, muss ich feststellen, dass nun auch der zweite Lowrider an einer Strebe gebrochen ist und nunmehr stärker schwingen wird als bisher. Tragen kann er das Gepäck zwar noch, aber wie lange, das wird sich erweisen.
Nachdem ich die Hauptstraße (die D485) wieder verlassen habe, geht es erneut in die Berge, aber zuerst versuche ich ein paar Zeichen von der Gleisschleife zu erkennen, die hier vorbeiführt. Die Brücke der Bahn über die Bahn (der »TGV« von Mussy) liegt jedoch auf der anderen Seite der Berge. Die werde ich dann vielleicht morgen sehen, wenn es in Richtung St. Etienne nach Süden geht. Der weitere Weg ist sehr schön. Am Rande eines flach ansteigenden Tals führt die sehr ruhige Straße langsam wieder in die Höhe; erst später nimmt der Anstieg etwas zu. Auf zehn Kilometern sind 250 Meter zu bewältigen. Das hält sich durchaus im Rahmen.
Oben angekommen, folgt eine scharfe Linkskurve, und nun bin ich auf direktem Weg »nach Hause«. Der einzige ernsthafte Berg, der jetzt noch kommt, liegt in Mussy selbst. Zwar brauche ich an der großen Kreuzung zwischen Kamm- und Passstraße (und einem weiteren Abzweig) eine Weile, um herauszufinden, wohin ich denn nun rollen darf – denn es geht praktisch in alle Richtungen mehr oder weniger bergab –, aber nachdem das geklärt ist, zögere ich nicht weiter, denn die Schatten werden länger, und ich will ja nicht erst zu nächtlicher Stunde zurückkommen. So war das jedenfalls nicht gedacht.
Die Fahrt bis Chauffailles ist eine Wucht. Die Pfeile, die Michelin vorhin vergessen hat, haben sie hier verschwendet. Welcher Depp macht bloß so viele Fehler?! Ansonsten ist die Karte exzellent, aber was die Steigungsangaben betrifft, reicht sie nur zum Feuermachen. Das Gefälle liegt hier bei vielleicht drei bis vier Prozent. Ich muss sogar nachtreten, wenn ich auf Touren bleiben will. Aber das macht ausgesprochen großen Spaß. Die Landschaft fliegt an mir vorbei, irgendwann kreuze ich wieder »meine« Eisenbahn, und ich bewundere die Straßenbaukünste, die in dieser keineswegs ebenmäßigen Topologie eine so gleichförmig abfallende Straße zuwege gebracht haben. Auf dem Weg nach Mussy komme ich noch einmal an einem Viadukt über ein Seitental vorbei (wahrscheinlich waren von dem großen Viadukt noch ein paar Steine übrig, denn Bauart und Stil sind identisch) und bin kurz darauf wieder bei meinen Gastgebern in Mussy. Einen meiner Montierhebel habe ich unterwegs verloren. Das hatte ich schon während der Fahrt befürchtet, weil die Tüte für den Atlas natürlich eine riesengroße Öffnung hat. Nur Konsequenzen hätte ich noch daraus ziehen müssen. Vielleicht finde ich ihn ja morgen, was aber natürlich davon abhängt, wo ich ihn verloren habe.
So aufregend wird der Abend nicht. Yvan fährt weg – was er genau macht, verstehe ich nicht so richtig –, und dieses Mißverständnis kennzeichnet dann auch die ganze Begegnung: Ich müsste mehr Französisch können, vor allem verstehen, um so etwas wie eine holperige Plauderei auf die Reihe zu kriegen. So herrscht eher Verlegenheit. Na ja, vielleicht im nächsten Jahr oder bei jemandem, der ein bisschen englisch spricht oder gar deutsch. Der Tag endet letztlich so ähnlich wie gestern. Morgen geht’s wieder hinaus in die weite Welt.
29. Mai
Mussy-sous-Dun – D316 – Chauffailles – D485 – Chamelet – D82 – Croix de Thel – Valsonne – D13xD65e – Tarare – D38xD4 – Saint Laurent-de-Chamousset – Sainte Foy l’Argentière – D4xD34 – Chazelles-sur-Lyon – D12 – Saint Galmier – Saint Just-Saint Rambert (136 km)
Am Morgen schnüre ich meine Pakete wie gewohnt, also etwas umfangreicher als noch am Tag zuvor. Heute sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein paar mehr Berge zu bewältigen; es geht weiter in die Welt hinaus, und ich will sehen, dass ich am Morgen nicht so lange trödele. Dann habe ich nämlich nach den ersten 16 Kilometern, die sich kräftemäßig auch in Grenzen halten dürften, eine einigermaßen bequeme Fahrt vor mir. Jene 16 Kilometer sind die letzten von gestern, nur in umgekehrter Richtung. Da kenne ich mich also schon aus. Zuvor verabschiede ich mich aber von meinen Gastgebern und verspreche ihnen, nach meiner Reise ein Lebenszeichen von mir zu geben. Ich weiß nur noch nicht so richtig, wie ich das erzeugen soll. Aber da wird mir schon was einfallen. Zeit zum Überlegen habe ich jetzt ja reichlich.
So schön, wie Abfahrt gestern war, so leicht nimmt sie sich jetzt während der Auffahrt. Wie mit dem Lineal gezogen geht es nach oben. Ich passe auf, ob ich irgendwo den Montierhebel sehe, aber die Chancen stehen denkbar schlecht, und so finde ich auch nichts. Das ist hier zwar noch nicht die letzte Chance, aber nachher komme ich nur noch an einer zwei oder drei Kilometer langen Passage vorbei, die ich gestern auch benutzt hatte. Das ist wohl aussichtslos. Ich werde es verschmerzen, zumal das übrige Equipment noch ausreicht, um mit jeder Reifenpanne fertig zu werden – vorausgesetzt, sie ist nicht so verheerend, dass sie auch mit einem zusätzlichen Hebel nicht mehr in den Griff zu kriegen wäre.
In Übereinstimmung mit allen meinen Erfahrungen und Theorien zu Hangthermiken weht mir der Wind bei der Abfahrt in Richtung Lyon ins Gesicht; es geht aber noch – es bleibt sozusagen eine Abfahrt. Über 25 Kilometer habe ich praktisch eine ideale Warmwerde-Strecke, wie ich sie gestern als wünschenswert beschrieb. Dann ist allerdings Schluss mit lustig. Ich biege rechts ab und komme als erstes unerwarteterweise an eine weitere Kreuzung. Hier weist die Karte nur eine Straße aus, nicht gleich drei. Ich fahre erst mal geradeaus, weil das von der Richtung am ehesten stimmt, allerdings auch dem Leidensweg am ähnlichsten. Die anderen Richtungen schließen Kompromisse mit der Geologie, meine nicht. Es geht »in« den Berg. Dass es nicht steiler wird, ist nur der Tatsache zu verdanken, dass hier ein Bach sein Bett gegraben hat. Meiner Ansicht nach ist er noch nicht lange genug am Werk; denn es ist wirklich sehr steil. Ich habe doch ernste Zweifel daran, dass dies hier nicht mehr als neun Prozent sind. Das alte Lied mit Michelin. Hinzu kommt eine affige Hitze. So sehen also die Vergnügungen eines Aktivurlaubs aus. Aber jeder Meter, den ich hinter mich bringe, ist ein Meter weniger vor bzw. über mir. Und mit dieser Philosophie erreiche ich schließlich das Croix de Thel in gerade mal 650 Meter Höhe. Das gibt noch keinen Eintrag im Guinnesbuch der Rekorde. Verlieren wir keine Worte darüber. Stattdessen setze ich mich an den Waldrand und denke über die Welt im Allgemeinen und über Kartographen und ihre Unfähigkeit im Besonderen nach. Dies ist nicht der letzte Berg heute. Also sollte ich mich nicht mit wehleidiger Rückschau aufhalten. Immerhin bin ich oben und kein bisschen geschwächt. Oder doch? Das wird sich erweisen.
Die Abfahrt nach Valsonne ist dafür umso angenehmer. Die Straße ist sehr schmal und sehr ruhig. Mit einer vernünftigen Gangschaltung könnte ich hier den ganzen Tag ’rauf und ’runterfahren. In Valsonne muss ich mich zwischen dem kürzesten und dem landschaftlich schönen Weg nach Tarare entscheiden. Was für eine Frage! Natürlich nehme ich den schönen. Um ihn zu erreichen, muss ich jedoch erst ein paar Kilometer weiter ins Tal in Richtung St. Clément fahren. Das werde ich dann wohl wieder hinaufklettern müssen. Ach was, die paar Meter. Beim nächsten Abzweig biege ich rechts ab. Kurz darauf gabelt sich die Straße, und ich nehme den rechten, der Beschilderung nach Tarare folgend. Glaube ich jedenfalls. Der Anstieg lässt mich die gerade überstandene Auffahrt rasch vergessen. Die »paar Meter« hinab nach St. Clément reuen mich allerdings rasch. Neun Prozent? Mindestens 14! Es wird so steil, dass ich sogar mal absteige. Aber das ist auch nicht gerade leicht. Also wieder in die Pedale. Ich bewältige den Berg in Serpentinen, von denen die Straßenbauer sicherlich nichts wissen, immer im Zickzack über die Straße. Es ist ein Elend, und so herausragend ist die Landschaft dabei keinesfalls. Als mich ein Auto überholt, verfolge ich sein Motorengeräusch soweit wie möglich, um den weiteren Verlauf und ein mögliches Ende des Anstiegs erahnen zu können. Ich kann es noch sehr lange knattern hören. Das ist kein rechtes Ziel für diese Schinderei. Da müssen andere Motivationen her, Nahziele gewissermaßen. Es bleibt schwer.
Aber auch dieser Anstieg hat irgendwann ein Ende, und als ich dann mal wieder einen Blick auf die Karte mit Hoffnung auf Perspektive werfe, erkenne ich meinen Irrtum. Dies ist eine recht kurze, zwar viel zu flach klassifizierte, aber nicht grün markierte Straße. Ich hätte wohl vorhin dem linken Zweig folgen müssen. Der wäre sicherlich auch flacher gewesen, denn er ist deutlich länger. Habe ich nun also die Beschilderung falsch gelesen? Jetzt ist diese Erörterung ohnehin müßig. Wenn ich das nächste Mal hier vorbei komme, weiß ich Bescheid. – Ortseingang von Tarare. Ah, diese Stadt hat eine Partnergemeinde in Allemagne. Wo liegt das Nest?! In Badenwürtenberg? Ah ja, die besuchen sich wohl nicht allzu oft. Ich ziehe den Kuli heraus und korrigiere drei Fehler. Na gut, von weitem wird das nicht zu sehen sein, aber vielleicht sieht’s ja doch mal jemand. Im Grunde müsste das dann bei der Ausfahrt ja so ähnlich aussehen, aber ich bin ja nicht gekommen, um Städtepartnerschaften zu retten.
Hier sollte ich mir mal ein schattiges Plätzchen suchen und wieder etwas Substanzielles essen. Es wird Zeit. Indes kann ich Runden drehen, wie ich will – es gibt nur geschlossene Läden. Zwar würde kaum ein vernünftiger Mensch bei dieser Hitze freiwillig arbeiten, aber es gibt ja auch unvernünftige, was man schon daran sehen kann, dass ich jetzt unterwegs bin, und dann bleiben noch die Unfreiwilligen. Es dauert einige Zeit, bis ich einen Laden finde. Dann versorge ich mich, suche mir eine Bank, und dort finde ich es für die Dauer meiner Mahlzeit ausgesprochen lauschig.
Ausfahrt: Abseits der Hauptstraße geht es wieder in die Berge. Höher hinaus als bisher heute, aber diesmal nicht so steil, und das allein bestimmt die Tonart der Musik. Je mehr ich an Höhe gewinne, desto angenehmer wird die Landschaft. Bald kann ich die ganze Stadt überblicken, und irgendwann versinken auch die bisherigen Pässe unter mir, allerdings auch in der Ferne im Dunst. Nach wie vor weht ein frisches Lüftchen, und je weiter ich nach oben komme, desto intensiver wird es. Zwar unterstützt mich der Wind nicht gerade, aber ich empfinde ihn auch nicht als Handicap. Als ich schließlich wieder einmal einen Höhepunkt erreiche und mich im Schatten eines einzelnen Baumes zur Stärkung setze, veranstaltet der Wind einen Pauken- und Trommelwirbel mit der Informationstafel neben mir. Wie lange wird die das wohl aushalten? Ein paar Meter neben mir hält eine junge Frau mit ihrem Kleinwagen und macht sich auf den Weg zu einem nahegelegenen Hügel. Nach einer Wanderung sieht das nicht gerade aus. Sie hat nur eine Decke dabei. Vielleicht will sie in der Nachmittagssonne eine längere Arbeitspause verbringen. Das wäre jetzt was! Aber ich verwerfe rasch den Gedanken. Sonnenanbeter bin ich ja nicht gerade. Und außerdem würde mir ohne jede Bewegung bei dieser Bestrahlung sofort der Schweiß ausbrechen, und kein Fahrtwind wäre da, der ihn wegtrocknete. Na gut, an sich ist auch ohne Fahrt genug Wind da. Einerlei. Das würde mir viel zu viel innere Unruhe erzeugen, einfach dazuliegen und nichts zu tun.
Also geht’s nach beendeter Mahlzeit weiter. Die Straße geht nicht immer den direkten Weg nach Süden. Mal mehr nach Südwesten wie jetzt, mal eher nach Südosten wie nach dem nächsten Abzweig. Kurz vor St. Laurent überholt mich ein PKW sehr knapp – und in dem Moment, als die Beifahrertür direkt neben mir ist, schreit mich einer an. Dieses Arschloch! Den müsste man doch direkt aus dem Verkehr ziehen. Aber sie werden wohl nicht freiwillig gegen den nächsten Baum fahren. Ich bin ja auch nicht freiwillig vor lauter Schreck in den Straßengraben gefahren. Aber erschreckt haben sie mich schon. Das war nicht die Situation, wo ich mit knappem Überholen rechnete, denn es herrschte kein Gegenverkehr. Was kann ich in meiner Wut jetzt machen? Einfach auch mal losschreien? Es würde wohl kaum jemanden beeindrucken, denn es ist keiner da. Zwar habe ich das Kennzeichen des Wagens, aber was soll ich damit? Er ist über alle Berge. Oder auch nicht. Der Wagen kommt kurz hinter der nächsten Ortseinfahrt aus einer Seitenstraße heraus. Na, und jetzt? Mit Steinen werfen? Ich habe keine. Er sieht meinen Mittelfinger. Das ist an sich schon etwas leichtsinnig, denn die stärkeren Argumente hat allemal er, aber was soll er jetzt machen? Mich umfahren? Vor aller Augen im Stadtverkehr? Zwar drehe ich mich nicht um, denn das würde mich unsicherer erscheinen lassen, als ich mich tatsächlich fühle, und den Gefallen will ich ihm auf keinen Fall tun, aber zwischen meinem Rücklicht und seinem Kotflügel sind kaum mehr als fünf Meter – so viel ist sicher. Auf spontane Bremsversuche verzichte ich jetzt also lieber. An der nächsten Kreuzung muss ich abbiegen, und seine Richtung scheint das nicht zu sein. Damit bin ich ihn wohl los – bzw. sie, denn es waren ja mehrere Insassen im Wagen. Wer hat wohl jetzt in dieser Szene letztlich das bessere Gefühl gehabt? Wahrscheinlich er. Und wäre das anders gewesen, wenn ich ihn nicht zurückgeärgert hätte? Gewiss nicht. War es also eine gute Idee von mir? Wahrscheinlich auch nicht, aber ich habe das Gefühl, nicht gänzlich passiv geblieben zu sein. Letztlich bin ich der Schwächere, aber einmal angenommen, ich hätte jetzt nur so zum Spaß ein Auto – was wäre dann? Dann könnte ich ihn auch nicht einfach anfahren. Um ihn wirklich zu ärgern, müsste ich wahrscheinlich ein paar scharfe Tetraeder haben, die ich ihm vor die Reifen schütten könnte, solche Dinger, wie ich sie mal in einem Film gesehen habe, wo sie genau dem Zweck dienten, einen Transporter zu stoppen, indem man ihm die Reifen zerlöcherte. Nur: Über die Dinger würden wahrscheinlich auch Unbeteiligte fahren. Aber so ist das im Kampf – man kann ihn kaum ausfechten, ohne dass Unbeteiligte auch etwas abbekommen. Also war die reale Variante vielleicht doch die beste.
Als Ziel strebe ich für heute St. Etienne an. Da wird es langsam Zeit, sich um die Übernachtung zu kümmern. Ich krame meine Adressverzeichnisse heraus. Bei nächster Gelegenheit sollte ich einfach mal anrufen. Das Verzeichnis »Radfahrer empfangen Radfahrer« (CAC) weist für zwei Nachbarstädte von St. Etienne Adressen aus, eine davon beherbergt sogar den Organisator des französischen Verzeichnisses. Das wäre vielleicht auch mal nicht schlecht. Ein erster Anruf von Ste. Foy aus ergibt zunächst mal gar nichts. Also fahren wir doch erst aus dem Tal heraus. Vielleicht sind auf dem Berg die Verbindungen besser. Und bis dahin vergeht auch etwas Zeit. Der normale Mensch geht ja tagsüber an Wochentagen arbeiten. Was erwarte ich also?
Die Auffahrt zieht sich hin. Der Höhenunterschied ist Arbeit für eine Stunde. Oben erreiche ich ein Dorf, und gleich am Ortseingang, hinter einer Kirche, steht eine Telefonzelle. Also, in St. Etienne wird das heute wohl nichts. Versuche ich es also noch einmal in St. Just. Zwar wollte ich ein Stückchen weiter kommen, aber was soll’s, wenn ich dafür vielleicht ein paar nette Gespräche habe? Und tatsächlich – es nimmt jemand ab. Ich stelle mich auf französisch vor, so gut das geht, und frage dann aber angesichts der viel versprechenden Eintragungen im Adressverzeichnis nach, ob mein Gegenüber auch englisch spricht. Er, Julien Launay, tut es, und sogleich funktioniert die Konversation viel flüssiger. Ja, ich könne heute Abend kommen. Da gäbe es nur ein Problem: Er selbst sei mit seiner Freundin zu Freunden eingeladen und werde wohl erst sehr spät zurückkehren. Wenn ich wolle, könne ich mit zu den Freunden kommen. Hm, ja, warum nicht, aber es dauert noch eine Weile, bis ich da bin. Das sind immerhin noch etwa 30 Kilometer, und nein, in einer Stunde ist das beim besten Willen nicht zu schaffen. Also gut, dann ruf, sobald Du da bist, folgende Nummer an. Er sagt mir die Nummer. Wir verabschieden uns bis auf weiteres. Also, jetzt habe ich ja ein Ziel. Folglich ändere ich meine Route, was zur Folge hat, dass ich nach zehn Kilometern die grün markierten Straßen verlasse. Die Fahrt führt ganz allmählich in die Ebene hinab, dorthin, wo irgendwo und irgendwann die Loire kommen muss. Das ist ja immerhin ein Fluss nicht gänzlich ohne Bedeutung. Verpassen sollte ich das nicht.
Die weitere Fahrt ist nicht spektakulär. Ich gerate ein wenig in den Feierabendverkehr, aber es läuft nichts ab, was mich beunruhigen, erregen oder gar erschrecken könnte. Niemand verliert die Ruhe, also warum sollte ich? Und auf diese Weise lande ich schließlich auch in diesem Konglomerat, das sich St. Just-St. Rambert nennt. Ich irre durch die Stadt, bis ich den vereinbarten Platz finde, hinter einer Eisenbahnbrücke, gegenüber einem Supermarkt und in der Nähe eines Friedhofes. Hier muss das wohl sein. Ich verkrieche mich erneut in einer Telefonzelle und rufe an. Ja, ich komme und hole Dich ab. Derweil esse ich mal wieder. Zehn Minuten später fährt ein staubiger Wagen vor, und mein Gastgeber, ein Mann Anfang 30, steigt aus. Wir verständigen uns darauf, dass ich ihm einfach hinterherfahre. Über Stock und Stein, unmöglich zu finden, finde ich mich schließlich abseits aller Straßenschilder und Hausnummern vor einem Haus wieder, das er sein eigen nennt und in dem er mit seiner Freundin Bernadette wohnt. Sie ist noch auf der »Party«, also jedenfalls bei diesen Freunden. Ich packe aus, dusche mich rasch, ziehe mich etwas frischer an, steige wieder in sein Auto, und dann braust er los. Man kann nicht gerade sagen, dass er rast, aber das Fahrwerk hat auf der schlechten Straße extrem zu leiden, denn als angepasst kann sein Tempo auch nicht gelten. Wenige Minuten später sind wir da. An einem Hang stehen einige neue Häuser, durchaus Mittelstand repräsentierend…, jungen Mittelstand, denn die Gegend will erst noch wieder mit Bäumen bepflanzt werden, und bis die Schatten spenden, sind die Kinder alle aus dem Gröbsten ’raus – auch die, die erst noch gezeugt werden, um die Familie zu vervollständigen. Hier hat sich heute Abend die Elterngeneration getroffen, und man speist zu Abend. Es gibt Wildschwein. Das meiste ist allerdings bereits aufgeteilt, aber ich bin ja nicht hergekommen, um mir hier als Wildfremder den Bauch vollzuschlagen, sondern um vielleicht das eine oder andere Wort zu verstehen. Na ja, und so kommt es dann leider auch: Nur das eine oder andere. Nach einer Vorstellungsrunde nehmen die Gespräche ihren Fortgang, und ich begnüge mich damit, Gestik, Mimik und Temperament vor allem eines der Männer zu verfolgen und zu bewundern – so reden junge Franzosen, wenn sie jemanden überzeugen wollen und es ihnen dann auch gelingt, oder wenn sie unterhalten wollen und sie auch dies schaffen. Worum es geht, kann ich nur ahnen, und das ist auch wirklich nicht wichtig. Was mir zunehmend wichtiger wird, ist die nächtliche Kühle. Nachdem die Sonne im Westen über den beachtlichen Höhenzügen des Zentralmassivs glutrot untergegangen ist, tröstet noch eine Weile die Dämmerung, aber als die dann schließlich auch ausgeknipst ist, wird es richtiggehend kühl. Und ich Depp habe meine langen Hosen gegen kurze, mein langes Hemd gegen ein kurzes eingetauscht, und jetzt bin ich in diesem Aufzug nicht nur der einzige, nordisch scheinbar Frostsichere, sondern bewege mich auch noch kein bisschen, und dabei sind Pulsschlag 145 und Blutdruck 160 doch das, was mich schon seit Tagen begleitet und normal für mich ist. Der Kreislauf muss doch jetzt förmlich in konzertierter Aktion aller äußeren Einflüsse zum Stillstand kommen! Nach anderthalb Stunden, als – freilich fürs Abräumen des Tisches – eine Frau ins Haus geht, folge ich ihr einfach mit einer Schüssel in den Armen, um einen Grund zu haben, ein paar Minuten im wärmenden Haus verbringen zu können. Ich komme mit der Frau auf Englisch ein wenig ins Gespräch. Na bitte, was man dann auf einmal alles erfährt!
Gegen Mitternacht brechen wir zu dritt wieder auf. Wäre er nicht so kalt gewesen, hätte es ein richtig netter Abend werden können. Aber das war ja nun meine Schuld. Zu Hause angekommen, wird mir der Arbeitsraum (mit Büroausstattung, vielen Fotos von Kanadareisen und einigen Büchern) zur Schlafstatt angewiesen. Jetzt ist Schlafen angesagt. Ich sehe mich noch ein bisschen um, bevor ich mich im Schlafsack verkrieche. Da fällt mein Blick auf einen Bildband: La Tour du Monde. Mal gucken… Ist nicht wahr! Ein französisches Ehepaar mit dem Fahrrad um die Welt, in 17 Jahren, durch -zig Länder aller Kontinente, mit so und so vielen Pannen, Ersatzteilen für Lenker, Felgen, Reifen, Speichen etc. etc. Ich versinke in dem Buch, das mehr Bilder als Text enthält. Dagegen sind meine Reisehärten doch wirklich Kinderkram. Die letzten fünf Jahre haben sie noch ein Kind durch Nord- und Südamerika gezogen, dann noch durch Afrika, um kurz vor seiner Einschulung wieder Frankreich zu erreichen. Das ist ja der Hammer… Es ist sehr früh, als ich das Buch ins Regal zurückstelle und im Schlafsack verschwinde. Das wird eine kurze Nacht!
30. Mai
Saint Just-Saint Rambert – D8 – Saint Etienne – le Bessat – D8xD2 – Bourg Argental – D503xD501xD61 – Dunières – D61xD501 – Montfaucon-en-Velay – D105xN88xD103 – Larcenac (139 km)
Es sei denn, man steht später auf. So geschieht es, und als ich wach werde, habe ich den Eindruck, dass ich sogar der erste bin, der im Haus wach ist, aber es ist ja immerhin auch Sonntag. Nun, im Grunde könnte ich mich dann also noch einmal umdrehen, weil ich nach Möglichkeit weder ohne Abschied noch »ungefrühstückt« das Haus verlassen will, wobei letzteres nicht so ein Drama wäre, weil das bürgerliche Frühstück unter den jetzigen Umständen ohnehin nur etwas für den hohlen Zahn ist. Ich ziehe es aber vor, mich schon mal so weit fertig zu machen, wie das ohne Frühstück möglich ist, damit sich meine Abreise dann nicht weiter verzögert. Aus der Waschmaschine hole ich meine Hose – das ist doch etwas Reales, jetzt mal wieder klebemittelfrei bekleidet zu sein –, mein Schlafsack wird zusammengerollt und verstaut, und während ich die letzten Handgriffe dabei tue, sind Anzeichen weiteren wachen Lebens im Haus zu vernehmen. Na gut, wenn ich mich jetzt noch müde fühle und noch kein Essen auf dem Tisch steht, könnte ich mich ja einfach noch mal auf den Boden legen. Ich blättere stattdessen erneut in dem Buch über die Weltreise. Das macht schon Eindruck. Aber ich werd’s wohl nicht nachmachen.
Bald darauf versammeln wir uns zu dritt in der Wohnküche – zum bürgerlichen Frühstück. Wir unterhalten uns ein bisschen über die Kanadareise der beiden, über den französischen Dachgeber, über meine weiteren Reisepläne, aber das ist immer so eine Sache. Wenn ich Franzosen erzähle, durch welche Orte die Reise noch gehen wird, könnten sie meinen, ich führe durch ein anderes Land, weil sie die Ortsnamen aufgrund meiner falschen Aussprache nicht verstehen. Und am zehnten Tag einer Reise, wo gerade mal etwa 20 Prozent der gesamten Strecke mit dem eher weniger anspruchsvollen Teil der Fahrt absolviert sind, möchte ich auch keine Luftschlösser aufbauen. In Albertville könnte ich vielleicht locker darüber plaudern, dass ich plane, mein Gefährt und mich demnächst nach Deutschland ausrollen zu lassen und vorher noch über drei, vier nette Pässe fahren müsse, wenn ich vorher glaubhaft machen kann, dass ich schon einige Tausend Kilometer hinter mir habe. Aber hier – gut, 1000 sind es inzwischen auch, aber soweit haben es schon viele gebracht. Bald beginnt die Phase, die Stehvermögen verlangt, und die liegt noch vor mir. Da bleibe ich doch lieber verhalten mit meinen Ankündigungen und Absichtserklärungen.
Spät geht die Fahrt los. Ich muss jetzt erst mal wieder auf den rechten Weg zurückfinden; denn St. Just lag abseits meiner Route. Ich habe St. Etienne vor mir, und es sieht nicht so aus, als führe daran ein Weg vorbei. Nun, warum nicht, wenn wenigstens einer direkt hineinführt.
Zunächst mal muss ich aus dem Loiretal wieder heraus. Ich kann jetzt gar nicht mit Sicherheit sagen, ob ich sie eigentlich gesehen habe, aber ich denke, ja. Einen Fluss habe ich überquert, vielleicht auch zwei; allein – sie waren nicht annähernd so gewaltig wie der Gedanke, den ich in Deutschland zu entwickeln pflegte, wenn die Rede auf die Loire kam. Aber klar ist auch, dass jeder Strom irgendwo seine Quelle hat und in deren Nähe meist nicht so bedeutend erscheint. Und von der Mündung sind wir hier jedenfalls noch ein ganzes Stück entfernt. – Die direkte Fahrt hinein ins Herz der Metropole gestaltet sich indes als nicht so einfach wie gedacht. Vierspurige Straßen führen hinein, so scheint es jedenfalls nach dem Studium der Karte, aber das ist erstens ganz allgemein nicht so die Welt, und zweitens ist es womöglich auch noch für Radfahrer gesperrt. Kann ja sein. Im Moment bin ich noch in der Phase der Annäherung, und das geht ganz gut, auch wenn ich das Gefühl habe, dass die Straße irgendwie östlich abzudriften droht, vorbei an der Stadt und letztlich entweder überhaupt nicht oder an der falschen Stelle in die Berge. – Ein paar Radfahrer überholen mich. Rennräder, bunte Trikots, gebeugte Rücken, drahtige Körper, eine Frau und vier Männer surren an mir vorbei, ohne Atem und Lust zu einem Gruß. Es ist schrecklich! Müssen die eigentlich international solche Stoffel sein? Oder sind sie es nur gegenüber den geradezu antitrendigen Reiseradlern oder weil die so vergleichsweise langsam sind und betrachtet aus der Höhe sportlichen Ehrgeizes eigentlich Verachtung verdient haben?
Die Eroberung der Stadt wird dann tatsächlich ein bisschen zu einer Fahrt im Labyrinth. Da kommt mir zupaß, dass sie auf hügeligem Land erbaut wurde und von der einen oder anderen Anhöhe einen Blick erlaubt, der der Orientierung dienen kann. Es dauert eine Weile, bis ich richtig »drin« bin, und dann dauert es wieder eine Weile, bis ich die richtige Ausfahrt gefunden habe. Vorher besuche ich noch eine Boulangerie und kaufe mir Baguettes und ein Ökobrot und lasse es mir noch einmal richtig gut gehen, bevor die lange Auffahrt in die Berge kommt. Ein Blick auf die Uhr: Es ist eine Schande! Mittag ist vorbei, und ich habe gerade mal lächerliche 25 oder 30 Kilometer hinter mir. Das werden heute keine Meilensteine.
Obwohl die Stunde nicht die günstigste zum Bäume ausreißen ist, obwohl der Höhenunterschied aber durchaus ein wenig daran erinnert, und obwohl auf der Route recht lebhafter Verkehr herrscht, mache ich mich schließlich unverdrossen an die Arbeit, und es macht Spaß. Die Landschaft ist wirklich sehenswert, und wenn sich der Verkehr hinter mir rücksichtsvoll staut, weil der Gegenverkehr hinter einer Kurve nicht einsehbar ist, dann winke ich die Fahrzeuge vorbei, sobald ich jedenfalls sehen kann, dass ein Überholen gefahrlos möglich ist. St. Etienne ist schon nach kurzer Zeit meinen Blicken entschwunden, eine Aussicht aus großer Höhe ist auf dieser Route nicht möglich. Na ja, muss ja vielleicht auch nicht sein.
Auf 1200 Metern Höhe findet ein Markt statt. Händler haben auf einer Parkspur ihre Buden aufgebaut und verkaufen dort Dinge, von denen ich eigentlich annehmen möchte, dass man derentwegen wochentags nicht so weit fahren muss und sie auch unbedenklich auf Vorrat kaufen kann – Käse zum Beispiel. Möglicherweise handelt es sich hier eher um ein Weekend-Happening, um Shopping, wie wir so schön neudeutsch sagen, also einfach um das Erlebnis, heute und hier einkaufen zu können, egal, was es ist. Etwas abseits des größten Händlerhaufens setze ich mich hin, um mich nach dem Aufstieg zu stärken. Zwei deutsche Pilgerinnen tun es mir gleich. Sie sind zu Fuß unterwegs, wobei offen bleibt, ob sie gelegentlich auch trampen, aber sie haben jedenfalls noch einen weiten Weg vor sich, wollen nach Santiago de Compostella – oder so ähnlich, jedenfalls irgendwohin in Spanien, und das ist in der Tat noch ein weiter Weg.
In le Bessat erfahre ich in einem Fahrradladen, wo sich die nächste trinkbare Quelle befindet, muss zwar ein wenig suchen, werde schließlich aber fündig. Wenn ich mir den Laden so angucke, und wenn ich mich daran erinnere, was ich insgesamt so an Fahrradläden bisher gesehen habe, dann fällt mir auf, wie stark sich die Händler auf Rennräder und ziemlich teure Ausrüstungen verlegt haben. Das Radfahren scheint in Frankreich nicht nur ein populärer Rennsport zu sein, sondern darüber hinaus substanziell zum Bruttosozialprodukt beizutragen. Da entstehen echte Kosten. Ich finde mich daran gemessen eher auf einem Billigtrip. Aber das gilt ja nicht nur für meine Ausrüstung, sondern für den ganzen Stil meiner Reise. Da bin ich mir wenigstens treu.
Mein Tretlager wäre an sich auch ein Fall für einen Fahrradhändler. Es knackt bei jeder Umdrehung – nicht laut, aber vernehmlich… und vor allem lästig. Ich vermute, das liegt daran, dass die Größe nicht hundertprozentig mit der des kurz vor Antritt der Reise ’rausgeworfenen übereinstimmt, und jetzt ist ein kleines Spiel zwischen dem Außengewinde der Lagerverschraubung und dem Rahmengewinde, und unter dem EinFluss der Kletterkräfte hat sich das bis zu einem mechanisch relevanten Spiel erweitert. Und nun spüre und höre ich es. Ich hasse solche Effekte! Aber was soll ich tun? Wenn ich jetzt hier in den Laden ’reingehe, ist nur sicher, dass ich eine Menge Geld loswerde. Ich werde dem Menschen nur schwer begreiflich machen können, was mein Problem ist. Dann wird er nur mit geringer Wahrscheinlichkeit sagen können, was ich anstelle dessen, was ich habe, brauche, solange das jetzige Lager eingebaut ist, und wenn ich richtig Pech habe, würgen wir das aktuelle Teil unter irreversibler Beschädigung aus dem Rahmen heraus, um festzustellen, dass das benötigte Teil nicht vorrätig ist. Und dann stehe ich erst noch auf dem Schlauch! Wobei bei dem Rahmen aus der Schweiz und dem, was Heiner in Erlangen über die französische Gewinde gemurmelt hat, die Chancen wiederum nicht so schlecht stehen, in diesem Land grundsätzlich etwas Passendes zu finden. Aber kann ich davon ausgehen, dass der Rennradmarkt überwiegend inländisch bedient wird (und dementsprechende Gewinde hat)? Und schließlich würde mir möglicherweise ein Hightech-Teil angedreht werden (nicht notwendigerweise aus Gewinnsucht, sondern weil der Mann vermutlich schlicht nichts anderes hat), das ein Mehrfaches dessen kostet, was ich in Deutschland nach sorgfältiger Suche für das absolut Notwendige bezahlen müsste. Wie dem auch sei, diesen Gedanken spinne ich lieber nicht weiter. Das muss eben einfach gehen. Aber die Erörterungen zur Technik lassen sich ausweiten. Der Reifen auf dem Hinterrad macht einen ziemlich erledigten Eindruck. Gut, das wusste ich im Prinzip schon in Erlangen, aber die letzten zehn Tage haben die Spuren vertieft, den Pneu weiter verdünnt oder besser: abgenutzt, und jetzt macht er schon fast einen kriminellen Eindruck. An der einen oder anderen Stelle wird bereits das Gewebe sichtbar. So was wäre im Stadtverkehr schon x-mal dem Glas oder sonstigen scharfen Dingen auf dem Radweg zum Opfer gefallen. Aber zumindest solche Gefahren existieren auf der Landstraße eher selten, weil da vom Kraftverkehr alles in kürzester Zeit vom Asphalt gefegt wird, und das ist der ganze und einzige Grund dafür, warum man ausgerechnet für große Reisen alte Reifen aufziehen kann – man muss nur genügend davon dabei haben. Ich fahre nach wie vor einen Ersatzreifen spazieren, und vorerst zögere ich noch, ihn einzusetzen, denn dann ist diese Kategorie von Ersatzteilen erschöpft.
Nach diesem Höhepunkt geht es nun wieder etwas bergab, und ich stehe jetzt vor der Entscheidung, ob ich hier vielleicht ein paar Kilometer, auch ein paar Höhenmeter zugegebenermaßen, einsparen könnte. Im Grunde liege ich zwar gut im Rennen, nur treibt mich ein wenig der Gedanke um, dass Rundtouren wie die von vorgestern ja nicht geplant waren, und wenn sich nun noch weitere Doppelübernachtungen bei Servas-Dachgebern ergeben, dann wird es zusätzliche Verzögerungen oder/und Ausweitungen der Reise gegeben, die nicht geplant waren. Nichts gegen Spontaneität, im Grunde ist es ja genau das, was ich versuche und auch ursprünglich im Sinn gehabt habe, aber es wäre mir unangenehm, womöglich das eine oder andere geplante Highlight der Route solchen Unternehmungen opfern zu müssen. Ich habe mir pro Tag etwa 20 Kilometer Reserve gelassen, und die will ich gerne für so was aufzehren, aber wenn’s mehr wird, muss ich über das Normale hinaus fahren, und dann wird die Reise ganz leicht doch zur Hetzjagd. Das hätte ich ganz gern voll unter Kontrolle – und darum diese Überlegungen. Also gut, kürzen wir ab, lassen wir St. Julien aus, was immer ich dabei verpasse. Die alternative Abfahrt ist jedenfalls sehr schön und schier endlos lang, und weitere Aufstiege bleiben mir damit keinesfalls vollständig erspart. In der schönsten Nachmittagshitze erreiche ich Bourg Argental, und von dort geht es zunächst leicht an die nächste Höhe. Sechs, sieben Kilometer später hat die Spielerei ein Ende, und dann ist erneut Substanz gefragt. Allerdings haut es mich nicht um. Die Auffahrt kostet halt nur Zeit. Ich fahre an einem Schwimmbad vorbei, und da das bei diesem Wetter und solcher Anstrengung leicht demoralisierend wirken kann, halte ich mir vor Augen, dass mich ein Abstecher ins Bad dem Pass keinen Meter näher bringt, dass nach einer wie auch immer gearteten Erfrischung jeglicher Kühleffekt hinüber ist, sobald ich zwei Minuten wieder im Sattel sitze und dass, was das Wichtigste ist, dort ein solcher Betrieb ist, dass einfach mal in Ruhe zwei, drei Bahnen zu ziehen schlicht illusionär wäre. Mit anderen Worten: Die Trauben sind mir doch viel zu sauer.
Weiter geht’s. Nach der Abfahrt verbringe ich einige Zeit in Dunières. Das war an sich nicht meine Absicht, aber hier wollte ich eine kleine Schleife fahren, also vielleicht eher eine Beule, um mich ein paar »gemütliche« Kilometer lang von einer Eisenbahnstrecke begleiten zu lassen (was ja nicht so steil werden kann), auch ist diese Strecke wieder grün markiert – nur: Die Beule lässt sich nicht so leicht finden. Nun könnte man in einer Ortschaft zu ebener Erde praktisch beliebig hin und her und im Kreis fahren, ohne viel Schweiß mit dem Auffinden der korrekten Ausfahrt zu vergießen. Dunières allerdings liegt mitnichten in der Ebene. Und so fahre ich den Hang hinunter, wieder hinauf, erneut hinunter und diesmal noch ein Stück weiter, dann noch einmal hinauf. Es lebe der Sport! Irgendwann resigniere ich und fahre die nächstbeste Strecke hinaus – um dann nach einigen Kilometern festzustellen, dass es genau die gewünschte Straße ist. Und wo verläuft dann die Hauptstraße, auf der ich vorher unterwegs war? Na ja, ist nicht so wichtig. Die Eisenbahnstrecke neben der Straße macht jedenfalls einen abenteuerlichen Eindruck. Die Gleise sehen fast aus wie einfach auf den Acker geworfen – na gut, das ist wohl etwas übertrieben, aber die Stöße verbinden keinesfalls fluchtende Gleisstücke, so dass sicherlich kein so enormes Tempo erforderlich ist, um einen Zug zum Entgleisen, wenn nicht gleich Umkippen zu bringen. Es kommt allerdings kein Zug, schon gar kein schneller, und ich frage mich, ob hier überhaupt noch etwas verkehrt.
Auf der Strecke kriege ich noch eine imposante Brücke über einen nicht minder imposanten Fluss zu sehen, und zum späten Nachmittag hin wird die Landschaft immer romantischer, weil die Härte der Tageshitze und der großen Berge wegfällt, der Ginster an allen Ecken und Enden akzentuierte Farbtupfer setzt und die meisten Landschaftsdetails eine deutliche Spur kleiner werden, überschaubarer, vielleicht sogar ein wenig gemütlicher.
Ich nähere mit Yssingeaux, fahre aber letztlich daran vorbei, und die Frage, die mich jetzt bewegt, ist die, ob ich heute noch le Puy erreiche. Ich will mich an die Stadt über das Loiretal annähern, muss also (und bin wegen des starken Verkehrs auch froh drum) die Hauptstraße verlassen und fahre dazu in Richtung Retournac. Obwohl nahe liegend, ist dies keineswegs eine durchweg abschüssige Angelegenheit. Ich darf noch mal kneten, aber als der Fluss dann erreicht ist, scheint dieses Thema für heute gegessen zu sein. Das Loiretal macht was her. Es ist schon ein relativ tiefer Einschnitt in das umliegende Bergland, keine Frage, und die inzwischen tief gesunkene Sonne erhöht die Romantik um die Dörfer beiderseits des Flusses, eine Eisenbahnlinie, eine Straße, mal diesseits, mal jenseits des Wassers und natürlich die eine oder andere Stauung.
Dass es jetzt nur noch gemütlich ganz leicht aufwärts zur Quelle gehen würde, stellt sich schnell als Irrtum heraus. Keineswegs folgt die Straße ohne eigenen Willen jeder Krümmung des Flusses, sondern macht sich auf in die Berge, und ich kann noch von Glück reden, dass es nicht ganz hinauf geht, vor allem, dass die Eskapaden bald ein Ende haben und mich nun nicht bis nach le Puy begleiten. Das würde erheblich Kraft kosten, vor allem unerwarteterweise. Eine realistische Abschätzung ergibt, dass nach den 36 Kilometern neben der Loire finstere Nacht ist, und die Frage, ob ich das schaffe, ist nicht so relevant wie die, ob ich das will. Die Antwort ist, dass ich nach Möglichkeit gut unterkommen will. Und das erweist sich als ein Problem. Mal scheitere ich tatsächlich erst, nachdem ich die Frage gestellt oder auch nur neugierig einen Hof betrachtet habe, der so aussieht, als gäbe es dort Zimmer – in den meisten Fällen stehe ich jedoch nur vor einem Restaurant oder einer Wirtschaft und stelle Betrachtungen über die Kosten einerseits und die Geräuschkulisse andererseits an (wozu mich rauschende Partys im Gastraum bewegen und die Überlegung, die eventuell noch freien Schlafräume könnten genau darüber liegen, was zum Schlafen weniger zielführend wäre). Letztlich ist das irgendwie alles nichts, auch sonst ist in den Ortschaften kein Fleckchen erkennbar, das ich für geeignet hielte, dort mein müdes Haupt zu betten, und so fahre ich eben immer weiter. Einen Sportplatz schaue ich mir an, jedenfalls einen Flachbau daneben – alles zu; auch ein einzeln stehendes Haus, fast schon ein Châlet, aber das wiederum sieht nicht genügend unbewohnt aus. Alles nichts. Weiter geht’s. Schließlich reicht es mir: Ich biege rechts von der Hauptstraße ab, fahre unter einer Eisenbahnbrücke hindurch auf eine ungemähte Wiese, breite Isomatte und Schlafsack aus und schlafe dort wie früher die armen Handwerksburschen auf Wanderschaft (nur dass die keine so fortschrittliche Ausrüstung wie ich hatten), jedenfalls komplett unter freiem Himmel. Regnen sollte es also besser nicht, aber das wird schon nicht passieren.
31. Mai
Larcenac – D103xD136xD13xN102 – Le Puy – N102 – Polignac – D13 – Saint Paulien – D906 – Bellevue-la-Montagne – D1 – Craponne-sur-Arzon – D9xD202xD111xD251 – Saint Just – D251xD205xD38 – Ambert – D906 – Courpière – D58 – Saint Dier-d’Auvergne – Mauzun – D997xD306 – Egliseneuve-près-Billom (156 km)
Der Morgen ist unerquicklich. Zwar hat es nicht geregnet, aber trotzdem ist alles feucht: Der Schlafsack vom Morgentau – glücklicherweise ist die Nässe nicht durchgedrungen – und meine Beine vom Schweiß – und der klebt auch noch. Da gebe ich mich nicht lange Tagträumen hin. Raus aus dem Sack! Ups, da kommt gerade ein Zug vorbei. Aber egal, ich stehe ja nicht splitternackt auf der Wiese. Rasch ziehe ich mir Hemd, Hose und Schuhe an, und nun kann’s eigentlich losgehen, aber ein kleines Frühstück wäre vielleicht kein Fehler.
Bei dieser Gelegenheit wird der Honig alle. Das wird auch Zeit. Irgendwie ist Honig nicht der Joint, der mich die Berge hinaufbringt. Er ist mir, so paradox das vielleicht klingen mag, zu süß. Schokolade ist mir lieber, auch wenn sich deren Fett dem Körper sicherlich nicht so leicht erschließt wie Zucker. Trotzdem hat der Honig in den letzten Tagen nicht gerade wie ein Dopingmittel gewirkt; irgendwie zeige ich Schwächen. Aber ich werde halt älter. Daran wird’s wohl liegen… Du lieber Himmel! Sollte ich vielleicht schon mal Kontakt zur Firma Denk aufnehmen? Und meinen Nachlaß regeln?
Schon nach den ersten Metern fällt mir wieder ein, dass mein Hintern und der Sattel keine Freunde sind. Also, es kann doch nicht sein, dass der Sattel schon wieder so weit durchgesessen ist, dass ich jetzt erneut auf dem Stahl sitze! (100 oder 200 Kilometer hinter den Vogesen hatte ich nach längeren ähnlichen Leiden auf einmal die Eingebung, einen Blick unter das Leder zu werfen, und nach ein paar Handgriffen saß es sich wesentlich gefederter als zuvor – aber das liegt inzwischen wieder eine beachtliche Strecke zurück.) Aber was ist es dann? Geht das Fahren neuerdings nur in Jeans? Oder mit drei dicken Unterhosen? Oder ist der Sitzspeck schon restlos weggeschmolzen? Das muss bei so viel Arbeit doch möglich sein, ohne danach gleich die Reise einstellen zu müssen. Wieder einmal kommen mir Zweifel daran, dass der Brooks-Sattel wirklich das optimale Sitzmöbel auf zwei Rädern ist. Er hat zwar eine schöne Federung, aber weich ist er weiß Gott nicht, im Gegenteil: eher hart wie ein Stück Holz. Ich habe den Verdacht, dass die Anpassungsfähigkeit des Leders doch nicht so groß ist wie in der Werbung angepriesen. Hoffentlich gibt sich das bald wieder, sonst wird es ein lustiges Reisen.
Le Puy kommt näher. Allerdings biege ich zwei oder drei Kilometer vorher rechts ab, praktisch auf eine Baustelle. Ich fahre also praktisch an der Stadt vorbei. Wenn ich jetzt noch wüsste, was ich hier eigentlich wollte… Das ist nämlich ein Problem beim Abfahren einer blanken Route: Entweder ich finde gut oder schön oder interessant, was ich entlang der Strecke so sehe, oder eben nicht. Sollte mir beim Durchstöbern der Prospekte zum Beispiel ein Weinkeller interessant erschienen sein, so werde ich den nicht zu Gesicht bekommen, weil mein Routenblatt keinerlei Zusatzinformationen enthält. Trotzdem ist er auf der Reise mein Stecken und Stab; denn ohne ihn kann ich nur noch wild durch die Botanik geistern – ohne eine Spur von Gewissheit, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein. Die paar kopierten Blätter aus dem Fahrradreiseführer enthalten da mehr Informationen, aber noch bin ich nicht in Südostfrankreich, so dass ich von diesem Vorteil derzeit nicht profitieren kann. Also, das war sicherlich ein Mangel in der Planung, den ich künftig vermeiden sollte. Die einzige Lösung besteht momentan in Zufällen (also beispielsweise einem genügend großen Schild, das auf einen exzeptionellen Weinkeller optisch so überzeugend hinweist, dass mir das als Motivation genügt) oder in der Erinnerung an den eigentlichen Grund für diesen Schnörkel in der Route. Aber letzteres ist eine schwache Hoffnung, denn die Bildbände, die ich während der Auswahl der Ziele durchblätterte, waren so rasch abgehandelt und wieder in der Bibliothek, dass ich mir da kaum etwas gemerkt haben dürfte.
So viel weiß ich aber sicher, und das weist sogar mein magisches DIN-A4-Blatt aus (aber nur, weil es außerdem noch auf der Karte verzeichnet ist): Hier soll es irgendwo Basaltfelsen geben, die als Orgelpfeifen bezeichnet werden, weil sie senkrecht und sechseckig im Querschnitt (formschlüssig) nebeneinander in erstaunlich exakter Gleichmäßigkeit und beachtlicher Anzahl emporragen. Außerdem ist die Festung Polignac ausgewiesen, eine Burgruine auf hohem Felssockel. Diese Ziele werde ich also nicht vergessen, und Polignac wird schon bald rechts vor mir sichtbar. Zuerst will ich aber zu den Orgelpfeifen, denn die liegen südlicher, und letztlich geht es heute wieder nach Norden, genauer: nach Nordwesten. Bei dieser Gelegenheit komme ich durch le Puy, und vielleicht fällt mir dort auf, was mich interessieren sollte. Also kehre ich Polignac vorerst den Rücken und halte wieder direkt auf die Stadt zu.
Und tatsächlich: Als ich von oben in einen der besseren Stadtteile einrolle, breitet sich links von mir die ganze erstaunliche innerstädtische Topographie aus. Und was Besonders auffällt, war auch mein Motiv für die Reise hier her: Eine Kirche auf einem kleinen, hohen Berg, in seiner Form am besten mit einem Zuckerhut vergleichbar. Man darf sich also fragen, wie die Bauleute vor vielen Jahren das Baumaterial auf die Spitze dieses Berges gebracht haben, der möglicherweise wie so vieles hier vulkanischen Ursprungs ist. Die Kirche – oder Kapelle – bedeckt dabei so ziemlich die gesamte einigermaßen flache Oberfläche, ist aber wesentlich kleiner, d.h. niedriger, als der Berg selbst hoch ist. Sie ist sozusagen das Häubchen auf einem viel größeren Kuchen, und ich frage mich, ob sie ausschließlich zur Ehre Gottes oder auch zur Einkehr der Gläubigen erbaut worden ist, was quasi einer Büßerfahrt gleichkommen musste. Andernorts scheuen Touristen den Aufstieg in den Glockenturm, und hier muss schon bis zum Parterre des Gotteshauses eine wesentlich größere Höhe überwunden werden. Ich werde jetzt nicht dort hinunterfahren, um meine Kletterkünste zu erproben. Am Ende gibt es keinen oder keinen gerade geöffneten Weg nach oben – dann kann ich mich unverrichteterdinge wieder aus dem Tal strampeln. Nein, viel einfacher ist es doch, von hier aus ein Foto zu machen. Das ist leichter gesagt als getan. Es liegt nämlich ein Schleier über der Stadt, und als ich durch den Sucher blicke, stelle ich außerdem fest, dass der Berg aus dieser Entfernung samt Kirche eher unscheinbar wirkt. Also krame ich meinen Konverter heraus, aber das macht die Sache noch viel schlimmer. Zwar füllt das Motiv jetzt das Foto, allerdings scheint die zusätzliche Optik noch einen Extraschleier über den vergrößerten Ausschnitt zu legen. Es kommt eine sehr grauhaltige Aufnahme zustande. Das wird wohl eher nicht die Wucht. Jetzt also zu den Orgelpfeifen.
Ich verlasse le Puy wieder, und nun kommt die spannende Suche nach dem, was in einem Maßstab 1:200000 einen knappen Zentimeter breit eingezeichnet ist. Demnach könnten die Felsen fast zwei Kilometer breit sein. Das sind sie natürlich nicht. Die Autobahnen sind ja auch nicht 600 oder 700 Meter breit, nur weil sie auf der Karte eine Breite von drei bis vier Millimetern aufweisen. Michelin mag sich rühmen, präzise Karten herauszugeben, aber die Dominanz all dessen, was asphaltiert ist, gegenüber Gebieten, die für die Zielgruppe eher unbefahrbar ist, scheint nach gemeinsamem Verständnis aller Herausgeber, die für die rollende Klientel arbeiten, eine erhebliche Verzerrung der Maßstäbe zu rechtfertigen. Natürlich muss man alles noch erkennen können, damit die Lupe beim Studium der Karte entbehrlich bleibt, aber vieles ließe sich realistischer, d.h. schmaler, darstellen. Michelin kennzeichnet lobenswerterweise wenigstens die besonders schmalen Straßen dadurch, dass sie tatsächlich sehr schmal gezogen werden. Dass dann eine Abstufung in vier Grade vorgenommen wird, scheint nur für LKW-Fahrer interessant zu sein, denn ob eine Straße drei oder acht Meter breit ist, interessiert die wenigsten. Vielmehr muss meistens zügiges Fahren möglich sein. Auch wenn es gewöhnungsbedürftig sein mag, hätte man etwas phantasievoller bei der Farbgebung sein können. Damit hätten sich viele verschiedene Kategorien und Breiten von Straßen bei gleich schmaler Zeichnung darstellen lassen. Aber auf mich hört ja keiner.
Die Orgelpfeifen scheinen vom Erdboden verschluckt worden zu sein. So was muss doch sichtbar sein, und wenn nicht, so muss wenigstens ein Hinweisschild existieren. Nichts. An der Stelle, wo sie spätestens kommen müssten, wo der Ort auch aufhört und wo die Auffahrt allmählich ein Ende hat, entscheide ich mich zur Offroad-Exploration der Gegend. Nach einigem Hin und Her, auch einigen Fragen, mache ich mich schließlich über den Hof und einige Grünanlagen eines Hotel, also über Privatgelände, auf den Weg in die Büsche. Also, wenn’s denn tatsächlich hier sein sollte, dann muss es entweder viel bessere Stellen geben, oder diese geologischen Dinge interessiert ansonsten kein Schwein.
Und ich werde fündig! Nach vielleicht 100 Metern ragen rechts die Orgelpfeifen steil auf, na ja, senkrecht eben. Allerdings sind schon einige von ihnen abgebröckelt und liegen nun als Brocken von vielleicht doppelter Fußballgröße mit noch erkennbarem sechseckigem Querschnitt, aber teilweise schon bemoost, herum. Etwas dichter an die noch stehenden Teile heranzukommen, ist gar nicht so einfach, denn auf dem Trümmerhaufen herumzuklettern, erfordert eine möglichst gute Einschätzung der Beständigkeit des Materials. Es soll ja möglichst nicht die ganze Schräge ins Rutschen kommen. Und einen Knöchelbruch kann ich jetzt auch nicht gebrauchen, also sollte ich nicht ausrutschen. Von der Stadt aus dürften die Orgelpfeifen auch mit einem guten Fernglas kaum noch zu sehen sein, denn am Fuß der Trümmerhalde erhebt sich ein Wald, der mindestens die untere Hälfte der Szene verdeckt. Na ja. Gesehen habe ich sie also. Und ein Foto habe ich natürlich auch gemacht, aber so die Wucht war’s nicht direkt. Bin schließlich auch kein Geologe.
Die Gegend ist enorm vom Vulkanismus geprägt. Rechts der Straße ist so etwas wie ein Steinbruch, und überall tritt das schwarze Gestein zutage. Man könnte meinen, hier werde Steinkohle oberirdisch abgebaut, aber das täuscht. Die Orgelpfeifen waren übrigens nicht so dunkel. – Nach einigen Minuten gerät Polignac wieder in mein Blickfeld. Auf denn, stürmen wir sie. Zunächst mal steigt die Straße, und die Ebene, aus der sich die Festung erhebt, versinkt rechts neben mir. Auf diese Weise habe ich einen Blick auf das Plateau der Burgruine. Aus der Entfernung ist zwar nicht sehr viel zu erkennen, aber dass es eine Ruine ist, bleibt außer Zweifel. Alles scheint von einem grünen Flor überzogen. Die Natur holt sich eben zurück, was man ihr nicht immer wieder entreißt. Dann biegt eine Nebenstraße zum Dorf Polignac ab. Ich folge ihr, komme in die Siedlung – die praktisch um die Burg herumgebaut ist –, und was mich nun nur noch interessiert, ist die Stelle, an der ich mit der Auffahrt oder wenigstens dem Aufstieg beginnen kann. In der Tat scheint das Ziel eher für Fußgänger zugänglich zu sein. Ich muss Treppen und steile Wege überwinden, aber noch will ich das Fahrrad nicht abstellen, dann das hieße ja auch, all den Kram aus den Augen zu lassen, der da mehr oder weniger diebstahlsfreundlich angehängt und festgeklemmt ist. Meine Erkundungen enden vor einem verschlossenen Tor, das mir verrät, dass die Festung nur am Nachmittag zugänglich ist. Also, das kann doch wohl nicht wahr sein! So ein paar Steinhaufen brauchen doch nicht verschlossen zu werden. Aber die Franzosen sehen das scheinbar anders. Was kann man da tun, vielmehr: Was kann ich da tun? Das Tor ist ohne Zweifel verschlossen. Das habe ich schon überprüft. Der Blick durch das verhältnismäßig große Schlüsselloch befriedigt meine Neugier nicht hinreichend. Wie wär’s, wenn ich das Bauwerk stürmen würde, die Mauer hinauf? Aber diese Möglichkeit müssen die Erbauer auch schon im Auge gehabt haben. Ob sie damit nicht weit genug gedacht hatten und die Burg deshalb heute so aussieht, wie sie aussieht, oder ob das einfach der Verfall im Laufe der Zeit war, sei mal dahingestellt, aber um jetzt hier die Wand hochzugehen, müssten mich stärkere Motive als einfach nur Neugier antreiben. Das sieht doch etwas gefährlich aus. Vor allem: Runterwärts wär’s noch krimineller. Da sähe ich dann nicht so gut, wohin ich trete. Das ist alles recht ärgerlich, aber eben nicht zu ändern. Und bis zum Mittag warte ich hier nicht, so viel steht fest. Bis auf die paar Treppen, die ich mein Gefährt und seine Fracht hochgewuchtet hatte, war ja kaum ein Weg umsonst. Die Burg lag sozusagen auf meinem Weg.
Weiter geht’s also. Und das Geschäft bleibt zäh und mühsam. Ich sollte mal meine Vorräte aufstocken. Ob ich wohl schon ein paar Kilo abgenommen habe? Die Berge werden jetzt immer greifbarer, aber so, wie ich mich fühle, habe ich eher zugenommen, und wenn ich mir morgens meine »Nierenschützer« ansehe, dann brauche ich mir um meine Nieren wenigstens keine Gedanken zu machen. Da scheint sich nichts verändert zu haben. Die ganze »Diät«, d.h. die Versuche, auf fettreiche Nahrung zu verzichten, fruchtet irgendwie nicht. Aber angesichts ziemlich »leerer« Taschen ist das jetzt schon einerlei. Einkaufen tut langsam not. Aber das ist gar nicht so einfach. Kaum ein Laden hat geöffnet. Um genau zu sein: Erst mal hat kein Laden geöffnet. Der einzige Weg zum Futter führt über Restaurants, und auch dort bin ich mir keineswegs sicher, etwas Substanzielles zwischen die Kiemen zu kriegen. Allerdings versuche ich es erst gar nicht. Nur für Selbstbedienungsläden und vielleicht die Boulangerien gilt: What you see is what you get. Vorerst gehe ich an meine Kraftreserven und verzehre zwei Packungen Powerbar. Erst in Bellevue finde ich einen Bäcker, der nebenbei noch Getränke und Schokolade verkauft. Wasser bekomme ich kostenlos, eiskaltes sogar. Und ich verzeichne als eine wichtige Erfahrung: Montags, zumindest vormittags, hat man beim französischen Einzelhandel schlechte Karten.
Ein Blick auf die Karte lehrt mich, dass ich ganz schön abgehoben agiere. Die Straße verläuft hier und auf den nächsten 20 oder 30 Kilometern auf einer Höhe von ca. 1000 Metern. Na gut, das ist nichts Ungewöhnliches. In den Vogesen war ich noch höher. Aber dort war das auch zu sehen: Links oder rechts tiefe Täler. Hier bin ich einfach nur oben und alles andere um mich herum ebenso. In Craponne versuche ich erneut, etwas zu ergattern, aber es will mir nicht gelingen, ein geöffnetes Geschäft zu finden. Wenige Kilometer später entschädigt mich allerdings die Landschaft für meine Entbehrungen. Links vor mir tut sich ein breites, tiefes Tal auf, und es sieht ganz so aus, als wäre jetzt eine lange Talfahrt angesagt. In der Tat wird die Abfahrt immer flotter, aber dann zweigt meine Route entlang einer Nebenstraße rechts ab und geht wieder in die Höhe. Das muss man dann wohl mit Gleichmut nehmen, aber die Fahrt durch den Wald entschädigt mich für die Anstrengung. Das Tal sehe ich vorerst nicht wieder.
Als ich dann aber oben bin, verläuft der Weg sichtlich im Hochland. Das heißt nicht, dass links und rechts tiefe Schluchten gähnen. Die Landschaft ist im Gegenteil sehr flach und mit einer Mischung aus etwas zerzausten Nadelwäldern und kleinen Äckern überzogen. Aber ich kann förmlich riechen, dass es irgendwo tief hinab gehen muss. Nun, im Grunde ist das keine Kunst, denn erstens habe ich das Tal schon gesehen, und zweitens genügt ein Blick auf die Karte. Nach zehn oder 15 Minuten wird das Dore-Tal auch wieder sichtbar, und die Route führt erst streng an der »Kante« entlang, senkt sich dann aber doch langsam hinab. Die Szene ist traumhaft. Die kleinen Dörfer sind das perfekte Feriendomizil, und so werden sie wohl auch genutzt. Die Landwirtschaft muss hier oben anstrengend sein; konkurrenzfähig mit den Ebenen im Norden ist sie gewiss nicht. Und wovon, wenn nicht vom Fremdenverkehr, sollte hier jemand leben? Von der Fahrt ins Tal? Ja, natürlich, aber ich kann mir so was fast nicht vorstellen, weil ich nicht jeden Tag eine beachtliche Strecke mit dem Auto zur Arbeit und wieder zurück fahren würde, wobei zusätzlich ein Höhenunterschied von einem halben Kilometer zu überwinden ist. Das kostet letztlich auch etwas.
Auf der anderen Seite des Tals ist schemenhaft die Fortsetzung des Gebirges zu erkennen. Das ist allerdings mindestens 15 Kilometer entfernt. In der Talsohle verläuft die D906, die ich in Bellevue verlassen hatte, und so viel ist ganz sicher: Dort ist es langweiliger. Also genieße ich die leichte Abfahrt, die Landschaft unmittelbar um mich herum, die angenehme Temperatur (hier oben ist es doch etwas frischer als unten im Tal), und auf diese Weise erreiche ich schließlich die Schussfahrt, bei der wieder eher die realistische Einschätzung des Straßenbelags und der nächsten Kurve gefragt ist – und natürlich die Verläßlichkeit der Bremsen – als die beschauliche Erbauung an der Flora. Bei diesem Gefälle ist die Ebene bald erreicht. Die Karte zeigt an, dass die Straße nun nahezu parallel zum Fluss verläuft, noch ein klein wenig darauf zuhält, also könnte es noch ganz leicht und sympathisch abwärts gehen, aber für meine besondere Sympathie ist es letztlich zu flach. Dennoch, die Abfahrt war eindrucksvoll genug.
Was wird jetzt? Gibt es in Ambert vielleicht endlich was zu futtern? Ich werde es sehen. Gleich an der Ortseinfahrt erblicke ich links so etwas wie einen Süßwarenladen, vielleicht auch so ein Tabac-Geschäft, in dem es von Briefmarken, der Tageszeitung und… na ja, das hatten wir schon – jedenfalls alles Mögliche gibt. Um wählerisch zu sein, stehen meine Aktien einfach viel zu schlecht. Ich betrete das Geschäft. Es ist alles nicht so, dass ich davon träumen würde, aber ich greife tief in die Tasche, nachdem ich Erwägungen über kohlenhydratorientierte Ernährung auf Reisen konsequent über Bord geworfen habe. Ab heute wird gesündigt, wie es mir passt. Ich bin doch in der Vergangenheit nicht so schlecht mit meinen Instinkten gefahren. Als ich mit vollen Händen den Laden wieder verlasse, erlebe ich ein Musterbeispiel von einem Generationenkonflikt: Oma, Mutter und Kind stehen mitsamt ihrem Wagen vor dem Geschäft (dumm freilich von der Mutter, hier überhaupt erst angehalten zu haben), und nun erlebe ich, wie die Oma und ihr Enkel konzertiert Einlaß begehren, damit… tja, damit was? Damit die ältere Generation mal wieder punkten kann? Natürlich habe ich keine Ahnung, wie es in der Familie zugeht, ob sie alle unter einem Dach wohnen, welche Rolle die Eltern und welche die Großeltern spielen. Jedenfalls kann die Mutter sich hier nicht durchsetzen. Ob sie das bei zahllosen früheren Gelegenheiten bereits gründlich vergeigt hat, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber wäre ich an ihrer Stelle, dann hätte es ein deutliches Wort gegeben.
Mit Vorräten für den Rest des Tages breche ich auf, allerdings ist im Stadtzentrum schon wieder Schluss: Der Wochentag scheint angebrochen zu sein; denn alle Geschäfte haben geöffnet, und sogleich betrete ich den nächsten Supermarkt. Diesmal habe ich nicht nur die Hände voll, sondern noch diverse Taschen, und diesmal reichen die Vorräte garantiert für mehr als nur 24 Stunden. Damit ich alles verstauen kann, lange ich gleich noch einmal hemmungslos hin, und nach dieser Völlerei ist die Welt wieder in Ordnung und alles zur Weiterfahrt bereit.
Wieder entlang der D906 geht es nun weiter in Richtung Nordwesten, weiter neben dem Fluss, also vorerst wahrscheinlich zu ebener Erde. Ob es nun daran liegt oder an dem Festessen – es flutscht nur so. Allerdings ist auf der Straße ganz schön was los. Dank neuer Kräfte hoffe ich dieses Nadelöhr aber bald zu verlassen. Nach den ersten 30 Kilometern muss ich allerdings erst mal – gemeinsam mit allen anderen Fahrzeugen (außer der Eisenbahn) – das Tal verlassen. Es geht über den Berg, wahrscheinlich weil das Flusstal zu eng oder zu schützenswert ist. Aber ich nehme den Anstieg relativ gelassen. Schokolade musst du essen, dann sieht die Welt viel freundlicher aus! Wenn das kein Werbeslogan wäre.
Erst in Courpière verlasse ich die Hauptstraße, damit einher geht ein scharfer Richtungswechsel. Über die D58 fahre ich nunmehr fast in Richtung Süden. Das ist natürlich keine auf Länge bzw. Kürze optimierte Route, sondern wieder eine entlang »grüner« Straßen. Und diese ist wirklich grün. Die Strecke verläuft fast durch einen Urwald, diesmal zwar entlang eines Bachs bergauf, aber der Aufstieg bleibt moderat, und die Kurven und das mal helle, mal dunkle Grün machen’s einfach. Hier gibt’s keine phänomenale Aussicht, keine Schlucht oder sonstige spektakuläre Landschaftsbilder. Nur das scheinbar ungebremste Wachstum fasziniert.
Nach der guten Hälfte des Weges verlässt die Straße den Bach und geht über in die Ebene. Ein kleiner Stausee zeichnet ein weiteres Fotomotiv. Aber ich lasse die Kamera stecken. Es wird noch viele geben. – In St. Dier ist erneuter Richtungswechsel. Jetzt geht es wieder nach NW. Langsam muss ich mir überlegen, wie weit es heute noch gehen soll und wo ich übernachten werde. Aber noch steht die Sonne am Himmel. Ich fahre ihr hinterher.
Neben der Route gibt es laut Karte ein Château, vielmehr eine Ruine. Na gut, es wird nicht das letzte sein. Aber an der Straße weisen auch Schilder auf dieses Bauwerk hin, und das macht mich dann doch neugierig. Also verlasse ich für Mauzun die Hauptstraße und rolle in das Dorf hinab. Dahinter ist die Ruine bereits gut erkennbar. Ich stelle das Fahrrad unten auf einem Hof ab – das Dorf wirkt wie ausgestorben – und stapfe den Hang hinauf. Der Bau könnte fast ein Park sein, so viel Grün hat sich schon in seinem Inneren breitgemacht. Durch einen der eher inoffiziellen Eingänge (Löcher im Mauerwerk) komme ich hinein, Warnschilder ignorierend. Im Innenhof wuchert ein Wald. Hindurch führen einige Trampelpfade, die wohl weniger von Touristenführern als mehr von Abenteurern gebahnt wurden. Ich folge dem bequemsten, um mich zu den Mauerkronen vorzuarbeiten, denn nur von dort werde ich wohl einen Überblick über die Ruine und ihr Umland erhalten. An einigen Stellen scheinen Renovierungsarbeiten durchgeführt worden zu sein. Wer hat denn den Nerv, hier Geld ’reinzustecken? Außer ein paar Mauern und Türmen existiert nichts mehr. Zwar weiß ich nicht, ob das ein sehr altes Château ist, in dem das Bauwerk mit Abschluss der Maurerarbeiten praktisch fertig war, aber wenn es so ist, wird nach der Renovierung hier keiner wohnen wollen, und wenn es nicht so ist, muss das Ding praktisch vom Acker weg wieder neu aufgebaut werden und etliche Millionen kosten. Also, was diese paar Handgriffe sollen, die da zuletzt getan wurden, leuchtet mir beim besten Willen nicht ein. Ich balanciere noch eine Runde auf der (zwei Meter breiten) Mauerkrone, gucke in alle Richtungen mal ins Land, vor allem nach Westen natürlich, weil dorthin meine weitere Fahrt geht, und dann mache ich mich auf den Rückweg.
Wieder auf der Hauptstraße in Richtung Clermont-Ferrand fasse ich den Entschluss, sehr empfänglich für Hinweise auf kommerzielle Übernachtungsmöglichkeiten zu sein. Mit diesem Vorsatz halte ich am nächsten größeren Gebäude an und frage. Nein, dies ist keine Herberge, aber da und dort gibt es eine. Die Erklärung ist ausführlich – zu ausführlich für mich. Ich frage noch mal nach. Außergewöhnlich langsam erklärt mir eine junge Frau den Weg, so dass ich tatsächlich eine ganze Menge verstehe. Mit einer Mischung aus Zuversicht und Skepsis mache ich mich wieder auf den Weg und biege bei der nächsten Gelegenheit rechts ab, gespannt darauf, ob ich eine Korrelation zwischen der Beschreibung und der Strecke entdecke. Ich erreiche den nächsten Ort, ein kleines Dorf, und hier sollte es sein. Die Siedlung liegt auf einem Hügel. Kein Mensch ist auf der Straße, den ich fragen könnte. Also muss ich wohl einfach meine Kreise ziehen. In der Mitte des Dorfes steht eine kleine Kirche, und um sie herum windet sich auf der südlichen Seite ein schmales, aber langgezogenes Gebäude, das nach außen, also nach Süden, an den Hang angrenzt. Tatsächlich verspricht ein Schild hier ein Dach über dem Kopf. Allerdings ist die Dämmerung schon fortgeschritten, kein Licht zu sehen und auch kein Zeichen für irgendwelche Gäste. Aber Fragen kostet ja nichts. Ich klingele. Schweigen. Was sonst? Ich steige wieder auf das Fahrrad und will gerade losfahren, als von oben, aus dem Obergeschoss, eine Stimme zu hören ist. Ich trage mein Anliegen vor. Die Frau hört natürlich, dass ich meine Not mit der Sprache habe und fragt mich nach meiner Herkunft. Dann spricht sie einfach deutsch weiter. Dagegen lässt sich nun wirklich nichts einwenden, also setzen wir die Verständigung auf Deutsch fort. Es geht mir vor jeder Besichtigung vor allem um den Preis, und der scheint den Sprachservice zu beinhalten: 180 Francs! Aber man gönnt sich ja sonst nichts; außerdem nächtige ich nicht jeden Tag zivilisiert.
Die Frau erzählt mir, dass dieses Gebäude mal ein Priesterseminar war, und führt mich durch die Räume für Gäste. Da ist zuerst ein Bad im abgesenkten Erdgeschoss. Eine Dusche gibt es nicht, dafür eine Badewanne. Das werde ich mir sicherlich einmal genehmigen. Die Absenkung gegenüber dem Kirchhof führt dazu, dass die unteren Räume mit vielen Stufen ausgestattet sind. Das sieht alles sehr liebevoll restauriert aus. Plötzlich kommt knurrend ein Wildschwein angelaufen – mitten im Haus. Die Frau erklärt mir, dass dies ihr Haustier sei, es sei auch sauber und schlafe normalerweise vor der Kammer, die sie mir nun zeigen wolle. Die Kammer ist ein durchaus geräumiges Zimmer, bequem und überall mit Teppichen ausgelegt. Da lässt es sich gut schlafen, was ich nach einem ausgedehnten Bad dann auch tue.
1. Juni
Egliseneuve-près-Billom – D303xD997 – Billom – D229xD212xD765 – Clermont-Ferrand – D559xD774xD90xD941a – (zum Puy de Dôme und zurück) – Col de la Moreno – D941axD216xD27 – Orcival – D27xD983 – Col de Guéry – le Mont-Dore (99 km)
Am Morgen gibt’s Frühstück. Das ist selbstverständlich ein Pluspunkt, denn normalerweise ist das Guten-Morgen-Essen nicht im Preis enthalten. Auf meine Frage hin erklärt meine Gastgeberin, dass sie deutsche Eltern gehabt habe und einen russischen Großvater. Später schreibt sie mir ihre Adresse auf, damit ich im nächsten Urlaub wieder hier Quartier suche. Na ja, ich glaube nicht, dass ich meine alten Wege so oft kreuzen werde. Warum also gerade hier? Aber das muss ich ihr ja jetzt nicht erzählen, zumal es nicht feststeht. Die Geschichte mit dem russischen Großvater ist überzeugend, aber ich habe Zweifel, dass dies die nächste Verwandtschaft ist. Ihren Vornamen (Kira) schreibt die Frau mit kyrillischen Buchstaben – er klingt nicht gerade deutsch. Und das Schreiben lernt man doch auch nicht vom Großvater! Einerlei.
Schuschu (oder wie sich das schreibt) macht sich heute morgen rar. Das Schwein ist beleidigt. Es hat diese Nacht nicht an seinem angestammten Platz (vor meiner Kammer) verbringen dürfen. Ja, es gibt schon Probleme auf dieser Welt. Mein Problem ist, jetzt nicht länger herumzutrödeln. Also breche ich auf.
Der Weg nach Clermont-Ferrand ist nicht sehr interessant. Ich mache (schon wieder) große Einkäufe, werde von einem Rennradler überholt, und dann beginnt die Stadt. Die Einfahrt wirkt auf mich ziemlich amerikanisch. An den Straßen stehen unheimlich viele Werbeplakate, und dies ist ein reines Gewerbegebiet mit verhältnismäßig flacher Bebauung, so, als ob der Quadratmeter hier nicht sonderlich viel kostet. Angesichts der Ausdehnung der Stadt kann ich mir das nicht so recht vorstellen. Aber das soll nicht meine Sorge sein.
In der Stadt suche ich dann nach der Kathedrale. Das zieht sich hin. Erst mal muss ich das Zentrum erreichen, und nachdem dieses relativ dicht und hoch bebaut ist, reicht es nicht, einfach mal den Blick zum Himmel zu erheben, um irgendwo einen Kirchturm zu erspähen. Ich mache einen Zwischenstopp in einem Schnellrestaurant. Es ist schon Mittag – ich habe heute früh wirklich ziemlich lange herumgetrödelt; denn viel geschafft ist noch nicht. Nach einigen Innenstadtrunden stehe ich schließlich vor der Kathedrale. Sie sieht aus wie eine solche: hoch, groß, aufwendig und mit mindestens einer Baustelle. Und sie ist schwarz. Sie sieht aus, als hätte sie einen großen Brand in der Stadt überstanden, aber es ist wohl eher so, dass sie das Ergebnis eines großen Brandes ist. Vor der Einfahrt in die Stadt habe ich bereits den Puy de Dôme, den höchsten Berg in der Umgebung der Stadt, gesehen. Das ist ohne jeden Zweifel ein erloschener Vulkan, und was die so ausstießen, sieht fast immer verbrannt aus. Wahrscheinlich ist die Kirche also aus vulkanischem Gestein erbaut worden. Ob das immer schwarz sein muss, bezweifle ich allerdings, denn ich erinnere mich, 1991 am Ätna Straßenbauarbeiten beobachtet zu haben. Die Lavafelder waren ausnahmslos mit einer schwarzen Kruste überzogen, im Inneren allerdings grau und sehr monolitisch, wahrscheinlich, weil das Magma dort sehr viel heißer war und langsamer abkühlte.
Allerdings ist die Kathedrale geschlossen. Sie macht erst in zwei Stunden wieder auf. Ich hätte die Reise wohl zwei Stunden später beginnen sollen. Was ich da alles schon geöffnet und zulässig und erlaubt vorgefunden hätte… Jetzt allerdings mache ich trotzdem erst mal eine Pause. Der Liter Milch, den ich vorhin in mich hineingeschüttet habe, liegt mir schwer im Magen. Wahrscheinlich ist es jetzt ein großer Käseklumpen, wie Omi mir als Kind immer sagte, wenn ich Milch zu kalt und zu schnell getrunken hatte. Ich lege mich auf eine Bank im Schatten des Kirchturms und warte auf Besserung. Nach 15 Minuten kommt erst mal die Sonne, und ich muss auf der Bank ein Stückchen weiter rutschen. Als ich dann schließlich das Ende der Bank erreicht habe, ist die Öffnungszeit der Kirche noch lange nicht erreicht, aber meine Trägheit ärgert mich hinreichend. Also stehe ich auf, schwinge mich aufs Fahrrad und suche nun die Ausfahrt aus der Stadt, die ich mir vorgenommen hatte. Das ist indes gar nicht so einfach. Zwar muss ich nur alle Straßen abklappern, die in die Berge hinaufführen, kann also quasi immer an der Wand lang fahren, aber um damit Erfolg zu haben, müssen alle diese Straßen gut beschildert sein. Ich habe keinen Stadtplan, und nicht immer sind die Hinweisschilder an Straßennummern orientiert. Manchmal weisen sie statt auf den Weg (die Straßennummer) auch nur auf das Ziel hin, und diese lassen sich bekanntlich meist auf verschiedenen Wegen erreichen. Deshalb tue ich mich schwer, die richtige Ausfahrt zu finden. Nach einer Weile hin und her reicht es mir dann schließlich, und ich nehme die nächstbeste. Und nach einer weiteren Weile stellt sich heraus, dass es die richtige Richtung war. Bitte, Glück muss man haben.
Aber so glücklich ist die Auffahrt nicht. Eine brütende Hitze liegt über der Stadt, und die Sonne sendet auch zum Osthang der Berge genügend Strahlen. Also, wenn das übliche Maitemperaturen sind, wie mag es hier dann erst im Juli sein? Die Straße geht hübsch steil hinauf, aber was will man auch erwarten, wenn es von 400 auf 1400 Meter hinauf geht? Und irgendwie bin ich noch immer gelähmt. Na, das ist ja ein tolles Reisen! Hoffentlich wird’s bald besser. Brunnen sind unterwegs mein erstes Ziel. Frisches Wasser zum Trinken und Abkühlen – daran führt bei diesen Bedingungen kein Weg vorbei, auch keine Disziplin, aber wozu sollte ich mir die hier auch auferlegen.
Einmal verfahre ich mich, fahre zu weit in die Berge hinauf, und bei der Gelegenheit sehe ich den Berg plötzlich viel näher vor mir. Er ragt allerdings noch höher auf, weil seine höchsten Hänge sehr steil sind, aber ich weiß, dass das eine optische Täuschung ist. Die Hälfte der Höhe dürfte schon fast geschafft sein. Danach kehre ich um und suche die richtige Auffahrt. Vorher gibt’s noch ein Eis. Es bleibt heute nicht das letzte.
Schließlich erreiche ich die Hauptstraße, die unmittelbar am Berg vorbeiführt, und dann kommt die Stichstraße, die zur Spitze führt. Da ich denselben Weg wieder zurückfahren muss, beschließe ich, den größten Teil des Gepäcks irgendwo zu deponieren, um auch den als sehr steil ausgewiesenen Teil der Auffahrt im Sattel bewältigen zu können. Ich nähere mich einem Grundstück, auf dem ein Auto parkt, rufe Hallo, und als die Leute sich melden, frage ich, ob ich meine Taschen dort lassen kann. Sie haben keine Einwände, auch wenn sie nicht den Eindruck machen, als wollten sie mich gleich auf ein kühles Bier einladen. Aber das erwartet ja auch niemand. Wäre nur gut, wenn der Inhalt der Taschen zum Schluss noch komplett ist.
Dann breche ich auf in die Berge, also zum »richtigen« Berg. Vorerst ist die Straße flach, doch allmählich geht es bergauf. Rechts und links stehen Autos an der Straße und auf Parkplätzen. Muss wohl ein touristisch wichtiges Ziel sein, dieser Vulkan. Aber das ist ja auch kein Wunder: In der Luft sind Paraglider zu sehen, auf Karten ist der Name des Berges fett eingezeichnet, wichtige Mineralwässer werben mit einer Luftaufnahme dieser Vulkanberge, und dann ist es der Hausberg einer Metropole. Wenn die mal wieder wissen wollen, ob sich irgendwas Wesentliches in der Gegend geändert hat, fahren sie einfach hinauf und schauen sich um – vorausgesetzt, die Sicht ist einigermaßen. Ich habe sie schon einige Male geprüft, wenn ich auf Clermont-Ferrand hinab gesehen habe. Die Stadt wird immer übersichtlicher, und es wird immer schwieriger – trotz des farblichen Kontrasts –, die Kathedrale auszumachen. Bis nach Deutschland wird die Sicht sicherlich nicht reichen, wahrscheinlich gerade mal bis zu meiner letzten Übernachtung, aber das sind dann ja auch schon über 30 Kilometer.
Und dann kommt da plötzlich eine Mautstelle. Na, das hätte ja jetzt nicht unbedingt sein müssen, aber wenn es sein soll, will ich mich die Auffahrt auch etwas kosten lassen. Aber so weit reicht die Großzügigkeit noch nicht einmal. Ich darf überhaupt nicht durch – weder mit noch ohne Geld. Verboten! Für Fahrräder. Also, das ist doch wirklich der Gipfel! Die Frau hat Mühe, mir das zu erklären, bleibt aber letztlich unerbittlich. Sie schickt mich 100 Meter hangabwärts zu einem Ranger, der englisch spricht, und der sagt mir, dass die Straße steil und schmal und darum gefährlich sei, dass ich doch einfach morgen zurückkommen solle. Da sei der Berg für Autofahrer gesperrt und nur für Radler freigegeben. Jetzt dürfe ich nicht hinauf. Na, das hatten wir schon: Wenn ich nur später käme… Das ist doch wohl nicht möglich! Im ganzen Land – außer natürlich auf Autobahnen und einigen anderen Schnellstraßen – dürfen Autos und Fahrräder auf einer Straße fahren – Schuldfrage hin, Verkehrstote her. Und hier, wo eigentlich niemand rasen muss, weil es hier entlang ganz gewiss nicht zur Arbeit oder zum Notarzt geht, soll ich nicht fahren dürfen. Ich! Hat der überhaupt eine Ahnung, welche Erfahrung ich habe? Hat er natürlich nicht. Aber dass ich aus der halben Welt bisher unfallfrei immer wieder nach Hause gekommen bin, interessiert den jungen Mann auch nicht. Gesetz ist Gesetz. Ihr mit Eurer Egalité! Das hätte aus Deutschland kommen können. Er lässt nicht erkennen, ob er sich dadurch geschmeichelt oder beleidigt fühlt. Ich sehe ein, dass es keinen Sinn hat, mit ihm zu streiten. Und dass es nötig ist, andere Wege zum Gipfel zu suchen. Ich kehre um. Ein paar 100 Meter weiter biege ich auf einen Parkplatz zur Rechten ab und fahre dort wieder nach oben, so weit das geht. Dieser Platz geht natürlich nicht um die Mautstelle herum, weil sonst ja niemand bezahlen würde. Also verlasse ich ihn direkt in die Büsche. Eigentlich wollte ich ja mein Fahrrad so wenig wie möglich schieben, aber hier muss ich froh sein, wenn ich es noch schieben kann. Das Unterholz setzt mir zu. Und es wird immer steiler. Aber was soll ich sonst erwarten? Unterwegs sammle ich Spinnweben. Wo werde ich wohl wieder herauskommen? Und wird es die Straße sein, oder laufe ich am Berg vorbei? Also, das dürfte mir ja eigentlich nicht passieren, wenn ich nur immer dahin laufe, wo es am steilsten nach oben geht.
Nach 20 oder 30 Minuten erreiche ich tatsächlich die Straße. Wer sagt’s denn? Ich schwinge mich wieder in den Sattel und fahre los. Ja, steil ist es wirklich, aber ohne Gepäck lässt es sich schon machen. Das Einzige, was ich jetzt bei mir habe, ist die Karte, ein paar Lebensmittel und Wasser natürlich, der Fotoapparat und Flickzeug. Ein etwas ungutes Gefühl habe ich trotzdem. Die Franzosen sind ja manchmal sehr rigide. Was ist, wenn mich jetzt einer der Autofahrer anschwärzt? Dann kommt mir womöglich die Polizei oder so etwas wie eine Nationalparkwache hinterher. Das könnte Ärger geben. Aber gemach! Werden sie wegen eines Radlers einen solchen Aufwand veranstalten? Ich fahre weiter. An der nächsten Kurve – im Grunde ist die Straße eine einzige Kurve, denn sie windet sich spiralförmig nach oben – erschreckt mich ein Verbotsschild: Radfahren verboten! Ja, was denn? Wollen die die Schilder hier für morgen alle entfernen? Ach was. Ich fahre weiter. Aber ein Siegergefühl leiste ich mir lieber nicht. Noch ist nicht aller Tage Abend.
Die Straße ist wirklich steil. Und wenn ein Auto kommt, fahre ich sehr defensiv an die Seite. Schließlich haben die heute fast alle Rechte. Da will ich nicht den starken Mann markieren. Und natürlich ist da immer noch die Sorge, in einem der Autos könnte eine Ordnungskraft sitzen. Als rechts ein kleiner Platz sichtbar wird, biege ich ab und halte an. Ein Wagen parkt dort, und sein Besitzer bastelt am Motor herum. Wird doch wohl nicht zu warm geworden sein? Ich schon, aber ich nehme einfach nur meine Flasche zur Hand, und dann ist mein Problem gelöst. In der Zwischenzeit überqueren ein paar Wanderer die Straße und klettern hinter mir weiter den Hang hinauf.
Ich fahre weiter. Zur Linken werden jetzt die »Volvic-Berge« sichtbar. Das sind Nachbarvulkane oder Nebenkrater, deren Schlot versandet oder sonstwie verschüttet ist und nun mit einer dünnen grünen Schicht überzogen ist. Die Werbefotos sehen natürlich besser aus, aber die sind vermutlich auch im Frühjahr bei besonders guter Sicht und von einem Ballon aus mit allen technischen Raffinessen aufgenommen worden. Da kann ich nicht mithalten. Trotzdem mache ich ein Foto. Wer weiß, ob ich hierher noch einmal zurückkomme.
Na, und nach einigen weiteren Zwischenstopps bin ich schließlich oben. Hier ist alles, was hier sein sollte: Ein Restaurant oder sogar zwei, Andenkenshops, eine Wetterstation, das Militär natürlich ganz oben. Ich drehe erst mal die Runde. Die größte Gefahr ist jetzt wohl vorbei; denn die Abfahrt dauert dann ja nicht mehr so lange. Und bei aller Luftfeuchtigkeit muss ich sagen: Das Panorama ist schon beeindruckend. Im Osten die Stadt, wirklich schon fast verschwindend und unheimlich weit unten, d.h., wenn hier oben was losgehen würde, dann wäre die Stadt erheblich betroffen. Im Westen… ein weites Land. Was da ist, weiß ich nicht. Es geht halt abwärts, aber das geht es zunächst mal in alle Richtungen. Aber im Westen gibt es keine Berge. Der Ausblick verliert sich im Dunst. Und im Süden? Meine weiteren Ziele, Berge, sogar welche mit Schnee. Sollten da noch größere Erhebungen sein als dieser hier? Die machen mir jedenfalls erst mal keine Bange. Momentan sitze ich auf dem hohen Ross.
Ein Foto brauche ich noch: Ich und Clermont-Ferrand. Ich muss also jemanden finden, der mit meinem Fotoapparat zurechtkommt. Das ist heute schon fast eine Anforderung wie Assemblerprogrammierung bei Informatikern – obsolet. Wer heute noch in der Lage ist, Schärfe und Belichtung einzustellen, der kann auch Feuer aus dem Stein schlagen. Ich spreche eine Familie an, und die wiederum erkiest die große Tochter, das Werk zu vollbringen. Meine Herren, fotogen sehe ich ja im Moment nicht gerade aus: Verschwitzt, unrasiert, unfrisiert und nicht ganz sauber gekleidet. Aber so ist das halt. Mademoiselle kriegt es letztlich hin, nachdem ich alle Einstellungen vorgenommen habe.
Und nun die Abfahrt. Ja, ich gebe es zu: Es ist wirklich steil, und wer seine Bremsen hier nicht im Griff hat oder den Geschwindigkeitsrausch, der hat in der Tat ganz schlechte Karten, wenn er nicht so etwas Ähnliches wie die Gleitschirmflieger auf dem Rücken hat. Schilder an der Straße mahnen: 30 km/h oder 50 – je nach Fahrzeugklasse. Muss ich mich dadurch reglementiert fühlen? Eigentlich bin ich ja hier sowieso illegal. Und darum betrachte ich die Tempolimits auch eher als freundliche Empfehlung, die ihren Sinn haben, aber schon mal überschritten werden dürfen. Das ist eine Sache weniger Sekunden, und dann ruft mich die Vorsicht zurück an die Bremsen. So erreiche ich rasch wieder den Sockel des Vulkans, wo dann auch die Mautstelle ist. Soll ich jetzt dort lang fahren? Wenn die Schranke offen wäre, würde ich es vielleicht riskieren. Aber so ist es doch etwas keck. Also wühle ich mich wieder durchs Unterholz, bis der Parkplatz erneut erreicht ist. Dann juckt es mich aber doch, mal zu sehen, ob der Ranger noch da ist. Er ist. Ich fahre zu ihm hinüber, und er blickt mich nichts ahnend an, wohl vermutend, dass ich jetzt einen zweiten Anlauf nehme. Denkste! Ich halte an und sage ihm, dass die Straßen nicht so schmal sind, wie er das behauptet hat, dass ich schon viel schmalere erlebt und dass es mir oben gut gefallen habe. Er guckt mich verdutzt an, aber meine Aussagen scheinen ihm glaubhaft, jedenfalls grinst er mich an – so nach dem Motto: Meine Aufgabe war nicht, Dich bis ins Unterholz zu verfolgen. Wenn Du einen Weg gefunden hast, geht’s mich nichts an, und Du hattest meinetwegen Deinen Spaß.
Auf dem Grundstück an der Hauptstraße lade ich mein Gepäck wieder auf, bedanke mich bei den Leuten und fahre weiter. Tja, abgesehen von diesem Aufstieg werde ich heute wohl keine Ruhmeskapitel schreiben, jedenfalls keine Streckenrekorde aufstellen. Sowohl die Mittagshitze als auch dieser Berg haben ihren Tribut gefordert. Und Talfahrten sind nach diesem Abstieg auch erst mal vorbei.
Der erste Pass kommt schon nach fünf Kilometern. Dann geht es längere Zeit bergab. Unten sieht es fast so aus, als wäre ich schon westlich des Vulkangürtels. Vor mir liegt die Hügellandschaft, die ich vom Puy de Dôme in Richtung Westen gesehen hatte. Meine Route führt jetzt in Richtung Süden, und da liegen wieder Berge vor mir. Die Karte stellt mir einen Höhenunterschied von ca. 400 Metern in Aussicht. Das ist für den Abend noch eine anständige Arbeit. Ich werde dafür aber durch das Panorama entschädigt: Ich befinde mich am unteren Ausgang eines ausgedehnten Tals. Dieses Tal ist aufgebaucht wie eine Dreiviertel-Arena, geöffnet nach Norden, und hinaus will ich am oberen Ende, das fast auf gleicher Höhe mit den seitlichen Begrenzungen liegt. Der Weg nach oben führt am östlichen Hang entlang. Auffällig ist ein Berg inmitten des Tals, der wie ein gigantischer Hinkelstein aufragt und quasi »den Besuchern der Arena das Panorama stört«. Während der Auffahrt gewinne ich immer mehr Schwung. Die Hitze des Tages ist vorüber, die Sonne hinter Wolken verschwunden, der Aufstieg nicht zu steil, und mir geht’s richtig gut. Ich mache mir langsam Gedanken über die Übernachtung.
Die einzige Unterbrechung der Auffahrt findet am »Hinkelstein« statt, wo ich einem Trampelpfad folge, um zu sehen, ob da irgendwo spektakuläre Aussichten oder dergleichen zu finden sind. Es ist ganz nett, haut mich aber nicht um. Also weiter.
Oben angekommen geht’s nicht etwa gleich wieder in die Tiefe, sondern da sind erst ein paar Häuschen, die ein bisschen an die Ranger-Hütten amerikanischer Nationalparkverwaltungen erinnern, und ich studiere gleich das Terrain, ob sie sich vielleicht als Übernachtungsplatz eignen. Aber dann höre ich irgendwo Stimmen aus dem Inneren, obgleich von vorn alles ziemlich verschlossen wirkt. Das bremst meine Neugier, und ich beschließe, mir einen anderen Ort zu suchen. Außerdem ist es noch nicht dunkel, sondern die Dämmerung hat gerade mal begonnen. Ein See schafft ein tolles Panorama, aber zum Fotografieren ist es jetzt ein paar Minuten zu spät. Die Straße folgt seinem Ufer, und wenn da auch der eine oder andere Fleck zum Übernachten geeignet sein mag, so finde ich völlig unüberdachte Stellen doch nicht so attraktiv, da mir der Morgentau, eventuell auch der nicht so ganz zuverlässig wirkende Himmel einen Streich spielen könnten. Hier morgens nass zu werden oder gar in der Nacht flüchten zu müssen, gehört zu den weniger notwendigen Erfahrungen einer Reise. Ich bin schließlich in den Bergen, und da wird es nachts kalt und morgens nur langsam warm.
Am anderen Ende des Sees steht so etwas wie ein Hotel, und es wirkt beim Näherkommen immer heimeliger. Ich werfe einen Blick durch die Tür, trete dann noch einmal zurück, um durch die Fenster zu schauen. Das sieht erstens teuer und zweitens besetzt aus. Wenn ich mir dann die Wagen auf dem Parkplatz ansehe – da steht kein einziger Kleinwagen; das ist alles Mittel- und Oberklasse. Besser, ich suche mir einen anderen Platz. Und wenige Minuten später rolle ich hinab in das Tal von le Mont-Dore, eine Fahrt, bei der es zusehends dunkler wird. Das Tageslicht reicht aber noch, um an der Ortseinfahrt mehrere Werbeschilder für Hotels zu erkennen, und ich nehme mir auch noch die Zeit für einen Anruf bei den Lieben daheim. Dann marschiere ich ein, was umso leichter fällt, als der Weg nach wie vor nach unten führt, und nach einigen Versuchen finde ich auch ein Hotel, das sogar überraschend günstig ist, wenn man bedenkt, dass hier ein großes Wintersport-Paradies ist. Aber natürlich ist jetzt kein Winter, und Sommer ist auch noch nicht. Und so riesig ist das Hotelzimmer letztlich auch nicht, im Grunde sogar eine ziemlich kleine Kammer. Aber solange es sauber ist, ich meinen Kram abstellen und mich ordentlich duschen kann, ist mir das recht.
Heute gehe ich mal nicht gleich ins Bett. Ich fühle mich ein bisschen einsam und beschließe, noch eine kleine Runde durch die Stadt zu drehen – zu Fuß, denn das Fahrrad habe ich bereits verwahren lassen. Die Viertel der Wintersportorte dieser Welt scheinen eine gewisse Ähnlichkeit zu haben. Es gibt viele Andenkenläden, und natürlich auch die Dinge für die Dame und den Herrn, die mit der Bereitschaft, ordentlich Geld auszugeben, in den Urlaub gefahren sind: Mode, Lederwaren, Accessoires und Sportartikel. Was tun nun die Einheimischen, oder gibt’s die gar nicht? Es gibt sie. Sie besuchen ein Cafe, ein Kino, eine Diskothek. Und ich? Also einmal angenommen, ich könnte fließend französisch. Würde ich dann wohl ein Gespräch mit jemandem anfangen können? Versuchen könnte ich es. Aber vielleicht würde sich niemand dafür interessieren. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will: Manchmal wäre es schon besser, statt allein zu zweit zu reisen. Aber an die Reisen von 1991 und 1994 mit Carsten denke ich da lieber nicht zurück, sonst wird das nie wieder etwas. Ich gehe ins Hotel zurück und lege mich schlafen. Verdient habe ich mir das wohl.
2. Juni
le Mont-Dore – D983 (um die Dordogne in Richtung Quelle) – le Mont-Dore – D36 – Col de la Croix Saint Robert – Besse-en-Chandesse – D978xD678 – Condat – Riom-es–Montagnes – D3xD62 – Col de Serre – D680 – Pas de Peyrol – Saint Julien-de-Jordanne – D17xD46xD35xD60 – Anjony (146 km)
Der Tag beginnt mit einer Rundfahrt. Jedenfalls ist es so geplant. Ich will zum Quellsee der Dordogne fahren. Zwar ist der Weg dorthin oder vielmehr die Straße an ihm entlang mit einem Doppelpfeil gekennzeichnet, aber da es eine Rundfahrt wird, kann ich große Teile des Gepäcks irgendwo deponieren, und dann wird’s schon gehen. Komisch ist allerdings, dass eine Straße um einen See so steil ist, aber wenn ich an die schottischen Küstenstraßen zurückdenke, von denen ich glücklicherweise – oder leider? – kaum eine fahren musste, weil die Straßen begradigt und dann durch das auch sehr schöne Landesinnere führten und nebenbei nun nicht mehr das Neunfache der Luftlinie an Länge hatten, sondern nur noch das Dreifache…, wenn ich also an diese Straßen denke, die ja auch nur neben dem immer ziemlich ebenen Meer entlang führten und die dabei doch unfeierliche Steigungen aufwiesen, weil die Natur das so vormachte und die ersten Reisenden keine Möglichkeiten hatten, der Natur ihren Willen aufzuzwingen oder abzubaggern – wie man’s nimmt –, dann: Ist das hier auch möglich. Hinter einer Mauer verstecke ich meinen Kram und hoffe, dass mich dabei niemand beobachtet. Fotoapparat mitnehmen! Solche Seen sind meist sehr fotogen.
Wenn er denn nur käme. Ich fahre die Straße hinauf, und sie wird immer breiter, und so, wie ich das Tal vor mir sehe, geht es in Fahrtrichtung immer weiter hinauf, ohne dass mal eine abflusssichere Ebene käme. Aber wenn man von unten kommt, sieht man das natürlich nicht, kann es nur vermuten, wenn etwa eine Anhöhe den weiteren Blick auf die Talsohle versperrt. Allein – so etwas ist auch nicht in Sicht. Na ja. Wir werden’s ja sehen.
Im Grunde ist mir völlig schleierhaft, warum die Straße hier so breit angelegt ist. Das ist doch effektiv eine Sackgasse, auch wenn die Rückfahrt auf einer anderen Strecke verlaufen mag. Beide müssen jedenfalls in diesem Tal verlaufen. – Links und rechts stehen ab und zu Appartements oder Hotels. Wintersport, ganz klar. Das ist es, wovon hier die Menschen leben, und davon lassen sie sich zur Not auch ein bisschen ihre Täler und Hänge verschandeln; denn bei den Hotels ist es offensichtlich, und die Wiesen am Rand des Tals können es auch nicht leugnen: Das ist keine beschauliche Idylle. Die Gästehäuser sind nach dem Geschmack der frühen 70er gebaut worden und mögen dazumal als schick empfunden worden sein. Jetzt stehen sie zum Verkauf. Und die Skilifte machen sich im Frühsommer einfach nicht malerisch auf der Alm, die für eine Alm im Grunde viel zu ramponiert aussieht. So, und nun steht auch fest, dass das mit dem See eine schlaffe Legende war. Wie bin ich eigentlich auf die Idee mit dem See gekommen? Ich studiere noch einmal genau die Karte. Und da wird es sichtbar: Der Fluss und seine Beschriftung, beide in blau gehalten, füllen die Rundstrecke so gut aus, dass man meinen könnte, auch der Hintergrund sei blau. Der ist aber grau, und darum ist hier kein See, nicht mal eine Pfütze – nur eine Jugendherberge. Da hätte ich ja dann auch übernachten können. Aber erstens wäre es sehr spät geworden und zweitens mit vollem Gepäck ziemlich anstrengend. Das war also eine Chance, die nicht weiter beklagt werden sollte.
Auf der Westseite des Tals, nunmehr unter der Morgensonne, geht es dann viel beschaulicher wieder ins Tal. Ich komme an einigen Höfen vorbei, und die Hunde kläffen mich an, als hätte ich etwas verbrochen. Ob Herrchen sich um diese Zeit wohl schon über das Wecken freut? Mir ist es egal. Ich sehe jetzt zu, dass ich mein Gepäck wieder an Bord habe – dann kann es mir keiner mehr wegnehmen. Als ich bei dieser Gelegenheit mein erstes Foto machen will, stelle ich fest, dass der Film voll ist. Na, da kann ich ja richtig froh sein, dass da oben kein See war. Das wäre vielleicht ein schöner Frust gewesen: Kamera hochgeschleppt und vor dem Schloss-Neuschwanstein-Motiv nicht zu gebrauchen.
Jetzt geht es in die Berge, aber richtig! Zwar liegt das Tal selbst auch noch ziemlich hoch über dem Meeresspiegel, aber der nächste Pass soll eine Höhe von 1450 Metern haben. Es steht außer Frage, dass davor ein paar Meter zu erklimmen sind. Und ich sollte denjenigen Weg dorthin nehmen, der meinem jetzigen Standpunkt am nächsten ist, also möglichst gar nicht erst wieder in die Stadt hineinführt. Ganz lässt sich das dann aber doch nicht vermeiden, weil so viele Wege schließlich nicht in die Berge führen. Es bleibt letztlich nur einer. Aber so, wie der ist, mag ich sie. Es ist kühl am Morgen – wie der Himmel aussieht, ist im Prinzip noch jedes Wetter möglich –, und schon nach noch nicht mal 100 Metern habe ich den ersten Blick auf die Stadt. Noch nicht sehr übersichtlich natürlich, gerade mal auf einige Häuser kann ich bereits herabschauen und das eigentlich auch nur, weil der Beginn der Auffahrt noch über dem Stadtzentrum liegt. Aber je weiter ich komme, desto mehr kann ich sehen, desto mehr schaue ich von oben auf die Stadt im Tal, und im selben Maße gelangen die Dinge ins Blickfeld, die hinter oder vielmehr: auf der anderen Seite über der Stadt liegen: Lifte, Wiesen, Wälder, die Hänge des Tals, in das ich heute morgen hinaufgefahren bin.
Nach zwei Kilometern kommt eine Kehre, und von da an geht der Blick ins Tal ziemlich verloren. Ich sehe, dass ich noch längst nicht oben bin; denn vor mir liegt noch immer der Berg, seine Spitze sogar in den Wolken oder im Nebel. Von der Höhe kann er locker mit Puy de Dôme mithalten, allerdings führt auch keine Straße zum Gipfel. Vielleicht ist dies einer der Gipfel, die ich von der Spitze des ehemaligen Vulkans gesehen hatte.
Es bleibt kühl. Mir soll es recht sein. Und erfreulicherweise wird die Auffahrt auch nicht steiler, so dass es sich für den fortgeschrittenen Morgen ausgezeichnet anlässt. Die Straße führt über Wiesen, die zum Tal hin erst leicht abfallen und dann, nach einer Kante, steil in die Tiefe stürzen. In einem Seitental, das überhaupt erst das Erreichen dieser Kante von unten ermöglicht, erblicke ich Wanderer, die vielleicht auf dem Weg zum Gipfel sind. Eine große Gruppe, junge Leute, verteilt über ca. 100 Meter… Es gibt ja immer welche, die die ersten sein wollen, und meist auch welche, die eigentlich gar keine Lust haben und deshalb die Nachhut bilden. Die bunte Kleidung bildet einen interessanten Kontrast zum Rundum-Grün der Wiesen und Waldflecke und zum Grau der Felsen und Wolken. Unsere Wege werden sich wahrscheinlich nicht kreuzen. Auf dem Fahrrad bin ich noch immer schneller als sie, auch wenn es bergauf geht. Außerdem haben auch sie kleines Gepäck dabei. Muss schon sein, wenn es auf einen Gipfel geht. Da braucht man ein bisschen Wegzehrung – auch ohne so viel Packzeug wie ich.
Der Pass liegt mit dem Puy de Dôme etwa auf einer Höhe. Es ist ein breiter Sattelpass, fast nicht als solcher erkennbar, weil er auf beiden Seiten so flach abfällt. Aber zu merken ist es doch, dass das Treten wesentlich leichter geht. Zu beiden Seiten liegen die Bergspitzen im Nebel. Vor mir bricht dann auch mal die Sonne durch, und die Abfahrt macht einen sehr übersichtlichen Eindruck. Da steht kein Baum, kein Strauch – nur die Straße, und die ist jetzt sogar breiter und neu ausgebaut, also von hervorragender Qualität, was nach einem Straßenneubau in Frankreich nicht selbstverständlich ist, wie ich inzwischen gelernt habe: Es gibt Arbeiter, die wissen, wie man so etwas macht, und dann gibt es welche, die sich eher auf den Bitumenkutscher spezialisiert zu haben scheinen. Die Abfahrt ist nicht nur übersichtlich, sondern sehr kurvig und flach. Da kann ich mich bei anständigem Tempo mal so richtig in die Kurven legen, soweit das die Reifen bei dieser Belastung mitmachen, ohne seitlich auszubüchsen. Man muss es ja nicht übertreiben.
Vor mir liegt jetzt ein tief eingeschnittenes Tal, und auf der anderen Seite ist die Fortsetzung »meiner« Straße zu sehen. Da ist doch die Frage, wie der Weg hinüber gezogen ist. Und es stellt sich heraus, dass ich einen langen Umweg machen muss, dafür allerdings auch nicht viel an Höhe verliere. Der Weg führt weit nach rechts, fast parallel zur Talsohle. Das Tal fällt nach links deutlich ab, so dass mein Weg weniger tief hinabführt, als wäre die Straße in Serpentinen sofort nach unten und auf der anderen Seite wieder hinaufgezogen worden. Am Wendepunkt, als es scharf nach links und wieder hinaufgeht, verfolgt mein Blick den Oberlauf des Tals. Das sieht gar nicht so gut aus. Ein dunkler Nebel verhüllt den Fortgang. Ich muss da zwar nicht hinein, und es führt auch nur eine schmale Straße in die undurchsichtige Richtung, aber in wenigen Kilometern wird dies meine Richtung sein, und dann interessiert mich natürlich letztlich doch, welches Wetter dort auf mich wartet. Denn dunkel ist der Nebel nur, weil über ihm dunkle Wolken stehen.
Als ich wieder dem Pass gegenüberstehe und nun von der zur ursprünglichen entgegengesetzten Richtung über das Tal blicke, stehe ich wieder auf einem relativ hohen Punkt. Und wie ich da so stehe und etwas esse, beginnt es zu regnen. Das sind nun die weniger erfreulichen Varianten einer Fahrt, aber es trippelt erst mal nur so ein bisschen. Und weil meine Jacke so wärmt und nach dem Regen so lange braucht, bis sie wieder einigermaßen getrocknet ist, zögere ich, sie gleich überzuziehen, fahre aber erst mal weiter, weil ich denke, dass ich im nächsten Ort mich immer noch unterstellen kann. Allerdings ist Besse noch ein paar Kilometer entfernt.
Kurz, nachdem ich solcherart sozusagen die Flucht nach vorn angetreten habe, beginnt erneut die Abfahrt, und das stimmt mich zuversichtlich, noch mit einigermaßen trockenem Tuch ein Dach zu erreichen. Der Regen wird indes immer stärker und ehe ich’s mich versehe, schwimme ich durch einen Gewitterguss vom allerfeinsten. Da kommt alles zusammen, was ich nicht mag: Blitz und Donner im Wald in einer Hochlage – gefährlicher ginge es eigentlich nur noch am Pass. Eiskaltes Wasser und Graupel praktisch auf die nackte Haut; denn mein Hemd ist sofort durch und vermag nicht die Spur zu isolieren oder abzuhalten. Mir ist dramatisch kalt. Zu guter Letzt ist es nicht einfach ein stärker gewordener Regen – nein, es gießt wie aus Kannen, und das mag zwar den Vorteil haben, dass es bald wieder vorüber ist, aber wenn mir das im tiefen Tal mit angezogener Jacke passiert wäre, hätte ich es mit deutlich mehr Gelassenheit getragen. Jetzt nehme ich mir nicht einmal die Zeit, nun doch abzusteigen, denn während ich in den Gepäcktaschen nach der Jacke wühle, wird mir nur noch der Sattel nass, und das ist im Grunde das Einzige, was mir jetzt noch fehlt. Also Augen (fast) zu und durch.
Im nächsten Ort finde ich einen überdachten Brunnen oder Wasserhahn mit großem Bassin – wie man’s nimmt. Darunter regnet’s nicht, und darum mache ich dort halt, um einfach mal eine Bilanz der Überschwemmung zu erstellen. Die Landkarte hat nun auch ihre Wassertaufe erhalten. Zwar ist der Umschlag mit einer dünnen Plastikschicht versehen, aber wo die versehrt ist und an der ungeschützten Seite natürlich sowieso ist das Wasser eingedrungen, das vorher seinen Weg in die längst nicht mehr dichte Karstadt-Tüte gefunden hat. Die Jacke ziehe ich mir jetzt trotzdem an, weil alles andere nur einer Erkältung und womöglich Schlimmerem Vorschub leisten würde. Bald darauf hört wirklich der Regen auf, und tatsächlich bricht bis Besse sogar die Sonne wieder durch. Das gefällt mir gar nicht, denn es heißt sicherlich auch in Frankreich: »Scheint die Sonn’ aufs nasse Blatt, jib’s bald wieder wat.« Oder so ähnlich.
Ob der Sonnenschein nun das ideale Wetter für einen Einkauf ist, weiß ich nicht. Es ist aber ganz praktisch, mit den Schokoladentafeln, Puddings, dem Obst und all den anderen Dingen nicht gleichzeitig einen halben Liter »offenes« Wasser einzupacken. Insbesondere mein Werkzeug und meine Klamotten mögen es trocken, und all die Papiere, Adressverzeichnisse vertragen Wasser auch nur begrenzt.
Es ist jetzt später Vormittag, und im Grunde ist meine Entfernung vom Startpunkt noch lächerlich – in der Luftlinie jedenfalls. Also will ich hier nicht lange verweilen. Ich mache noch ein Foto von einem interessanten Haus (freistehend, ganz schmal und dabei relativ hoch, wäre vielleicht was für Clemens) und breche dann auf. Mein nächstes Ziel ist ein Kratersee. Ob das nun tatsächlich mal ein Vulkan war oder so etwas wie ein Eifel-Maar ist, sei mal dahingestellt. Mir ist jede Entstehung recht, wenn ich ihn nur zu sehen bekomme und dabei in irgendeiner Weise an die Fotos davon erinnert werde. Auf diesen Fotos sehen sie folgendermaßen aus: Eine pechschwarze Fläche (weil der See von keinem Windhauch in seiner Stille gestört wird, tief ist, und das Gestein darunter meist auch schwarz), umrandet von einem Wald oder zumindest einem Wäldchen, und zwar ringsherum. Optional kann noch ein gelbes Getreidefeld außerhalb des Feldes das Farbspektrum abrunden. Und natürlich wird das Ganze bei einer Sicht aufgenommen, die gegen unendlich geht – und von oben.
Als Realist stelle ich nicht so hohe Anforderungen, aber bei der Auffahrt zum Rand des Sees kommen mir immer mehr Zweifel daran, dass wenigstens bescheidene Erwartungen befriedigt werden. Die Sonne hat sich schon wieder verkrochen (man soll’s ja nicht beschreien, aber Erfahrungen lassen sich nicht so ohne weiteres verdrängen, und hier sind sie drauf und dran, sich wieder einmal zu bestätigen), und bis ich oben bin, ist ein Wind aufgezogen, der auf dem See eine regelrechte Brandung fabriziert. Wild schaukeln einige Boote hin und her. Auf der überdachten Terrasse warte ich den nächsten Schauer ab. Wer weiß, so sehen ihn vielleicht die wenigsten? Ist das nicht ein Wert an sich? muss es wohl, denn eine Alternative habe ich kaum, es sei denn, ich wollte mein Lager hier aufschlagen, vielleicht oben ein Zimmer mieten, gar noch einen Ballon, aber solange dieser Wind hier weht, wird der See nie im Leben schwarz. Was soll’s auch? Ich bin nicht wegen des Sees hierher gefahren; er liegt halt an der Strecke. Außerdem waren mir meine Chancen doch von vornherein ungefähr klar. Im mittelleichten Regen mache ich mich nach einer anständigen Pause wieder auf den Weg, und leider ist es nicht besonders kalt, so dass es mir unter der Jacke bald den Schweiß aus den Poren treibt. Man müsste für solche Gelegenheiten wirklich etwas anderes tragen. Nur: Welche Faser leistet, was ich erwarte?
Der Regen hört nach und nach auf. Die Temperatur bleibt so, und das ist mir recht. Die Strecke ist zwar schön, hochgelegen, aber nicht atemberaubend. So kann man reisen. Der Spaß hat erst in Condat ein Ende. Dort ist eine Baustelle, und ich verlasse die Hauptstraße, um durch den Ort meinen Weg zu finden. Und wie ich da so schön fahre, fliegt mir plötzlich ein mittlerer Hubschrauber ins rechte Auge. Verdammt, war das ein Riesenvieh! Und vermutlich macht es sich nicht das Geringste daraus, sondern fliegt einfach weiter. Mir fackelt derweil die Hälfte meines Augenlichts ab. Ich muss anhalten und erst mal warten, bis der Schmerz nachlässt. Brille, sage ich nur. Aber man trägt sie eben nicht immer, und im Zweifel schickt Murphy die Viecher während der Fünf-Minuten-Phase ohne Gläser. Meine Güte, so was habe ich ja noch nicht erlebt! Auch als der Schmerz langsam abklingt, fahre ich noch mit einer Hand auf dem Auge. Das war wirklich nicht lustig. Noch ein paar Mal so ein Ding, und ich kann beim Glaser anklopfen.
Die Straße verläuft nicht in der Ebene, sondern mal nach oben, mal nach unten – alles auf hohem Niveau. Ohne genaues Kartenstudium kann ich nicht mal sagen, ob die Flüsse mit mir fließen oder mir entgegenkommen. Irgendwann erreiche ich jedoch die D62, und sowohl der Blick in die Landschaft als auch in meinen Atlas verrät mir auf Anhieb: Es geht Flussaufwärts, und wenn diese Lappalie versickert ist, sprich: die Quellgegend erreicht ist, geht es erst so richtig zur Sache. Wenn ich mich einigermaßen anstrenge und von der Aussicht nicht entmutigen lasse, erreiche ich heute noch einen neuen (vorläufigen) Höhepunkt meiner diesjährigen Reise. Erst mal verdrießen mich jedoch die alten Dörfler der Gegend. Was haben die sich dabei gedacht, die Dörfer abwechselnd im Tal und am Berg zu gründen und schließlich eine Straße – oder damals wohl noch einen Weg – all die Siedlungen miteinander verbinden zu lassen? Es geht hinauf und hinab, und bevor ich den Fußpunkt meines Aufstiegs erreiche, darf ich bei schönstem Wetter vielleicht zehn Höhenmeter gewinnen und dafür ordentlich strampeln. Immerhin – das Wetter stimmt, und es wirkt auch etwas stabilisiert. Schließlich erreiche ich wieder die Ebene und in ihr das letzte Dorf. Ich habe links die Serpentinen der ersten Phase der Auffahrt vor mir, und vor mir türmt sich die Passhöhe auf. Sie hat eine beachtliche Höhe. Das ist eine Angelegenheit von mehreren Stunden. Mindestens zwei, würde ich sagen. Dann dürfte die Dämmerung langsam einsetzen, also ist es noch zu schaffen, denn nach unten geht’s meist schnell.
Auf geht’s. Und wieder einmal geht es gut nach oben, wird die Aussicht an jeder Kehre oder auch mal zwischendurch, wenn die Bäume etwas lichter werden, von mal zu mal immer besser, übersichtlicher quasi. So lasse ich es mir gefallen. Anstrengend ist es zwar, aber das haben Berge so an sich. Immer mal wieder fixiere ich bei diesen Betrachtungen die letzte Kurve in der Ebene, und mit der Zeit wird auch interessant und sichtbar, was es außerhalb des »Auf-und-ab-Tales« noch so für Landschaft gibt. Spätestens am ersten Pass – dem Ende der ersten Serpentinen – wird dahinter ein zweites Tal sichtbar, das im spitzen Winkel auf das Ende des ersten zuläuft, Schnittpunkt der gedachten Verlängerung dürfte der oberste Pass sein – oder der Puy Mary, der Berg zum Pass – das bleibt sich ungefähr gleich. Inzwischen sind wieder Wolken aufgezogen, aber sie lassen hin und wieder der Sonne einen Spalt nach unten frei, und dann gibt es Spots, wie man sie in diesen Breiten selten zu sehen bekommt. Die Beleuchtung erinnert mich an die Lofoten, wo ich dieses Licht jenseits des Polarkreises zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe. Allgemeine Düsterkeit, und ein kleiner Lichtstrahl macht zum Spektakel, was immer er in der Landschaft trifft, mag es normalerweise auch noch so banal sein. Und so geschieht es mit einem kleinen Waldstück im zweiten Tal. Nicht, dass es gleich aufglühte, aber vorübergehend geadelt wirkt es durch die wandernden Sonnenstrahlen, die ihm für Minuten den absoluten Vorrang gegenüber den vielen umgebenden Quadratkilometern geben. An einer anderen Stelle sehe ich die Fläche zwar nicht, auf die das Licht trifft, aber den Strahl. Das sind Momente, in denen die Kawohl-Fotografen zuschlagen…
Vom Pass aus geht es jetzt wieder parallel zum (ersten) Tal, nur leicht bergan, bis der steile Kegel (in grober Näherung) des Puy Mary erreicht ist. Dann geht es unfeierlicher zur Sache. Es wird richtig steil, kalt ist es auch, aber das verdränge ich, denn bei diesem Fahren wird mir nicht so schnell kühl. Trotzdem muss ich ein, zwei Pausen machen, und mein Zeitziel wird immer schwerer umsetzbar. Vielleicht einen Kilometer vorm Ziel muss ich mir die Niederlage im Wettlauf mit der Uhr eingestehen, aber das ist kein Drama. Ich mache hier ja kein Wettrennen; es ist nur immer ganz gut, eine realistische Einschätzung der benötigten Zeit zu haben, einerlei, ob sie nun einfach vorsichtig war oder ich mich an hohen Maßstäben zu besonderen Leistungen aufgeschwungen habe.
Und dann bin ich einfach oben. Es ist saukalt, und der Wind hier oben ist nicht von schlechten Eltern. Der Pass hat eine eigenwillige Form: Ich überquere den Sattel diagonal, d.h., ich könnte es, und es würde auf der anderen Seite gewaltig in die Tiefe gehen. Michelin weist 15 Prozent Gefälle aus. Das darf gefährlich genannt werden. Allerdings werde ich nicht diesen Weg wählen, sondern einen anderen, und der verläuft scharf nach links und nahezu eben. Auf diese Weise fahre ich zwei Drittel der Peripherie des Gipfels ab – einmal von Osten bis Südosten bei der Auffahrt und nach Süden bei der Weiterfahrt. Wie gesagt, dort geht es eher in der Ebene weiter.
Das Panorama hier oben ist atemberaubend. Die beiden Täler, zwischen denen sich der erste Pass von vorhin erhebt, liegen mir weit weg und klein zu Füßen, immer noch vom wechselvollen Lichterspiel beleuchtet, das sich natürlich aus dieser Entfernung noch stärker im Zeitlupentempo entwickelt. Hinter mir die Schlucht, in die die steile Abfahrt führt. Über dieser Schlucht schwarze Wolken, rabenschwarz. Sie können jederzeit loslegen, und wenn sie es tun, dann zwar nicht unmittelbar über mir, aber wahrscheinlich mit einer noch größeren Härte als heute Vormittag. Was der Wind mit diesem Damoklesschwert anstellt, bleibt ungewiss. – Dann ist da noch eine Passhütte. Ich gehe hinein, und ein paar Männer und eine Frau genießen in der Wärme wärmende Getränke. Ich verzichte auf die Getränke und kaufe mir Briefmarken und ein paar Ansichtskarten. Darauf ist der Weg zum Gipfel natürlich nicht von schwarzen Wolken verschleiert; dafür rennen auch Horden von Touristen herum. Das habe ich jetzt nicht, und die Variante ist mir ganz recht. Den Weg nach oben unternehme ich auch nicht; denn dafür müsste ich das Fahrrad stehen lassen, und oben würde ich womöglich eine Sichtweite von zehn Metern haben. Das ist nicht der Sinn der Sache. Stattdessen ziehe ich mir an, was die Kleiderkammer an warmen und vor allem winddichten Dingen zu bieten hat, und mache mich an die Weiterfahrt. Die ebene Straße täuscht. Sie führt nur zu einem dritten Pass, der nur zwei Kilometer entfernt ist und hinter dem ich eine hübsche Abfahrt vermute. Die Schlucht liegt jetzt rechts von mir, und ich überlege mir, wie diese Formation wohl zustande gekommen sein mag. Ich tippe auf einen Vulkan, und die Schlucht mag der Krater sein, der dann wohl mal irgendwann außer Rand und Band geraten ist, wodurch er eine Seite einbüßte, und das ist die, wo die steile Abfahrt die Schlucht verlässt. So viel zur Theorie. Ich erreiche Pass Nummer 3, und es geht in der Tat nach unten. Ich kann allerdings nicht sehr schnell fahren, weil die Straße ziemlich schlecht ist. Da will ich nichts riskieren. Aber Spaß macht es trotzdem. Und langsam steigen auch wieder die Temperaturen.
Auf einer Höhe von 800 Metern verlasse ich die Hauptstraße. Ich habe jetzt das Châlet Anjony vor mir, d.h., es könnte mein heutiges Ziel sein. Noch trennen mich einige Berge oder zumindest größere Hügel davon, und ob ich es erreiche, hängt maßgeblich davon ab, ob mir bis dort ein attraktives Übernachtungsplätzchen »über den Weg läuft«. Aber irgendwie ist es alles nichts, und wenn da doch mal ein Stapel Strohballen liegt, dann befindet er sich entweder auf einem bewohnten Hof, oder es sind noch arbeitende Menschen in der Nähe. Die Landschaft ist sehr schön, sehr »wellig«, d.h., es geht andauernd bergab oder bergauf – keine großen Höhenunterschiede, auch Anstieg und Gefälle halten sich in Grenzen, aber ich bleibe in Bewegung. Rechts ist stets der Berg und links das Tal. Ebenfalls links ist auch die Sonne… – schon längst untergegangen. Die Dämmerung schreitet fort, und es wäre jetzt wirklich Zeit, etwas für die Nacht zu finden. An einer Bushaltestelle sitzen zwei Mädchen, die mich im Vorbeifahren irgendwas fragen. Ich muss wohl schon müde sein oder sonst einen Durchhänger haben, jedenfalls antworte ich statt mit »oui« mit »ja«, und Sie fragen zurück, ob ich Deutscher bin. Nun kehre ich doch um und frage (auf Französisch), ob sie deutsch sprechen. Darauf zeigen sie sich allerdings ziemlich zurückhaltend, und da ich keine Frage habe und mein Französisch nicht zum Smalltalk reicht, verabschiede ich mich und fahre weiter.
Als es schon fast dunkel ist, beginnt die Abfahrt nach Anjony. Die kurvenreiche Strecke im Dunkeln ist nicht ohne, aber schließlich erreiche ich den Ort. In der Silhouette sehe ich das Châlet – oder was immer dieses Gebäude sein mag – und denke mir, in seiner Nähe müsste sich gut übernachten lassen. Ich verfolge die Hauptstraße, aber die führt immer weiter bergab, bis sie deutlich unterhalb des Châlets verläuft. Keine Straße und kein Weg führen hinauf. Es muss einen anderen Zugang geben. Jetzt studiere ich also mal die Häuser an der Straße. Vielleicht kann ich dort ja irgendwo unauffällig unterkommen. Das Châlet hat bis morgen Zeit. Ein Haus liegt still im Dunkeln ohne ein Zeichen von Leben. Allerdings sind die Läden geschlossen, und das vermittelt einen verlassenen Eindruck, kann aber auch täuschen. Ich betrete das Grundstück und mache einen Rundgang um das Haus. Kein Schimmer. Wie sieht es hinter dem Gebäude aus? Von der Straße aus möchte ich am Morgen vielleicht auch nicht gesehen werden. Auch auf der Rückseite sind die Läden verschlossen. Es scheint ein brauchbarer Platz für die Nacht zu sein. Doch da dringt ein schwacher Lichtschein durch einen Spalt. Teufel noch mal! Den hätte ich beinahe übersehen. Ich trete ganz dicht heran, und zwar ist im Zimmer keine Festbeleuchtung, aber auch nicht gerade nur eine Kerze entzündet. Es ist ganz normal hell, und ich habe nichts gesehen. Vielleicht sollte ich in Zukunft bei geschlossenen Läden immer sehr genau hinschauen. Jedenfalls verlasse ich rasch das Grundstück und suche weiter. Es ist inzwischen Nacht, und bald darauf stehe ich wieder am oberen Ortseingang. Ich sollte mal einen anderen Weg in den Ort suchen.
Den finde ich dann auch. Zum Glück hat das Dorf eine halbwegs ordentliche Straßenbeleuchtung. Überhaupt machen die Häuser in der Siedlung einen gepflegten Eindruck. Nur habe ich bislang weder einen Schlafplatz noch den Zugang zum Châlet gefunden. Dies ist darum bald endgültig aus der heutigen Planung gestrichen, und ich konzentriere mich inmitten der Häuser, die zwischen sich keinen Quadratmeter wirklich dem Zufall überlassen, auf die Übernachtung. Ich finde auch noch eine Herberge, aber da ist kein Laut zu hören und kein Licht zu sehen (und diesmal sind keine Läden geschlossen, hinter denen sich ein Lichtschein verbergen könnte), so dass ich starke Bedenken habe, um halb elf noch anzuklopfen oder zu klingeln. Also lasse ich es. Na, und zu guter Letzt ist mir alles egal, und ich schlage mein Quartier mitten im Dorf auf. Schließlich werde ich morgens ja nicht so spät wach. Bis dahin dürfte ich wenig Anstoß erregt haben, vielleicht gar keinen. Meinen Schlafsack breite ich vor einer Bank aus, die zu beschädigt ist, um darauf schlafen zu können. So steht sie dann rechts von meinem »Bett«, dahinter ein Baum, und zur Linken – in Richtung Süden – steht zuerst das Fahrrad (umkippen sollte es also über Nacht möglichst nicht), dann eine niedrige Brüstung, hinter der die Mauer steil nach unten abfällt, vielleicht vier oder fünf Meter tief, und dort beginnt dann der Hang hinab ins Tal. Ansonsten stehen um meinen Schlafplatz herum vier Häuser. In einem wird ferngesehen, und ich könnte mitgucken, allerdings möchte ich hier lieber nicht gesehen werden – wenn es im Zusammenhang mit meinem Schlafplatz schlechte Stimmung geben sollte, reicht mir das morgen. Also halte ich mich zurück und außerhalb des Lichtscheins, den das helle Zimmer auf den Platz wirft. Na, und dann wird es einfach Zeit zu schlafen. Der heutige Tag bot genug zum Träumen.
3. Juni
Anjony – D160xD922xN120 – Aurillac – N122xD920 – Montsalvy – Entraygues-sur-Truyère – D920xD34 – Saint Amans-des-Cots – D97xD621xD900 – (Privatstraße der E.D.F von der D900 bis zur Barrage de Sarrans und zurück) – D900xC?xD166xD98 – Laussac (131 km)
Auf asphaltiertem Boden liegt es sich zwar sicher, aber doch relativ fest, um nicht zu sagen: hart. Da die Isomatte wirklich nur isoliert, nicht aber federt, muss das dünne Gespann aus Schlafsack und Speck für ausreichend Nachtschlaf sorgen. Tut es auch. Als ich wach werde, ist bereits heller Tag, aber das ist er in dieser Jahreszeit schon früh. Gestern Abend habe ich beschlossen, jetzt endlich mal den Reifen des Hinterrades zu wechseln; denn der ist nun – wie natürlich auch der vordere – seit Reiseantritt ca. 2000 Kilometer gefahren und sieht wirklich nicht mehr sehr vertrauenswürdig aus. Die erste Textilschicht ist bereits an vielen Stellen durchgewetzt, die zweite schon sichtbar. Wie dick der Rest ist, kann ich nur schätzen. Ich schätze ihn wechselreif ein. Wozu schleppe ich schließlich schon die ganze Zeit einen Ersatz mit mir herum? Den will ich schließlich zum Schluss nicht wieder mit nach Hause nehmen. Ich weiß noch – auf meiner Großbritannientour 1995 war ich noch nicht so erfahren mit der Lebensdauer der Reifen vorn und hinten, und als das Profil auf dem Hinterrad verschwunden war, glaubte ich, schleunigst für Ersatz sorgen zu müssen. Im schottischen Inverness kaufte ich mir deshalb einen Ersatz. Er war weder billig noch besonders gut noch so direkt von der Form, wie ich das für zweckmäßig hielt. Aber er passte, und das schien mir fürs Weiterfahren notwendig. Und was war das Ende vom Lied? Tag für Tag war ich zu faul, den Reifen zu wechseln, und auf diese Weise erreichte ich schließlich wieder Deutschland, kam in München an, fuhr sogar noch einmal nach Österreich auf der Großglockner-Hochalpenstraße einmal ’nüber und ’rüber, und erst als diese Fahrt vorbei war, wechselte ich den Reifen. Diesen Ersatz hätte ich natürlich auch zu Hause kaufen können und nicht von Schottland nach Bayern zu schleppen brauchen. Aber so ist das mit der Vorratshaltung: Sie ist manchmal auch mit ein wenig mehr Mühe verbunden.
Also ziehe ich mich an, um den Frühaufstehern kein anstößiges Bild zuzumuten, rolle die Utensilien und Zeugnisse meiner Übernachtung zusammen, genehmige mir ein gepflegtes Frühstück – Reifen wechseln ist anstrengend – und verfolge dabei, wie das Tal allmählich in Sonnenlicht getaucht wird. Die Sonne ist im Nordosten aufgegangen, und leuchtet das von Ost nach West verlaufende Tal erst allmählich aus. Von meinem Nordhang aus blicke ich auf die bereits helle Südseite, die ihrerseits in mehrere Seitentäler zerfällt. Die dazwischen liegenden Rücken sind bewaldet, in den Tälern ist Wiese. Das sieht alles klein und fein aus. Mit solchen Betrachtungen beende ich das Frühstück und krame das Werkzeug heraus. Der Reifenwechsel ist reine Routine. Ich muss noch die Bremsen neu einstellen, da bei der Gelegenheit die Kette etwas gespannt wird, und dann kann’s losgehen. Derweil ist hier und da jemand aus den Häusern getreten. Die Menschen gehen ihren Geschäften nach, aber insgesamt hat sich wenig gerührt. Und von mir hat überhaupt niemand Notiz genommen. Nun, ich brauche ja auch keine Hilfe, da ist es mir fast lieber, es kümmert sich niemand um mich. Es könnten Leute kommen, die es nicht gut finden, dass die Straße zur Werkstatt gemacht wird. Es könnten andere kommen, die einfach einen Smalltalk mit mir führen wollen und mich mit meinen Französischkenntnissen in Verlegenheit bringen würden – wobei… das wäre ja vielleicht noch lehrreich. Will ich aber möglichst schnell in Gang kommen, dann ist es so am besten. Ja, Postkarten muss ich noch schreiben. Ich sende ein Lebenszeichen an Kerstin (und Authari natürlich) und eines an Johanna.
Na, und dann wäre da noch das Châlet. Gestern hatte ich ja kein Glück mehr mit dem Weg dorthin. Alles fix und fertig für die Reise rolle ich nun langsam durch die Gassen, um heute noch einmal einen Versuch zu unternehmen. Und er gelingt. Bald fahre ich durch eine geöffnete Pforte auf das alte Bauwerk zu. Überall weisen Schilder auf Privateigentum hin, aber solange mir kein solcherart gekennzeichnetes Tor den Weg versperrt oder der Weg selbst mit entsprechenden Hinweisen versehen ist, lasse ich mich nicht verschrecken. Das Châlet besteht im Wesentlichen aus vier wuchtigen, runden, hohen Türmen, die weitgehend fensterlos sind. Diese Türme sind im Rechteck angeordnet und bilden die Eckpunkte eines Gebäudes, dessen eigene Grundfläche vielleicht doppelt so groß ist wie die eines dieser Türme. Auch das Gebäude selbst enthält kaum Fenster. Es muss ein Gaudi gewesen sein, darin zu wohnen. Wahrscheinlich war es zudem schlecht geheizt, und Aufzüge hatten sie damals wohl auch keine. Eine lose Gruppe älterer Herrschaften bewegt sich zielstrebig auf den Eingang zu. Ich stelle einfach mal das Fahrrad ab und schließe mich ihnen an. Keiner stellt eine Frage, keiner dreht sich um. Ist mir recht. Auf diese Weise gelange ich zwischen zweien der vier Türme durch eine Tür ins Innere, und dort herrscht bei gedämpftem Licht eine Museumsatmosphäre. In der Mitte des Raums wird kassiert. Bezahlt wird mit Scheinen. Will ich mir das wirklich ansehen? Die Frage beantwortet der Chef selbst. Mit scharfem Blick hat er erkannt, dass ich zu einer anderen Altersgruppe gehöre als seine übrige Klientel, und deshalb erwachsen ihm Zweifel daran, dass ich hier richtig bin. Kurz darauf finde ich mich zu einer Tür komplimentiert, und schon stehe ich draußen. Hoppla, das ging ja schnell. Aber wer weiß denn, welche Privatrechte ich drinnen verletzt hatte. Vielleicht kann ich noch froh sein über meine Behandlung. Und im Grunde reicht mir mein Eindruck auch. Ich mache noch eine oder zwei Aufnahmen von außen, und da ich jetzt mitreden kann, wenn es mal um Anjony und sein Châlet gehen sollte, breche ich nun endgültig auf. Zeit wird’s auch. Ich habe heute eine sehr facettenreiche Tour vor mir und will sehen, wie weit ich dabei komme.
Zunächst muss ich die D922 nach Aurillac erreichen, und die Strecke dorthin verläuft im Tal oder sagen wir mal: zwischen den beiden Kämmen, die das Tal begrenzen. Völlig eben und neben dem Bach, der in der Sohle vor sich hin plätschert, verläuft die Straße naturgemäß nicht. Ein paar Mühen hat der Herr vor die Erreichung selbst ganz leicht erscheinender Ziele gestellt. Meine größte Mühe ist nach wenigen Minuten, irgendwo ein dunkles Gebüsch zu finden. Auf diesen Reisen ist das schlimm: Du ahnst nichts Böses, und plötzlich ist es ganz dringend. Sollte kreislaufmäßig wirklich alles so beschleunigt ablaufen? Wo bleibt da die Frühwarnzeit?
Na ja. Schließlich und endlich bin ich auf der Hauptstraße, und von hier an wird’s zur Strecke. Die Straße ist keiner Erwähnung wert und testet mich mit kleinen Erhebungen und Senken. Aus dem Massiv der Monts du Cantal, die gestern die drei Pässe geformt hatten, senken sich mehrere Täler wie das von Anjony nach Westen, und wenn sie sich in 30 Kilometern Entfernung auch schon wesentlich geglättet haben mögen, so bleibt’s doch wellig, und wenn’s das nicht wäre, bräche schlicht die Langeweile aus. In einem Dorf statte ich dem örtlichen Supermarkt einen Besuch ab, und danach bin ich wieder drei Kilo schwerer und fühle mich für den Tag weitgehend versorgt.
Aurillac ist schon eine Stadt mit Größe. Sie hat eine Ringstraße, die den Stadtkern von Südwesten her halb umkreist, wobei die Bebauung jenseits dieser Straße keineswegs endet. Eine richtige Umgehung ist dies also nicht, aber eine andere gibt es nicht. Da ich nichts Besonderes von dieser Stadt weiß, nehme ich die Magistrale, und dasselbe oder anderes denken sich wahrscheinlich auch all die Kraftfahrer, die hier noch unterwegs sind. Es ist, auf Deutsch gesagt, was los. Und es ist gar nicht so einfach, die richtige Ausfahrt zu finden. Dies ist die D920, und rasend interessant ist auch die nicht. Die Täler südlich von Aurillac, also zwischen den Flüssen Cère und Truyère, sind ebenfalls flach, jedenfalls suggeriert dies der Verlauf der Straße. Die Abfahrten und Anstiege sind flach und langgezogen, und das merke ich naturgemäß vor allem während des jeweils nächsten Anstiegs. Der Blick auf die Karte lehrt mich allerdings, dass es effektiv, also quasi über alle Täler gemittelt, in die Berge geht. Na, das ist mir ja ein Trost. Ich dachte schon, ich mache schlapp. Der Atlas informiert mich allerdings auch darüber, dass all dies auf den letzten zehn Kilometern vor der Truyère praktisch wieder den Bach hinunter geht. Das kann also eine lauschige Abfahrt werden. Es könnte. Wenn da nicht Bauarbeiten wären und die Straße bald klebt, bald dick mit Splitt überzogen ist. Wie bauen die hier nur Straßen? Ich erinnere mich an die Werbung für Brooks-Sättel. Da heißt es: Den finishing touch müssen sie ihm schon selbst geben. Das heißt bei dem Ledermöbel: Fahr ihn 500 Kilometer lang ein, dann passt er Dir. Und hier scheint es zu heißen: Lass 5000 Autos darüber fahren, dann ist der Splitt hinterher dort, wo es vorher klebte, und alles ist in schönster Ordnung und festgefahren. Weiter unten auf der extrem breiten Straße steigt die Qualität dann allerdings deutlich an, und es fährt sich wieder sehr gut, was gerade bei kurvigen Talfahrten sehr schön ist. Leider besteht der Zweck der Bauarbeiten in einer extremen Verbreiterung der Straße – sie könnte glatt vierspurig markiert werden –, was natürlich mit massiven Wühlereien in Feld und Wald verbunden ist, und die Wunde wird, vom laufenden Verkehr einmal abgesehen, sicherlich einige Jahre brauchen, bis sie einigermaßen verheilt ist.
Auf diese Weise erreiche ich in rasantem Tempo den Ort Entraygues. Er liegt an der Truyère, und es ist gar nicht so einfach festzustellen, ob das hier gerade mal ein kleines Stückchen Fluss ist oder ein Stausee. E.D.F. hat nichts dem Zufall überlassen, wie ich vor allem der Karte entnehmen kann. Das Wasser wird schon seit vielen Jahren zur Energiegewinnung genutzt. – Ich könnte jetzt hier den Fluss überqueren, da die Straße auf der anderen Seite das Tal wieder verlässt… – wenn ich wollte und wenn da eine Brücke wäre. Komischerweise aber führt die Straße erst einen Kilometer stromaufwärts (und auf der anderen Seite entsprechend zurück), und dann dürfen nur diejenigen über den Fluss, die nicht zu breit und wirklich nicht zu schwer sind. Dort überquert eine angeblich gotische und wirklich ziemlich alt aussehende Brücke das Wasser, und in der Mitte gibt’s sogar noch einen richtigen Knick, damit die Statik stimmt und es keinen Knack gibt; man fährt also bis zur Flussmitte hinauf und dann wieder herab. Ich schaue mir die ganze Sache von meiner Seite aus an und mache ein Foto, aber hinüber will ich ja nicht, und ob das Kopfsteinpflaster ein so erhebendes Gefühl vermittelt, bezweifle ich eher. Also bleibe ich erst mal hier. An der nächsten Brücke (die für den Fernverkehr weitgehend ohne Einschränkungen benutzbar ist) fällt mir dann aber doch ein, dass ich hinüber muss, und nun kann ich mir die gotische Brücke noch einmal aus der Ferne und sozusagen im Profil ansehen.
Solange ich im Tal bleibe, ist alles okay. Links ist der Fluss, dahinter und rechts die Berge. Und die sind nicht von schlechten Eltern. Wenn ich hier wieder heraus muss – und ich muss! – dann wird das ein anständiges Stück Arbeit, zumal bei der Hitze, die sich jetzt eingestellt hat. Vergessen ist der Regen von gestern, Thema ist der Schweiß von heute. Und es dauert auch gar nicht lange, da kommt der Abzweig und die Auffahrt nach St. Amans. Und hier wird mal wieder gebaut, und das bedeutet Splitt auf der Straße. Aber ich lasse mich nicht irre machen. Gut gefrühstückt und mit einigen Happen zwischendurch fühle ich mich recht fit und nehme die Arbeit in Angriff. Und es lässt sich gut an – die Landschaft gefällt mir. Trotzdem zieht es sich hin. Kurz vor Erreichen von St. Amans komme ich an einer Weide vorbei. Da fällt mir eine ganz clevere Kuh auf: Auf drei Beinen stehend, etwas verrenkt also, melkt sie sich gleich selbst. Na, wenn das mal Schule macht…
Kurz darauf geht’s wieder zu Tal. Die Abfahrt ist nicht ganz so tief wie vorher die Auffahrt, denn dazwischen liegt eine Staustufe. Wie hoch sie ist, kann ich zwar nicht sagen, aber unter ein paar Metern lohnt es sich wohl nicht. Bevor allerdings der Fluss wieder erreicht ist, biege ich rechts ab und begleite das Wasser einige Kilometer in unmittelbarer Nähe. Auch hier ist die Truyère gestaut, bewegt sich also träge und führt sicherlich viel weniger Wasser, als es den Anschein hat. Dann allerdings fahre ich über eine Brücke und habe nun am anderen Ufer eine beachtliche Auffahrt vor mir. Hinter mir hat sich ein Gewitter zusammengebraut, und das ist mir eine ganz unsympathische Mischung: Regen und Gewitter und den Berg hinauf – das ist anstrengend und unangenehm und zudem gefährlich. In einer offenen Garage stelle ich mich unter, um den Gang der Dinge bis zu einer gewissen Beruhigung abzuwarten. Derweil studiere ich die Karte. Ja: dass es steil werden würde, hätte ich bei genauerem Studium meiner Unterlagen schon wissen können. Michelin hat zwei Pfeile spendiert, und die sind hier sicherlich korrekt. Man darf aber keinen Sehfehler haben, wenn man sich diese Kartenseite anschaut.
Die Auffahrt schlängelt sich zwischen Hochspannungsmasten hindurch. Unten im Tal befindet sich ein Wasserkraftwerk, wenngleich mir nicht ganz klar ist, aus welchem Fluss es gespeist wird. Scheinbar führen unterirdisch Rohre den Hang hinab, aber das ist alles verdeckt und ihre Herkunft natürlich auch. Da hätten sie eigentlich auch die elektrischen Leitungen verbuddeln können. Eine Zierde für das Tal ist dieses Gewirr nicht gerade. Aber vermutlich scheiden sich daran auch die Geister.
Weiter geht’s. Und leichter wird es noch lange nicht. Erst als ich das unzerschnittene Hügelland außerhalb des Flusstals erreiche und oben auf Höhe eines Umspannwerks bin, wird es deutlich flacher. Auch das Wetter hat sich inzwischen wieder beruhigt. Allerdings ist auch der Tag fortgeschritten. Ich erreiche nach einigen Minuten die D900, eine Straße, die erneut die Truyère kreuzt. Zwar will ich nicht schon wieder auf die andere Seite, aber meine Reiseroute sieht vor, nun auf der nordwestlichen Seite des Flusses bzw. seiner Stauseen ein ganzes Stückchen weiterzukommen. Es geht also wieder hinab. Im regennassen Wald, unter Wolken verhangenem Himmel, auf rauem Asphalt geht es Kurve um Kurve ins Tal. Das wäre alles ganz schön, wäre da nicht so ein vages Gefühl der Unsicherheit, ob das wohl der richtige Weg ist. Also, es ist ganz ohne Zweifel der Weg, den mir meine Route vorschreibt, aber der Abzweig unten vor dem Fluss sieht doch sehr schmal aus… Aber welcher Weg ist schon zu schmal für ein Fahrrad? Die Karte hat nur überhaupt kein Detail dem Umstand gewidmet, dass an der Staumauer zwei Straßen auf doch wahrscheinlich recht unterschiedlichem Niveau zusammentreffen: Eine oben und eine unten. Da würde es unter normalen Umständen doch eine Serpentine geben – oder mehrere…
Na, und noch ehe viel Zeit verstrichen ist – Abfahrten dauern nie sehr lange –, erreiche ich links einen Abzweig. Privatstraße, steht da, E.D.F. So so, das ist dann wohl nicht der richtige. Mein Wunschpfad muss also noch kommen. Was aber als Nächstes kommt, ist die Brücke über die Truyère. Also, so hatten wir nicht gewettet. Es gibt weder auf der Südostseite eine Straße entlang des Flusses noch auf der Nordwestseite eine zweite. Ich will doch lieber noch einmal genau nachsehen. Zurück! Allein – der einzige Weg bleibt die Privatstraße der E.D.F. Was mein Recht betrifft, diese Straße zu benutzen, so fehlt wahrhaftig nicht viel an meiner Gewissheit, dass ein solches Recht nicht besteht. Die Alternativen? Wieder zurück, hoch hinauf in die Berge, und zwar eine von beiden Seiten des Flusses. Die »Hochufer« unterscheiden sich kaum in ihren konditionellen Anforderungen. Es würde eine gediegene Arbeit werden. Ich weiß ja, wo ich eben noch heruntergefahren bin.
Kurz entschlossen biege ich auf den mehr oder weniger verbotenen Pfad ab. Die Straße wirkt tatsächlich sehr privat: Sie ist schmal, und die Bemühungen der Vegetation, auf dem Asphalt verlorenes Terrain zurückzugewinnen, scheinen von einem gewissen Erfolg gekrönt zu sein. Hier fährt selten mal jemand lang. Na, da habe ich ja Chancen, dass mir niemand begegnet.
Das Tal, in dem die Straße verläuft, wird immer schmaler. Dann zweigt noch ein Seitental ab, und hier kann man dann langsam eine Vorstellung davon gewinnen, wie breit die Truyère tatsächlich ist, wie hoch ihr Wasserstand ist, d.h., wie viel Wasser da pro Sekunde fließt; denn hier ist sie ungestaut. Keine Kunst, es folgt ja auch bald der Damm oder die Mauer. Ich überlege, was ich tun werde, wenn die Straße an der Mauer enden sollte. Durchs Gebüsch? Irgendwelche Treppen benutzen? Werksgelände betreten, d.h., richtig eingezäuntes Territorium? Abwarten, das kann man ja alles noch vor Ort klären. Vielleicht ist die ganze Unruhe umsonst.
So geht es drei Kilometer, und nach zehn Minuten ist alles klar: Dies ist der Punkt of return, nichts anderes. Die Mauer ist mindestens 20 Meter hoch, leicht auch 30 oder 40. Die 100 Meter davor sind kompromisslos und ohne eine Andeutung einladender Details eingezäunt und versperrt, und die Hänge des Tals sind selbst für Kletterer ohne Gepäck eine Herausforderung. Für Radfahrer mit Gepäck stellt sich im Grunde nur eine Frage: Wie viel Zeit habe ich durch dieses Wagnis, durch diese blöde Planung oder durch diese schwachsinnige Darstellung der Straße auf einer Karte verloren? Ich schiebe es natürlich wieder auf den Verlag. Was hat eine Privatstraße auf einer Karte verloren, wenn die ja doch niemand außer dem Eigentümer befahren darf? Und warum ist, wenn man diese Frage schon mit einer grundsätzlichen Forderung der Vollständigkeit beantworten mag, keine Lücke zwischen der Ober- und Unterseite des Damms geblieben? Die 100 Meter eingezäuntes Terrain hätten eine Lücke von 0,5mm ergeben. Details dieser Größe sind auf der Karte durchaus signifikant. Man hat der Einfachheit halber durchgezeichnet. Und ich stehe jetzt inmitten dieser tollen Landschaft auf verbotenem Grund wie ein Depp und muss mir auch noch sagen (lassen – es kommt aber keiner): Was hatteste hier überhaupt zu suchen?
Also wieder zurück! Dieser Misserfolg ist lähmend. Bloß gut, dass es auf den ersten drei Kilometern nicht bergan geht. Danach bewege ich mich wieder legal, aber der Gedanke an die Alternative über die andere Seite des Flusses (die habe ich immerhin noch nicht gesehen) kommt mir gar nicht. Zurück halt! Bei der Auffahrt kann ich immerhin die Landschaft etwas genauer in Augenschein nehmen. Und die Kräfte kommen bald wieder. Nach sechs sind sowieso die größten Leistungen drin, wie es scheint. Und glücklicherweise ist die Straße nach oben genauso flach wie nach unten. Ich muss mir jetzt nur Gedanken machen, wie ich nun die Mauerkrone erreiche, ob ich sie überhaupt erreichen will (um mir etwa den Ort meiner Schmach noch einmal von oben anzuschauen), damit der Route Genüge getan wird, oder ob ich jetzt einfach die günstigste Stelle für den Abzweig zu irgendeinem Punkt oberhalb der Mauer suchen sollte. Und als es dann nach längerer Zeit zum ersten Mal wieder rechts ab geht, denke ich nicht lange nach, sondern folge ihm. Jetzt kann ich mich sogar wieder an der Sonne orientieren.
Der neue Weg, der neue Abzweig ist noch schmaler als der Abzweig zur E.D.F. Das mindert seinen Wert nicht – für mich jedenfalls nicht und solange kein weiterer Verkehrsteilnehmer auftaucht. Freilich, wenn ein Auto auftaucht, ist bereits ein Ausweichmanöver fällig, aber das passiert auf den drei folgenden Kilometern nur einmal. Wäre da nicht dieser Ärger, dann wäre das eine richtig schöne Strecke, und wäre es etwas flacher oder einfach eben, dann könnte ich mich sogar entspannen. Aber so muss ich mich erst mal vom gerade Erlebten distanzieren.
Eine halbe Stunde später geht es bereits wieder bergab, mit der Korrektur des falschen Weges bin ich fertig. Die Dämmerung hat nun auch eingesetzt; es wird Zeit, dass ich mir Gedanken über die Übernachtung mache – ein bei dieser unsicheren Witterung nicht unwesentlicher Tagesordnungspunkt. Da wird rechter Hand ein Stück Land im See sichtbar, so etwas wie eine Halbinsel in den gestauten Fluten. Langsam komme ich näher, und dort stehen auch ein paar Häuser. Nirgends ist jedoch Licht. Es könnte also sein, dass in diesem so entlegen scheinenden Winkel dieser Welt ein Fleckchen für mich frei wäre. Auf einer Schussfahrt geht es von halber Höhe hinab. Ein paar Ferienhäuschen vor der Halbinsel sind eingezäunt – da ist also nichts zu machen –, und dann mache ich mich an die Erkundung des Objekts meiner Neugierde. Das ist wirklich idyllisch: Eine Straße führt über die Landzunge zu dem kleinen Hügel, auf dem eine Handvoll Häuser verstreut sind. Sollte hier mal die Sonne brennen, werden sie keine Not leiden. Riesige Bäume beschatten Teile des Areals. Wer mag, kann in der Kühle bleiben. Ob er damit gleichzeitig die Mücken auf dem Hals hat, ist nicht klar. Für die sollte es hier eigentlich noch zu früh sein, aber es gibt Mücken, die tauen gleichsam aus dem Eis, und davon gibt’s hier keines. Sie könnten also schon präsent sein und mich heute Nacht ärgern.
Drei der Gebäude sind eine Baustelle – höchstens eine Baustelle. Zumindest sind sie baufällig und nicht bewohnbar. Zwei sehen dagegen sehr bewohnt aus, und wenn es auch nirgends ein Lebenszeichen gibt, so steht da doch ein Auto, also kehre ich hier lieber gleich wieder um, bevor mich jemand ungebeten findet. Das am höchsten gelegene Haus hat es mir angetan. Es ist aber alles verriegelt und verrammelt. Und es sind deutliche Spuren von Bauarbeiten zu erkennen. Ganz oben auf dem Hügel steht sogar noch eine kleine Kirche, aber die hat nicht mal Fenster, geschweige denn eine geöffnete Tür. Zurück zum Haus! Ah, auf der Nordostseite steht eine riesige Lärche, und unter ihr so etwas wie eine Veranda. Der Bretterboden dieses Holzbauwerks ist teilweise löchrig, teilweise mit Nadeln bedeckt. Aber das kann man ja ändern. Oder lässt es so und begreift es als Gratis-Federung. Ich beschließe jedenfalls, hier mein Lager aufzuschlagen, trage die Isomatte und den Schlafsack hinein und bette mich zur Ruhe. Auf alle Fälle habe ich schon schlechter gelegen. Dies sollte eine gute Nacht werden.
4. Juni
Laussac – D34 – Paulhenc – C?xD65xD11 – Chaudes-Aigues – D921xD48xD40 – Saint Georges – D250xN9 – Saint Chély-d’Apcher – D75xD987 – Saint Alban-sur-Limagnole – D4xD58xD5 – Grandrieu (145 km)
Es ist eine gute Nacht geworden. Für mich hier unterm Dach jedenfalls. Ob es draußen mal geregnet hat, kann ich allerdings nicht mit Sicherheit ausschließen. Der Himmel sieht jedenfalls alles andere als verheißungsvoll aus. Aber als ich das erste Mal die Augen öffne und die Szene um mich herum wahrnehme, sieht es mir draußen viel zu ungemütlich aus und ist es im Schlafsack viel zu gemütlich, als dass ich gleich aufspringen und zum Aufbruch drängen würde. Also drehe ich mich wieder um und warte auf besseres Wetter. Doch da sind plötzlich Stimmen zu hören. Und ein kurzer Blick verrät: Um die Ecke sind Bauarbeiten im Gange. Ist ja nicht zu glauben. Die Baustelle sah ein bisschen so aus, als fiele das hier alles viel schneller ein, als es wieder aufgebaut wird, als wären das höchstens mal Wochenendjobs, in denen hier die Kelle geschwungen wird. Nichts dergleichen! Jetzt sind Bauarbeiten im Gange, und ich habe keine Chance, hier unerkannt aufzubrechen. Wahrscheinlich haben die Jungs mich auch schon gesehen. Also, dann kann ich ja auch gleich noch ’ne Runde schlafen. Aber so richtig will sich bei diesem Publikum keine Ruhe mehr einstellen, obwohl sie mich nicht behelligen, nicht einmal gucken kommen. Ich packe meinen Kram ein, esse einen kleinen Happen – das richtige Frühstück kommt später –, schiebe das Fahrrad vom Grundstück und breche auf. Bonjour, die Herren. Bonjour.
Jetzt kommt eine kleine Rundfahrt, deren Krümmung dort endet, wo ich meinem Schlafplatz jenseits des Sees wieder gegenüberstehe. Von dort aus erkenne ich auch, dass die Halbinsel zumindest am Morgen keineswegs so verlassen war, wie das zunächst den Anschein hatte. Ein, zwei Autos stehen an einem flachen Abhang, der zwischen einer gepflegten Wiese und dem Wasser verläuft. Er könnte benutzt werden, um Boote zu Wasser zu lassen. Theoretisch könnte man hier wahrscheinlich auch baden, aber besonders fußfreundlich ist der Kies sicherlich nicht. Jedenfalls stehen und sitzen dort ein paar Leute herum. Wahrscheinlich angeln sie, aber das ist etwas zu weit weg, um es sicher erkennen zu können. Mich führt jetzt der nächste Weg wieder in die Berge, erneut hinauf am Nordwestufer, denn auf dem Niveau des Sees gibt es keine Fortsetzung der Straße. Der erste »Ort« heißt l’Ermitage, und da könnte man nun sonst was denken. Er besteht aus zwei, drei verfallenden Häuschen, und kein Gedanke kommt an St. Petersburg, große Kunst oder dergleichen. Wer hat hier wohl den Namen von wem kopiert, und was heißt das überhaupt, »l’Ermitage«? Vorerst gibt es darauf keine Antwort, denn Regen setzt ein, und bergauf geht es, und ich habe mit meiner Arbeit zu tun, werde also nicht in irgendwelchen Taschen nach irgendwelchen Wörterbüchern suchen, um Antworten auf momentan eher unbedeutende Fragen zu suchen. Da ich ungefähr weiß, wie tief das Tal ist – vorausgesetzt, das Umland hat nicht wesentlich seine Höhe geändert –, kann ich abschätzen, wie lange die Auffahrt etwa dauern wird. In Paulhenc versuche ich, meine Reserven aufzustocken. Der einzige Laden des Ortes ist nur sehr mangelhaft bestückt, und was er hat, ist nicht eben billig. Ich halte mich zurück. Noch besitze ich Reserven, und die Powerbar-Riegel karre ich glatt kiloweise durch die Gegend.
Was jetzt kommt, ist die Kurve um ein Seitental der Truyère, dann die Fahrt an dessen Hängen hinab ins Haupttal und dort die Überquerung des Flusses auf einer bemerkenswerten Brücke. Jedenfalls verzeichnet die Karte ganz dick die Pont de Trébul. Die Fahrt dorthin ist recht interessant. Zunächst mal hört der Regen auf. Dann geht es erst in die Horizontale und nach Umrundung des Seitentals wieder bergab, aber am interessantesten ist diese Umrundung selbst. Die Gegend macht einen solch menschenleeren Eindruck, ist dabei so vielfältig in Form und Farbe, intensiviert noch durch das immer stärkere Licht aus dem sich aufklarenden Himmel auf eine blank gewaschene Szene – man muss nicht wochenlang bei 30 Grad durch die Berge fahren, um zu erkennen, dass auch Regen sein Gutes hat.
Die Brücke selbst kann wohl als historisch gelten; so richtig Vertrauen erweckend ist sie dabei nicht. Zu beiden Seiten gabelt sich die Straße, um den jeweiligen Ufern in beiden Richtungen zu folgen. Hinter dieser Gabelung sind die Trosse, an denen die Brücke in klassischer Machart hängt, im Fels verankert. Das alles ist schon ziemlich alt, und auch die Betonteile der Brücke bröckeln so ein bisschen. Vielleicht besteht das Sehenswerte des Bauwerks daran, möglicherweise einer der letzten Zeugen ihrer Existenz gewesen zu sein. Aber einerseits bin ich ein leichtes Fahrzeug und andererseits habe ich doch so viel Vertrauen in die französischen Behörden, dass ich ihnen zutraue, ab und zu mal nach dem Rechten zu sehen.
Wieder auf der Südseite an Land gegangen, ist mein nächstes Ziel nun Chaudes-Aigues. Das liegt – wie könnte es anders sein – mal wieder in den Bergen, aber für ein paar Kilometer folgt die Straße noch dem See, und das ist eine ganz nette Angelegenheit. Ein Seitenarm des Sees flacht ganz allmählich ab, bis er unauffällig in einen Bach übergeht, und zunächst mal folgt die Straße diesem Bach. – Nach dem Regen sind Unmengen von Nacktschnecken auf der Straße unterwegs. Naturgemäß sind diese Kreaturen sehr langsam, und was sonst hier so entlangkommt, ist, gemessen daran, ziemlich schnell. Und deshalb liegen jede Menge Leichen auf dem Asphalt. Ein bisschen aus Rücksicht um die Tiere, allerdings auch wegen eines gewissen Ekels versuche ich, um sie herumzumanövrieren. Am Ende klebt mir lauter organischer Matsch an den Reifen. Völlig gelingt es mir nicht, immer ein Bogen um die Kadaver zu machen. Aber nicht alle sind tot. Und im langsamen Vorbeifahren bemerke ich, wie um fast jedes Matschhäufchen Angehörige zum Leichenschmaus versammelt sind. Kannibalismus! So also bekommt jeder am schnellsten ein eiweißreiches Frühstück. Na denn, Prost Mahlzeit!
Die Sache mit dem Bach erweist sich als eine Ente. Es geht über’n Berg und hinab ins nächste Seitental, das noch länger ist. Dann aber wird nicht mehr lange gefackelt, und es geht in die Höhe. Kurz vor Chaudes kommt wieder eine deutliche Abfahrt. Im Ort bin ich schließlich der Berge müde und gucke mir die Karte an, ob sich da nicht etwas sinnvoll abkürzen lässt. Es lässt. Und ganz liberal streiche ich sowohl einen steilen Anstieg (zwei Pfeile) als auch eine Höhendifferenz von gut 200 Metern. Bevor ich den Ort aber wieder verlasse, wird eingekauft. Die Stadt hat alles, was man so braucht. Sie hat sogar einen Friseur. Und ich brauche einen Friseur, jedenfalls fühle ich, wie mir meine Mecke von Tag zu Tag stärker zum Bedrängnis wird. Nur, wie sag ich’s meinem Coiffeur? Da gehe ich doch lieber erst mal zum Bäcker. Eine Horde deutscher Touristen, soeben einem Bus entsprungen, macht den Markt unsicher. Hier habe ich erst mal alles, also verlasse ich den betriebsamen Ort. Wo Menschen zu Dutzenden, wenn nicht gar zu Hunderten in Bussen herangekarrt wurden und nun endlich mal ’raus dürfen, fühle ich mich nicht wohl, wahrscheinlich, weil ich mir selbst nicht vorstellen könnte, solcherart durch die Gegend chauffiert zu werden, ohne jederzeit frei entscheiden zu können, was ich als Nächstes mache.
Aufgrund der Abkürzung fahre ich nun entlang der D921 nach Norden, um abermals die Truyère zu überqueren. So tief geht’s diesmal aber nicht hinab. Hier steht auch wieder einmal eine Staustufe. Auf der Nordseite erwarte ich nach etwa 15 Kilometern Château d’Alleuze zu sehen, und was mich da jetzt genau erwartet, weiß ich nicht so genau. Als ich die Bildbände studierte, fiel mir einmal ein tolles Schloss auf, und irgendwas sagt mir, dieses Schloss müsse jetzt hier zu finden sein. Wozu mache ich schließlich diesen Schlenker so weit nach Nordosten? Ich bin schon fast wieder in Le Puy. Na gut, das sind noch fast 100 Kilometer, und wenn ich dieses Château erreicht habe, biege ich scharf und entschieden nach Süden ab.
Und da ist es: Aber ach, eine Ruine, kein Schloss, sondern ein verfallenes Exemplar des Bauwerks aus Anjony. Und deswegen habe ich solche Runden gedreht? Und nicht genug damit: Die Ruine ist auch noch eingezäunt und zwar richtig professionell – mit Stacheldraht und so. Professionell will heißen: Ich traue mich nicht drüber, weil ich riskieren würde, mir meine Hose zu zerreißen, und von einer ziemlich unpraktischen Jogginghose mal abgesehen, habe ich keine andere. Außerdem habe ich am Fuß des Berges, auf dem diese Trümmer stehen, mein Fahrrad zurückgelassen, und allzu lange möchte ich es nicht ohne Aufsicht lassen. Immerhin ist mein Gepäck ohne weiteres zugänglich, für jeden anderen wahrscheinlich ziemlich wertlos, aber das weiß er vielleicht nicht, und für mich wäre es ein herber Verlust. Zudem taucht jetzt unten ein Bus auf, hält an und jede Menge Kinder steigen aus. Nun aber rasch! Wer weiß, wie interessant die Racker mein Gefährt finden. Ich springe die Steine hinab, denn es ist weder ein glatter Pfad noch eine Treppe, die nach oben führt, sondern eher ein Haufen Felsstücke, die Stufen bis zu einer Höhe von einem Meter formen. Hier sind also sowohl nach oben als auch nach unten Kletterkünste und ein gutes Gleichgewicht gefragt. Als ich die Straße wieder erreiche, steigen gerade die letzten aus.
Mir steht jetzt wieder eine Auffahrt bevor, aber wo oben ist, kann ich bereits sehen, und auf der Straße habe ich allemal die elegantere Version des Aufstiegs. Es existiert nämlich auch noch ein Kreuzweg steil hinauf zu einer Kirche, der an lauter schlichten, weißen Kreuzen vorbeiführt. Diese Reihe schaue ich mir bald darauf von oben an und kann dann auch zur Ruine und zum Bus hinuntergucken.
Und nun will ich nur noch die N9 erreichen und auf dieser nach Süden fahren. Es ist allerdings nur ein frommer Wunsch, bis dorthin nicht noch einmal in die Tiefe und natürlich wieder hinauf zu müssen. In St. George holt mich brutal die Wirklichkeit ein, und wenn ich brutal schreibe, dann meine ich, dass die Auffahrt vielleicht kurz, aber hart an den Grenzen der Technik und Biologie entlangschrammt. Eigentlich müsste ich hier absteigen und schieben. Aber der Zorn über völlig falsche Beschriftungen der Karte muss mit Gewalt verarbeitet werden, und die entlädt sich an diesem Berg.
Na, und dann bin ich endlich auf der Nationalstraße. Das ist hier keine große Sache; denn parallel zu diesem so bedeutend klingenden Verkehrsstrang verläuft eine Autobahn, und es scheint so, dass sie hier entweder nichts kostet oder trotz der Kosten noch attraktiver ist als immer mal wieder das Durchqueren eines Ortes, für den ja das Tempo gedrosselt werden muss. Die N9 hat keine Hochbrücke, als sie schließlich – für mich zum letzten Mal auf dieser Reise – über die Truyère muss, aber inzwischen kenne ich mein Gewässer, und der Aufstieg auf der Südseite wird mir versüßt von einer Schlängeltour zwischen den Pfeilern eines roten Stahlviadukts, auf dem die Eisenbahn hoch oben das Tal überquert. Von Pfeiler zu Pfeiler gewinne ich mehr an Höhe, und die Konstruktion scheint in der Tradition des Eifel-Turms entworfen und umgesetzt worden zu sein – obwohl diese beiden Bauwerke natürlich nicht die einzigen aus Stahl in Europa sind.
Nachdem ich wieder das Niveau der Eisenbahn erreicht habe, scheint die Arbeit für heute getan. Würde ich genau auf die Karte sehen, wüsste ich, dass dies ein Irrtum ist. Ganz allmählich gewinnt das Gelände an Höhe, und zwar, indem es in langen Wellen ansteigt: Ein kurzes Stückchen hinab und ein längeres hinauf, immer schön flach, aber das ganze Spiel über ca. 30 Kilometer. Zu Beginn einer Auffahrt bemerke ich 200 Meter vor mir einen anderen Radfahrer. Eine Minute später stelle ich fest, dass da ein junges Mädchen vor mir den Hang hinauffährt. Es hat außer einem Korb kein Gepäck und ist langsamer als ich, aber hier würden viele Gleichaltrige sich wahrscheinlich schon weigern, überhaupt einen Drahtesel zu benutzen. Wozu ist schließlich das Moped erfunden worden? Ohne viel Getöse komme ich immer näher, und sie bemerkt mich erst, als ich auf gleicher Höhe mit ihr bin, und erschrickt. Mei, ich kann schließlich nichts dafür, dass mein Fahrrad weder scheppert noch klappert noch irgendwelche Motorgeräusche von sich gibt. Mit einem schelmischen Blick rufe ich ihr ein Pardon zu und ziehe weiter.
In einem Dorf wird an der Straße Honig angeboten. Aber mir ist das Angebot nicht günstig genug. Ich fahre weiter. In St. Chély verlasse ich das verflochtene Gespann aus Autobahn und Landstraße, um noch weiter in die Berge vorzudringen, diesmal mehr in Richtung Osten. In Kürze möchte ich die erste Route aus dem Radtouren-Reiseführer für Südostfrankreich erreichen. Aber heute wird das wohl nix mehr. Vorerst muss ich mich durch die Stadt wursteln, und das ist zwar städtebaulich ganz interessant, aber nicht ganz einfach, da ich eine Ausfahrt suche, auf die kein Schild hinzuweisen scheint. Darum muss ich mich möglichst gut an das erinnern, was ich nahe dem Ortseingang auf einem Übersichtsplan gesehen habe. Dort war diese Ausfahrt nämlich eingezeichnet: die D75.
Schließlich habe ich sie dann doch gefunden, da sie einem kleinen Bach folgt, und den bemerkt man dann ja doch beim Überqueren, wenn er innerhalb einer Siedlung nicht völlig unterirdisch kanalisiert wird. Ich folge dieser Straße, die auf der Karte extrem schmal eingezeichnet ist, und die fünf oder sechs Kilometer sind der Geheimtipp schlechthin. Die Strecke ist landschaftlich vom Feinsten, ruhig, leicht abschüssig und leider viel zu kurz. Dann erreiche ich wieder eine wichtigere Straße, auf der mehr los ist, und hier… überquere ich noch einmal die Truyère. Das ist ein unerwartetes Wiedersehen, aber der Fluss ist nicht wiederzuerkennen. Hier ist es ein Bach, der flach in einem ebenfalls flachen Tal ohne jede Gewalt und ohne Nutzung zur Energiegewinnung dahinplätschert. So kann’s gehen.
Wenige Kilometer später überschreite ich lautlos die 1000-Meter-Marke, aber in der Landschaft ist das kaum zu bemerken. Es ist hier alles ziemlich hoch, und die tiefen Einschnitte der Truyère habe ich ja jetzt hinter mir. Betrachte ich die Vegetation, sieht sogar alles ziemlich flach aus: Kiefernwälder säumen die Straße – nicht durchgehend, aber doch oft, und ich meine sogar sandigen Boden zu sehen. Das könnte für einen Moment glatt die Altmark sein.
Dann ändert sich die Landschaft, Wiesen und Laubwälder prägen die Szene, und es geht bei bedecktem Himmel weiter hinauf in die Berge. Vor mir liegt ein Pass oder zumindest so etwas Ähnliches. Ich muss bis dahin ca. 250 Höhenmeter überwinden. Eine Bäuerin treibt ihre Kühe nach Hause. Ist das Landleben wirklich so toll?
Irgendwann bin ich dann oben, und um den höchsten Punkt der Straße gruppieren sich einige Gebäude, die wie eine Jugendherberge aussehen. Dies sind bzw. ist die Baraque-de-Bouviers. Wahrscheinlich war da zunächst nur ein Haus. Da die Dämmerung inzwischen hereingebrochen ist und eine ganze Menge Jugend herumläuft, denke ich darüber nach, hier ein Quartier zu suchen. Als ich dann in einem Haus frage, ob hier eine Möglichkeit zur Übernachtung besteht, verweist mich einer der Erwachsenen auf Grandrieu. Da gäb’s ein Hotel oder etwas in der Art. Ja, sicher. Dass es da etwas gibt, bezweifle ich nicht. Ich frage mich, ob er damit zum Ausdruck bringen will, dass ich hier nicht gelitten werde (oder es voll ist), oder ob er meint, das könne hier wohl nicht meinen hohen Ansprüchen genügen. Wie dem auch sei, meine Kenntnisse reichen nicht so weit, dass ich das herausfinden könnte. Ich breche also wieder auf, und jetzt habe ich immerhin den Vorteil, dass es bergab, also rasch vorangeht; außerdem schaffe ich noch ein paar Kilometer – nur eine komfortable Übernachtung ist noch nicht gesichert.
Die Dämmerung ist schon ziemlich weit fortgeschritten – dauert ja auch nicht so fürchterlich lange –, als ich Grandrieu erreiche. Und das Lokal, auf das der Lehrer – oder was immer er war – hingewiesen hat, kann ich auch nicht verfehlen; es liegt direkt in einer Kurve der Ortseinfahrt. Ich bocke meinen Esel auf und betrete die Kneipe im Erdgeschoss. Da ist ganz schön was los. Ich frage den Chef nach einem Zimmer, und er verweist mich an seine Frau. Diese führt mich ins Obergeschoss – ich hatte befürchtet, dass es ein Zimmer direkt über dem Lärm sein würde, aber mit genügend Bettschwere wird sich wohl Schlaf finden lassen. Außerdem ist ja mal wieder eine Wäsche fällig; da vergeht eh noch eine dreiviertel Stunde. – Wir werden uns einig, und ich schleppe meinen Krempel hinauf in mein Gemach. Die Gespräche im Lokal sind gut zu hören, auch dann noch, als ich mit allen Reinigungsaktivitäten fertig bin. Aber es kommt, wie ich es mir gedacht habe: Schon nach kurzer Zeit sinke ich in den ersehnten Schlummer.
5. Juni
Grandrieu – D5xD988xD26xN88 – Langogne – D906xD19 – Saint Etienne-de-Lugdarès – D19xD24 – Col de Meyrand – Valgorge – Largentière – D5xD104xD4 – Ruoms – D579 – Vallon-Pont-d’Arc – D290 – Gorges de l’Ardèche – Aiguèze – D41xD901xN86 – Pont-Saint Esprit – D994 – Bollène (184 km)
Nach einer letztlich doch erholsamen Nacht breche ich auf in Richtung Südosten. Laval-Atger ist mein erstes Ziel. Es wird eine wunderschöne Abfahrt, flach, morgendlich kühl und sonnig in einem Flusstal. Genauso mag ich’s, wenn’s nach unten geht. Da hat man wenigstens eine Weile was davon. An der nächsten Kreuzung geht es dann rechts ab, nunmehr richtig auf Kurs, allerdings hat die Talfahrt dann auch bald ein Ende. Ich überquere einen kleinen Höhenzug zur Linken und fahre nun auf einen Stausee zu. Die Landschaft um ihn herum ist sehr flach und genauso scheint auch der See selbst zu sein. Als ich jedoch über die Staumauer fahre, sehe ich, dass es doch ein paar Meter fünfzig sind. Vor mir liegt nun Langogne.
Das könnte eine Durchfahrt mit der einzigen Herausforderung werden, die richtige Ausfahrt zu finden. Aber der Ort ist auf weite Sicht der letzte größere, und heute ist Samstag. Ich sollte mich mit Lebensmitteln eindecken. Also fahre ich langsam durch die Hauptstraße, um mir keinen wichtigen Laden entgehen zu lassen. Wenn’s gut läuft, muss ich nur einmal Halt machen und habe dann schon alles. Als erstes entdecke ich jedoch eine große Werbetafel, auf der Karl Marx mit einer Gurken-Gesichtsmaske abgebildet ist. Wofür das wohl werben soll?
Bald darauf habe ich alles. Dann fällt mir allerdings ein, dass mir meine Diafilme langsam ausgehen. Ich fotografiere mehr als geplant. Soll ich das nun einschränken oder nachkaufen? Nachkaufen natürlich, mein Budget wird solche Peanuts doch wohl verkraften. Ich betrete einen Tabac-Laden und suche. Diafilme sind nicht gerade in großer Auswahl vorhanden. Kodak bietet welche an. Ich nehme vier Stück und gehe zur Theke, um zu bezahlen. Die Verkäuferin scheint mich zu fragen, ob ich wirklich vier Stück davon haben will. Ja, natürlich, warum nicht? Als sie den finalen Knopfdruck an der Kasse auslöst, trifft mich fast der Schlag: 200 Francs! Nicht, dass ich mir das nicht leisten könnte, aber ich schätze, in Deutschland hätte ich – vielleicht nicht Kodak Gold, aber eine vernünftige Qualität – die vier Filme zu dem Preis bekommen, der hier für eine Kartusche zu entrichten ist. Ich bewahre die Fassung und bezahle. Schließlich hat sie mich vorher gefragt, ob ich sicher bin, und nicht ich sie, was denn wohl ein solcher Film kostet.
Holzauge, sei wachsam, wenn Du noch mal nachkaufen musst. Das sind jetzt 144 Aufnahmen. Die sind bei der Vielfalt an Motiven auch schnell weg. Und dann heißt es erneut, tief in die Tasche zu langen. Oder Du fotografierst jetzt nicht mehr jede Schlucht oder jeden Ginsterhang. Auf den Schreck frühstücke ich erst mal. Auf einer Bank mache ich es mir dazu bequem und versuche, mich zu entspannen.
Auf der D906 verlasse ich nach Süden die Stadt, und das könnte alles ganz wunderschön sein, wenn hier nicht so viel gebaut werden würde. Die Straße wird zur Magistrale ausgebaut, wobei der rollende Verkehr völlig offen lässt, was die Veranlassung für solchen Aufwand ist. Im Klartext: Es ist nicht viel los auf der Piste. Warum sollte man sie also breiter machen? – Davon einmal abgesehen, ist die Landschaft jedoch sehr schön.
Ich suche jetzt ein Telefon, denn ich möchte Johanna anrufen, um mal ein Lebenszeichen von mir zu geben. Als ich dann jedoch eins an dem Abzweig finde, an dem ich das Tal in Richtung Osten verlasse, ist es ein Münztelefon. Das habe ich ja in ganz Frankreich noch nicht erlebt! Nicht, dass ich jetzt an Steinzeit denken würde – schließlich ist in Deutschland wohl noch mehr als die Hälfte der öffentlichen Telefone als Münzer ausgelegt –, aber mit meinen paar Geldstücken starte ich hier lieber kein internationales Gespräch, und vermutlich ist es auch teurer als mit der Karte. Auf ein Kartentelefon muss ich aber noch warten.
Der neue Richtungswechsel führt mich wieder direkt nach Osten, und nach wenigen Kilometern erreiche ich St. Etienne. Freilich handelt es sich hier nur um ein kleines Dorf. Was mir dort auffällt, ist die Zweisprachigkeit auf Schildern. Ist das hier so etwas wie Kleingallien oder eine französische Sorbenregion? Die Frage wird wohl unbeantwortet bleiben, weil ich von der einen Sprache wenig und von der anderen gar nichts verstehe. Um solch eine diffizile Sache klären zu können, müsste ich jemanden fragen, und das würde sich im Extremfall so abspielen: Frage: Gibt es hier zwei Sprachen? Antwort: Ja. Frage: Welche ist die zweite? … (unverständlich für mich). Und damit hätte sich die Sache erledigt, ohne dass ich schlauer wäre. Also verzichte ich auf diese Konversation und fahre weiter.
Vor mir liegt der Col de Meyrand. Mein Radreiseführer beschreibt diesen Pass als wichtigen Meilenstein, als Grenze zum Midi, zum Mediterranen, und die Abfahrt nach Süden sei so etwas wie ein Showdown. Na, dann wollen wir doch mal schauen, wie so was aussieht. Natürlicherweise ist die Auffahrt zum Pass etwas anstrengend, weil es bergan geht, aber es hält sich in Grenzen, und als ich ihn erreiche, ist erst mal eine Mahlzeit angesagt. Vorerst sehe ich noch nichts. Als ich dann jedoch nach einer kurzen Pause wieder aufbreche, tut sich im leichten Dunst vor mir ein Tal auf, in dem die Straße tatsächlich ungefähr einen Kilometer tief versinkt. Hier darf also lange bergab gefahren werden. Den Straßenverlauf kann ich sogar ganz gut von hier oben überblicken. Nun denn, auf ins Vergnügen!
Es geht flott nach unten. Was immer der Autor des Radreiseführers damit gemeint hat, als er schrieb, dass dieser Pass die Grenze zum Midi sei – der Südhang wirkt karg, so, als bekäme er kaum Regen, als wäre er stärker mediterran geprägt als meine bisherige Route. Vielleicht hat er ja das gemeint. Ich konzentriere mich derweil auf Lenken und Bremsen, gucke ab und zu mal in die Büsche, aber die vielen Kurven fordern schon etwa mehr Aufmerksamkeit, und so habe ich gar nicht den Anspruch, eine anwechslungsreiche Landschaft vorzufinden. Weiter unten wird es dann etwas flacher, ab Valgorge fahre ich nur noch neben einem Fluss her, und wenige Kilometer später biegt er gar rechts nach Süden ab, und für mich beginnt mal wieder ein Anstieg. Alles klar, das ist keine Überraschung, wusste ich vorher schon.
An der Straße stehen Kirschbäume. Na, es wird Zeit, dass ich meine Speisekarte mal um ein paar Vitamine bereichere. Zwar sind es keine Straßenbäume im eigentlichen Sinne, also gibt es wohl einen Eigentümer, aber dann soll er halt kommen und ernten, anstatt das Obst vertrocknen oder verfaulen zu lassen. Diese Gefahr besteht allerdings noch nicht allen Ernstes. Trotzdem bringe ich einige Hände voll in Sicherheit. Dann geht es weiter den Hang hinauf. Als ich den kleinen Pass erreicht habe, denke ich darüber nach, mal wieder eine Servas-Familie anzurufen. In Orange habe ich eine Adresse lokalisiert. Das ist zwar noch sehr weit hin, aber der Tag hat ja auch noch ein paar Stunden. Zuerst muss ich in die Ebene hinab, dann durch die Gorge de l’Ardèche, und dann sind es sicherlich immer noch 40 Kilometer. Aber anrufen schadet ja nichts. Ich erreiche, wie es scheint, nur die Tochter des Hauses. Es gelingt mir, ihr mein Anliegen begreiflich zu machen – glaube ich jedenfalls. Aber sie kann das verständlicherweise nicht allein entscheiden. Also sage ich, dass ich später noch einmal anrufen werde. Gut.
Largentière ist eine Stadt im Tal. Auf der Karte sieht es so aus, als läge sie am Hang, mit offener Flanke nach Osten oder Südosten; sie wirkt indes ziemlich abgeschlossen. Für Spaziergänger, Leute, die gern promenieren, könnte das ein lohnendes Ziel sein. Im Vorbeifahren sehe ich eine sehr lange Treppe den Hang hinaufkriechen. Als ich den Ort schon so gut wie wieder verlassen habe, komme ich an einem kleinen Stand vorbei, an dem vielleicht ein paar Snacks und Getränke verkauft werden – jedenfalls sitzen dort ein paar jüngere Leute. Als mich einer von ihnen sieht, ruft er: Attaque! und Attends, j’arrive! und wenn ich es auch nicht als bedrohlich ansehe, so habe ich Moment doch keine Lust, anzuhalten. Er schwingt sich seinerseits auf sein Fahrrad und hetzt mir hinterher, aber was immer ihn auch hemmen mag – er kommt kaum näher und bleibt schließlich ganz zurück, ohne dass ich deswegen hätte hektisch werden müssen. Aber natürlich geht es gut bergab, und da fahre ich leicht 30, und manch anderer Fahrer muss bei diesem Tempo mangels vernünftiger Übersetzung schon heftig pedalieren, was diesem wohl letztlich abging.
Die Fahrt führt jetzt tatsächlich in die Ebene, was im Allgemeinen nicht so aufregend ist, aber schon bald steigt das Gelände zu einem geschichteten Massiv an, durch das sich der Fluss Beaume, neben dem ich fahre, ein tiefes Bett geschnitten hat. Der Fels ist grau und schmutzig und scheint ziemlich mürbe zu sein. Und wie üblich, hat der Fluss nicht den kürzesten Weg genommen. Für die Straße wird es aber zunehmend enger. Das geht so weit, dass sie schließlich in einer Galerie und ganz am Ende ampelgesteuert durch einen Tunnel geführt wird. Die Berge enden in Ruoms. Die Stadt liegt sehr schön, denn auch hier verläuft der Fluss noch zwischen den Felsen, sehr ruhig – wahrscheinlich gestaut – und etwa fünf bis zehn Meter unterhalb des felsigen Plateaus, auf dem die Stadt zumindest zum Teil gegründet ist. Die Grundstücksbesitzer können also, wenn sie Mut und Lust haben und sich im Fluss keine Untiefen befinden, wie von einem Sprungturm hinabspringen und haben damit auch eine relativ schwierig zu überwindende Grundstücksgrenze. (Dasselbe Problem stellt sich allerdings auch den mutigen Springern, wenn sie wieder zurück wollen.) Aber das sind alles wilde Erwägungen. Am Hochufer ist kein Mensch zu sehen, noch nicht mal ein Haus, so dass es keineswegs sicher ist, dass dort überhaupt jemals jemand hinkommt.
Hier muss ich zwei Probleme angehen. Ich muss noch einmal in Orange anrufen, und ich brauche Geld. Jedenfalls brauche ich bald welches. Und hier befindet sich wahrscheinlich eine Bank. Die Frage ist nur, ob sie meine Geldkarte von der Post akzeptiert. Mit meinem Anruf habe ich kein Glück. Papa ist jetzt zwar zu Hause, er nimmt den Anruf auch an, und wir verstehen uns so einigermaßen, aber er will heute Abend ausgehen, und dann kann er natürlich keinen Besuch empfangen. Na, war ja nur so eine Idee.
An der Bank habe ich auch Probleme. Der erste Automat will meine Karte nicht, rückt natürlich auch kein Geld heraus. Später habe ich dann mehr Glück. Die Stadt gucke ich mir bei der Gelegenheit auch gleich ein wenig an. Sie steht voll im Zeichen des Tourismus. Entlang der Hauptstraße sind rechts und links jede Menge Buden aufgestellt, und in ihnen gibt es das, was Touristen kaufen und sonst kein Mensch braucht. Bin ich ein Tourist? Doch lieber nicht. Jedenfalls hätte ich zumindest ein Transportproblem, wenn ich hier kaufen würde. Überhaupt haben die Händler hier wenig Kundschaft, aber es ist halt noch Vorsaison. Im Juli wird das sicherlich anders.
Weiter geht’s. Der nächste Ort von Bedeutung ist Vallon-Pont-d’Arc, das Tor zur dahinter liegenden Schlucht. Michelin hat fette Lettern für diese Schlucht spendiert – also muss das was sein, das anzusehen sich lohnt. Die Stadt selbst (oder das große Dorf) ist nicht weiter bemerkenswert. Darum halte ich mich dort nicht weiter auf. Zunächst folge ich der Ardèche (flussabwärts) auf gleichem Niveau. Was sofort auffällt, ist der Rummel mit Bussen, Kanuvermietungen und eben hin und wieder auch einem Bootsfahrer auf dem Fluss. Der führt gerade so viel Wasser, dass das noch funktioniert. Über die Fahrer kann man nun geteilter Ansicht sein. Eine gewisse Sportlichkeit muss wohl auch stromabwärts gegeben sein. Aufwärts wären die 30…50 Kilometer eine echte Herausforderung. Abwärts ist es eine Sache, bei der sich im Lager normaler Autofahrer die Spreu vom Weizen trennt. Das zeigt sich zum Beispiel so, dass einige auf halbem Wege aussteigen – ob nun geplant oder nicht, das sei mal dahingestellt.
Einen besonders guten Überblick über das Tal habe ich von hier unten freilich nicht. Die Berge um mich herum türmen sich hoch auf, wesentlich höher als vorhin vor Ruom. Im Grunde bin ich ja auch nicht so scharf darauf, solche Berge andauernd hoch und wieder runter zu fahren. Aber ich weiß von der Karte, dass genau das noch kommen wird – früh genug, denke ich. – Eine besonders eindrucksvolle Passage ist eine natürliche Brücke über den Fluss. Man muss also nicht nach Amerika fahren, um so etwas mal zu Gesicht zu bekommen. Wahrscheinlich sind sich hier die beiden Enden einer Haarnadelschleife mit der Zeit immer näher gekommen, bis am Ende der Durchbruch geschafft war, und nun ist da nichts mehr, woran sich der Fluss hier reiben könnte.
Nach einer halben Stunde ist Schluss mit lustig. Es geht hinauf in die Berge, und zwar nicht von schlechten Eltern. Will heißen: Steil und lang. Aber nach zwei Kilometern hat die Arbeit ein Ende und ich kann mir nun, sofern ich etwas sehe, von oben die Szene angucken. Sicht mindernd wirken lauter kleine Büsche und Bäume, die das Hochland bis zum Abgrund mehr oder weniger vollständig bedecken – und die Straße führt natürlich nicht hart an der Kante entlang, sondern zumeist ein paar Meter davon entfernt, so dass zwischen ihr und dem Blick in die Tiefe fast stets das Grüne steht –, und das Wetter. Nicht, dass ich mich beklagen könnte. Wind, Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind nahezu perfekt für einen Radfahrer – nur nicht für Fotos einer solchen Szene. Die Sonne macht sich nämlich rar, und wo es kein direktes Sonnenlicht gibt, da fehlt der Kontrast, und ohne Kontrast kann man vielleicht dokumentieren, aber nicht faszinieren. Das muss nun vielleicht nicht jedes Foto liefern, aber die Gorges de l’Ardèche sind auch nicht irgendeine Passage der Reise. Na, denn eben nicht. Angucken tue ich sie mir wenigstens.
Darum darf diese Passage auch etwas länger dauern. Wo ich heute Abend unterkomme, ist ja wieder mal egal. Ich halte an jedem Geländer an, werfe einen Blick in die Tiefe, betrachte die Schleifen des Flusses, hin und wieder einen Kanufahrer, und wenn ich wieder auf dem Rad sitze, fahren die Busse und Transporter mit den Touristen und Booten wieder zum oberen Ende des Tals an mir vorbei.
An manchen Stellen liegen die Aussichtspunkte auch abseits der Straße. Dort mag die Straße vielleicht früher hart an der Kante entlang geführt haben, jedenfalls ist der Abzweig asphaltiert. Und der Blick in die Runde ist schon gewaltig. An einem solchen Ausblick kommen nur wenige Menschen auf dem Weg zur Arbeit vorbei, und wer sonst ihn – oder etwas Vergleichbares – zu Gesicht bekommen will, muss schon ein paar Kilometer fünfzig fahren. Als ich wieder auf die Hauptstraße zurückkehre, kommt von links ein Radfahrer. Er hat Gepäck, wenn auch vielleicht etwas weniger als ich, und wir begegnen uns praktisch, als ich wieder auf Touren komme. Er ist allerdings etwas rascher als ich, hat, was er nicht als Gepäck geladen hat, sozusagen »eingebaut«, in Summe also womöglich genauso viel zu tragen wie ich, er dürfte fünf bis zehn Jahre älter sein, und er hat so etwas wie ein Rennrad. Allerdings ist es natürlich mit Gepäckträgern ausgestattet. Wir begrüßen uns, und mir wird nach drei, vier Worten aus seinem Munde klar, dass er kein Franzose ist, und so frage ich ihn nach seiner Herkunft. Engländer ist er, kommt aus der Nähe von London und heißt Bruno. Wir beschließen, dass wir uns noch eine Weile unterhalten, was zur Folge hat, dass zumindest ich etwas flotter fahren muss. Aber wenn es einen Grund dafür gibt, schaffe ich das schon. Als Alleinfahrer bin ich halt oft einfach zu bequem, ohne erkennbaren Anstieg zu kämpfen. Schließlich habe ich Urlaub!
Bruno ist kein typischer englischer Name. Jedenfalls nicht für Menschen. Eher schon für Hunde, so erklärt er mir, und dass er solch einen untypischen Namen trägt, liegt daran, dass seine Mutter Französin ist, und dort ist Bruno offenbar kein Hundename oder jedenfalls auch für Menschen gebräuchlich. Nur lebt er selbst eben nicht Frankreich. So kommt das. Bruno fährt von Bordeaux oder so nach Venedig. Er hat dafür 14 Tage Zeit. Seit Geoffrey Portch mir einmal erzählt hat, dass Briten von ihren 20 Arbeitstagen Jahresurlaub grundsätzlich die Hälfte für den Haupt- oder Sommer- oder eigentlichen Jahresurlaub abzweigen und die anderen zehn Tage über Ostern und Weihnachten verbraten, habe ich noch nie einen Engländer getroffen, der das anders machen würde. Und so ist es wohl auch mit Bruno. Die Strecke nach Venedig ist beileibe kein Sonntagnachmittagsausflug. Es ist eine Mordsstrecke, gemessen an durchschnittlichen Maßstäben. Er kann sich nicht mit 140 Kilometern am Tag zufrieden geben, wie ich das tue, sondern fährt teilweise 160, 180 sogar 200 Kilometer weit. Dafür bricht er viel früher auf – viel später kann er abends eigentlich nicht ins Hotel gehen, aber eine zivilisierte Herberge genehmigt er sich immerhin. Und wenn er den ganzen Tag so schnell fährt, wie das jetzt der Fall ist, hat er sicherlich keine Probleme, seine Vorgabe zu schaffen. Ich habe keinen Bock, allein schneller zu fahren.
Bruno erzählt mir von einem Amateurrennen, an dem er teilnehmen will. Dazu soll dieses Training dienen. Soso, also bei allem Respekt, so fürchterlich schnell kann das Rennen wohl nicht sein, sonst müsste er noch ganz anders trainieren. Natürlich, auf der Etappe hat keiner Gepäck dabei, man schleppt noch nicht mal Gepäckträger oder Schutzbleche oder lauter solchen Luxus mit sich herum. Wie auch immer – ich kann’s nicht so richtig beurteilen, und ich werde Bruno auch nicht ’reinreden. Er ist für sein Alter überdurchschnittlich fit, ambitioniert allemal, und das stellt für uns beide einen Wert dar.
Die Straße hier oben ist trotz aller Auf- und Abfahrten relativ eben. Es geht nicht noch einmal ganz hinunter, nicht einmal annähernd, und das ist zum einen dem Vorwärtskommen im Allgemeinen und meinem Bemühen, Bruno zu folgen, im Besonderen sehr förderlich. Dafür macht die Straße allerlei Schnörkel, um Seitentälern zu folgen. Eine gute Stunde jedoch, nachdem ich Bruno begegnet bin, kommt das Ende des Tals im Dunst in Sicht. Wir haben zwar nicht miteinander verabredet, dass wir heute den Rest des Tages zusammen fahren werden, aber irgendwann ergibt sich die Frage, wo der Tag heute sein Ende findet, sprich: Wo Bruno übernachten wird, und ich sage mir: So weit schaffe ich es auch, und vielleicht findet sich dort eine ähnliche Unterkunft auch für mich.
Die Straßen, die wir jetzt benutzen, sind alles andere als berauschend. Erst kommt eine Nationalstraße, dann Pont-St.-Esprit (wo wir die Rhône überqueren), dann eine ähnlich bedeutende Landstraße – nebenbei ganz massiv die Dämmerung – und schließlich Bollène. Hier, so sagt Bruno, fände sich ein Formule-1-Hotel. Ich war zwar noch nie in einem zu Gast, weil ich nur ungern mit der Kreditkarte bezahle, aber irgendwann ist halt immer das erste Mal, und so beschließe ich, dass das eine akzeptable Variante ist. Allerdings haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht – bzw. ohne die Gäste. Das Hotel ist voll. Da kann man nichts machen. Das verdrießt mich nicht, da ich es gewöhnt bin zu improvisieren, aber Bruno möchte in einem Hotel übernachten, und da unsere Überlegungen inzwischen soweit gediehen sind, dass wir uns auch ein Zimmer teilen würden, halten sich die Kosten selbst bei einem Hotel in Grenzen, das nicht so auf Economy-Touristen ausgerichtet ist. Suchen wir also ein solches. Inzwischen ist Nacht.
Wir finden ein Hotel, und es ist ein Zimmer frei, und es ist bezahlbar, und wir können unsere Fahrräder im Flur abstellen, und jetzt stellt sich nur noch die Frage, was wir mit dem angefangenen Abend machen. Bruno pflegt abends gehoben zu tafeln – gehoben, was den Preis betrifft. Ich begnüge mich mit einem Salat, damit er nicht so allein essen muss, aber wie er da so einen Teller nach dem anderen serviert kriegt und hinterher noch nicht mal das Doppelte von dem bezahlen muss, was ich zu löhnen habe, frage ich mich, ob meine Bescheidenheit hier angemessen war. Aber es heißt ja, man soll vor dem Zu-Bett-Gehen nicht so viel essen. Heißt es… Für Normalverbraucher. Sind wir Normalverbraucher?
Dann kommt die Abendtoilette, die ich natürlich wahrnehme, auch wenn das jetzt schon die zweite Hotelnacht in Folge ist. Geschwitzt habe ich auf alle Fälle genug für eine Dusche – nur Wäsche waschen fällt heute aus. Na, und dann ist Nachtruhe.
6. Juni
Bollène – D994xD8 – Sainte Cécile-les-Vignes – D8xD7 – Vacqueyras – Carpentras – D942 – Mazan – Gorges de la Nesque – D942xD1 – Sault – D164xD974 – Mont Ventoux – Malaucène – D938 – Carpentras – D942xD31 – Monteux (162 km)
Soll ich nach dieser Nacht sagen, dass mir der Morgen wie eine Erlösung kommt? Das eine wie das andere ist von Übel. Bruno hat die ganze Nacht über Bäume gefällt. Ich konnte laut oder leise um Ruhe bitten, an seinem Bett wackeln – stets fand er bereits nach wenigen Minuten, wenn nicht Sekunden seinen Rhythmus wieder. Außerdem leuchtete noch stundenlang die Reklame unmittelbar unterhalb unseres Fensters, und das Dumme daran war, dass sie nicht kontinuierlich leuchtete, sondern aller zwei Sekunden ausging. So eine richtige Leuchtreklame blinkt ja und ist nicht einfach nur an. Dies tauchte einen Teil des Zimmers periodisch in rosarotes Licht. Man hätte sonst was für Etablissements hier vermuten können. Stattdessen schnarchte mindestens ein Mann, und wenn der andere ebenfalls mal für einen Moment in Schlummer fiel, schnarchte vielleicht auch der. Man könnte also sagen, dass ich mich auf den Morgen hätte freuen sollen. Indes regnete es. Nun finde ich Regen grundsätzlich positiv, wenn ich ein festes Dach über dem Kopf habe. Erst mal befeuchtet er die Erde, sorgt für ein ausgeglichenes Klima, und da es statistisch betrachtet sowieso immer mal regnet, ist es doch von Vorteil, wenn es dies nachts statt tagsüber tut. Das Einzige, was ich diesem Niederschlag also abgewinnen konnte, war sein Zeitpunkt. Sein Ende war dagegen nicht abzusehen, und als der Morgen anbrach und unser Aufbruch näher rückte, wünschte ich mir, er möge doch nun entweder stark nachlassen oder am besten ganz aufhören. Sonnenschein wäre mir jetzt nicht so lieb gewesen – das wäre ja nur ein Zeichen für baldigen erneuten Niederschlag.
Bruno hat gut geschlafen. Ich kann mich im Moment nicht der Aussage anschließen, dass nicht sündige, wer schläft. Dennoch fühle ich mich nicht müde und frühstücke daher ausgiebig. Bruno hat da andere Gewohnheiten. Ihm ist eine gediegene Mittagstafel und ein ausreichendes Abendessen wichtig. Solche konzentrierten Mahlzeiten sind aber nicht mein Ding. Wir rüsten zum Aufbruch, und da wir die ersten Kilometer gemeinsam fahren wollen, warte ich auf Bruno. Er hat ein Problem. Sein Reifen ist platt. Er tut, was man in solchen Fällen immer tut: Erst mal etwas ärgern und dann Luft aufpumpen, um zu sehen, ob es ein Defekt ist oder auf diese einfache Weise zu beheben. Es ist ein Defekt. Na ja, wir sind ja Profis und beheben solche kleinen Dinge rasch. Allerdings verliert der Schlauch noch immer Luft, und Bruno muss erneut flicken. Ich hole derweil Baguettes beim Bäcker. Das ist zwar am Sonntag nicht ganz so einfach, aber ein paar Läden haben doch offen. Als ich wieder zurückkomme, ist er fast fertig. Ich nutze den Rest der Zeit für einen Anruf bei Kerstin. Johanna ist nicht zu Hause, wahrscheinlich bei ihren Eltern oder im Gottesdienst. Ist es denn schon so spät? Nein, sie wird wohl bei den Eltern sein und sich an ihrem kleinen Neffen ergötzen.
Und dann geht die Fahrt los, und der Regen wird auch wieder überzeugend. Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Bruno kann es sich auch nicht leisten, in irgendeiner Bushaltestelle bessere Zeiten abzuwarten, sonst kommt er nicht rechtzeitig nach Venedig und verpasst seinen Flieger. Ohnehin ist er heute außergewöhnlich spät aufgebrochen. Bei diesem Marschprogramm aber auch… Wenig später trennen sich unsere Wege, und wir wünschen einander bon voyage. Ich versuche, mich mit Gleichmut zu wappnen. Die Umstände könnten bei diesem Regen kaum besser sein. Es geht weder bergan noch bergab – nach oben im Regen ist einfach ungemütlich, und bergab peitschen die Tropfen doch recht unangenehm in die Augen, so dass eine schnelle Abfahrt leicht gefährlich werden kann; außerdem verringert sich die Reifenhaftung auf der Straße –, es gibt weder Rücken- noch Gegenwind (Rückenwind wäre natürlich noch besser), und die Landschaft ist nicht so rasend interessant: Die Dörfer sind eingebettet in eine endlose Folge von alten Weinfeldern und am Horizont verdecken tiefliegende Wolken den Blick auf die Berge. Da kann man zwar gut spekulieren, wo die Berge des Tages liegen mögen, wo der Berg des Tages, ja, der Woche, liegen mag, aber das isses dann auch schon. Schiene die Sonne hier seit zwei Wochen, hätte ich womöglich dieselben Probleme wegen Dunst. Aber das alles relativiert den Regen nur. Lieber wär’s mir natürlich ohne Niederschlag. Und unter diesen Umständen erreiche ich Carpentras.
Aller Voraussicht nach – und natürlich auch meiner Planung entsprechend – werde ich hier her noch einmal kommen. Ich mache jetzt nur erst mal einen »kleinen« Ausflug über den Mont Ventoux. Ich setze das mal vorsichtshalber in Anführungsstriche, denn ich weiß bisher noch nicht viel über diesen Berg. Gesehen habe ich ihn noch nicht, obwohl das bei gutem Wetter sicherlich möglich gewesen wäre, aber bei Wolken verhangenem Himmel kann man eben nicht viel erwarten. Mein Reiseführer schreibt allerdings in hervorgehobener Weise davon. Das klingt wie eine Passion, fast wie eine Himmelfahrt nach Kreuzigung und Tod, jedenfalls nicht nach einem leichten Trip für den Sonntagnachmittag. Und diese emotionsgeladene Schilderung wird nüchtern gestützt durch die Zahlen meiner Karte: Aktuelle Höhe: unter 100 Meter über dem Meeresspiegel, Gipfelhöhe: 1909 Meter über dem Meeresspiegel, bei der Auffahrt zwei Passagen, die sogar Michelin mit zwei Pfeilen gekennzeichnet hat. Es geht also nicht nur weit hoch, sondern auch noch steil nach oben. Solch ein Unterfangen will mit Respekt angegangen werden und wohlüberlegt, sonst kann es zum Scheitern führen, und das wäre blamabel, ist es doch nicht die erste Radtour zum Südpol – auf der ein Scheitern nicht so unehrenhaft wäre –, sondern eine Fahrt, die vor mir viele andere gemacht und gemeistert haben.
Und da dies etwas von einer Rundfahrt hat, liegt es doch nahe, denjenigen Teil meines Gepäcks, den ich tagsüber nicht brauche, einfach hier zu lassen und nur leicht beladen in die Berge zu fahren. Aber wo lasse ich meinen Krempel, so dass ich ihn nach meiner Rundtour auch wieder vorfinde? Irgendwo im Gebüsch? Bei unbekannten Leuten? In einem Hotel, in dem ich dann aber sowieso nicht übernachte? In einer Kneipe? Die letzte Variante erscheint mir am sinnvollsten, weil Kneipen auch bis zum späten Abend noch geöffnet sind. Ich trödele durch die verregnete Innenstadt und weiß nicht so recht, wie ich das anstellen soll. Irgendwann sehe ich rechts aber eine Bar, die nach meinem Geschmack ist. Ich trete ein und spreche den Patron an. Allerdings bitte ich ihn nicht direkt um Unterstützung, sondern frage eher auf Umwegen – so gut das eben geht. Und auf diesem Umweg kapiert er’s nicht – oder will nicht. Jedenfalls scheint er es für unmöglich zu halten – wie alle anderen Gäste auch –, mal eben auf den Mont Ventoux zu radeln. Na ja, ohne Eure Unterstützung dürfte es in der Tat etwas schwieriger werden, denke ich mir. Blödes Volk. Für eine direkte Anfrage, so mein Gefühl, ist die Chance jetzt vertan. Also verlasse ich das Lokal unverrichteterdinge. Vielleicht bin ich auch einfach zu unverständlich gewesen.
Und nun? Variante Gebüsch? Mal sehen, was die Landschaft so bietet. Jedenfalls sollte ich jetzt nicht länger zögern, sondern in Richtung Osten aufbrechen, um allmählich in die Spur zu kommen. Wenn mir da auf den ersten fünf Kilometern noch etwas Vernünftiges auffällt, kann ich es ja nutzen; ansonsten muss es halt mit Gepäck gehen. Das wird weder der letzte noch der höchste Berg sein, den ich mit 25 Kilogramm erklimme. Und so geht’s los. Unter einem alten Aquädukt fällt mir mein Transportproblem noch einmal ein, so dass ich absteige und eine alte Seitentreppe erklimme. Rechterhand die Brücke, linkerhand ein Park – das wirkt schon nicht gerade überlaufen. Aber so abgelegen, dass hier niemand den ganzen Tag über entlangkommt, ist es auch wieder nicht. Zwar habe ich keine Kostbarkeiten zu deponieren, aber was ich mit mir führe, ist zum größten Teil höchst wichtig für die Weiterfahrt – und wenn es weg oder beschädigt ist, kann ich hier Schluss machen. Also, das riskiere ich hier doch lieber nicht.
Ein paar 100 Meter später ist der Ort zu Ende. Also, sagen wir mal: Letzte Chance in Mazan, sechs Kilometer von hier. Alles andere wäre heute Abend ein wirklich unnötiger Umweg. Und so verlasse ich die Stadt. Die Strecke ist einfach, ganz flach, nur unmerklich hebt sich die Straße neben einem Fluss. Kein Gedanke an hohe Berge und steile Serpentinen. Eigentlich ist das doch total unökonomisch. Man könnte von hier aus die noch vor mir liegende Strecke bis zum Gipfel ganz bequem fahren, wenn der Gradient nicht so ungleichmäßig wäre. Das geht jetzt so spazierfahrtmäßig bestimmt noch 15 km, und irgendwann später wird es dann völlig unfeierlich. Stattdessen sollte ein Weg mit, sagen wir, vier Prozent Anstieg hier beginnen. Dann wäre ich nach 50 Kilometern auf über 2000 Metern Höhe. Die jetzt noch vor mir liegende Strecke bis zum höchsten Punkt des Mont Ventoux ist tatsächlich länger. Aber sie wird viel ungemütlicher werden – nehme ich jedenfalls an. Klar, hier ist kein Gelände, an dessen Hängen ich mich mal eben unauffällig nach oben schrauben könnte. Da müsste man eben einen Weg für Radfahrer auf Stelzen bauen. Das hätte den großen Vorteil, sich alles von weit oben ansehen zu können. Wahrscheinlich wäre es aber auch ein bisschen windig. Und im Übrigen unbezahlbar, unrentabel natürlich und deshalb Spinnerei. Aber spinnen ist ja erlaubt.
Über solchen Überlegungen bessert sich das Wetter. In Mazan findet sich ebenfalls keine Gelegenheit, das Gepäck irgendwo unauffällig zu verstecken, und so muss es halt »unter realen Bedingungen« nach oben gehen. Irgendwo zwischen den Dörfern befindet sich eine Kirschplantage. Abgesehen davon, dass ich beim Klauen nicht so gern gesehen werde, plagen mich in erster Linie Bedenken hinsichtlich der chemischen Verträglichkeit des Obstes. In einer Plantage muss ich mit der Keule rechnen, und das könnte mir schon Bauchschmerzen bereiten. Aber ich riskier’s einfach. Schließlich hat es lange genug geregnet. Da wird das Schlimmste schon weggespült worden sein. Und es schmeckt wahrhaftig!
Nach ungefähr einer Stunde ist Villes erreicht. Hier beginnen die Gorges de la Nesque, und sie sollen gut sein. Der Autor meines Reiseführers hat die Fahrt bis zum oberen Ende einer anderen Etappe zugeordnet als die Fortsetzung bis zum Mont Ventoux – mit anderen Worten: Seine Etappen sind deutlich kürzer, er lässt sich mehr Zeit, er erlebt wahrscheinlich mehr, und ganz sicher hat er all diese Fahrten nicht innerhalb eines Jahres gemacht. Ich muss dieses Terrain in diesem Jahr abgrasen, denn wer weiß, was im nächsten Sommer wird. Da fällt die Fahrt womöglich ganz aus, aus welchen Gründen auch immer. Man weiß ja nie, was kommt. Ich kann hier jetzt allerdings nicht einfach durchhetzen – will es auch nicht –, um heute noch seine zweite Etappe zu schaffen, aber nach meiner Einschätzung ist das auch gar nicht nötig. Ich kehre nirgends ein, besuche kein Museum, und stundenlange Gespräche führe ich auch nicht. Gucken reicht. Dabei kann man ja fahren.
Eine Schlucht ist es nicht so direkt. Aber ein langes Tal mit hohen Hängen, und soweit das Auge reicht, sind sie mit kleinen Büschen und Bäumen bewachsen – wie mit einem groben, grünen Teppich überzogen. Das Ganze wirkt ein wenig matt; denn so richtige Lust hat die Sonne heute nicht. Ein grauer Schleier verdeckt den Himmel. Ich bin schon froh, dass es nicht regnet. Aber was der richtige Hit ist: Die Straßenführung ist Spitze! In vielen Kurven (immer an der Wand lang) führt der Weg beinahe unauffällig nach oben, und so liebe ich es. Da kann ich an Höhe gewinnen, gleichzeitig rasch vorwärts kommen – teilweise mit bis zu 20 km/h – und muss bei alledem weder Technik noch mich selbst quälen. Das macht schon Spaß.
Vorerst lohnt nur der Blick nach vorn, wenngleich ich noch weit davon entfernt bin, nennenswerte Zwischenziele ausmachen zu können. Es geht aufwärts, und irgendwann kommt eine Krümmung des Tals nach rechts, und nichts deutet momentan darauf hin, dass sich dort außer der Richtung etwas ändert. Also mache ich mir fröhliche Gedanken und trete kräftig in die Pedale. Was nach einigen Kilometern reizvoll wird, ist die Suche nach Autos, die gerade in das untere Ende des Tals einfahren. Wie lange wird es dauern, bis sie mich »haben«, welchen nächsten markanten Punkt werde ich bis dahin wohl erreicht haben? Wenn ich allein reise, suche ich mir oft solche Anreize, um nicht in Trägheit zu verfallen, sondern ein gewisses Tempo zu erreichen. Hier sieht das also so aus: Wer ist zuerst an der Kurve da vorn, der Schnellere weit hinter mir oder ich? Im Grunde ist das natürlich auch eine Frage der realistischen Einschätzung, aber das Spiel treibe ich immer wieder, und je weiter ich vorankomme, desto größer werden die Distanzen zu den hinter mir liegenden oder von vorn entgegenkommenden Autos und demzufolge natürlich auch zu den »gemeinsamen« Zielen vor mir.
Dann kommt die große Rechtskurve, und perspektivisch scheint die Auffahrt steiler zu werden. Dass dem nicht so ist, liegt einfach daran, dass die Straße nun in fast abenteuerlicher Weise jeden kleinen Winkel in den Seitentälern mitnimmt, um so den Weg zu den mir so nahe und gleichzeitig hoch liegenden Punkten zu strecken und eben nicht steiler zu werden.
Als schließlich wieder eine große Krümmung nach links, also nach Nordosten, folgt, ist der Ausgang des Tales sichtbar. Die Leichtigkeit der vergangenen Kilometer bedeutete letztlich auch, dass ich auf ihnen nur 200 Meter gewonnen habe. Jetzt bin ich bei 640 Metern Höhe, und gemessen an meinen ehrgeizigen Zielen ist das noch nicht mal ein Drittel. Es wird also noch richtig dicke kommen müssen. Inzwischen lassen sich auch anhand der Karte Berechnungen durchführen, die für den verbleibenden Aufstieg einen deutlich höheren durchschnittlichen Anstieg ergeben. Ich liege also im Soll, was die Fahrt betrifft. Jetzt lasse ich mich aber erst mal von der Hochebene um mich herum faszinieren. Bin ich nicht eben durch eine Schlucht gefahren? Hat der obere Rand dieser Schlucht das Niveau, auf dem ich jetzt fahre? Nicht ganz. Bei der Ausfahrt aus dem Tal ging es ein längeres Stück wieder bergab. Die Straße hatte sich gar zu hoch über den Fluss erhoben und kommt nun wieder herab. Die Nesque trübt hier kein Wässerchen, hat jedenfalls keinen Graben in die Landschaft geschnitten, wird hier, auf dem Weg zur Quelle, natürlich auch immer unscheinbarer.
Vor mir liegt Sault, ein kleines Städtchen hoch am Hang, wie auf einem Sockel. Es will über zwei kleine Serpentinen »genommen« werden. Angucken schadet sicherlich nicht. Vielleicht gibt’s hier ja auch noch eine Stärkung oder irgendetwas, das mich moralisch aufbauen könnte. Ich bin jetzt seit Carpentras südlich am Mont Ventoux vorbeigefahren. Sault liegt nun halb so weit östlich vom Gipfel, wie Carpentras vorher westlich davon lag. Auch ein Drittel des Weges nach Norden habe ich bereits zurückgelegt. Ich bin gewissermaßen dabei, den Berg einzukreisen. Allerdings sehe ich ihn immer noch nicht.
Im Ort fahre ich im Schritttempo durch die kleinen Gassen und weiß dabei nicht so recht, wonach ich suche. Ich guck’s mir halt an. Ja, vielleicht ein Restaurantbesuch. Wirklich? Um dann mit vollem Bauch den eigentlichen Anstieg in Angriff zu nehmen. Ist nicht Dein Ernst?! Ein Italiener bäckt Pizzas auf dem Holzfeuer. Ob man der Pizza wohl anmerkt, dass er die Hitze durch Holz erzeugt hat? Jedenfalls wirbt der Mann auf einem Schild außen an seinem Wagen damit. Statt seiner Pizza ziehe ich ein paar Süßigkeiten, ein Baguette und ein Stück Wurst aus der Tasche und setze mich für ein paar Minuten auf eine Bank, um den Blick über das bisher Erreichte schweifen zu lassen. Es ist nicht Aufsehen erregend, aber ein ganz netter Ausblick. Zu zweit, bei tollem Wetter und mit genügend Romantik im Bauch kann man hier bestimmt Stunden verbringen.
Und dann geht’s weiter. Zuerst muss ich wieder vom Sockel Saults herab, aber zum Gipfel hin ist der Absatz glücklicherweise weniger hoch, so dass ich nicht so viel Höhe verliere. Vor mir liegen ein paar trockene Wiesen, auch noch ein paar Lavendelfelder, und dann beginnt der Wald. Das ist natürlich ein schönes Stück Weg. Von 20 km/h und lockerem Fahren kann nun allerdings keine Rede mehr sein. Was jetzt aber ziemlich gut stimmt, ist die Richtung. Da ich mich mittlerweile in der Flanke des Berges befinde, hilft es wahrscheinlich auch nicht viel, dass jetzt vereinzelt die Sonne wieder durchkommt. Ich muss mich mit dem Gipfelblick halt gedulden. Als Orientierung kann mir stattdessen der Blick auf Sault dienen, der mir mit einigen Unterbrechungen sehr lange erhalten bleibt und verrät, dass die Mühe tatsächlich Früchte trägt: Es geht aufwärts. Und nicht nur das: Die Landschaft hinter Sault zieht sich bei phantastischer Sicht weit hin bis zum Horizont.
Die Karte hat eine Gabelung verzeichnet, die ich bald erreichen müsste. Sie liegt in gut 1400 Metern Höhe, und von dort sind es noch sechs Kilometer bis oben. Indes werden die Kurven lang, und eine nach der anderen kommt, und die Gabelung will nicht sichtbar werden und der Gipfel auch nicht. Nur nicht die Geduld verlieren! Der Tag ist noch lang.
Doch dann, vielleicht gute zwei Stunden nach dem Verlassen von Sault, kommt beides zugleich: Zwischen den Baumkronen wird ein Sendemast sichtbar, der eigentlich nur ganz oben auf dem Berg stehen kann, und vor mir liegt in einer Kurve und an einem kleinen Platz, auf dem ein paar Autos stehen, die Gabelung. Von links unten könnten jetzt Leute kommen, die von Carpentras einen kürzeren Weg nach oben nehmen wollten. Die Karte weist für deren letzten zehn Kilometer mehrere Doppelpfeile auf. Neben der Empfehlung der Gorges de la Nesque war dies ein Grund für mich, diese kurze Auffahrt zu meiden. Aber wer auch immer von dort kommen mag – weder ihm noch mir bleiben die außergewöhnlichen Steigungen auf dem letzten Abschnitt erspart. Denn jetzt geht es den rechten Zweig der Gabelung entlang nach oben. Schon nach wenigen Metern wird die Härte dieses Unterfangens klar. Wer bis hier her noch von einer leichten Übung gesprochen haben mag, kann die Meinung nur dann beibehalten, wenn er mindestens bis zur Untersetzung hinunterschalten kann und natürlich gnadenlos fit ist. Und Eile sollte er selbstverständlich auch keine haben. Ich kann nicht untersetzen; das gibt meine 7-Gang-Schaltung nicht her. Da nützt es nichts, dass ich keine Eile habe und ganz gut drauf bin. Erschwerend kommt leider hinzu, dass meine Schaltung aus welchen Gründen auch immer beginnt, Ärger zu machen. Es ist ja nun wahrhaftig nicht das erste Mal, dass sie Ton gibt. Aber bei solcher Anstrengung ist es regelrechter Stress, wenn das Getriebe unter meinen Tritten quietscht, als würde es gleich seinen Geist aufgeben. Und dann überholt mich auch noch einer! Nein, jetzt macht es irgendwie keinen richtigen Spaß mehr. Aber ich habe es ja so gewollt, und es ist außerdem unbestreitbar, dass ich an Höhe gewinne, denn ich bewege mich ja.
Ich nähere mich der Baumgrenze. Hier wächst gleich fast gar nichts mehr. Der Boden ist mit grobem, flachem Schotter bedeckt, und dass kein Wind über das Gestein fegt, wirkt wie ein seltener Zufall, denn außer dem Gipfel hat er kein Hindernis mehr. Ringsum geht es hinunter, und die Sonne scheint jetzt nicht mehr einfach nur so, sie scheint über den Wolken. Der Ausblick ähnelt dem aus einem Flugzeug. Das hatte ich ja wohl noch nie! Das flache Land um den Mont Ventoux scheint noch immer weitgehend von Wolken bedeckt, und darum sehe ich es nicht. Aber hier oben reicht der Blick bis ans Ende der Welt.
Langsam, ganz langsam geht es durch die Serpentinen zum Gipfel. Der liegt noch immer hoch oben über mir. Jetzt sehe ich wenigstens, was noch vor mir liegt. Als nächstes komme ich an einem Denkmal vorbei. Das ist eine gute Gelegenheit, mal wieder anhalten. Ich habe nicht den Ehrgeiz, diese Auffahrt nonstop zu schaffen. Auf der Gedenktafel ist ein Radsportler abgebildet, der Brite Tom Simpson, der hier bei der Tour de France 1967 ums Leben gekommen sein soll. Na ja, hier kann man leicht stürzen, vor allem, wenn es schnell gehen soll. Erst später erfahre ich, dass Simpson mit Amphetaminen vollgestopft war, hier bei der Auffahrt einen Kreislaufzusammenbruch erlitt und ins Koma fiel, aus dem er nicht wieder erwachte. Man kann alles übertreiben, würde sicher mancher auch über das sagen, was ich hier tue. Um das Denkmal herum stehen einige Trinkflaschen, Opferungen von Radfahrern, die vermutlich erst in jüngerer Zeit hier vorbeigekommen sind. Ich fahre weiter. Meine Trinkflasche brauche ich noch.
An einer der nächsten Kehren erreiche ich erstmals die Nordflanke des Berges. Es ist unheimlich: Wer hier die Balance verliert, rutscht auf einem fast senkrechten Hang in die Tiefe und kommt sicherlich erst einige Hundert Meter tiefer wieder zum Halt, und dann hat er gewiss keine Sorgen mehr. Wer sich aber ein wenig zurückhält und oben bleibt, der hat einen einmaligen Blick auf die Berge. Wieder fällt mir als Vergleich nur der Blick aus einem Flugzeugfenster ein, so dermaßen tief unten liegen die Bergrücken. Das sind ja keine Hügel. Das ist ein richtiges Gebirge, aber es wirkt neben dem Mont Ventoux derart deklassiert niedrig, dass es einen zweiten Blick wert ist. Im Süden ist nach wie vor alles von einem weißen Federbett bedeckt. Nur nach Westen hin kann ich einige freie Stellen entdecken, durch die der Blick frei wird auf eine Gegend, die gut und gerne 50 Kilometer entfernt ist und darum keine Details preisgibt. Nun aber hoch! Die letzten Meter müssen ich und mein Eisen noch durchstehen. Mir werde ich dann einen Snack gönnen… – na, und das Hinterrad werde ich wohl an einmaliger Stelle zerlegen müssen, denn so geht’s auf keinen Fall weiter.
Und dann bin ich schließlich oben. Also, das muss man den Franzosen ja lassen: Die machen etwas aus ihren Bergen. Sowohl der Puy de Dôme als auch hier der Mont Ventoux, die bisher beiden höchsten Berge meiner Tour, sind an der Spitze bedeckt mit militärischen Anlagen, die den Anblick schlimmer noch entstellen als alle Restaurants, Hotels und sonstigen Aufbauten die Zugspitze in Deutschland, obwohl das dort auch nicht gerade nach einem Zeugnis des Respekts vor den Bergen und der Natur aussieht. Die Zugspitze ist nebenbei bemerkt 1000 Meter höher. Mir langt’s einstweilen für heute mit der Kletterei. Hier oben weht dann auch tatsächlich ein frisches Lüftchen, und zwar frisch, was die Temperatur und die Windstärke betrifft. Ich muss im Gepäck kramen, erst für die Garderobe und dann fürs Werkzeug. Was hätte ich davon nun eigentlich wirklich entbehren können, wenn das mit der Deponierung der Taschen geklappt hätte? Am Ende hätte mir vielleicht jetzt das Werkzeug gefehlt. Also nicht, dass es nicht weiterginge, wenn ich das Werkzeug nicht hätte, aber es müsste eher über kurz als über lang etwas unternommen werden. Die Inspektion macht den Sachverhalt rasch klar: Beim Regen heute Morgen muss Wasser in die Lager eingedrungen sein, und das mögen die überhaupt nicht, weil sie keinerlei Rostschutz haben. Und so sind sie zwar geschmiert, aber rostbraun und nass, und alles, was ich tue, ist, die Einzelteile (die ja zum Glück nicht wegfliegen können) in die Abendsonne zu legen, wo sie denn auch innerhalb weniger Minuten trocken sind. Dann kommt eine Spur Fett dazu, und nach dem Zusammenbau läuft wieder alles wie Hanne. Wenn’s doch immer so einfach wäre!
Ich genieße ein letztes Mal den Ausblick, nun vor allem nach Westen, und dann trete ich in die Pedale, um die letzten vier oder fünf Meter zu überwinden und mich dann in die Nordflanke zu stürzen. Im Schatten des Berges geht es in die Tiefe. Es geht wirklich in die Tiefe! Wer immer auf dieser Seite nach oben will, isst ein verdammt hartes Brot. Und wer nach unten will, sollte lieber eine Bremse zu viel als zu wenig haben. Ich habe drei, und damit wird mir so schnell nicht bange. Aber ich brauche die beiden Cantilever auch unentwegt, denn das Gummiseil des Gefälles ist straff gespannt und zieht mich gnadenlos nach unten. Wenn es nicht solchen Spaß machen würde, wäre das sicherlich beängstigend.
Und es dauert! Es ist unbestreitbar, dass eine Abfahrt mit fünf- bis zehnfacher Geschwindigkeit des Aufstiegs natürlich nicht Stunden dauern kann. Aber wer 1600 Höhenmeter abzugeben hat, der macht das nicht in zehn Minuten. Da wird unterwegs mehr als nur ein Kaffee kalt. Dank meiner Plastikhülle bleibt es für mich bis unten komfortabel. Aber warm werden bei diesem Tempo vermutlich nicht einmal die Bremsklötze, die wegen der vielen Kurven andauernd in Aktion sind. Alles funktioniert reibungslos, nur in meinen Ohren knackt es andauernd, weil der Luftdruck natürlich wieder ganz schön zunimmt.
Im unteren Abschnitt der Strecke taucht noch einmal die rote Abendsonne auf und schickt letzte wärmende Strahlen, und dann bin ich einfach unten, in Maulaucène. Und jetzt? Da die Sonne gerade mal hinter dem Horizont verschwunden ist, scheint es mir zu früh zum Übernachten. Also werde ich wohl am besten noch bis Carpentras weiterfahren. Gesagt, getan. Für den guten Ausgleich ist nun erst mal wieder eine kleine Steigung vorgesehen, und rasch entledige ich mich meiner Überhose; denn sonst bin ich sofort schweißgebadet.
Oben am »Pass« setzt die Dämmerung kräftig ein. Während der Abfahrt, diesmal nicht nur bis 300 Meter, sondern wieder ganz nach unten, blicke ich zurück zum Gipfel. Ja, jetzt ist er zu sehen, und er ist Respekt einflößend hoch. Hätte ich vielleicht von hier kommen sollen? Lieber nicht.
Kurz vor Carpentras rufe ich noch Mami und Vater an. Alles normgerecht, bin gerade ein bisschen geklettert, typisches Understatement. Junge, willst Du Dir nicht langsam ein Quartier suchen? Ja, ja, wird schon, sicher, ja, es wird dunkel, aber das schreckt mich doch nicht. Na ja. Jetzt sollte ich aber wirklich nicht mehr ’rumtrödeln. Sightseeing fällt unter diesen Lichtverhältnissen aus, und Hotels haben vielleicht schon geschlossen. Da darf man nicht so anspruchsvoll sein. Außerdem war ich ja erst in der vergangenen Nacht im Hotel. In Carpentras fahre ich noch einmal an der Kneipe vom Morgen vorbei und kann es mir nicht verkneifen, hineinzugehen und den Wirt davon zu unterrichten, dass man durchaus mit dem Fahrrad auf den Mont Ventoux fahren kann. Ob er’s mir wohl ansieht? Wie dem auch sei, so was bringt einen alten Wirt nicht aus der Fassung, und was er denkt, ist mir eigentlich wurscht. Ich fahre weiter, und nun haben wir finstere Nacht. Es ist bei aller Liebe kein Hotel zu sehen, und so verlasse ich die Stadt in Richtung Avignon. Die Straße wird vierspurig, und auf diesen Pfaden ist gewiss keine Bleibe für die Nacht zu finden. Bei dem Lärm! Nach circa fünf Kilometern biege ich daher ab und versuche mein Glück in Monteux.
Ein Dorf im Dunkeln ist kein guter Platz, um Erfolg versprechend zu suchen. Aber jetzt liegt alles im Dunkeln. Ich folge einem Weg, der mich früher oder später vermutlich wieder auf die Schnellstraße führen wird, und fahre immer meinem Lichtschein hinterher. Hier soll laut Beschilderung so etwas wie eine Herberge liegen. Mal schauen. Tatsächlich findet sich nach einem oder zwei Kilometern rechts ein beleuchteter Hof, auf dem einige Autos parken. Rechts stehen Klettergerüste für Kinder. Ich bocke meinen Esel auf und erkunde das Terrain. Niemand, der mir entgegentritt, selbst, als ich eine Tür öffne und eine Treppe hinaufsteige. Aber überall brennt Licht. Es ist, als würde jeden Moment jemand kommen. Ich rufe »Hallo«, wenn auch nicht besonders laut, aber dadurch fühlt sich niemand angesprochen. Ich komme oben in einer Art Wohnflur an. Da ist eine Sitzecke, dort eine Küchenzeile, und an beiden Enden befinden sich Türen, die zu den eigentlichen Gästezimmern führen könnten. Hier könnte man sich’s für eine Nacht gut bequem machen, aber wie von einer Seuche entvölkert sieht das alles nicht aus. Da kann ja jemand kommen, und der stellt bestimmt unangenehme Fragen, wenn ich mich hier einfach auf die Couch haue. Also gehe ich lieber wieder. Ich greife mir mein Fahrrad und erkunde die Rückseite des Gebäudes. Hier quartieren diejenigen, die ein eigenes Haus haben, sprich: einen Wohnwagen oder ein Zelt. Ich habe keins, und darum suche ich nach einem Dach, das mir Schutz gegen etwaigen Regen oder wahlweise auch gegen den Morgentau bietet. Und solche Dächer sind hier Mangelware. Da sind eigentlich nur Wohnwagen und die Sanitärräume. Der Raum, in dem die Waschmaschine steht, ist zwar recht interessant, aber dort könnte ich nur im Sitzen schlafen, weil er zu klein ist. Das ist kein guter Platz.
Na ja, und so nach und nach werde ich immer bescheidener, und was mir schließlich bleibt, ist das Außenvordach. Dort lege ich meine Matte hin, und obwohl es schon 23 Uhr ist, nehme ich mir vor, um sechs mein Lager abzubrechen, weil dann die ersten Frühaufsteher kommen könnten. Weder denen noch dem Eigentümer des Platzes möchte ich morgen begegnen. Da hier nun aber einmal Waschplätze existieren, nehme ich sie auch wahr und lege mich danach zur Ruhe.
7. Juni
Monteux – D942 – Avignon – D900xN100xN86xD19axD19 – Pont du Gard – D19xD112xD979 – Nîmes – D42xD135xN572xD979 – Aigues Mortes – D58xD38b (146 km)
Eine Nacht muss schon ganz ungemütlich sein, wenn ich nach nur wenigen Stunden Schlaf freiwillig aus dem Sack krieche. Und so tue ich mich auch in diesem seltsamen Ambiente etwas schwer, mein Vorhaben vom Vorabend konsequent in die Tat umzusetzen. Aber schließlich kann hier jederzeit ein früher Vogel kommen. Also los, die Frische und Straffheit des Tages wird sich dann schon weisen. Ich rolle meinen Kram zusammen, verstaue alles und mache mich aus dem Staub, bevor mir jemand eine gemessen an den in Anspruch genommenen Services überhöhte Rechnung ausstellt.
Nur wenige Minuten später bin ich wieder auf der Schnellstraße, und das scheint dann wohl heute meine Route nach Avignon sein zu sollen. So weit ist es ja nicht mehr hin. Allerdings fahre ich auf Sparflamme, weil ich noch nichts im Bauch habe. Natürlich ist das nach fünf Kilometern noch ein rein psychologischer Effekt. Selbst wenn ich mich bis zum Anschlag sattgegessen hätte, wäre der Blutzuckerspiegel noch nicht nennenswert angestiegen. Aber das Wissen um den leeren Magen und ziemlich leere Taschen lässt mich besonders sensibel auf Gebäude schauen, die nach Konsumtempeln aussehen. Und nach wenigen Kilometern werde ich fündig in einer Weise, wie ich es in Frankreich nach meinen bisherigen Erfahrungen schon nicht mehr erwartet hatte: Ein Riesenladen mit einem großen Parkplatz davor. Das könnte das Einkaufszentrum von Avignon sein. Aber noch ist es geschlossen, wie ich bald darauf feststelle. Weil es jedoch so groß ist, will ich es mir mal ansehen, und nicht zuletzt kann ich erwarten, hier alles auf einmal zu bekommen, was mir an Marschverpflegung für den Tag und vielleicht auch darüber hinaus so vorschwebt. Und schließlich sind solche Paläste meist billiger als der Tante-Emma-Laden um die Ecke. Auf einer Bank mache ich es mir bequem.
Als die Pagen kommen und die Pforten öffnen, strömt niemand hinein. Ist schon komisch. Macht aber nichts. Ströme ich halt ’rein. Und ich stelle fest, dass dies ein Supermarkt der besonderen Kategorie ist. Vergleichbares habe ich bisher höchstens in den USA gesehen, vielleicht noch bei Metro. Nicht weniger als 70 Kassen warten auf Kunden – allerdings sind höchstens zehn von ihnen besetzt, und auch dort steht bislang kein Kunde. Ich mache mich auf zum Schlängellauf durch die Gänge und bekomme zu sehen, was Europa so an verpackten Lebensmitteln im Angebot hat. Draußen habe ich mir einen Wagen geschnappt, nicht so sehr, um möglichst viel hineinzupacken, denn was in meinen Wagen passt, passt nicht notwendigerweise auch in mein Gepäck, und darauf kommt’s ja letztlich an, auch wenn die Schnäppchen noch so toll sein mögen. Nein, ich habe ihn mitgenommen, um meine Packtaschen daran zu hängen, denn die möchte ich nur ungern draußen zurücklassen, wo sie jeder sofort mitnehmen kann. Da sie aber schwer sind, mag ich sie nicht tragen, und darum der Wagen. Nun bin ich von der Einkaufskapazität her unbeschränkt und muss beim Einladen aufpassen, dass ich alles noch wegkriege. Nachdem ich alles habe, stöbere ich in der Frischabteilung herum, und das haut mich fast um. Fisch und andere Meerestiere in allen Varianten, Farben und Arrangements, mit Eis garniert und ohne, zum Salat verarbeitet, geräuchert oder wie gerade aus dem Wasser gezogen. Und das Ganze über ein beachtliches Areal verteilt. Da muss es viel gut zahlende Kundschaft geben, wenn sich das rentieren soll. Ähnliche Ausmaße haben die Käse- und die Weinabteilung. Das ist schon faszinierend. Allein, ich kann mit diesem Angebot nicht viel anfangen. Gut, ein Stück Käse vielleicht, aber soll ich mir jetzt eine Fischsuppe kochen oder einen Hummer braten? Geht alles nicht. Muss auch nicht sein. Ein anderes Mal vielleicht.
Als ich mit dem Wagen wieder vor dem Tor stehe, zeigt sich, dass der Einkauf dennoch etwas überdimensioniert war. Ich kriege Probleme, den ganzen Kram zu verstauen. Also mache ich erst mal ein ausführliches Frühstück – da klären sich schon die ersten Schwierigkeiten, und der Rest passt dann irgendwie in die Taschen. Nebenher gucke ich mir die Route für den Tag an. Vielleicht erreiche ich heute schon das Meer. Das wäre doch was. Aber es ist nicht mein primäres Ziel. Vorerst muss ich irgendwie durch Avignon, auf diesem Weg vielleicht ein paar Eindrücke in der Stadt sammeln, und dann bin ich schon ganz gespannt auf die Brücke, die die Römer vor langer, langer Zeit über den Gardon geschlagen haben, um damit ihr Trink- oder Badewasser sonst wohin zu transportieren: Den Pont du Gard.
Mit vollen Taschen geht’s weiter, wieder in Richtung Rhône, aber ich bin ohnehin schon unten, »unter« geht’s nicht. Also trete ich in die Pedale, und nicht lange, dann werde ich als Radler von der Schnellstraße verbannt, muss nun über Nebenstraßen ins Stadtzentrum vordringen, aber das ist mir ganz recht. Eine gute viertel Stunde vom Stadtrand entfernt beginnt die Altstadt mit ihren schönen schmalen Straßen, in denen Bäume trotz der hoch stehenden Sonne für Schatten sorgen, mit all den traditionsreichen Bauten, von denen allerdings eine ganze Menge eingerüstet sind. Ich fahre neben einem großen, alten Gebäude entlang, auf einen so genannten Papstweg. Vor dem Haupteingang des Gebäudes, das selbst auch im Innenhof stark eingerüstet ist, erfahre ich dann, dass hier sogar einmal Sitz des Papstes gewesen ist. Man lernt nie aus. Aber eine Besichtigung reizt mich nicht so ungeheuer. Ich strebe die nächste Brücke über die Rhône an, um möglichst bald den Pont du Gard zu erreichen. Der Fluss ist seit Pont-St.-Esprit breiter geworden, vereint jetzt aber auch den eigentlichen Fluss und seinen Seitenkanal und zusätzlich die Flüsse Aigues sowie Ouvèze. Mittägliche Hitze brütet über der Neustadt, und ich sehe zu, dass ich freies Land gewinne. Da kann ich die Illusion haben, nicht noch die Wärme ertragen zu müssen, die eine Stadt produziert. Beim Verlassen der Neustadt durchquere ich eine Riesenbaustelle. Hier wird ein neuer Strang für den TGV gebaut. Man sollte es nicht glauben: 1,435 Meter breit ist solch ein Gleis. Wenn jetzt davon zwei nebeneinander liegen und zusätzlich das Lichtraumprofil eines normalen Reisezugwagens berücksichtigt wird, dann dürften beide Züge zusammen in der Breite sechs Meter sicherlich nicht überschreiten. Dürften sie. Man könnte glauben, hier werde eine sechsspurige Autobahn über die Straße gezogen. Die Karte enthält die Strecke bereits, und sie verrät mir, dass unmittelbar südlich dieser Überquerung die Linie sich teilt; kann also sein, dass die Breite mit dieser Teilung etwas zu tun hat.
Dass mir jetzt alles ein wenig heiß vorkommt, hängt nicht nur mit dem Breitengrad und der Uhrzeit zusammen. Es geht tatsächlich ein wenig bergan – was auch sonst, nachdem ich die Rhône überquert habe? Eine Weile später unterquere ich eine Autobahn, La Languedocienne. Da kann man mal sehen, wie wenig ich mit den Menschen rede, dass mir nicht einmal aufgefallen ist, dass hier manche okzidental sprechen – oder wie immer man die Sprache nennt, die dieser Region den Namen gibt. Jedenfalls heißt es, dass diese Sprache hier noch anzutreffen ist. Ich werde nicht danach suchen; ich habe mit dem ganz normalen Französisch genug Probleme.
Und dann ist da auch schon Remoulins. Ich umfahre die Stadt, obwohl es darauf wohl nicht angekommen wäre. Sie ist nicht so groß. Von dem Aquädukt kann ich nun eigentlich nur noch wenige Kilometer entfernt sein. Ich fasse mich in Geduld und kaufe mir ein Kilo Kirschen. Wenn die Brücke 2000 Jahre auf mich gewartet hat, wird es wohl auf die paar Minuten auch nicht mehr ankommen. Nach meiner Mahlzeit suche ich die Straße nach Hinweisschildern ab, und richtig gibt es wenige Kilometer später einen Hinweis: Auf der linken Seite sei die Brücke. Kein Parkplatz, keine Durchfahrtsgenehmigung. Ach was, Radfahrer haben sie dabei sicherlich nicht gemeint. Ich biege ab und folge der Straße, auf der schon einige Fußgänger unterwegs sind, und nach einem weiteren Kilometer erreiche ich den Pont du Gard. Das ist schon etwas Besonderes. Nein, es sind nicht die Pyramiden von Gizeh, das gute Stück ist auch nur halb so alt, aber es ist verdammt alt, und es ist, verglichen mit den Pyramiden, ziemlich grazil, könnte also schon längst zusammengebrochen sein. Ist es aber nicht. So etwas beeindruckt mich. Das gucke ich mir genauer an. Hatte ich aber sowieso vor.
Die Brücke ist zweigeteilt. Erst kommt der Viadukt mit seinen drei übereinander getürmten Bogenreihen jeweils unterschiedlicher Höhe (die oberste, in der die Wasserrinne einmal verlief, ist übrigens gesperrt, weil die Touristen ihr schon zu sehr zugesetzt haben), und dann, wenige Zentimeter flussabwärts, also praktisch ohne Absturzgefahr und Geländer angrenzend, eine einfache Brücke, auch schon ziemlich alt, aber wohl nicht von den Römern, von der aus man sich den Viadukt quasi von der Seite ansehen kann. Das kann man natürlich auch vom Ufer aus, aber das befindet sich nur nie in der Mitte des Flusses, so dass der Blick nicht so schön zentral ist. Aber wer von hier aus die Brücke fotografieren wollte, braucht schon ein richtiges Fisheye-Objektiv. Auf der jüngeren Brücke stehen einige Touristen aus aller Welt. Mit fällt eine Radfahrerin auf, die mit einigem Gepäck und einem Trailer unterwegs ist. Zu dem Trailer gehört ein kleiner Junge, der vielleicht vier oder fünf Jahre alt ist. Da ich nun mal auch ein Fahrrad habe, besitze ich eine Legitimation, die Reisenden anzusprechen. Sie kommen aus dem englischsprachigen Teil Kanadas. Na, das ist ja gleich um die Ecke, denke ich mir, aber heutzutage dürfte das größte Hemmnis die Sprache sein; über den großen Teich kommt man ja schon für verhältnismäßig wenig Moos. Und sie fahren durch Frankreich, anständige Strecken, wenn auch nicht riesige, und der Knirps teilt mir mit, dass er seine Mum unterstützt, wenn es bergan geht. So so. Die Frau ist ungefähr in meinem Alter, und sie ist nicht so angetan von den Franzosen, jedenfalls von den Gastwirten im Lande. Im Unterschied zu mir bevorzugt sie Hotels, und da hat sie halt die Erfahrung machen müssen, dass ihr Kind schon als vollwertig zahlender Gast angesehen wird, was die Zeche bei einer Übernachtung natürlich fast immer verdoppelt. Ich laufe noch ein bisschen hin und her und beschließe dann, das Foto vom Ufer aus zu machen. Dort begegnet mir ein auffallend hübsches Mädchen. Diese verdammte Sprachbarriere! Wahrscheinlich hätte sie sich für mich aber auch dann nicht interessiert, wenn ich Absolvent der Sorbonne gewesen wäre. Mein Outfit ist halt gewöhnungsbedürftig und nicht für die Partnersuche optimiert, sondern hinsichtlich Kosten und Sonnenschutz.
Während ich den besten Platz für die Aufnahme suche, stolpere ich noch fast über ein Schild, das mir verrät, dass die Römer damals auf 54 Kilometern oder so einen Höhenunterschied von 27 Metern überbrücken mussten. Das muss man sich mal klarmachen: 0,5 Promille Gefälle. Ob sie den Streckenverlauf wohl vorher genau vermessen hatten? Immerhin könnte man ja auch so verfahren, dass dort, wo das Gelände zu hoch ist für den Weiterfluss, eine Rinne geschlagen, und dort, wo es etwas zu steil abfällt, Boden aufgeschüttet wird. Die Rinne, in der das Wasser dann letztlich floss, soll in Rom aus Blei geformt worden sein. So könnte auch hier nach der Errichtung des Unterbaus letztlich noch so etwas wie eine Leitung auf dem geebneten Terrain verlegt worden sein. Aber das sind wilde Spekulationen, weil mir keiner widersprechen oder bestätigen kann, was ich da ausbrüte.
So, und nun weiter. Was ich jetzt suche, ist die Brücke über den Gardon entlang der D979. Das Einfachste dazu scheint es zu sein, einfach dem Fluss stromaufwärts zu folgen, bis diese Brücke kommt. Aber so leicht ist das nicht. Ich verfange mich auf Wegen und Nebenwegen förmlich in Kleingärten und Kleinstgrundstücken, und letztlich muss ich noch einmal auf die Hauptstraße zurückkehren, auf der ich schon von Remoulins aus unterwegs war. Hier finde ich dann auch bald den richtigen Weg zu der gesuchten Brücke. Diese Überfahrt ist wesentlich jünger, aber über 100 Jahre hat sie gewiss auch schon auf dem Buckel. An den wuchtigen Pfeilern weist die Brücke kleine Buchten auf, d.h., hier ist zu beiden Seiten des Flusses immer so ein Sparparkplatz vorhanden. Dort passt mein Fahrrad bequem hinein, so dass ich mir den Fluss noch einmal in aller Ruhe von seiner Mitte aus ansehen kann, ebenso den Ort Pont St. Nicolas, den ich am Nordufer gerade verlassen habe.
Was jetzt kommt, ist eine längere Auffahrt in den Höhenzug, der mich noch von Nîmes trennt. Das ist ganz nett, und ich wetteifere eine Weile mit zwei Jugendlichen, die mit ihren Mountainbikes unterwegs sind. Allerdings haben sie kein Gepäck und besitzen damit in den Bergen einen unschlagbaren Vorteil. Das Gelände rechts und links der Straße ist militärisches Sperrgebiet. Schilder warnen vor dem Betreten und vor Schießübungen. Dass zumindest das Militär keine Fiktion ist, beweist eine Fahrzeugkolonne, die wenig später auf die Hauptstraße einbiegt. Na ja, irgendwo müssen ja auch die Franzosen ihre Kriegsspiele treiben. Da haben sie hier noch nicht einmal ein besonderes landschaftliches Juwel besetzt, wie das andernorts gerne geschieht. Wenn ich daran denke, dass die Briten ihre Tiefflugübungen scheinbar ganz besonders gern über Nationalparks abgehalten haben und in Deutschland vor allem die größeren zusammenhängenden Waldstücke okkupiert sind, kann das hier als gemäßigt gelten. Bei der Einfahrt nach Nîmes sehe ich rechts die zum Gelände gehörende Kaserne. Was mir auffällt, ist der höchstwahrscheinlich lateinische Spruch an einer Mauer: Legia Patria Nostra. Ich glaube, das habe ich schon mal irgendwo gehört. Das wird doch nicht die Fremdenlegion sein! Wenn du durch die Welt kommst, kannst du was erleben!
Was ich jetzt erst mal erlebe, ist Regen. Er beruhigt sich aber bald wieder, so dass ich die Stadt »einnehmen« kann. Ich habe hier nichts weiter vor als durchzufahren. In der Stadtmitte nehme ich mal wieder eine Kirche wahr, vielleicht auch eine Kathedrale, jedenfalls ein typisch dunkles Gemäuer, für das ich mich nicht erwärmen kann. Entweder hatten die Franzosen früher ein besonderes Faible für dunkle Kirchen, oder sie litten großen Mangel an Glas, jedenfalls an klarem Glas. Ich verstehe natürlich, dass in der Romanik Glas noch ein besonders kostbares Gut war, aber diese Bauwerke können doch nicht alle aus der Romanik stammen. Außerdem gibt es in Deutschland auch einige romanische Kirchen, und die sind nicht so finster. Wie dem auch sei, ich suche jetzt die Ausfahrt in Richtung Aigues-Mortes. Und finde sie nach einer Weile auch.
Was jetzt kommt, ist eine Fahrt über flaches Land. Ich erwarte keine bemerkenswerten Dinge, sondern muss einfach zusehen, dass ich die nächsten 40 Kilometer möglichst im Trockenen (der Himmel macht immer noch einen verdächtig unsicheren Eindruck) und ohne Gegenwind über die Bühne kriege.
Nach 15 Kilometern wird’s dann aber doch interessant: Ein Stau. Ein Stau hier, auf einer Landstraße, wo die größte Stadt weit und breit gerade hinter mir liegt. Das kann wohl nur ein Unfall sein, aber mich hält er ja ohnehin nicht auf. Ich fahre nach und nach an allen Autos wieder vorbei, die mich während der letzten halben Stunde überholt haben. Hier muss wirklich mächtig was los sein. Und schließlich gelange ich zu dem Ereignis, das alles aufhält, was hier rasch durch will: Eine Demo. Man demonstriert…, ja, wogegen oder wofür eigentlich? Ich kriege auch ein Informationsblatt in die Hand gedrückt, und alles, was ich mit Sicherheit davon verstehe, ist, dass es um eine Schule geht. Es scheint sich um die Rechte des Schulleiters oder eines Gremiums zu drehen, die nun entweder zu liberal bemessen oder zu eng beschnitten sind. Es scheint eher letzteres der Fall zu sein, aber im Grunde ist mir das ziemlich egal. Ich kann jetzt jedenfalls weiterfahren.
Über eine Querstraße geht’s zu einer Magistrale (jedenfalls einer vierspurigen Straße). Auf dem Weg dorthin kommen mir einige Fahrzeuge entgegen, vorneweg ein Moped. Und dieses Moped schert plötzlich aus und hält auf mich zu. Der Kerl hat nicht mehr alle Tassen im Schrank! Na, Du kannst ja mal testen, wessen Blech besser hält, denke ich mir und fahre nun meinerseits direkt auf ihn zu. Zehn bis 15 Meter vor dem »Treffpunkt« biegt der Kamikazefahrer jedoch wieder auf seine Spur zurück, und ich fahre wieder nach rechts. Hinter mir hupt’s; ob das dem Hubraumgeschädigten oder mir gilt, wird nicht klar, ist mir allerdings auch egal. Ich muss erst mal meinen Adrenalinspiegel wieder in den Griff kriegen. Solche Idioten gehören doch gleich endgültig aus dem Verkehr gezogen. Man müsste so etwas wie einen Besenstiel dabei haben, den man solchen Verrückten wahlweise ins Vorderrad stecken oder vor die Rübe knallen kann. Irgendwann gehen solche Spielchen doch mal in die Hose, und dann müssen Leute dran glauben, die ihr ganzes Leben lang vorschriftsmäßig gefahren sind, ohne jemals einen Menschen auf der Straße gefährdet zu haben.
Auf der nächsten, der breiten Straße wird’s dann richtig öde. Auch die Landschaft hat immer weniger zu bieten. Auf ein verlassenes Haus wurde ein Graffito gesprüht: Nestlé – Mörder! Es klingt so, als wäre hier irgendwo ein Laden der Schweizer dichtgemacht worden. Die Leute scheinen jedenfalls richtig böse auf sie zu sein. Aber zu sehen ist weit und breit keine Menschenseele – außer in den Autos. Und nun fängt es zu allem Überfluss auch noch an zu regnen. Es nieselt nicht nur so ein bisschen. Es regnet richtig. Es regnet so sehr, dass ich die Lust verliere, weiterzufahren. Ich stelle mich unter. Gott, ist das langweilig! Wenn ich hier wenigstens ein Buch hätte, dann könnte ich was lesen. Aber das Argument zieht nicht, denn ich habe ein Buch. Ich habe sogar mehrere Bücher. Und sie sind hochaktuell! Sie beschäftigen sich mit französischem Vokabular (mein kleines Wörterbuch) oder wahlweise auch mit Grammatik. Aber mein Bildungshunger ist ähnlich down wie der Luftdruck. Ich will jetzt keine französischen Vokabeln, der französische Regen reicht mir. Er hält allerdings lange an. So vergeht die Zeit.
Irgendwann lässt der Niederschlag dann nach, und ich schwinge mich erneut in den Sattel. Jetzt bloß schnell nach Aigues-Mortes! Und nach gut zehn Minuten erreiche ich den Ort. Zunächst mal sieht er aus wie alle hier, aber nachdem ich einen Kanal überfahren habe, wird vor mir die historische Stadt sichtbar. Linkerhand hübsche, aber längst nicht mehr neue Häuserzeilen mit mediterranem Grün, vor mir eine hohe Stadtmauer. Ich fahre durch eins der Tore und gucke mir das Innere an: Auch Häuser, natürlich, aber die hohe Mauer ist wirklich durchgehend. Und sie ist ziemlich dick. Das Dorf dürfte mal sehr widerstandsfähig gewesen sein. Und mit diesen Gedanken fahre ich die Gassen ’rauf und ’runter, nicht so richtig wissend, wonach ich suche. Ach ja, die Ausfahrt. Na ja, hier wohl nicht. Ich muss erst mal wieder aus dieser Ummauerung heraus. Und wie ich bald darauf feststelle, muss ich noch weitere zwei Kilometer des Wegs zurück, bis der Abzweig in Richtung Osten kommt, jener Abzweig, der nun für einige Tage die neue Richtung mehr oder weniger an der Wasserkante entlang vorgeben wird – mit den üblichen Schnörkeln, versteht sich.
Kaum bin ich drei Kilometer aus der Stadt heraus, fängt der Regen wieder an. Grau, alles bedeckend und dunkler noch als vorhin, denn die Sonne nähert sich mindestens dem Horizont, wenn sie nicht schon hinter ihm versunken ist. Und ähnlich nass natürlich wieder. Erneut zeigt sich, dass mein psychologisches Korsett im Zusammenspiel mit der Kleidung nicht geeignet ist, einfach weiterzufahren. So flüchte ich mich unter einen Verkaufsstand neben der Straße, unter dem tagsüber und vielleicht auch bei besserem Wetter Honig und produits régioneaux angeboten werden. Im Moment suche ich gerade nach einem Quadratmeter, über dem das eher zum Sonnen- als zum Regenschutz geeignete Dach einigermaßen dicht ist. Mein Gutachten fälle ich lieber nur vorläufig. Und nach einiger Zeit bestätigt sich, dass das Solideste im Moment der Niederschlag ist. Ich überlege mir, wohin ich noch flüchten könnte. Da hinten steht ein Schuppen, aber da liegen womöglich die unverkauften Waren; der ist nämlich gut verschlossen. Und ich werde doch nicht wegen der paar Tropfen zum Einbrecher!
Als der Regen schließlich nachlässt, ist es Zeit, das Licht einzuschalten. Saintes Maries kann ich mir für heute abschminken. Unter normalen Umständen hätte ich die Stadt am Meer noch leicht erreicht, und eine Übernachtung in der Dünung wäre doch sicherlich etwas Feines gewesen: Ein leichter Wind, salzige Luft, dazu das Meeresrauschen… Alles Essig! Wo bleibe ich stattdessen?
Links neben der Straße liegt so etwas wie ein Bauernhof. Aus den vielen Autos schließe ich, dass hier auch Zimmer vermietet werden. Ich betrete den Hof und gucke, wo Licht brennt, wo ich also jemanden nach einem Übernachtungsplatz fragen könnte. Der einzige Mensch, den ich sehe, ist ein Mann, der vor seinem Computer hockt und spielt. Na, wie ein Hotelier in Ausübung seines Amtes sieht er nicht gerade aus. Aber fragen kann ich ja mal. Ich frage. Er macht die Sache kurz: Alles voll. Natürlich, wieso auch nicht. Vielleicht hat er nur keine Lust, aber wie sollte ich ihm das nachweisen? Na, und selbst wenn mir das gelänge… Es ist schließlich seine Sache, an wen er seine Zimmer vermietet. An mich jedenfalls nicht. Darum fahre ich weiter und grübele nach Lösungen. Also, die Fahrt zur Küste kann jetzt zum echten Roulettespiel werden. Hier zweigen so viele Wege und Straßen in alle Richtungen ab, und die Beschilderung ist nicht eben berühmt. Da kann man sich im Dunkeln sicher prachtvoll verfahren, und dann lande ich zum Schluss irgendwo im Salzsumpf. Na, so schlimm wird’s sicherlich nicht werden, aber dass ich den richtigen Weg zur Küste noch finde, ist eher unwahrscheinlich. Und schließlich soll er ganz reizvoll sein, glaube ich meinem Reiseführer. Da werde ich doch nicht im Dunkeln dran vorbeitappen!
Schließlich sehe ich ein weiteres Grundstück zur Rechten, und hinter dem Hof befindet sich ein großes Dach, unter dem allerlei landwirtschaftliche Maschinen und Anhänger vor dem Regen geschützt stehen. Der Regen hat übrigens aufgehört, aber wie sich das über Nacht entwickelt, kann man ja nie wissen. Ich brauche jedenfalls auch ein Dach, und das Einzige, was mich von dem da drüben trennt, ist der Bauernhof. Und, ist der ein echtes Hindernis? Ein riesiges Tor steht sperrangelweit offen, im Haus sind fast alle Lichter erloschen, ein Hoflicht fehlt, und meines kann ich ja auch noch ausschalten, damit ich nicht sofort zu sehen bin. Gesagt, getan. Ich fahre durch den Modder ins Trockene und gucke noch eine Weile zum Hof hinüber, ob jemand kommt und den Landstreicher vertreiben will. Es kommt keiner. … Keiner? Nun ja, es kommt kein Mensch… Als ich mich auf der Ladefläche eines Anhängers im Schlafsack verkrochen und zur Ruhe gebettet habe, kommen jedoch andere Gäste, die ebenso ungebeten und weit lästiger sind: Mücken. Ich krieche noch tiefer in meinen Sack, aber irgendwoher muss ich ja noch meine Atemluft kriegen. Und hier drin ist es verdammt heiß. Ich bin ja nicht gerade am Polarkreis unterwegs. Also bleibt ein Stück des Gesichts für die Parasiten. Wenn das mal eine geruhsame Nacht wird…
8. Juni
D58xD38bxD38 – Saintes Maries-de-la-Mer – Digue à-la-Mer – D36cxD36 – Salin-de-Giraud – Fähre – D35bxD35xD24xN568xD24 – Saint Martin-de-Crau – D27 – Maussane-les-Alpilles – les Baux-de-Provence – D27xD5 – (bis zur Passhöhe in Richtung Saint Rémy-de-Provence und zurück) – Maussane-les-Alpilles – D78xD24xD25 – Eyguières – D569xN659xD19xD16 – D16 (hinter Grans) (158 km)
Also, man kann nicht gerade sagen, dass diese Nacht besonders toll war. Außerdem gilt heute wie gestern, dass langes Ausschlafen ausfällt, wie weit weg auch immer am Morgen die Mücken sein mögen. Wer weiß schon, wann die Herrschaften vorn auf dem Hof aufstehen. Wir wollen doch keine unangenehmen Begegnungen. Also mache ich mich bereits zu früher Stunde auf den Weg. Ein paar Happen werden sich wohl unterwegs ergeben.
Nach einem kurzen Rätselraten biege ich auf eine der D38x-Straßen ab. Man kennt sich hier wohl aus. Oder auch nicht, aber das werde ich dann ja sehen. Auf jeden Fall stimmt die Richtung, wie ich am Stand der Sonne erkennen kann. An ihr kann ich auch sehen, dass das Wetter heute stimmt. Vorerst jedenfalls. Und wenn mich meine Informationen nicht täuschen, bin ich jetzt in der Camargue, einer Ebene zwischen Land und Meer, ohne jede Erhebung und – das ist jedenfalls mein Eindruck aus Form und Lage in der Karte – aufgeschwemmt durch die Rhône im Laufe der Jahrmillionen. So sehen also abgetragene Alpen aus. Es ist aber nicht so oder nicht mehr so… oder zumindest hier nicht mehr so, dass das Mittelmeer nach Norden hin seichter wird, sondern es entsteht fester Boden. Freilich, der Wasseranteil ist noch enorm, sei es in Form der vielen Etangs, deren Fläche teilweise riesig ist, sei es in Form einfacher Pfützen, die die Wiesen durchsetzen. Und das Besondere an diesen Pfützen besteht darin, dass sie nicht vom letzten Regen übrig geblieben sind, sondern »von unten kommen«. Das sind Salzwasserpfützen, und weil sie praktisch immer dort sind, haben sie maßgeblich die Vegetation geprägt. Auf Salzflächen wächst schließlich längst nicht alles. Und so blüht hier auch kein wuchernder Dschungel, sondern gedeihen karge Buschgräser und kleine Büsche. Soll es etwas höher hinausgehen, brauchen die Pflanzen wenigstens einen halben Meter Boden unter dem Wurzelansatz, um salzfreies Wasser aus dem Erdreich ziehen zu können.
Rechts befindet sich die Petit Rhône. Es könnte auch ein Kanal sein, jedenfalls ist keine Strömung zu erkennen. Hier und da ist ein Boot zu sehen, angefangen vom vollgelaufenen Ruderkahn bis hin zu kleinen Jachten und Segeljollen. Aber das ist kein Hafengelände. Entweder ist hier noch nicht Saison, oder diese Anlegestellen sind nicht so attraktiv. – Auf der anderen Seite, in den Wiesen, weiden Schimmel. Sie sollen typisch für die Camargue sein; ich habe gehört, sie kämen schwarz zur Welt und verlören ihre Farbe im ersten Lebensjahr. Jedenfalls werden sie gebraucht, um all die Angebote für Pferderitte gewährleisten zu können, von denen ich entlang der Straße lese. Die Schilder finden sich neben dem Eingang zu Hotels, und ich überlege, ob es vielleicht sinnvoll gewesen wäre, statt auf einem Anhänger im Schlafsack mit Mücken hier in einem gehobenen Etablissement zu nächtigen, aber die Hoteliers haben nicht nur die Pferde, sondern auch die Zimmerpreise bekannt gemacht, und die sind, der Gegend angepasst, gesalzen. Das wären neue Rekordspesen für eine Übernachtung, jedenfalls was meine Privatreisen betrifft. Außerdem ist diese Betrachtung ohnehin müßig: Die Nacht ist ja eh vorüber.
Na, und so erreiche ich die Kurve nach Osten, rechterhand einen Deich, und bevor ich jetzt ewig hinter einer Sichtsperre lang fahre, will ich doch wenigstens mal einen Blick dahinter werfen. Und da ist es, das Meer! Ich gehe an einem Strandrestaurant vorüber, in dem der Wirt momentan sein einziger Gast zu sein scheint, stapfe durch den Sand und stehe schließlich dort, wo die Brandung ihre letzten Ausläufer verspült. Und dieses Wetter! Könnte es toller sein? Es ist nicht heißer Mittag, es regnet nicht, der Strand ist weder vermüllt noch überlaufen noch musste ich über gestapelte Teutonen klettern… Es ist perfekt! Also, natürlich gibt es schönere Strände, mit einer Steilküste dahinter beispielsweise oder schneeweiß oder mit blaugrünem Meer. Aber das ist jetzt alles nicht bedeutend. Ich will ja hier nicht baden. Ist ohne Badehose auch zumeist problematisch, aber hier hätte ich vielleicht sogar mal kein Publikum. Nach einer Weile stapfe ich wieder zurück. Jetzt kommt Saintes Maries. Jetzt endlich!
Der Ort ist ein ziemlich äußerer Vorposten in Richtung Süden. Weiter drüben, im Osten, geht’s noch weiter nach »unten«. Das Dorf an der Küste beginnt ganz gewöhnlich und überrascht insgesamt nicht weiter, aber unter den Bedingungen, wie sie im Moment herrschen, hat es einfach eine Traumlage. Die Restaurants auf der dem Kai gegenüber liegenden Straßenseite haben den Blick auf den Hafen und durch eine schmale Öffnung auch aufs offene Meer. Im Hafen liegen hier ein paar mehr Schiffe, aber kaum mal ein größeres Stück. Abseits des Hafens stehen Wohnmobile und VW-Busse auf dem letzten asphaltierten Streifen vor dem Strand, und in ihnen schlafen Leute, die nicht so zeitig aufstehen wie ich. Na ja, sie haben wohl (auch) Urlaub.
Was ich jetzt voller Spannung suche, ist die Ausfahrt in Richtung Osten. Wenn ich mir die Landkarte ansehe, habe ich den Eindruck, als müsste ich jetzt übers Wasser schreiten. Es sieht wirklich aus, als müsste ich über Wasserpassagen von zweimal 400 und einmal 200 Meter Breite irgendwie hinwegkommen. Das sind für ein Fahrrad freilich wirklich ernstzunehmende Hindernisse. Wie hoch die Qualität der Karte diesbezüglich ist, werde ich indes bald feststellen können. Das erste Problem, ob real oder nicht, wird sich mir in vielleicht zehn Minuten in den Weg stellen. Ich werde es sehen. Und wenn es denn wirklich eins ist, dann muss ich einen riesigen, wahrscheinlich ziemlich langweiligen Umweg über Arles am Ausgangspunkt des Rhône-Deltas machen, der mich bestimmt 30 oder 40 Kilometer zusätzlich kostet.
Die Ausfahrt ist unspektakulär, unbeschildert, aber auch nicht zu verfehlen, da ich einfach nur in Richtung Sonnenaufgang fahren muss. Dort verliert sich ein Weg zwischen Büschen und Steinen in einer Szene, die schlechterdings keine Höhe hat. Wie weit dieses Gemisch aus Seen, Meer und Landzungen reicht, ist überhaupt nicht abschätzbar. Und ob es sich rechts um das Meer handelt oder um eine Lagune oder etwas Vergleichbares, das durch einen weiteren Landstreifen vom Meer abgetrennt und daher gegen Brandung geschützt ist, lässt sich auch nicht sagen. Ich bin also drauf und dran, in die Weite zu fahren, allein mit dem Vertrauen in die Karteninformation ausgestattet, dass es eine andere Seite gibt, unabhängig erst mal davon, ob man die als Fahrer erreichen kann. Gewissheit gibt mir allerdings mein alter Fahrradreiseführer. Der Mann will die Strecke schon mal gefahren sein, allerdings mit einem Mountainbike, aber so schmal sind meine Reifen ja letztlich auch nicht. Das könnte schon was werden, wenn ich die Kiste nicht kilometerweit durch Schlamm oder Sanddünen schieben muss.
Zuerst allerdings stinkt mich links eine Müllhalde an. Das ist immer so eine Sache: Komme ich durch ein Landschaftsschutzgebiet oder eine Gegend, die mir gut gefällt, z.B. im Gebirge, finde ich Müllhalden deplaziert. Aber natürlich müssen die Leute auch hier irgendwohin mit ihren Abfällen. Wobei sie sich allerdings mehr Mühe geben könnten, das ganze Zeug Platz sparend und weniger sichtbar abzukippen. Hier wird er breitgefahren, und wenn da nicht die Radlader im Gange wären und Hunderte Möwen kreisen würden, hätte ich wahrscheinlich nichts davon gemerkt, es sei denn, meine Nase wäre etwas empfindlicher für solche Gerüche. Ich bin ganz froh, dass sie es nicht ist. Na ja, und letztlich bleibt die Frage, ob dieser Ort hier wirklich der geeignetste ist. Das ist erstens ein Naturreservat und zweitens nicht der Mittelpunkt aller möglichen Siedlungen. Etwas weiter landeinwärts wäre sicherlich ein auch infrastrukturell besser erreichbarer Platz gefunden worden. Aber vielleicht macht ja hier jeder seine eigenen Häufchen.
Das erste breite Wasserhindernis erweist sich als keines, und mein Optimismus wächst. Der Weg ist auch gut befahrbar – sogar für Autos. Allerdings ist er unbefestigt, teils mit Schotter planiert, teils sandig. Man kann ihn mit bescheidenen Ansprüchen und moderatem Kraftaufwand fahren. Und welchen Grund auch immer es haben mag – es sind hier so gut wie keine Autos. Die letzten stehen rechts am Strand der Lagune, wohl, weil dort eine Übernachtung so romantisch oder ruhig ist. Es scheinen ein paar richtige Langschläfer darunter zu sein. Und dann kommen auch Hindernisse, die für normale Autos kaum zu überwinden sind: Riesige Steine blockieren den Weg bis auf einen Durchlass, der selbst mir mit meinen Packtaschen kleine Probleme bereitet. Aber mir soll es recht sein. Dann habe ich wenigstens meine Ruhe.
Links kommen ein paar größere Wasserfelder, und in einigen von ihnen entdecke ich tatsächlich auch Flamingos. Ich habe die Tiere noch nie in freier Wildbahn gesehen, höchstens im Fernsehen, und da war es wohl auch »nur« ein Bericht über den Serengeti-Nationalpark, aber hier bin ich ja noch lange nicht in den Tropen, und trotzdem scheinen die Bedingungen für die rosafarbenen Vögel zu genügen. Aus dem Dunst des Hintergrundes erhebt sich der Mont Ventoux! Mensch, ist das ein Berg! Das war nun schon vorgestern, dass ich dort oben war, und noch immer begleitet er mich. Zugegeben, ich fahre jetzt noch einmal südlich an ihm vorbei, aber die Entfernung beträgt vielleicht 60 bis 80 Kilometer. Dass ich ihn überhaupt sehe!
Und weiter geht’s. Auch das nächste Wasserhindernis ist keines. Entweder ist die Karte hier unpräzise oder sie muss nur richtig interpretiert werden. Um das »eigentliche« Land herum sind Felder schraffiert, die man für Wattenmeer oder Überflutungsgebiete halten könnte, und wenn man so will, »betrete« ich nie das Meer, sondern nur diese Überflutungsgebiete. Zwar liegt der Weg tatsächlich häufig nur zehn oder 20 Zentimeter über dem Wasserspiegel, aber er wirkt ziemlich trocken und überhaupt nicht ausgewaschen oder vermoddert von Überschwemmungen. Er ist nur endlos lang, und der Reisende muss dazu eine gelassene, vielleicht sogar positive Einstellung finden. Kein Problem für mich, denn Wind und Wetter machen mir kein Problem. Wie das wäre, wenn mir der Ostwind jetzt über -zig Kilometer Regen ins Gesicht peitschen würde, darüber denke ich lieber gar nicht erst nach. Er tut’s ja auch schließlich nicht.
Wieder nach einer Weile komme ich an einem Leuchtturm vorbei. Wem die hier wohl noch leuchten? Jedenfalls fährt aus dem zugehörigen Grundstück ein Auto heraus, in dem eine junge Frau sitzt, und nach einer Weile überholt sie mich. Schnell kann sie auf dieser Piste nicht fahren. Meine Herren, das ist ja ein Wohnen am Ende der Welt! Kein Mensch weit und breit. Obwohl – wenn man es recht bedenkt, ist die nächste Siedlung gut zehn Kilometer entfernt, die nächste kleine Stadt 20. Das ist keine so fürchterliche Entlegenheit. Aber das, was sie ist, kann sofort erspürt werden. Würden die Leute hier in den Bergen wohnen, dann könnte schon auf der nächsten Waldlichtung ein weiteres Haus stehen. Hier kann jeder sehen: Es gibt keine nächste Lichtung, und das nächste Haus ist zu weit weg, um erkennbar zu sein.
Die Beschilderung ist hier sehr mager. Das gute Wetter ist für mich insofern auch deshalb von Vorteil, als ich mir den Kompass sparen kann. Auf diese Weise werde ich nach einem Abzweig misstrauisch, und nachdem ich 500 Meter in die falsche Richtung gefahren bin, fast direkt aufs offene Meer hinaus, kehre ich um und nehme dann den richtigen Abzweig. Mein nächstes Ziel ist Salin-de-Giraud. Ich möchte mir die Salinen ansehen. Die Landkarte weist dafür ein weites Areal aus, mehrere Quadratkilometer, wobei nicht so sicher ist, ob vielleicht weitere Gebiete, die nicht unmittelbar mit dem offenen Meer verbunden sind, auch noch dazugehören.
Wenig später erreiche ich Salin. Die Fahrt verlief bis hierher sehr gut; ich hatte auf den letzten Kilometern Unterstützung durch einen kräftigen Nordwest. Da die Salinen der Wendepunkt der heutigen Fahrt werden, dürfte der Nachmittag weniger zum Vergnügen werden. Erst mal spaziere ich allerdings durch den Ort, um zu sehen, ob ich irgendwo meine Vorräte aufbessern kann. Aber ich kann Runden drehen, so viele ich will, das Städtchen scheint keinen offenen Laden aufzuweisen. Dabei macht der Ort keinen armseligen Eindruck. Zumindest früher einmal dürften die Salinen recht einträglich gewesen sein. Wie das Geschäft jetzt läuft, vermag ich nicht zu beurteilen.
Mit der Sucherei möchte ich mich nicht zu lange aufhalten; darum verlasse ich den Ort nach Süden, um mir zuerst die Salinen anzusehen und dann mit der Fähre die Rhône zu überqueren, deren Hauptstrom hier verläuft. Gleich hinter den letzten Häusern wird die Gegend »unaufgeräumt«. Der Mensch hat die Landschaft geprägt, Dämme aufgeschüttet, Straßen und Gräben gezogen, aber irgendwie wirkt das alles ein bisschen heruntergekommen. Ich frage mich schon die ganze Zeit, aus welchen Gründen wohl Salinen heutzutage noch betrieben werden. Kalisalz kann komfortabel in Salzbergwerken gewonnen werden. Es muss nicht getrocknet werden – wobei das hier auch mehr oder weniger kostenlos die Sonne übernimmt –, es ist frei von Verunreinigungen der »modernen« Art (Schwermetalle, organische Chlorverbindungen etc.), wie sie Flüsse und zunehmend auch Seen und Meere infolge »zivilisatorischer« Aktivitäten enthalten. Keine 20 Kilometer östlich von hier verzeichnet die Karte umfangreiche Industrieanlagen. Hier sollen auch Raffinerien sein. Warum also Salinen? Gibt es keine Salzstöcke in Frankreich? Enthält dieses Meersalz vielleicht wertvollere Bestandteile als das Kalisalz? Egal. Ich gucke mir das jetzt einfach an. Und wo ich zum ersten Mal einen Blick auf die Salinen werfen kann, verblüffen sie mich durch ihre Farbe. Das Meerwasser ist rosa; es sieht hochgradig ungenießbar aus, und es scheint frei von jeglichem Leben zu sein. Hier herrschen nur Sonne, Wind und rosa Wasser. Die Becken scheinen zwar sauberes Wasser zu enthalten, aber Verunreinigungen können hineingeweht werden. Auch ich habe praktisch freien Zugang über einen schmalen Trampelpfad, der durch keinerlei Zäune oder gar Mauern versperrt wird. Und weil die Kanäle und Becken irgendwie alle gleich aussehen und auch durch kleine Änderungen des Betrachtungsstandortes keine neue Perspektive entsteht, setze ich mich erst mal hin und mache zweites Frühstück. Oder drittes? Egal.
Während ich da so sitze, kommt ein Arbeiter vorbei und macht sich an den Riegeln und Absperrteilen zu schaffen, befreit sie von auskristallisiertem Salz, öffnet hier einen Durchfluss, schließt dort einen, nimmt wohl auch Notiz von mir, aber wir wechseln keine Worte. Und ich gucke mir die ganze Sache an und überlege mir, wie aus diesem nach wie vor dünnflüssigen nass letztlich Salz wird. Man kann es ja wohl nicht bis zur völligen Erstarrung hier lassen, denn dann dürfte es sich als eine harte Kruste über allem niederschlagen, wie jetzt am Schotter der Beckenbegrenzung schon zu erkennen ist.
Als ich mit der Mahlzeit fertig bin, fahre ich noch ein Stück weiter und gelange zu einem Hügel, der als Aussichtspunkt über das ganze Salinenfeld errichtet wurde. Dort stehen auch ein paar Tafeln, die erklären, welchen Weg das Meerwasser bis dorthin nimmt, wo es dann irgendwie Salz wird. Farblich ist die zunehmende Salzkonzentration hervorgehoben. Hinter mir liegen große Salzhaufen, ziemlich schmutziges Zeug, überhaupt nicht mehr rosa. Es könnte auch Abraum sein, aber es muss wohl Salz sein, das dann der weiteren Verarbeitung und Reinigung zugeführt wird.
Na gut, ich will zur Fähre. Sie ist nicht schwer zu finden. Es dauert nur eine Weile, bis sie schließlich losfährt. Dafür ist sie für mich kostenlos. Die Rhône scheint hier zum Stillstand gekommen zu sein. Der Fluss liegt wie ein langgezogener See da, lediglich durch den Wind gekräuselt. Dieser Friede hat auf der anderen Flussseite ein Ende: Nach zwei Kilometern kommt der Richtungswechsel nach Norden. Jetzt bläst mir wirklich ein kräftiger Wind entgegen, und die Landschaft kann überhaupt nicht darüber hinwegtrösten. Sie ist im Gegenteil richtig trostlos. Topfeben, so schreibt mein Reiseführer, sei die Crau, und dem habe ich nichts hinzuzufügen. Ein paar Bäume da und dort, ein paar Schilffelder entlang der zahlreichen Gräben und Kanäle und nur sehr gelegentlich ein Gehöft (von Dörfern kann keine Rede sein). (Warum heißen die eigentlich alle »Mas« irgendwas? So fängt nämlich laut Karte der Name sehr vieler Gehöfte hier an. Eine Antwort auf diese Frage finde ich nicht, auch nicht im Wörterbuch.) Allgegenwärtig allerdings und ungehemmt der Gegenwind, und was immer deutlicher wird, ist mein Wassermangel. Die letzten Getränke sind alle, und was jetzt nur noch nicht angefangen hat, ist der Durst. Aber lange kann das bei diesen Temperaturen nicht mehr dauern. In eines der Gehöfte biege ich dann schließlich ab, um zu sehen, ob dort Wasser zu bekommen ist. Ein Mann hilft mir. Er deutet an, dass der Wasserhahn, an dem ich zuerst zapfen möchte, kein gutes Wasser enthält, wahrscheinlich ungefiltertes Grundwasser. Ich bekomme besseres Wasser. Prima, wieder eine Sorge weniger!
Irgendwann verlasse ich die Straße nach Arles, bewege mich eine Weile in Richtung Nordosten und erreiche schließlich St. Martin. Hier möchte ich meine übrigen Vorräte aufbessern und folge im Ort den Hinweisschildern zu einem Supermarkt. Sie sind wohl etwas marktschreierisch, denn der Weg zum Markt ist ziemlich weit. Im Grunde liegt er vor den Toren des Ortes, und während ich so fahre, überlege ich noch, vor welcher Kurve ich wieder umkehre, weil mir das allmählich zu dumm wird. Dann wird er aber doch noch sichtbar, und ich kaufe ein, was ich tragen kann. An der Kasse hat eine Kundin ein kleines Problem mit ihrem Korb, und ich versuche so etwas wie einen Scherz. Wir tauschen ein kurzes Lächeln. Als ich vor dem Markt noch mit dem Verstauen meiner Neuerwerbungen beschäftigt bin, kommt sie auch heraus und näher. Und spricht mich überraschend auf Englisch an. Na ja, warum nicht? Sie könnte fünf oder zehn Jahre älter als ich sein und wahrscheinlich Lehrerin. Wir unterhalten uns ein wenig über meine Reise, was ich schon so erlebt habe und noch plane, und dann macht sich jeder wieder auf seinen Weg – sie in ihrem Auto, ich auf dem Rad.
Die Landschaft hinter St. Martin ist auch nicht so aufregend. Allerdings zeichnen sich am nahen Horizont die Berge Les Alpilles ab und mittendrin – wenn man weiß, wo’s ist – Baux-de-Provence. Was als Nächstes auffällt, ist eine lange Leitung, die von West nach Ost die Szene durchschneidet: Ein hässliches Stelzenkonstrukt aus verwitterndem Beton überquert die Straße. Was das wohl ist? Ein modernes Aquädukt? Meine Neugier lässt mich anhalten, und auf einer Leiter klettere ich nach oben. Zwar ist sie abgesperrt, aber sollte ich mich davon irritieren lassen? Da steht nichts davon, dass Hochklettern verboten ist. Es ist nur zu erkennen, dass jemand die Herausforderung vergrößert hat. Ich nehme sie und bin rasch oben, etwa fünf, sechs Meter über dem Boden. Und tatsächlich: Oben schwappt bis zum Rand das Wasser im rechteckigen Querschnitt. Und es steht da nicht einfach nur und verdunstet – es hat eine anständige Strömung. Das ist schon irgendwie seltsam, so ein »Hochfluss«. Von Kanal in dem Sinne, wie ich es bisher fast immer erlebt habe, kann ja keine Rede sein, da dieses Gewässer fließt. Dieser künstliche Fluss ist übrigens nicht der einzige in dieser Gegend. Schon weiter unten in der Crau habe ich ebenfalls Gräben gesehen, die so von der Natur gewiss nicht geschaffen worden waren.
Bis Maussane komme ich noch. Nachdem ich im Supermarkt mal wieder eine Flasche Kakao erstanden hatte und die Milch nicht sauer werden darf, spreche ich ihr kräftig zu, und die Lähmung lässt nicht lange auf sich warten. Omi hat immer gesagt: Wenn Du so schnell trinkst, hast Du einen großen Klumpen Käse im Bauch! Ob es nun Käse oder Quark oder sonst irgendein Gemisch ist, das den Schwerpunkt verändert, das den Kreislauf über das Normale hinaus fordert, das die Kräfte für sonstiges lähmt… jedenfalls ist im Moment nicht viel zu machen. Ich setze mich auf eine Bank unter den Platanen der Straße, und nachdem mir auch das nicht genügend Erleichterung verschafft, gehe ich kurzerhand in die Horizontale und warte auf Besserung. So zu liegen ist jedenfalls schon mal recht entspannend. Allein die Szene ändert sich nicht, und das ist das Einzige, was mir Unruhe verursacht. Aber die scheine ich wohl andauernd zu brauchen, um meine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Jetzt jedenfalls behalte ich erst mal die lichten Baumkronen im Blick, hin und wieder ein vorbeifahrendes Auto im Ohr, und manchmal schließe ich die Augen auch für einen Moment. Das geht schon sehr schön. … Und hast du nicht geseh’n, ist eine halbe Stunde vorbei.
Los, weiter, und jetzt gibt’s auch gleich was zu tun, denn Baux liegt oben am Berg. – Die Auffahrt ist landschaftlich recht schön. Die Landschaft sieht so aus, wie ich sie aus amerikanischen Monumentalfilmen über die Römerzeit in Erinnerung habe: Trocken, aber grün, Sonnen beschienene helle Felsen (wo mal welche durchgucken), Siedlungen ohne Störungen in der Skyline (natürlich hatten die Römer noch keine Antennen auf dem Dach, und auch insgesamt dürften die Häuser ganz anders ausgesehen haben, aber das ist jetzt nicht so wichtig). Sogar ein altes Aquädukt überquert hier das Tal. Jedenfalls sieht es alt aus und nicht so hässlich wie das von vorhin. Ob da wohl noch Wasser drin ist? Ich zähme meine Neugier. Wenn ich jetzt in jeden Graben gucken wollte…
Baux liegt oben am Berg, etwas unterhalb einer Burgruine. Der Gebirgszug reicht aber noch weiter nach oben, und so windet sich die Straße immer weiter in die Höhe. Es sind keine in die Wolken reichenden Höhenzüge, aber nichts, was man in zehn Minuten unter sich lässt. Als ich Baux im Vorbeifahren erreiche, wird sichtbar, dass es sich hier um eine Touristenattraktion handelt. Viele Busse und private PKW stehen herum, Touristen laufen einzeln und in Gruppen entlang der Straße oder beraten, was als Nächstes unter die Lupe genommen wird. Ein Radler fährt an mir vorbei. Er schreit in der Gegend herum, ruft scheinbar einen Bekannten und sagt irgendwas mit Ahoi! Ein Seemann? Wenig später entdecke ich, was den Namen des Ortes so bekannt macht: Eine Felshöhle. Ob nun hier oder an anderen Stellen – in der Gegend wurde Bauxit abgebaut, ein weiches Gestein, das Aluminium enthält, und der Name des Minerals leitet sich von Baux ab. Man hat wohl schon vor längerer Zeit gemerkt, dass mit Bauxit nicht so viel Geld zu machen ist wie mit dem Fremdenverkehr, und seither sind in den Höhlen Ausstellungen entstanden, Restaurants oder einfach nur Plätze, wo Menschen mit Zeugnisbedürfnis ihre Initialen oder andere Schweinereien in den Fels ritzen. Die Höhlen sind das passende Pendant zu dem, was Touristen sonst so erleben: Hitze, Licht, Trubel. Der Berg schirmt das Licht wirksam ab, und infolgedessen ist es in den Höhlen auch angenehm kühl, und wenn nicht irgendjemand herumschreit, dann ist es auch schön ruhig.
Vor einer der Höhlen steht ein tschechischer Bus. Es scheinen gleich mehrere Fahrzeuge zu sein, und die Urlauber sind recht interessant. Es ist ein überwiegend junges Volk, und sie haben Fahrräder dabei, mit denen sie von den Haltpunkten des Busses aus Spritztouren in die Umgebung unternehmen können. Jetzt wird mir auch klar, woher der komische Vogel vorhin mit seinem Ahoi kommt. Ein Seebär war’s wohl weniger. Unter den Radfahrern, die jetzt vor dem Bus herumstehen und beratschlagen, ist auch eine junge, hübsche Frau, Pocahontas steht auf ihrem T-Shirt. Warum treffe ich die hier, und warum kommt sie von so weit her? Wahrscheinlich hat es keine Verheißung, und ganz sicher hat es keine Bedeutung. Ich krame einen Zettel hervor und schreibe meine Adresse drauf und (auf Englisch) dass ich sie gern wieder sehen würde – nur für den Fall, dass wir doch noch miteinander zu tun kriegen. Und da sich das so spontan nicht ergibt und ich nur andere Leute aus der Gruppe nach ihrer Herkunft und ihren Zielen befragen kann, stecke ich den Zettel schließlich in die Lenkertasche ihres Fahrrades – und das war’s dann. Wer weiß schon, wann man sich im Leben wieder einmal begegnet?
Meine Fahrt führt mich noch weiter bis ganz nach oben. Hier kann ich Baux überblicken, die Burg, die Crau, und wenn die Sicht nicht beschränkt wäre, könnte ich wahrscheinlich auch das Mittelmeer von hier aus sehen. Weiter geht’s nun nicht mehr, also kehre ich wieder um und wähle ab Baux einen anderen Weg, weiter in Richtung Osten. Noch einmal komme ich an den Bussen vorbei, fahre auch eine Idee langsamer, aber dann halte ich mich nicht länger auf.
Noch eine zweite Passage über die Berge markiert Michelin grün, und darum unternehme ich wenige Kilometer weiter östlich einen erneuten Ritt nach Norden. In vielen Kurven windet sich die Straße langsam und flach nach oben. Aber je weiter es nach oben geht, desto länger zieht es sich hin, und ich überlege mir, ob ich wirklich auf der anderen Seite hinab und dann die ganze Strecke wieder zurückfahren will. Genügt es nicht, oben einfach mal einen Blick in die Runde zu werfen und dann sofort wieder umzukehren? Die Route hatte ich außerdem so geplant, dass ich auf der anderen Seite des Berges für die Ab- und Auffahrt zwei verschiedene Straßen benutze. Eine davon ist allerdings nur ein unbefestigter Weg. Und als ich schließlich oben bin, finde ich diesen Weg nicht. Also laufe noch ein wenig im Wald herum und hoffe auf eine Stelle mit guter Aussicht. Das müssen vor mir schon andere versucht haben. Die Spuren der Zivilisation sind unübersehbar. Schweinebande! Einen richtigen Ausblick nach Norden gewinne ich allerdings nicht. Stets sind wenigstens ein paar Bäume im Blick. Aber was soll’s? Wieder am Fahrrad angekommen, steuere ich mein Gefährt zunächst doch in Richtung Norden, doch als auf den ersten 200 Metern steiler Abfahrt immer noch keine zweite Route auffindbar wird, kehre ich wieder um. Es muss ja nicht sein.
Nach dem Erreichen des Passes geht es nun in einer langen Abfahrt durch viele Kurven wieder in die Ebene zurück. Erneut passiere ich Maussane, diesmal allerdings einen weiter östlich gelegenen Ortsteil, und dann folge ich dem Höhenzug der Alpilles in Richtung Osten. Die Landschaft ist karg: Felsen, ein paar Büsche, auch mal ein paar Bäume, und insgesamt wirkt das alles recht trocken. Trotzdem ist es sehr reizvoll, vor allem so von der abendlichen Sonne in ein goldenes Licht getaucht. Auf den ersten paar Kilometern begleitet mich noch einer der Kanäle, der manchmal so randvoll schwappt, dass man meinen könnte, es sei Hochwasser. Da ich das Gefühl habe, bergan zu fahren, frage ich mich, wieso das Wasser in die gleiche Richtung fließt, in die ich fahre. Das wäre dann ja doch etwas merkwürdig. Wenig später verschwindet das Gewässer jedoch; vielleicht wird es in einer Leitung durch den Berg geführt, über den ich jetzt hinweg muss.
Mit dem Verlassen der Alpilles in Richtung Süden habe ich den Wind im Rücken, der mir in der Crau so zu schaffen gemacht hat. Ich mache mir zwar keine allzu großen Hoffnungen, weil der Wind für Radfahrer ja grundsätzlich von vorn kommt und realistischerweise auch nicht den ganzen Tag über konstant bläst, aber seine Unterstützung ist trotzdem noch beeindruckend. Mit hohem Tempo geht es voran. Zwar ist diese Geschwindigkeit nicht so optimal, um einen Platz für die Nacht zu suchen, aber langsam wird es wirklich Zeit, sich Gedanken über einen geeigneten Schlafplatz zu machen. Was darf’s denn heute Abend sein? Ein Hotel? Na ja, die letzte Dusche liegt schon wieder drei Tage zurück. Das wäre insgesamt sicherlich keine schlechte Wahl. Aber erst mal muss ich eins finden.
Nach Sonnenuntergang führt der Weg durch einen Wald, in dem aller paar hundert Meter rechts und links Grundstücke erkennbar sind. Es ist eine eigentümliche Landschaft, im Grunde recht trocken, aber doch geschlossen grün und durchzogen von randvollen Kanälen, die teilweise durch Pflanzenbesatz oder Beschädigung so alt wirken, dass man sie für Bäche oder kleine Flüsse halten könnte. Nur verlaufen sie auf so hohem Niveau, dass sie sich ohne festes Bett im Laufe der Zeit sicherlich schon einen anderen, tiefer gelegenen Weg gesucht hätten.
Eines der Grundstücke ist ein feines Restaurant. Es könnte auch ein Hotel sein. Ich schaue es mir etwas näher an, aber das ganze Ambiente wirkt so gediegen und fein, dass ich hier wohl deplaziert wäre. Also weiter. Ein paar Minuten später sehe ich rechts ein größeres Gebäude. Es wirkt so ein bisschen wie ein Internat, könnte auch eine Jugendherberge sein. Dann wäre es genau das Richtige für mich. Ich verlasse die Straße und nähere mich dem Haus über einen geschotterten Weg. Seitlich des Gebäudes verläuft eine alte, hohe Steinmauer und durch eine Torfahrt kann ich erkennen, dass auf der Wiese dahinter Volleyball gespielt wird. Na, warum nicht? Man muss ja nicht andauernd Rad fahren. Ich stelle das Rad ab und öffne die Tür. Es läuft allerlei junges Volk herum, und es dauert nicht lange, bis ich dem Herbergsvater über den Weg laufe. Ich spreche ihn an. Er erklärt mir, dass dies hier weder ein Hotel noch eine Jugendherberge sei. Hm, und was will er mir damit sagen? Aber letztlich scheint die Übernachtung kein Problem zu sein. Er möchte 100 Francs für ein Einzelzimmer haben. Die Dusche ist auf dem Flur. Na und? Hat der Mann keine Ahnung davon, was Herbergen sonst so kosten? Das ist doch geradezu ein Schnäppchen. Vom übrigen Unterhaltungswert mal ganz zu schweigen. Ich schlage ein und bezahle ihn auch gleich, was nun wiederum ihn zu erstaunen scheint – aber er nimmt’s dann doch an. Ich räume meine Sachen in das Zimmer und beschließe, die Volleyballer noch kurz zu besuchen, bevor es endgültig dunkel wird.
Gesagt, getan. In voller Kriegsbemalung trete ich neben das Spielfeld und schaue zu. Die Spieler mögen so zwischen 15 und 19 sein, mehrheitlich Mädchen, und sie sprechen englisch – hin und wieder zumindest. Das scheint ihnen wohl vertrauter zu sein, und darum und wegen ihrer Mundart nehme ich an, dass sie Amerikaner sind. Eine der Mannschaften ist der anderen deutlich unterlegen, obwohl sie beide in keiner Liga spielen. Ich bin sicherlich kein guter Volleyballer, bis zur fünften oder sechsten Klasse waren meine Angaben so katastrophal, dass sie mit Sicherheit einen Angabenwechsel zur Folge hatten, aber meine Angaben haben sich gebessert, und hier könnte ich sicherlich noch helfen. Und es dauert auch nicht lange, bis ich danach gefragt werden. Na ja, pourquoi pas? Ich reihe mich in die schwächere Mannschaft ein, und von da an wendet sich das Blatt etwas. Aber gezählt wird hier ohnehin nicht sehr genau. So geht das bei immer noch ziemlich heftigem Wind bis in die Dunkelheit. Na, war doch prima. Als wir das Haus wieder betreten, frage ich eins der Mädchen, woher die Gruppe komme. »From America, unfortunately« sagt sie. Hm? Wollte sie mich vielleicht verwirren? Solche unpatriotischen Zweifel habe ich ja noch nie aus den USA gehört. Aber ich komme nicht dazu, nachzufragen. Der Betreuer der Jugendlichen mahnt. Jetzt scheint die Vorbereitung der Nachtruhe angesagt zu sein. Es geht auf zehn.
Nach meiner Dusche und einem kleinen Nachtmahl steige ich wieder hinab ins Erdgeschoss, weil dort noch immer Leben zu sein scheint. Ich spiele eine Runde Karten mit, dann taucht der Betreuer wieder auf und verscheucht seine Schäfchen. Na gut, ist ja auch wirklich Zeit. Wahrscheinlich besuchen sie tagsüber eine Schule oder etwas Ähnliches, und da hat es keinen Wert, den halben Tag durchzuhängen, weil der Schlaf fehlt. Ich habe keine solchen Anforderungen und versuche, noch einmal mit dem Betreuer ins Gespräch zu kommen. Aber der scheint daran kein Interesse zu haben, bespricht sich jedenfalls intensiv mit einer Frau, die wohl einen anderen Teil der Gruppe unter ihren Fittichen hat. Allerhand, die passen gut auf ihr Jungvolk auf. Aber günstiger macht dies die Tarife sicherlich nicht. Wenn ich daran denke, wie das vor sieben Jahren in Chichester war… Die jüngsten Kursteilnehmer waren knapp 14, aber aufgepasst hat da niemand. Jedenfalls einmal davon abgesehen, dass wir alle bei unseren jeweiligen Landlords oder -ladies untergebracht waren.
Und so geht auch dieser Tag zu Ende.
9. Juni
D16 (hinter Grans) – Istres – D52xD52axD51xD51axD50xN568 – Martigues – D5 – Sausset-les-Pins – Carry-le-Rouet – D5xN568 – Marseille – N113 – les Pinchinades – D9xD543xD64 – Aix-en-Provence – N8 – Marseille – E.I.A. (Marseille) (165 km)
Am Morgen brauche ich nicht lange. Das Frühstück kommt aus der Tasche. Ich bin nicht der Einzige, der um diese Zeit im Haus bereits unterwegs ist. Als ich die Treppe hinuntersteige, begegne ich wieder dem jungen Mädchen von gestern, das sich seiner Nationalität schämt(e). Das wäre damit eine von den vielen Begegnungen im Leben, die einmal und dann voraussichtlich nie wieder kommen.
Ich schwinge mich aufs Rad und mache den Abflug. Heute steht einiges auf dem Programm: Aix-en-Provence und Marseille, um nur die größten Ballungsgebiete zu nennen – und durch beide will ich hindurch; denn morgen kommt Toulon, und da möchte ich so zeitig wie möglich ankommen. Der Weg nach Marseilles will allerdings erst einmal gefunden sein; denn er führt über Nebenstraßen, und dort entlang weist nur sehr selten die Beschilderung. Bis Istres ist die Route allerdings erst mal klar. Sie führt am Etang de berre, einem großen Binnensee, entlang, dessen Ufer bewaldet ist. Die Straße verläuft wellig, mal ein Stückchen höher, dann wieder fast auf Höhe des Wassers. An einem der höher gelegenen Abschnitte beschließe ich eine Pause, um die zweite Ration Frühstück zu mir zu nehmen. Das Militär scheint hier eine Übung durchzuführen. Auf dem Programm steht Orientierung im Gelände anhand der Karte. Die Rekruten haben, wie mir scheint, noch nicht viel Übung mit Karten. Die Unterlagen werden immer wieder umgedreht, und es gibt einige Diskussionen. Ich setze mich an einen Picknick-Tisch, packe meine Sachen aus und … der Honig ist ausgelaufen! Mist! Jetzt wird wieder allerhand in der Tasche kleben. Der Fotoapparat zum Beispiel. Da ich im Moment keinen Durst habe, muss mein Trinkwasser zur Reinigung herhalten. Als das dann erledigt ist, komme ich zum Essen.
Wenige Minuten, nachdem ich die Fahrt wieder aufgenommen habe, kommt Istres in Sicht. Von der Stadt erwarte ich an sich nichts Besonderes, allerdings wird es wohl nicht ganz leicht sein, den richtigen Weg zu finden, denn ich möchte den Ort nicht auf der vierspurigen Hauptstraße verlassen, sondern auf Nebenstraßen. Die sind zwar eingezeichnet, aber ich kann nicht erwarten, dass irgendein Wegweiser dorthin weist, denn sie führen durch keinen Ort. Ich kann also nur darauf hoffen, irgendwo deren Nummer auf einem Schild zu finden. Damit setze ich meine Hoffnung in ein System, das in Deutschland überhaupt nicht funktionieren würde. Allein Bundesstraßen sind dort auf Schildern ausgewiesen, und die führen zumeist noch in größere Orte. Da würde die Ortsangabe allein schon genügen. Hier aber, wo eine Landstraße ins Irgendwo führt, kann kein Ort angegeben werden. Es bleibt aber die Straßennummer, und die fehlt in Deutschland in den meisten Fällen.
Viel leichter wird mir die Suche damit aber auch nicht gemacht. Istres ist durchaus ein größerer Ort mit vielfältiger Struktur. Da haben wir die Altstadt (dort finde ich an einer Bushaltestelle auch einen Plan, der mir den Weg zeigt – nur merken müsste ich ihn mir noch können). Auf dem Weg in Richtung Süden komme ich durch Viertel, die wie Sozialsiedlungen aussehen, und durch »normale« Wohngebiete – alles dabei. Und weil die D52 einfach nicht zu finden ist, drehe ich wohl auch eine oder zwei Ehrenrunden. Schließlich aber bin ich ’raus, und kurz darauf bestätigt mir ein Schild an der Chaussee, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Landschaft ist eigentümlich: Kiefernwald und Wiese, dazwischen viele kleine und größere Seen, und alles sieht ein bisschen so unberührt aus, als lägen überall Minen verbuddelt und keiner traute sich, die Straße zu verlassen. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ich wundere mich einfach, in dieser Gegend, in der ich zunehmend dichtere Besiedlung erwarte, ein so ausgedehntes Areal völlig ohne Häuser und eingezäunte Grundstücke vorzufinden.
Nächstes Ziel ist Martigues. Dort kann ich den Canale de Caronte überqueren, der den Etang de berre mit dem Mittelmeer verbindet. Und wieder zeigt sich, dass ich ohne die genaue Straßennummerierung aufgeschmissen wäre. Sie wechseln so oft, und die Straßenämter täten sich wirklich schwer, an jeder Gabelung ein eindeutiges Ziel für jede Richtung anzugeben. So schreiben sie nicht auf, wohin es geht, sondern wo entlang, und das ist eine sehr gute Lösung. – Das Stadtbild ist stark von der Autobahnbrücke geprägt, die hoch oben den Kanal überquert und die ich auch ganz gern benutzen würde – dann brauchte ich nicht auf der einen Seite hinunter und auf der anderen Seite wieder hinaufzufahren. Aber da es eine Autobahn ist, geht’s wohl nicht anders. Stattdessen fahre ich ein paar Schleifen in der Altstadt und nehme etwas von dem Flair in mich auf, das Städte am Wasser, an viel befahrenen Kanälen zumal, so an sich haben. Da liegt alles vor Anker, vom alten Seelenverkäufer bis zur modernen Jacht, und einige Boote scheinen schon seit Jahren nicht mehr ausgelaufen zu sein. Über eine eigentümliche Brücke überquere ich schließlich den Kanal und bin damit gar nicht mehr so weit von Marseille entfernt.
Während die Autobahn jetzt langsam zur Küste des großen Binnensees herabsinkt, beginnt für mich die Steigfahrt, und nach zwei Kilometern kreuze ich bereits die Autobahn und kann zurückblicken auf die Stadt und den See. Da meine Fahrt allerdings nicht in himmlische Höhen hinaufführt, geht diese Perspektive bald verloren. Stattdessen fahre ich jetzt durch eine sonnenverbrannte Landschaft, in der kaum ein Baum steht und in der die Stellen, an denen der Fels sichtbar wird, weiß ausgeblichen sind. Hier gibt es Grundstücke, aber das müssen wohl eingeschworene Sonnenanbeter sein, die sich an diesem Ort niederlassen. Weit und breit spendet kein Baum auch nur einen Quadratmeter Schatten, und was hat die Landschaft zu bieten, wenn ein Tag mal trüb ist? Na ja, man kann es sich halt nicht immer aussuchen. Die Hügel ringsum wecken in mir die Erinnerung an die Aussage, die Römer hätten als erste Menschen in Europa das Klima verändert, indem sie für ihren Schiffbau den ganzen Mittelmeerraum abgeholzt hätten. Und dann sei nichts mehr nachgewachsen, weil der ganze Mutterboden weggespült worden sei. Genauso sieht es hier aus, und ich beginne mir zum Zeitvertreib zu überlegen, was wohl notwendig wäre, wollte man einen mehrere Kilometer breiten Streifen Wald rings um das Mittelmeer anpflanzen und ihn mit einem Bewässerungssystem versehen, das für die ersten zwanzig Jahre auch sein Überleben gewährleisten kann. Unsummen kämen jedenfalls heraus.
In Sausset ist die Küste wieder erreicht. Allerdings sehe ich nicht viel davon. Jeder Meter Küstenstreifen ist von Grundstücken okkupiert. Ich fahre in Richtung Osten, und eine Kurve kommt nach der anderen, und der Ort nimmt kein Ende bzw. geht ohne Punkt und Komma in den nächsten über, und fast durchweg ist der Küstenstreifen verdeckt von Grundstücken. Teilweise sind die Zufahrten bewacht – das erinnert fast an Beverley Hills. Würde ich hier wohnen wollen? Ich weiß nicht so recht. Erst mal sieht es ziemlich teuer aus. Entsprechend wäre die Nachbarschaft beschaffen. Zum anderen müsste das Grundstück schon wirklich sehr groß sein, um den Lärm von der Straße wirksam abschirmen zu können. Und dann müsste noch der Ort insgesamt stimmen, denn man lebt ja nicht nur in den eigenen vier Wänden.
Erst als ich die Küstenlinie wieder verlasse, hört auch der Ort auf. Das Terrain wird jetzt umso trostloser. Mit der Einfahrt in die Vororte Marseilles verschönert sich die Umgebung zwar nicht, aber es kommt etwas mehr Abwechslung in die Fahrt. Gleich auf einer der ersten Bänke der großen Stadt lasse ich mich zu einer ausgedehnten Essenspause nieder. Die Sache wird jetzt verzwickt. Die Route sieht hier einen Abstecher nach Aix-en-Provence vor, und ich will mich dem auch nicht entziehen, denn der Name hat schließlich einen Klang. Ich werde ohnehin genügend verpassen und in einem Tempo an Sehenswürdigkeiten vorbeifahren, das jeder auch nur mittelmäßig kultur- und kunstinteressierte Mensch als glatten Frevel bezeichnen wird. Da will ich nicht gerade das auslassen, was sogar zu meinen Ohren schon vorgedrungen ist. Also Aix.
Die Ausfahrt ist keine Übung für Sommerfrischler: Es herrscht eine Affenhitze, und es geht eine lange Auffahrt ohne absehbares Ende hinauf. Rechts und links kriechen eine Vorstadt und ein Büro- und Gewerbegürtel an mir vorüber, ganz langsam. Aber irgendwann bin ich oben, und damit beginnen die Probleme erst. Denn während die direkte Route nach Aix (auf der ich zurückkommen will) leicht zu finden ist, gilt das nicht für meinen Weg. Also studiere ich wieder einmal die Karte, dann den Stand der Sonne und die Uhrzeit und fahre schließlich nach Gefühl. Damit geht’s ganz gut.
Kurz vor Erreichen der D9 führt die Route durch einen Edelvorort. Es ist wirklich faszinierend, wie sehr mich diese Siedlungsstruktur an Amerika erinnert. Nicht, dass ich dort so viele solcher Siedlungen gesehen hätte; genau genommen kann ich mich an keine einzige erinnern. Aber was ich in Filmen gesehen habe, könnte hier gedreht worden sein: Stichstraßen, rechts und links eine Harmonie aus Flachbauten, Grünanlagen und einigen Schatten spendenden Bäumen. Hier kommt man nicht durch. Hier wohnt man oder kommt aus Neugierde. Ich sehe auch kaum einen Menschen.
Die D9 ist ein wahrer Highway. Sie könnte fast eine Autobahn sein. Da es nicht das erste Mal ist, dass ich wie auf einer Rollbahn unterwegs bin, ignoriere ich den starken Verkehr, der ohne Probleme an mir vorbeirollt, und betrachte die Gegend, durch die das Asphaltband geschnitten wurde. Die Spuren sind beeindruckend. Eine fesselt mich besonders. Sie scheint ihr eigener Schnitt zu sein, eine quer verlaufende Autobahn. Ich konsultiere die Karte und stelle erstaunt fest, dass dies keine Autobahn wird, sondern eine TGV-Strecke. Alle Wetter! Soll das eine betonierte Trasse werden? Und soll sie mehr als zwei Gleise aufweisen? Die Baumaßnahmen sind enorm, und es will mir auch scheinen, als würden die Kosten dieser Strecke etwas über dem üblichen liegen. Irgendwo weit vor der Stadt verschwindet die geplante Trasse in einem Tunnel und taucht weiß der Teufel wo wieder auf. So viel ist sicher: Tunnelstrecken vervielfachen den Kilometerpreis.
Ein paar Kilometer später verlasse ich die Schnellstraße in Richtung Norden, weil ich mich Aix auf Umwegen nähere, die mit hoher Wahrscheinlichkeit reizvoller sind als diese Piste. Übel sind sie dann auch nicht, aber direkt vom Sockel haut’s mich nicht. Zum Schluss werde ich sogar etwas ungeduldig, die Stadt zu erreichen. Aix selbst bietet ein facettenreiches Bild. Da sind halbwegs moderne Neubaugebiete, ich würde sagen, für die obere Unterschicht, da ist die Vorstadt, auch nicht gerade sehr anziehend für wohlhabende Leute, und da sind natürlich auch die Reihen- und Einzelhäuser auf der einen Seite und die etwas ältere und die ganz alte Innenstadt mit ihren historischen Bauten. Ich muss ein paar Runden drehen, bis ich zur Paradestraße von Aix komme, einer Flanier- und Café-Meile unter Platanen, die einen solch lückenlosen Schatten werfen, dass es hier wohl nie sehr heiß werden kann. Zwar ist die Straße so breit, dass der Verkehr vierspurig fließen kann, und es ist auch nicht gerade wenig los, aber das scheint zu dieser Avenue ebenso zu gehören wie zur Leopoldstraße in München. Da ist ja auch nicht gerade wenig los, und es ist hier wie dort keineswegs so, dass die Ausflügler und was es alles für Menschen sein mögen, die hier Halt machen oder sich treffen, sich in die Cafés verkriechen – sie sitzen im Gegenteil draußen, nur wenige Meter vom Verkehr entfernt. Und es reiht sich – das fällt hier besonders auf – ein Café ans andere, höchstens vielleicht mal unterbrochen durch eine Boutique oder Läden ähnlicher Couleur. Was an diesem Tag vielleicht noch besonders auffällt, sind die Plakate zur Europawahl, die am kommenden Wochenende stattfinden. Jede Partei wirbt hier um die Gunst der Wähler, und das tun sie weiß Gott nicht erst seit heute.
Ich fahre einmal die Straße hoch und wieder runter, und noch einmal hoch – falls ich etwas übersehen haben sollte – und wieder hinunter, und dann komme ich auf die Idee, noch das Hinterland etwas zu erforschen, und in der Tat: Dort befindet sich die Altstadt, also das Älteste, was Aix zu bieten hat. Eng ist es, und der Rinnstein verläuft in der Mitte anstatt an den Rändern, und hier gibt es Verkehrsberuhigungsmaßnahmen, eindrucksvolle Vertiefungen in den Straßen, aufwendig gemacht, für mich allerdings weniger ein Hindernis, weil ich weder sehr schnell noch gefedert fahre, und wieder reiht sich ein Laden an den anderen, und man fragt sich, wovon die Händler hier alle leben. Doch nicht alle von Touristen. Das ist alles sehr schön, aber die Vorstellung, jetzt hier flanieren zu müssen, ist mir ein Horror. Aber ich muss ja nicht. Ich kann ja sitzen bleiben und physisch reichlich unterfordert von einer künstlichen Delle zur nächsten rollen. Einkaufen wäre noch dran: Lebensmittel, versteht sich.
Und es passiert mir in Aix, dass ich einen Aldi sehe. So was gibt’s also auch in Frankreich! Und es ist ein Erlebnis! Nicht, dass mich Aldi mit seinem Angebot überrascht. Das ist wohl überall ziemlich gleich. Aber die Preise sind denen in Deutschland sehr ähnlich, und das ist in der Tat eine gelungene Überraschung. Man sollte meinen, dass die Kundschaft hier keinen Fuß auf die Erde kriegt; überall, wo der Mensch sonst in Frankreich einkaufen kann, bezahlt er ein Mehrfaches. Man müsste hier auf Vorrat bunkern, aber das käme mich schwer zu stehen, und darum bleibe ich vernünftig.
Es wird Zeit für die Rückfahrt. Indes ist es gar nicht so einfach, die richtige Ausfahrt zu finden; denn ich will die Stadt ja nicht über die Autobahn verlassen. Also drehe ich eine Ehrenrunde, bevor ich die passende Straße nach Süden erreiche. Diese nun ist wenig spektakulär. Es geht laufend leicht auf und ab, immer wieder durch langgezogene Ortschaften, die sich längs der Durchfahrtsstraße entwickelt haben, aber sie sind stark vom Autoverkehr geprägt, und es ist auch ganz schön was los um mich herum, obwohl ich praktisch neben einer Autobahn fahre, die natürlich auch noch einmal einen Teil Fernverkehr aufnimmt.
Gegen Abend erreiche ich wieder Marseille. Da die Stadt keinen so tollen Ruf in puncto Sicherheit genießt, möchte ich die Durchfahrt noch bei Tageslicht hinter mich bringen, die Nacht jedenfalls außerhalb verbringen. Vorher jedoch möchte ich noch mal bei Johanna anrufen, bei der ich mich schon eine ganze Weile nicht mehr gemeldet habe. Und natürlich muss ich mich bei Pfirrmanns anmelden, damit ich morgen dort nicht vor verschlossener Tür stehe. Also halte ich vor der langen Abfahrt (die ich heute in schönster Mittagshitze hinaufgefahren war) an und suche eine Telefonzelle auf. Eine viertel Stunde später sitze ich wieder im Sattel, und nun geht es eigentlich nur noch nach Süden in der Hoffnung auf eine einigermaßen gute Beschilderung. Die Sonne dürfte gerade untergegangen sein.
Mir stellt sich Marseille als ein Verhau dar. Das kann man nun drehen und wenden, wie man will. Der eine spricht vielleicht von Stadtentwicklung, der andere von Wucherungen, der dritte von autogerechtem Wohnen, der vierte von Betonwüste, der fünfte von verfallenden historischen Prachtstraßen – es hat von allem etwas, aber hier unten, im Dunstkreis des Hafens, durch den die Küste so gar nichts Azurfarbenes hat, dominieren die Infrastrukturstränge, die die Wirtschaft braucht, und ich kann es beim besten Willen nicht schön finden. Ob die Anlagen zweckmäßig sind, kann ich aus der Nähe und in der Kürze des Eindrucks ebenfalls nicht beurteilen.
Trotz einiger Schnörkel erreiche ich bald den alten Hafen. Der ist ziemlich übersichtlich, mitten in der Stadt gelegen, und Handel wird hier nicht mehr betrieben. Jachten und kleine Jollen liegen vor Anker, und eingerahmt wird das Karree von drei Seiten durch hohe, ehemalige Patrizierhäuser, die aber ihre besten Jahre auch schon hinter sich haben. Ich halte an, um mich auf der Karte zu orientieren und einen Happen zu essen. Da spricht mich ein junger Mann an, vielleicht so um die 20, kahlköpfig, allerdings ohne aggressives Aussehen, erst französisch natürlich, und als er merkt, dass ich da nicht gut antworten kann, auf Englisch. Er lädt mich ein zu Freunden, zum Gespräch. Wie bitte?!? Geht hier eine Schwulenparty ab? Das hat mir ja gerade noch gefehlt! Natürlich spreche ich meinen Verdacht nicht aus. Ich erkläre ihm, warum ich Marseille heute Abend noch verlassen will und dass ich wirklich keine Zeit für Diskussionsabende habe. Das scheint ihm einzuleuchten, aber dann interessiert er sich für mein Fahrrad und meine Touren, und das sind natürlich Themen, die meine Eitelkeit berühren, über die ich gern rede, und so kommen wir an Ort und Stelle ins Gespräch. Ich erzähle von meinen Reisen, und er berichtet über seine Erfahrungen auf Reisen, dass er immer die Tendenz habe, sich zu überbelasten, weil er unterwegs das Maß verliere, und dann müsse er irgendwann die Fahrt abbrechen und halbkrank nach Hause reisen, irgendwie, mit dem Zug vielleicht. Er erzählt mir, dass er in Barcelonnette wohnt, und das ist ein Ort an meiner Route, sobald ich aus Korsika zurückkommen werde. Vielleicht lässt sich da was machen. Er gibt mir seine Adresse und Telefonnummer und ich ihm meine, und nun ist es wirklich dunkel, und ich muss weiter. Er gibt mir noch einen Tipp, erzählt mir, ich könne auf dem Hochschulgelände südlich der Stadt übernachten. Ich werde es bedenken, aber jetzt habe ich erst einmal ein Problem: Mein Rücklicht streikt. Na, wundervoll! Mitten in der Stadt ohne aktives Rücklicht. Da kann ich mir ja auch gleich noch eine Augenbinde verpassen.
Ich fahre also weiter, und zu allem Überfluss setzt Regen ein. Schön. Warum nicht? – Die Viertel, durch die ich jetzt komme, mögen den Ruf der Stadt ramponiert haben. Die Straßen liegen voller Müll, die Häuser wirken heruntergekommen, alles natürlich im nächtlichen Zwielicht, von daher nicht so gut zu beurteilen. Da sehe ich einen Döner-Laden, und angesichts meiner langen Entbehrung dieses Fastfoods kann ich der Versuchung nicht widerstehen, neben einer Gruppe nicht so sehr Vertrauen erweckender Männer zu halten und einen Döner zu ordern. Der sieht hier zwar etwas anders aus als in Deutschland – man verwendet nicht das typische Fladenbrot, sondern ein etwas dicker geratenes Baguette –, aber das ist mir letztlich egal. Ich bezahle und werde später essen. Hier will ich erst mal weg. Außerdem hat der Regen nachgelassen, und das muss ich ausnutzen. Kurze Zeit darauf, an einem großen Kreisverkehr, setze ich mich unter Bäumen auf eine Bank und mache mich an den Verzehr. Na ja, eine Wucht ist das nicht. Hoffentlich war das noch alles gut. Eine Magenverstimmung kann ich jetzt nicht gebrauchen. Es ist das erste Mal, soweit ich zurückdenken kann, dass ich von einem Döner etwas übriglasse.
Weiter geht’s. Die Richtung scheint noch zu stimmen, und ich habe das Gefühl, die Südstadt erreicht zu haben. Es wäre jetzt fatal, die falsche Ausfahrt zu erwischen, aber so viele Hauptstraßen verlassen die Stadt hier gar nicht, und so bin ich relativ optimistisch, zumal mich auch die Beschilderung hoffnungsfroh stimmt. Also, das muss man ja mal sagen: Die Orientierung nach Richtungen und Straßenbezeichnungen ist in Frankreich eindeutig leichter als in Deutschland. Die deutschen »Schildersetzer« legen willkürlich eine Route zu einem bestimmten Ziel fest, nach eigenem Gusto oder verkehrspolitischen Leitlinien, nicht unbedingt jedoch nach der kürzesten Strecke, und natürlich schon gar nicht fahrradorientiert. Wer in Besitz einer Karte ist, sucht hier nicht so sehr Richtungen, sondern vorzugsweise Straßen.
Und damit bin ich auch schon in der Vorstadt, und bald darauf kommt rechts der Abzweig zur Hochschule oder was immer das sein mag. Die Seitenstraße ist gänzlich unbelebt. Links stehen ein paar Häuser, die Wohnheime sein könnten. Dann steigt die Straße durch einen Wald langsam an. An einer weiteren Gabelung biege ich erneut rechts ab; hier scheinen ein paar Sportanlagen zu stehen. Da müsste sich doch ein trockenes Plätzchen finden lassen. Im Moment regnet’s allerdings nicht. Ich habe nur nicht viel Vertrauen in die Wetterlage. Ich fahre zwischen einem Fußballplatz zur Linken und Tennisplätzen zur Rechten hindurch. Am Ende der Straße stehen unter Pinien ein paar Bänke; an sich ein idealer Platz zum Schlafen, nur nicht wetterfest. Ich stehe da eine Weile herum, als käme mir so eine Erleuchtung zu einer trockeneren Variante und sehe eine Sporthalle, in der offenbar zwei Männer noch ein Match ausfechten. Die Anlage ist durch einen hohen Zaun gesichert. Allerdings hat der ein Loch. Ohne Fahrrad komme ich ganz gut hindurch, aber nicht mit. Die Besichtigung des Gebäudes aus nächster Nähe ergibt keine verwertbaren Fakten: keine Vordächer, keine offenen Türen. Also nix.
Ich fahre die »Sportstraße« zurück und folge einer anderen Richtung. Auf einem Parkplatz steht ein einzelnes Auto, wahrscheinlich von den beiden Tennisspielern. Als ich jedoch langsam vorbeirolle, höre ich plötzlich die Stimme eines Mädchens: »Oh, un monsieur!« Oh la la. Da werde ich doch nicht ein tête-à-tête gestört haben? Ich mache mir weiter keine Gedanken und drehe die Runde zurück, bis ich wieder dort stehe, wo links der Fußballplatz liegt. Sein Gelände ist ebenfalls sorgfältig gesichert. Meine Güte, sind das hier alles Privatclubs? Die müssen ja eine Angst vor ambitionierten Sportlern ohne Mitgliedsausweis haben! Rechts ist eine Tür offen. Ich stelle das Fahrrad ab und betrete das Grundstück. Die Tennisplätze liegen jetzt links von mir, rechts ein Gebäude, vielleicht eine Bar. Oberhalb einer Treppe kann ich durch eine offene Tür in einen hell erleuchteten Raum blicken, in dem einige Menschen Karten oder sonst was spielen oder sich auch nur unterhalten. Wenn sie herschauen würden, könnten sie mich sehen. Das möchte ich eher nicht, darum gehe ich rasch weiter. Auf der Rückseite des Gebäudes liegt ein Swimmingpool. Mann, das wär’s jetzt! Ein Bad! Zwar habe ich letzte Nacht erst geduscht, aber der Tag heute war kein Kuraufenthalt. Ein Übernachtungsplatz ist allerdings auch hier nicht zu finden. Ich gehe zum Fahrrad zurück und überlege. Also, ein Bad wäre wirklich nicht schlecht. Ich packe mein Gefährt, betrete mit ihm zusammen kurzerhand erneut das Grundstück, schiebe es leise und vorsichtig an der offenen Tür vorbei, parke es hinter ein paar Hecken, ziehe mich aus und steige vorsichtig ins Wasser. Nur keine Wellen schlagen! Hier erwischt zu werden, wäre äußerst unkomfortabel. Nach ein paar Runden fühle ich mich erfrischt. Sauber? Na ja, ich kann hier schließlich keine Seife benutzen. Das wäre doch eine Schweinerei. Das muss schließlich das Handtuch erledigen. Und nun? Ist hier vielleicht doch noch eine Chance? Dann fällt mir ein, dass die Tür des Grundstücks wahrscheinlich abgeschlossen wird, sobald der letzte Besucher gegangen ist, und so spät wie sie gehen, werden sie wahrscheinlich auch kommen. Dann sitze ich hier morgen früh gefangen und komme nicht ’raus. Das heißt, ich käme sicherlich noch ’raus, aber nicht das Fahrrad. Dann werde ich wohl am besten wieder gehen. Erneut nähere ich mich dem beleuchteten Raum. Hoffentlich bemerkt mich keiner. Aber genau in dem Moment, in dem ich den schmalen Lichtkegel betrete, berühre ich beim Schritt die Pedale, so dass die Kette scheppert. Verdammt! Nun aber nichts wie weg! Ich hetze auf die Straße zurück, schwinge mich in den Sattel und rase zurück zur Ausgangsstraße, die im Wald bergan führt. Zwar sehe und höre ich nichts und niemanden hinter mir, aber so schnell kann mir zu Fuß ohnehin niemand folgen. Allerdings mit dem Auto! Ich hetze den Berg hinauf, und im Grunde ist die Badeaktion damit schon umsonst gewesen, denn bei diesem Tempo wird der Schweißausbruch nicht lange auf sich warten lassen. Das Licht habe ich schon ausgeschaltet, damit mich das Standlicht nicht verrät. Wenig später höre ich ein Auto hinter mir. Wer kann das jetzt schon sein? Natürlich nur meine Häscher! Ich verlasse die Straße und stürme ins Gebüsch. Das fällt hier ziemlich steil ab, und ich muss sehen, dass ich nicht abstürze. Das Auto fährt vorüber und ist bald hinter der nächsten Kurve verschwunden. Jetzt kann ich versuchen, die Böschung wieder hinaufzukommen. Nach kurzem Kampf gelingt es. Ich folge dem Wagen, und er bleibt der einzige. Was ist, wenn er wieder zurückkommt? Na ja, dasselbe Spiel halt.
Oben endet der Wald, und ich erreiche einen großen, ebenen Platz. Links stehen wieder Gebäude. Das kann alles Mögliche sein. Audimax, Lehrsäle, Restaurants. Aber hier scheint niemand zu sein. Alles ist dunkel, und kein Fleckchen ist überdacht. Na, die Richtung war wohl die falsche bei der Flucht. Doch rechts, am Ende des großen Platzes, der wohl normalerweise ein Parkplatz ist, sehe ich ein kleines Häuschen, wie es hin und wieder für den Verkauf von Parkscheinen verwendet wird. Vielleicht ist das offen. Ich fahre hin, und der Splitt knirscht unter den Reifen. Es ist offen. Und hinter dem Häuschen steht tatsächlich ein einziger Wagen. Wer hat den hier wohl »vergessen«? Das innere der 4-Quadratmeter-Hütte macht keinen einladenden Eindruck: Die Fensterscheiben sind herausgebrochen, die Tür fehlt, und auf dem Fußboden muss mal jemand eine Burger-Party gefeiert haben, jedenfalls liegt aller möglicher Fastfood-Müll herum. Entschlossen, nun nicht länger zu suchen, schiebe ich den Kram mit dem Fuß in eine Ecke, schließe das Fahrrad an, hole den Schlafsack aus der Tasche und will gerade wieder die Hütte betreten, als mir auffällt, dass das Auto keineswegs vergessen wurde: Es bewegt sich. Mir fällt die Werbung ein, wo eine amerikanische Limousine irgendwo in einem Park steht und rhythmisch wippt, während der Chauffeur auf seinem Platz genervt und indigniert nach oben blickt. Eine Frauenstimme verlangt erregt: »Oh, mach’s mir noch mal!« Und die Pointe ist, dass beim Kameraschwenk in den Fahrgastraum ein feingekleidetes Paar relativ unbedenklich da sitzt, und der Kavalier irgendeinen Milchshake schüttelt, der beworben werden soll und das Auto in Unruhe versetzt.
In diesem Auto wird höchstwahrscheinlich kein Milchshake gemixt, und jetzt höre ich auch, wie die Klimaanlage rauscht. Da es hier draußen nicht besonders warm ist, muss es im Inneren schon heiß hergehen. Also, nicht, dass mir eine Autonummer als die schönste Variante der Begegnung zweier Geschlechter erscheint, aber beneiden tue ich die beiden schon, obwohl – wenn sie sich nicht beeilen, werden sie ihre Karre nachher nicht mehr starten können, denn eine Klimaanlage frisst eine ganze Menge Strom, und wenn der Motor nicht läuft, ist bald die Batterie alle.
Ich verkrieche mich in meinem Schlafsack und suche Schlaf. Die Suche ist indes nicht von Erfolg gekrönt; denn das Pärchen nebenan hat offenbar genug oder seine Bemühungen eingestellt und will nun den Platz verlassen. Das Starten des Motors führt allerdings nur zu einem kurzen Ruck und der Aktivierung der Alarmanlage. Hatte ich also Recht mit meiner Vermutung. Mit der Sirene, so kurz sie auch ertönen mag, kann ich natürlich nicht schlafen. Ich bin gespannt, wie sie das Problem lösen. Die Versuche wiederholen sich. So was Albernes! Als wenn sich der Akku von selbst wieder auflüde! Schließlich reicht es mir, ich stehe auf, gucke aus dem Fenster, und da der Fahrer auch schon mal eine überflüssige Runde um sein streikendes Gefährt gedreht hat, gebe ich mein Inkognito auf und spreche ihn auf Englisch an: Can I help you? Diese Sprache scheint nicht seine Stärke zu sein. Auch mögen ihm nicht motorisierte Helfer nicht sonderlich hilfreich erscheinen. Ich erkläre weiter, was ich von seiner Batterie halte und dass Anschieben das Problem am ehesten löst. Darauf erwidert er, dass das nicht das Problem sein könne, das Auto sei sehr teuer gewesen. Als ob das eine Erklärung wäre! Na schön, macht ihr nur, denke ich mir. Aber schlafen geht so natürlich immer noch nicht. Nach 20 bis 30 Minuten erscheint ein weiterer Wagen. Zwei junge Männer steigen aus. Zu viert beratschlagen sie. Das heißt, zu dritt. Das Mädchen steht ungefragt und ratlos neben den Auto. Und schließlich – schieben sie das Auto an. Es dauert eine Weile, bis es klappt, und jetzt fällt mir auch ein, dass man Autos mit Katalysator nicht anschieben soll, weil er dann leicht kaputt geht, aber das ist mir jetzt letztlich wurscht. Hauptsache, die verschwinden. Und dann kann ich auch endlich schlafen.
10. Juni
E.I.A. (Marseille) – D559 – Col de la Gineste – Cassis – D559xD141 – la Ciotat – D559 – Bandol – Sanary-sur-Mer – D559xD616xD16xC? – Fabregas – D16 – Six-Fours-les-Plages (82 km)
Nach dieser ungewöhnlichen Nacht wache ich etwas später auf. Es stellt sich heraus, dass meine lange Suche nach einem überdachten »Quartier« Sinn hatte, berechtigt war, denn es regnet. Es nieselt zumindest. Es ist ein Wetter, bei dem man eigentlich keine Lust hat, Fahrradreisen durchzuführen, zumal der Himmel alles andere als viel versprechend aussieht. Aber alles kann man halt nicht haben: Unterhaltsame und abwechslungsreiche Nächte und auch noch schönes Wetter tagsüber.
Dennoch fahre ich nach einen kleinen Frühstück los. Für heute habe ich mich in Toulon angemeldet, und das sind ungefähr noch 80 Kilometer. Erfahrungsgemäß wird das erst am Nachmittag was, weil die Strecke bis 12 Uhr selten 40 Kilometer überschreitet. Das ist fast ein Naturgesetz. – Ich verlasse den Campus oder jedenfalls das ganze Gelände, das im Zusammenhang mit der Uni, oder welcher Art sonst diese Bildungseinrichtung sein mag, steht. Die Ausfahrt aus Marseille setzt sich somit fort, wo ich sie gestern im Stockfinstern unterbrochen habe.
Der feine Niesel lässt gelegentlich nach, hört zuweilen ganz auf. Eigentlich geht das Wetter. Es kann mich nicht durchnässen. Dafür heize ich selbst zu stark von innen. Unter einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, ist es sogar recht geeignet. Man muss sich nur mal vorstellen, ich würde hier bei 30 oder gar 35 Grad in der Vormittagssonne den Berg hinaufkurbeln. Das wäre doch mindestens schweißtreibend und demzufolge natürlich auch ein kleines bisschen anstrengender als so. Also, 35 Grad sind früh am Morgen natürlich kaum vorstellbar. Aber psychologisch würde sich vielleicht die Landschaft erwärmend auswirken. Es ist jedenfalls trostlos kahl. Nur ein paar Büsche haben ihre Wurzeln in den hellen Fels treiben können. Bäume scheinen hier nicht genug Boden gefunden zu haben. Die Ursachen können natürlich sehr verschieden sein. Ich vermute, dass es hier schon seit der Römerzeit so kahl aussieht, aber wie sich die Dinge darstellen, hat die Menschheit aus deren Fehlern nichts gelernt, jedenfalls machen sie heute wieder den gleichen Unsinn, allerdings in industriellem Maßstab und zumindest dort, wo sie selbst gerade nicht ihr zu Hause haben.
Der morgendliche Berufsverkehr kommt mir entgegen. Da habe ich die Richtung ja gut gewählt. Aus Marseille scheint kaum jemand heraus zu wollen. Der Gegenverkehr stockt dafür umso häufiger. Die langsame Auffahrt nutze ich für Rückblicke auf die Stadt. Besonders erquicklich ist die Aussicht allerdings nicht. Zum einen sind die Satellitensiedlungen keine Augenweide und zum anderen verhindern die tief hängenden Wolken und der Niesel, dass ich sehr weit sehen kann. Einerlei, Marseille war ohnehin nur für den Transit vorgesehen. Der nächste Ort ist Cassis. Hier weiche ich von der D559 ab. Die Karte verheißt mir ein extrem unfreundliches Profil. Ich habe Schieben eingeplant. Dies ist eine der wenigen Stellen der Reiseroute, von denen ich von vornherein weiß, dass sie mit meiner Schaltung schwerlich zu bewältigen sein wird – es sei denn, sie wiche extrem von den Karteninformationen ab. Aber die Karte scheint zu stimmen. Ungefähr 20prozentig bäumt sich das Asphaltband auf, und selbst das Schieben wird zur Schinderei. Aber was soll ich machen? Ich philosophiere über die Tour du Monde der beiden Franzosen, die angeblich teilweise 80 Kilogramm Gepäck mit sich führten und auch schiebenderweise unterwegs waren. Wie haben die ihren Drahtesel noch die Hänge hochgebracht? Aber einer bestimmten Untersetzung muss Fahren doch leichter sein als Schieben. Und was ist dann, wenn Fahren nicht mehr geht? Schieben dürfte dann doch auch nicht mehr möglich sein.
Aber ich habe nicht so viel Gepäck und kann noch schieben. Rechts hinter mir versinkt Cassis am Ufer einer steilen Bucht hinter Weinfeldern in der Tiefe, ganz langsam natürlich, denn hier sind wahrlich keine Geschwindigkeitsrekorde zu erwarten.
Schließlich habe ich einen weniger steilen Teil erreicht und kann den Rest der Besteigung im Sitzen bewältigen. Es wird immer flacher und immer höher, und ich bin schon gespannt auf die ersten Ausblicke. Die Klippen sind in der Tat recht eindrucksvoll. Immer wieder führt die Straße direkt bis an den Abgrund heran, um gerade im letzten Moment noch die Kurve zu kriegen. Einige Male steige ich ab und trete an die Absperrung heran, die wirklich den äußersten Punkt markiert. Die höchsten Erhebungen sollen hier 400 Meter über dem Meeresspiegel liegen, und die sind nicht so weit über mir. Also gucke ich ca. 300 Meter in die Tiefe. Jetzt müsste nur noch schönes Wetter sein. Ab und zu bricht die Sonne bereits durch die Wolken, und in der diesigen Luft zeichnen sich fotogen ihre Strahlen nach. Das ist keine stabile Witterung, sagt mir meine Erfahrung, und was der Blick von den Klippen betrifft, so ist er auch nicht fotogen. Meine Fußspitzen, ein paar Meter azurblaues Wasser, dann normales Wasser und dann ein Horizont, dessen Lage sich bei diesem Wetter nicht mit Sicherheit ausmachen lässt – wen wird das in der Heimat beeindrucken?
Diese Abstecher wiederholen sich einige Male. An den Hängen fallen mir Schonungen auf. Mir fallen wieder meine Begrünungspläne ein. Hier startet man eine Aufforstung offensichtlich mit überschaubarem finanziellem Aufwand. Es ist allerdings auch die Frage, ob diese Pflanzungen Bestand haben werden. Jedenfalls stehen dort Nadelbäume in Reih’ und Glied, und die Maßnahme an sich ist lobenswert. Vielleicht wird das ja mal ein stabiler Baumbestand, auch wenn er das Mittelmeerklima nicht ändern wird.
Dann kommt die Abfahrt nach la Ciotat. Dort mache ich Pause. Die Weiterfahrt bis Sanary-sur-Mer erfolgt wieder auf der D559, mit leichtem Auf und Ab, lebhaftem Berufs- und touristischem Verkehr, keinerlei Außergewöhnlichkeiten und nur hin und wieder einer Essenspause. Zwar fahre ich nicht außergewöhnlich schnell, aber ich versuche, mich auf eine möglichst zeitige Ankunft in Toulon zu konzentrieren.
Mit Erreichen von Six-Fours beginnt ein Schlenker. Ich habe geplant, die Pfirrmanns gewissermaßen einzukreisen, denn ich möchte die landschaftlich schöne Route im Süden der Halbinsel abfahren, mir vielleicht sogar Notre Dame du Mai ansehen. Das sieht auf der Landkarte ganz einfach aus, einmal davon abgesehen, dass es wieder hoch hinaus geht. Die Touristikrouten in und um Toulon auf den lokalen Übersichtsbildern scheinen jedoch wesentlich komplexer zu sein, und meine nächste Aufgabe wird darin bestehen, meine geplante Route auf diesen Bildern wieder zu finden, mir die zugehörigen Markierungsfarben zu merken und ihnen dann zu folgen. Die blaue Route scheint über den größten Teil ihres Verlaufs mein Weg zu sein. Es gibt in ihrer Nähe auch keine andere. Also scheint – zumindest in diesem Gebiet – tatsächlich auch die allerletzte Gasse auf der Michelin-Karte verzeichnet zu sein. Auf der Übersichtstafel finde ich auch die Straße, in der Pfirrmanns wohnen. Na, ob ich das im Kopf behalte? Und darf es mir ja auch nicht passieren, auf Wege abzuweichen, die hier gar nicht eingetragen sind. Aber es wird schon irgendwie klappen. Das ist ja hoffentlich nicht die einzige Tafel dieser Art. Und so mache ich mich auf den Weg. Die Straße ist schmal, nass und dunkel, zum einen, weil der Himmel noch grau ist, zum anderen, weil hohe Bäume jeden Lichtstrahl auffangen. Einmal fahre ich an einem militärischen Grundstück vorbei, inmitten großzügiger Wohngebiete. Na, da werden sich die Nachbarn aber freuen. Wobei – residiert der BND in Pullach etwa bescheidener?
Allmählich steigt der Weg an, und die Grundstücke werden großzügiger. Wenn man bedenkt, dass das hier die Côte d’Azur ist, dann müssen das alles heimliche Millionäre sein. Heimlich deshalb, weil den Arealen außer ihrer Größe kein Luxus anzusehen ist. Zuweilen ist da einfach nur Wald, aber auf vielen eingezäunten Grundstücken existiert doch irgendwo ein Bauwerk, das vermuten lässt, dass es sich bei der Fläche grundsätzlich um bebaubaren Grund handelt. Na ja, die Reichen. Hoffentlich müssen sie ordentlich Grundsteuer zahlen.
Irgendwann hört das Wohngebiet gänzlich auf, dann wird der Wald auch lichter, niedriger, und über mir wird sogar zuweilen ein Fleckchen Himmel sichtbar. Die Kirche soll auf 350 Meter Höhe liegen. So weit bin ich wohl noch nicht gekommen, aber ich mache Fortschritte, überlege trotzdem, ob ich nur wegen eines kleinen Kirchleins meinen Besuch bei Pfirrmanns noch weiter verzögern sollte. Die Bedenken werden immer stärker, und als ich schließlich einen Punkt erreiche, an dem zwar nicht die Kirche selbst steht, aber ein Schild, dass es bis zu ihr auf einem Fußweg nun noch so und so weit ist, will ich erstens das Rad nicht einfach stehen lassen und zweitens ganz schnell endlich den Scheitelpunkt dieser Straße erreichen und von dort so rasch wie möglich die Pfirrmanns suchen.
Nahe der Ostküste erreiche ich schließlich den »Pass« und abwärts geht es. Ich habe allerdings den Verdacht, dass ich insgesamt zu weit im Osten gelandet bin, und als ich in Six-Fours schließlich die Hauptstraße erreiche, wird mir klar, dass ich hier mit Farben kaum noch etwas ausrichten kann. Da werde ich wohl anrufen müssen. Ein paar 100 Meter später finde ich ein Telefon, und Herr Pfirrmann will wissen, wo ich bin. Ich beschreibe das Gebäude, vor dem ich stehe, ein beigefarbenes großes Verwaltungsgebäude, und er meint, ah, das Rathaus, bleiben Sie dort, ich komme mit dem Auto vorbei. Was er wohl denkt, wie mein Fahrrad da hineinpasst. Einerlei. Ich warte. Nach einer halben Minute kommen mir erste Zweifel. Also Rathaus, …? Das sieht überhaupt nicht so aus. Die Schilder daran sagen auch nichts von einem hôtel de ville oder mairie. Ich frage einen Passanten. Er weist mir den Weg. Da hinten, um die Kurve usw. Also, zumindest die Richtung habe ich ungefähr kapiert. Das wäre ja noch schöner, wenn wir uns jetzt auch noch verpassten. Zum Glück ist das Rathaus nicht weit entfernt, und als ich es sehe, sieht es eindeutig eher nach einem solchen aus als das andere Gebäude. Was immer das gewesen sein mag. Kurze Zeit später kommt das Auto vorgefahren. Bevor Herr Pfirrmann lange darüber nachdenkt, wie der ganze Kram und mein Gefährt ohne Schaden in seinem Blech verstaut werden kann, schlage ich vor, ihm einfach hinterher zu fahren. Über die Stelle, von der aus ich telefoniert hatte, erfahre ich, dass dort das Sozialamt sei.
Einem Auto zu folgen ist für Radfahrer naturgemäß nicht so einfach. Ich muss mich strecken, vor allem, als es dann in die Berge geht, in Straßen, in denen ich schon war, dicht dran gewissermaßen. Lange dauert dieser Sprint aber glücklicherweise nicht. Wir sind da. Ich stelle das Fahrrad ab und betrete »das Paradies«, wie meine Gastgeber ihr Exil nennen. Ja, es ist in der Tat recht nett gelegen, allerdings viel kleiner, als ich mir das nach den Fotos und Erzählungen vorgestellt hatte. Die Pfirrmanns haben zahlreiche Gäste. Die sitzen beim Nachmittagsgespräch, Reste des Essens stehen noch auf dem Tisch – für mich. Oje, die erwarten jetzt doch nicht etwa französische Konversation. Nein, das tun sie nicht. Sie sprechen teilweise selbst deutsch. Ich muss nun zwei Dinge gleichzeitig tun: Essen und Erzählen. Das ist natürlich etwas heikel, weil man mit vollem Mund nicht sprechen soll. Andererseits gibt es von heute nicht so viel zu erzählen, und was ich in der letzten Nacht erlebt habe, muss ich mir erst noch mal durch den Kopf gehen lassen, bevor ich es den gesetzten Herrschaften anbiete. Ich beschließe am Ende, mich auf die harten Fakten zu beschränken, also das, was ich ganz ohne jeden Zweifel gesehen habe, und so viel war das dann ja auch wieder nicht. Dass das Auto schaukelte, lasse ich weg. Das kann man sich schließlich denken. Nach jedem Satz wird quasi-simultan übersetzt. Ob meine Erzählung letztlich eine sittliche Katastrophe war, erfahre ich nicht. Jedenfalls bleiben die Herrschaften freundlich, amüsieren sich auch köstlich. Meine Mahlzeit besteht zum größten Teil aus Fleisch. Herr Pfirrmann hat einen viel zu großen Rollbraten eingekauft und liebevoll mit Kräutern gewürzt. Mir kommt das Fleisch ein bisschen zu wenig durchgebraten vor. Aber vielleicht muss das ja so sein. Und überhaupt sind solche Fleischportionen nicht das, wonach mein Kreislauf schreit. Also, ich meine, im Moment schreit er überhaupt nicht. Aber wenn er es täte, dann würde er Buttercremetorte oder Nutellabrötchen verlangen, aber keine solche Eiweißspritze. Wobei Eiweiß ja nicht schaden kann.
Während meiner Schilderungen klart der Himmel restlos auf, und es wird ein richtig schöner Nachmittag. Frau Pfirrmann erzählt mir dann, wer die einzelnen Leute sind bzw. waren – einige sind schon gegangen –, die beim Essen zugegen waren: ehemalige Direktoren, hochgestellte Persönlichkeiten, nicht alle, aber zwei oder drei von ihnen. Das beeindruckt mich allerdings nicht so sehr, weil ich schon im vergangenen Jahr davon gehört habe. Allerdings vermittelt es natürlich ein gutes Gefühl, Menschen, die es beruflich weit gebracht haben, so mit den Füßen auf der Erde zu erleben. Offenbar kriegt nicht jeder unentwegt Höhenflüge oder nimmt anderweitig Karriereschaden.
Frau Pfirrmann ist nicht in Hochform; ich weiß, dass sie nervliche Probleme hat, und sie klagt, dass sie bei der Vorbereitung des Essens etwas Wichtiges vergessen habe, das sei ihr noch nie passiert, aber ihr Mann sagt, das sei doch gar nicht so schlimm, und ich selbst habe weder etwas davon gemerkt noch sonst irgendwas vermisst. Aber ich war natürlich nicht gerade pünktlich zum Essen gekommen. Sie ist aber diesmal nett zu ihrem Mann; das soll schon mal anders gewesen sein.
Mich befällt eine unglaubliche Trägheit. Ich habe ja eigentlich Wäsche waschen wollen, nicht gleich mit Schlafsack und Waschmaschine, sondern so im kleinen Stil, die Unterwäsche, die Oberhemden und meine Hose. Nichts! Gar nichts tue ich. Es ist, als bräche ich unter der Last der ganzen bisherigen Reise zusammen. Dabei habe ich mir heute doch wahrhaftig kein Bein ausgerissen. Es reicht gerade noch dazu, meine Packtaschen mal umzustülpen, um zu sehen, ob vielleicht noch irgendwo ein Stückchen verschimmeltes Brot oder sonst ein unnützer Ballast herumliegt. Der Telekonverter macht keinen besonders guten Eindruck. Den sollte ich direkt nach Hause schicken. Damit mache ich sicherlich keine Fotos mehr. Im Vorfeld dieses Besuches hatte ich auch ernsthaft darüber nachgedacht, ein Paket zusammenzustellen und das entweder den Pfirrmanns für ihre nächste Fahrt nach Deutschland oder direkt der Post anzuvertrauen, aber letztlich scheue ich den Aufwand für gerade mal ein überflüssiges Kilo. Es soll mir eine Lehre für die Packphase vor der nächsten Fahrt sein. Ich werde da rigider aussortieren. Meine Powerbar wasche ich einmal durch, damit da wenigstens kein Dreck, auch kein Öl oder Honig mehr dran klebt; denn einige Packungen scheinen undicht geworden zu sein, und ich denke, zumindest Mineralöl veredelt das Kraftfutter nicht gerade.
Am Abend suche ich nach langen Gesprächen über Teuchern, Könnern, Grieben, das Befinden von Eltern und Geschwistern, Berichten über Pfirrmanns Kinder und Einblicken in das französische Grundsteuerrecht das Bett auf. Das Bett! Ha! Also, wenn das nichts ist! Es ist jedenfalls nicht gerade ein alltägliches Quartier, und unter solch komfortablen Bedingungen schlafe ich natürlich sehr schnell ein.
11. Juni
Six-Fours-les-Plages – Toulon – N97xD554xD29xD12 – Pierrefeu-du-Var – D14 – Collobrières – Col de Taillude – Grimaud (77 km)
Das wird natürlich kein typischer Reisetag. In einem frisch bezogenen Bett aufzuwachen ist erst mal nicht der Standard, den ich auf Achse gewöhnt bin. Auch nicht, so lange zu schlafen. Schließlich nicht, danach ein gepflegtes, nicht nur von der Menge, sondern vor allem zeitlich ausgedehntes Frühstück einzunehmen, na ja, Dinge eben, die wohl ein »normaler« Urlauber so unternimmt, bevor er zu den kleinen Abenteuern und Erlebnissen des Tages aufbricht.
Herr Pfirrmann hat Besorgungen auf dem Markt zu machen. Dazu fährt er nach Sanary. Mit dem Auto und mit mir. In Sanary war ich zwar schon am Vortag, aber ich war dort nur durchgefahren, weil ich ohnehin recht spät in Toulon angekommen war und nicht mit Sightseeing zusätzlich Zeit vertrödeln wollte. Das kann ich jetzt tun, bekomme auch noch Erklärungen aus erster Hand. Wieder erstaunen mich die Preise für Kirschen. Das ist doch wirklich der Hammer: 10 Mark das Kilo. Dabei wachsen sie gleich um die Ecke. In der Nähe von Remoulins haben sie noch 10 Francs gekostet. Aber ich muss sie ja nicht nehmen. Herr Pfirrmann nimmt sie. Wir wollen uns in einem Reisebüro nach den Abfahrtszeiten von Fähren nach Korsika erkundigen. Herr Pfirrmann hilft mir, stellt die Fragen: Wann und wo fahren Fähren nach Bastia? So und so, erfahre ich, auch hier von Toulon, aber das passt zeitlich nicht. Nachtfähren gibt’s jedenfalls nicht, mit denen ich die Überfahrt und eine Übernachtung günstig zusammenlegen könnte. Also werde ich von Nizza aus fahren; viel besser passt das allerdings auch nicht. Aber ich kann’s mir ja noch überlegen. Erst als ich schon längst wieder aus dem Reisebüro herausgekommen bin, fällt mir ein, dass es auf Korsika ja noch andere Häfen gibt, die vielleicht zu anderen Zeiten angelaufen werden. Na ja, das wird wohl hoffentlich nicht das einzige Reisebüro bis Nizza sein. Ich kann vielleicht auch mal selbständig fragen.
Wir fahren jedenfalls erst mal wieder zurück; denn das Mittagessen muss noch zubereitet und natürlich verzehrt werden. Ich unterhalte mich mit den Pfirrmanns. Es geht um Leben und Wohnen in Südfrankreich, um das Klima, um das Recht (Immobilien, Steuern etc.), um das Gesundheitswesen, und währenddessen kümmere ich mich um mein Gepäck. Meine Power-Bars sind noch nicht wieder so richtig trocken, aber es geht. Ich kann sie einpacken, und so langsam gewinnt die Ladung wieder kompakte Konturen. Was ich allerdings alles vorgehabt hatte an Reinigungen, Pflege und Wäsche, ist ziemlich ausgefallen. Die Faulheit hat gesiegt.
Nach einer Nachmittagspause mache ich mich gegen 15 Uhr an den Aufbruch. Ich bin allerdings noch keine zehn Meter vom Hof, als es einen tierischen Schlag im Vorderrad tut – und der rechte Lowrider ist hin; er hat sich in den Speichen verheddert. Die Tasche hat sich dabei natürlich auch verabschiedet. Zum Glück nur auf die Straße. Sie ist unbeschädigt. Ich halte kurz an, biege des Teil notdürftig zurecht, hänge die Tasche wieder an und hoffe auf gut Wetter. Aber das hält nicht lange an. Schon wenige Kilometer später, noch nicht in Toulon, passiert mir dasselbe wieder – diesmal mitten auf der Straße, wesentlich unpassender. Da ist leider nichts mehr zu retten. Der Lowrider muss ab – bzw. seine Reste. Die Tasche hänge ich an den Gepäckträger, sozusagen eine Etage höher. Jetzt ist der Aufbau etwas schief, aber wo habe ich auf dieser Fahrt schon mal Eitelkeit gezeigt? Also werde ich doch hier nicht damit anfangen. Trotzdem ist es schief. Und der Schwerpunkt ist für rasante Talfahrten auch nicht mehr so günstig wie bisher.
Auf den Schreck lehne ich mich erst mal im Schatten der Straßenbäume an eine Grundstücksmauer und mache die mitgenommenen Kirschen alle. Als ich dann so langsam meine Ruhe wieder gefunden habe, geht es weiter. Wie weit mich der Weg heute noch führt, ist völlig offen. Wer weiß, was noch alles kommt. Der Weg durch Toulon ist jedenfalls lang. Erst führt die Straße lange am Hafen vorbei. Da liegen nicht nur Jachten, sondern auch ausgesprochen alte Kähne. Hier soll eine Werft geschlossen worden sein. Könnte sein.
Als ich dann in Richtung Osten in einer endlosen Autoschlange unterwegs bin (wo wollen die alle nur hin? Ach ja, es ist Freitag, und das Wochenende beginnt), fällt mir ein, dass ich hier noch mal nach einem Reisebüro schauen könnte. Nach einigen Kilometern werde ich fündig. Also, man kann sagen, was man will, aber hier bin ich echt deplaziert. Ich bin durchaus nicht wie ein normaler Kunde gekleidet, und nachdem ich meine Auskunft erhalten habe, muss die Dame auch noch zur Kenntnis nehmen, was sie sich wahrscheinlich von Anfang an gedacht hat: Der bringt kein Geld. Ich weiß jetzt aber, dass ich auch nach I’lle-Rousse übersetzen kann, was mir zeitlich wesentlich besser in den Kram passt.
Auf der Karte ist nördlich von Toulon der Mont Faron eingezeichnet. Dort steht auch etwas von Super-Toulon, und dorthin führt eine schmale verschnörkelte Straße. Sieht interessant aus. In der Realität ragt dann aber in der Nachmittagssonne so etwas wie der Zuckerhut von Rio in den Himmel, und da vergeht mir die Lust. Irgendwie sieht das auch nicht so grün aus wie auf der Karte. Muss ja vielleicht nicht sein. Jetzt sieh mal zu, dass du aus der Stadt herauskommst, denke ich. Das ist hier nicht so mein Ding. Es zieht sich hin.
Auf der Fahrt nach Pierrefeu vergreife ich mich schon wieder an Kirschbäumen. Einmal hängen die Früchte etwas höher, und mir bricht ein Ast dabei ab. Mist! Das hätte ja nun nicht sein müssen. Hoffentlich hat es keiner gesehen. Pierrefeu liegt sehr schön am Hang. Eine flach ansteigende Straße windet sich durch die Kurven des großen Dorfes, als müsste sie wer weiß welche Höhen erklimmen. Aus den Cafes schauen die Patriarchen auf meine Vorbeifahrt. Was sie wohl denken? Freitagnachmittag, hätte ich ja was Besseres zu tun… Solch eine sinnlose Schinderei! Wenn ihr wüsstet, Jungs, Schinderei ist was anderes als dieser Hügel. Aber rasch verschwinden sie aus meinem Blickfeld, und ebenso rasch wohl ich aus ihrem. Radfahrer kommen hier sicherlich öfter vorbei.
Was ich jetzt mache, ist Bereisen des Hinterlandes. Der Fahrradreiseführer hat es empfohlen. Ob es besser ist als die Küste, weiß ich nicht, aber dort war es zwischen Marseille und Toulon immer belebter geworden, und hier ist es zumindest grün und ruhig. Ganz langsam gewinnt die Straße an Höhe. Zuerst scheinen die Hänge rechts und links der Straße mit Buschland bewachsen zu sein, aber bei genauerem Hinsehen erkenne ich, dass das doch ausgewachsene Bäume sind. Es sind ganz merkwürdige Bäume. Nach einer Weile stehen sie nämlich auch unmittelbar an der Straße. Sie haben einen schwarzen, unten dünnen Stamm, und dann kommt – wie aufgepfropft – ein dickeres Stück, dessen Borke eher grau ist, und dann verzweigt der Stamm auch wie bei jedem normalen Baum. Zwar habe ich noch nie eine Korkeiche gesehen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Bäume Korkeichen sind. Das muss ich mir dann doch mal etwas näher betrachten. Ich lehne das Fahrrad an einen Baum und nehme die Borke eines ungeschälten Baumes in Augenschein. Es muss ja wohl so sein, dass die Bäume nur von ihrer Borke befreit werden, denn nähme man ihnen auch gleich noch die lebende Rinde, würden sie eingehen. Warum die dann so schwarz ist, werde ich wohl nicht herauskriegen, aber vielleicht gibt es nur Verfahren zur Ernte, die den Baum letztlich doch irgendwie verletzen, und der Saft des Baumes trocknet so dunkel ein. Aber wer weiß? Ich hole mein Messer heraus, um mir ein Stück Originalborke mitzunehmen. Das wird ein teurer Versuch. Das Messer bricht nämlich ab. Scheiße! Und Kork habe ich trotzdem nicht. Wie soll ich denn jetzt all die Dinge bewerkstelligen, die ich bislang mit diesem Messer erledigt habe? Da nur die vordersten anderthalb Zentimeter flöten gegangen sind, beschließe ich, den Rest vorerst zu behalten. Vielleicht ist er ja doch noch zu etwas gut.
Wahrscheinlich sollte ich Fahrrad fahren, statt Kork zu ernten. Das kann ich doch relativ gut. Und die Straße ist ideal für die gemäßigte Fitness. Flach steigt sie an, bis nach ca. 25 Kilometern der Pass bei gut 400 Metern Höhe erreicht ist. Der Blick über die Wälder ist sehr schön, und die untergehende Sonne berührt auf der westlichen Seite des Passes, auf der ich jetzt in Richtung St. Tropez hinunterfahre, nur noch die Spitzen der Berge. Wenn ich die Stadt überhaupt noch heute erreiche, dann jedenfalls nicht mehr unter Fotografierbedingungen. Meine weitere Fahrt wird im Schatten verlaufen, und das bedeutet, dass spätestens 20 Minuten später die Dämmerung einsetzt, und dann muss ich mir was für die Nacht suchen. Große Auswahl besteht jetzt nicht mehr. Auf den nächsten 15 Kilometern ist kein Ort verzeichnet, aber solange geht’s auch leicht bergab. Das macht Spaß. Ein Schild preist Kastanienmarmelade an. Was soll denn das sein? Und wer wohnt in dieser Einsamkeit, um ausgerechnet so was zuzubereiten? Ich will keine Kastanienmarmelade.
Eine halbe Stunde später erreiche ich eine Gabelung, überquere einen Fluss und habe noch zwölf bis 15 Kilometer bis St. Tropez vor mir. Das wird finstere Nacht. Da tut sich links eine verlockende Alternative auf: Ein Zeltplatz. Ich fahre weiter bis zum Eingang und stelle das Fahrrad an der Rezeption ab. Als erstes studiere ich die Preisschilder. Übernachten mit Zelt ist teuer. Aber ich habe ja keins. Auto und Caravan führe ich auch nicht mit. Da müssten sich die Kosten eigentlich in Grenzen halten. Aber zunächst interessiert mich, ob es hier auch Duschen und Toiletten gibt. Sonst kann ich mich nämlich auch irgendwo in die Pampa legen. Es gibt sie. Inzwischen ist trotz der fortgeschrittenen Zeit das Personal auf mich aufmerksam geworden. Die Frau spricht sogar deutsch, und zwar sehr gut. Sie unterbreitet mir ein Angebot, das eher an den Preis für fünf Nächte erinnert, und darum melde ich Zweifel an. Sie klärt mich darüber auf, dass das Zelt im Preis enthalten ist. Ich erwidere, dass ich aber gar keines habe und unter freiem Himmel zu schlafen gedenke. Das kommt ihr anscheinend ziemlich abwegig vor, jedenfalls erklärt sie, dies seien Zeltmietpreise, und ich müsse ein Zelt mieten. Das hatte ich aber gar nicht vor, weil ich doch keins brauche, auch keine Lust habe, eins aufzuschlagen, und eben auch Geld sparen möchte. Sie schlägt mir vor, mir das Zelt erst mal anzusehen. Widerwillig gehe ich mit. Sie führt mich zu einem ziemlich großen Zelt, allemal ausreichend für vier Personen und ausgestattet mit Liegen und Matratzen. Der Preis wird jetzt verständlicher und realistischer, und ich sage ihr das auch, damit sie mich nicht als Preisdrücker ansieht. Darauf macht mir die Frau ein Sonderangebot, und ich beschließe, die Angelegenheit als ein Billighotelzimmer zu betrachten, mit Außenborddusche sozusagen, nehme an und bezahle auch gleich. Nach einer Dusche und der Unterbringung meines Gefährts gleich neben meiner Liege mache ich es mir gemütlich.
12. Juni
Grimaud – D14xD61xN98xD98a – Saint Tropez – D98axN98 – Saint Maxime – Saint Raphael – Cannes – Antibes – Nice (139 km)
Die Nacht war dem Quartier entsprechend sehr gut. Ich habe fast wie in einem Bett geschlafen. Demzufolge natürlich ziemlich lange. Rasch auf, alles zusammengepackt und los. St. Tropez ruft und Brigitte Bardot. Na, die wohl weniger. Wo ich heute auch lang fahre und ob ich einen Abstecher nach St. Tropez mache oder nicht – das wird eine Fahrt vorbei an den Liegeplätzen, Jachten, Grundstücken und Villen der Reichen. Also, warum soll ich ausgerechnet diesen Ort auslassen?
Ein paar Happen zum Frühstück sind rasch zwischen die Kiemen geschoben. In der Stadt wird Zeit für eine Rast sein. Ich breche auf, und bis vier Kilometer vor St. Tropez bietet sich nichts Außergewöhnliches. Dann kommt eine Kreuzung, vielmehr ein sehr großer Ringverkehr, und dann bekomme ich das Gefühl, dass doch viele Autofahrer dasselbe Ziel wie ich haben. Und dass überdurchschnittlich viele von ihnen eine ganze Menge Geld haben, jedenfalls diesen Eindruck vermitteln wollen. Man sieht es an den Marken, die sie fahren. Das sind häufig keine Urlauber, sondern Ausflügler. Na ja, am Samstag und bei diesem Wetter. Es liegt nicht so fern.
Und dann bin ich da. Es ist etwa neun Uhr, und die Fahrt durch die sehr engen Straßen ist bereits ein Gedränge zwischen Menschen und Autos. Aber irgendwie bewegt sich alles, wenn auch gemäßigt. Die meisten bleiben dabei unaufgeregt, nicht alle. Märkte und Läden werben um Kunden, und zumindest die Märkte tun dies sehr erfolgreich. Ich brauche nichts, schon gar keinen Trödel oder Klamotten, und ich denke auch, dass ein solcher Touristenmagnet vielleicht nicht der geeignete Ort ist, um sich günstig zu verproviantieren. Gemächlich fahre ich dann durch enge Straßen, ja, es mögen sogar Fußgängerpassagen sein. Hier herrscht relative Ruhe, aber auch in den hinteren, durchaus gepflegten Straßen – die Stadtreinigung ist emsig bei der Arbeit – beginnen die Geschäfte. Ich fahre zum Ufer am Hang eines Hügels am nordöstlichen Rand der Stadt. Hier sehe ich dann auch eine Luxusjacht, durchaus eine mehrstöckige Geldanlage in weiß. Ich mache Frühstück. Gelegentlich kommen ein paar Touristen, und wie ich hören kann, aus verschiedenen Ländern. Da sind z.B. Polen, Deutsche natürlich, Franzosen sowieso. Teilweise gucken sie nur mal auf die Bucht, schießen Fotos von sich und dem Panorama – wobei zumindest letzteres nur begrenzten fotografischen Wert hat, weil die Luft nicht sehr klar ist. Ich stopfe mich voll, als gäbe es den ganzen Tag nichts mehr zu essen, vor allem trinke ich etwas zu viel. Aus dem Gefühl heraus, jetzt einen ungünstigen Schwerpunkt zu besitzen, einen unkomfortablen wenigstens, lege ich mich auf meiner Bank erst mal zur Ruhe. So viel Zeit muss sein. Schließlich bin ich hier nicht auf der Flucht und liege sehr gut »im Rennen« – nicht so sehr, was den heutigen Tag betrifft, sondern mehr meinen Routenfortschritt, verglichen mit dem Vorhaben, jeden Tag im Schnitt 125 Kilometer zu fahren. Nur die letzten beiden Tage haben – diesen Makel muss ich einräumen – mich glatt 140 Kilometer zurückgeworfen, einen Tag eben; denn 24 Stunden verbrachte ich bei Pfirrmanns, und das schmälert den Tagesdurchschnitt ganz schön, aber schon allein, weil ich mit dieser Wertung bei fast allen Menschen auf Unverständnis stoße, muss ich mich dazu zwingen, auch andere Maßstäbe, etwa Erlebniswerte, Begegnungen oder Bilder der Natur, gelten zu lassen.
Es wird zehn Uhr. Nun aber weiter! Als ich wieder auf der Hauptstraße bin, über die ich in den Ort hineinfuhr, preise ich mich weise, doch verhältnismäßig rasch aufgebrochen zu sein. Der Frühaufsteher hat es gut, ihm fällt das Gold der Morgensonne umsonst in den Hut, erinnere ich mich an eine Geburtstagskarte mit Scherenschnittmotiv von Omi. Da war ich noch ein kleiner Schuljunge. Heute wusste ich ehrlich gesagt auch nicht so sehr die Morgensonne zu schätzen – die war eh schon längst über die Hügel gestiegen, als ich mich auf die Beine machte. Es war mehr die verhältnismäßig saubere Luft, die ich auf der Herfahrt hatte. Jetzt dagegen herrscht hier ein Paradoxon: »Ruhender Verkehr«. Na ja, da müssen sie halt ein bisschen Geduld haben, bis die ersten wieder draußen sind. Ich mache den Anfang. Wobei man ja nicht sagen kann, dass St. Tropez eine Sackgasse darstellt und irgendwann zwangsläufig »voll« ist, wenn immer mehr hineinfahren. Aber de facto ist es wohl so; denn wer tatsächlich eigentlich woanders hin will, fährt nicht hier lang.
Nach fünfzehn Minuten gelange ich zu der Erkenntnis, dass es Leute gibt, die etwas spät aufgestanden sind, dann solche, die zu spät aufgestanden sind, und schließlich noch solche, die außerdem entweder unendlich geduldig oder naiv sind. Fünf Kilometer lang ist die Schlange, und sie hat sich während meiner ganzen Vorbeifahrt vielleicht um 50 bis 100 Meter bewegt. Man kann also mit linearer Extrapolation ausrechnen, meinetwegen auch mit dem Dreisatz, wie lange es dauern wird, bis der im Moment Letzte die Stadt erreicht, vorausgesetzt jedoch, dass die »Einsickergeschwindigkeit« sich nicht ändert, wobei zu befürchten ist, dass alles eher noch ein weniger langsamer wird. Naiv nenne ich es, wenn jemand solche Überlegungen nicht anstellt, wenn er in Besitz einer Karte ist, aus der glasklar hervorgeht, wie lang der Weg noch sein wird. Und es ist ganz zweifelsohne entspannender Urlaubs, wenn ich in die Gesichter schaue, von denen die einen gleichmütig, die anderen genervt, kaum eines jedoch fröhlich ist. Aber wieso denn auch? Gucke ich vielleicht fröhlich? Ich gebe zu, hier noch am ehesten, nämlich vor lauter Schadenfreude. Vielleicht kriegt ihr hier mal was vom eigenen Dreck ab, Cabriolet oder Sportwagen hin, Limousine oder Geländewagen her!
Weiter geht die Fahrt. Einen ganzen Tag lang habe ich Gelegenheit, mir ein Bild von der Côte d’Azur zu machen. Es ist kein makelloses Bild, beileibe nicht. Eine endlose Kette von Hotels, Eisläden, Restaurants, Wohnungen, Datschen, Stränden, Autos. Sicher, es gibt kaum Betonburgen. Man bewahrt in einigen Belangen Maß, und zweifellos ist meine Perspektive dadurch verzerrt, dass ich auf der Straße unterwegs bin und dem größten meiner Ärgernisse am nächsten, den Autos. Es ist kein Stopp and Go, schon gar kein Stau auf der Küstenstraße. Dazu gibt es einfach zu viele Alternativen im Hinterland, allen voran die Autobahn. Die Leute fahren auch nicht rücksichtslos, sie rasen nicht. Sie machen nicht überdurchschnittlich viel Gestank. Aber sie sind allgegenwärtig. Nach einer Weile kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass hier mal eine viertel Stunde lang einfach kein Motor brummt oder knattert. Und dann überlege ich mir, was mir wichtig ist beim Wohnen. Ich würde hier nicht einmal meinen Urlaub verbringen wollen, geschweige denn einen Wohnsitz gründen. Vielleicht könnte ich eine Ferienwohnung für Ausflüge ins Inland mieten, aber sie müsste einen angemessenen Preis haben, und was hier als angemessen definiert wird, kann ich in den Aushängen einer Immobilienagentur studieren, und zwischen deren Wünschen und meinem Angebot liegen Welten! Wie kann das nur angehen? Gibt es wirklich so viele Sonnenanbeter auf dieser Welt? Gewiss, das Hinterland hat seine Reize gegenüber Stränden, wo es nur den Sand und das Wasser gibt und dicht bebautes Hinterland, womöglich zwischen Teutonen und Engländern aufgeteilt. Aber trotzdem! Ist vielleicht der Frühling hier ein Geheimtipp, wenn nur Einheimische hier sind – doch sind sie das? Jedenfalls verlassen einige von ihnen ihre Villen im Sommer. Und der hat ja noch gar nicht angefangen, ebenso wenig der Urlaub, die Ferien. Was hier wohl in vier Wochen abgeht? Na gut, jetzt ist Wochenende, das verschärft die Situation sicherlich ein wenig.
Die Strände muss ich selber testen. Schließlich kann ich sonst nicht mitreden. Gut ist, dass es kleine Strände sind. Das macht schon mal eine nette Optik. Es können nicht ganze Völker aufeinander hocken, nur Großfamilien vielleicht. Mein Problem ist der gute Einblick auf die Strände. Wie soll ich hier ohne Badehose baden, ohne gesehen werden? Also, im Grunde ist nicht das Gesehenwerden mein Problem, sondern der Gedanke, ich könnte bei anständigen Menschen Empörung verursachen. Im Grunde habe ich ja nichts zu verbergen, und abgesehen davon, dass ich gemessen am Sonnenschein unverschämt ungebräunt bin – außer im Gesicht, am Hals und an den Händen natürlich –, dürfte ich wohl auch keine so anstoßende Erscheinung bieten, aber das wische ich jetzt beiseite. Am Ende bin ich ein paar Tage lang in dieser berühmten Gegend herumgefahren, genauso lange an diesem blauen Wasser entlang – und nicht ein einziges Mal hineingestiegen. Schon, um das zu verhindern, steige ich in den glühenden Kies hinab…, nein, Sand würde ich das nur aus größerer Entfernung nennen, lasse meine Hüllen fallen und sehe zu, dass ich ins Wasser komme, weil es da nicht gar so heiß ist. Warm schon, so gehört sich das. Und sauber. Was sind das für Storys, dass das Mittelmeer ein Notstandsgebiet sei? Klar, hier mündet gerade kein Fluss, und ob es da draußen noch ein paar Fische gibt, weiß ich natürlich auch nicht. Aber ich betreibe keine Studien. – Noch ein Grund, hier keinen Urlaub zu machen: Quallen und scharfe Muscheln. Das übersehe ich jetzt geflissentlich, ein paar Schwimmstöße müssen schon sein. Die Gäste auf der nahen Caféterasse ignorieren dafür liberal meinen Nudismus. Na, das wäre ja auch noch ein Highlight, wenn sich deswegen jemand echauffieren würde.
Vor mir liegt Cannes. Das Einzige, was ich mit dieser Stadt verbinde, sind Filmfestspiele. Die sind heute nicht, also muss wohl der Abglanz davon reichen. Er gibt was her. Die Stadt ist reich, zumindest ihre Einwohner oder Gäste, und sie zeigen es. Hotels, eines größer und prunkvoller als das andere, auch ein Casino, obwohl ich noch gar nicht in Monaco bin, und Autos: Ferraris, BMWs, nicht nur der Z3, sogar ein Z1. Aber ansonsten ist es eine Stadt, gedrängt an den Berg und somit nicht verschwenderisch mit ihrem Platz, wenn auch die Uferpromenade sehr breit und für Spaziergänger einladend ist. Sobald ich diese jedoch verlasse und auf den Hauptstraßen weiter in Richtung Nizza vordringe, wird das Bild wieder autobestimmt. Nein, kein Stress. Dazu bin ich doch zu viel aus Deutschland gewöhnt, aber es ist halt nicht schön.
Nizza kündigt sich schon von weitem an. Ein Komplex von mehreren vielstöckigen Gebäuden, im Kreis angeordnet und an der Peripherie des Kreises einige Male von vielleicht 20stöckig bis zum Boden abfallend und wieder aufsteigend, wie in der Art eines runden Turmes mit dreieckigen Zickzack-Zinnen, prägt das Bild. Ich fahre näher heran, um es mir genauer anzuschauen. Ein endloser Strand beginnt, und Nizza scheint dort sein Wochenende zu verbringen. Auf Deutsch: Es ist was los hier.
Ich komme an einem Notarztwagen vorbei. Ein dicker Mann hat anscheinend einen Herzinfarkt bekommen, und die Helfer versuchen bislang vergeblich, ihn wiederzubeleben. Einer kümmert sich um eine verzweifelte Frau. Es ist Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie dicht auch ich mich auf dem Asphalt immer an die Grenze zwischen Leben und Tod begebe, aber ich halte nicht an.
Rechts kommt der Flughafen. Auf der Karte sieht er aus wie ins Meer hinausgebaut. Aber das kann natürliches Land sein. Wieder folgt eine lange Strandpromenade. Schön finde ich sie allerdings nicht so sehr. Ich habe auch keinen richtigen Blick mehr dafür, denn es wird Abend, und ich muss mich erstens um die Fährverbindung nach Korsika kümmern und zweitens um eine Übernachtung. Ein Hotel wäre doch nicht schlecht, auch wenn dies hier eine teure Gegend ist und eine Stadt dazu. Aber zuerst die Fähre. Am Hafen erfahre ich, dass die Auskünfte in Toulon korrekt waren und wo es am nächsten Morgen los geht. Nun also die Übernachtung. Im ersten Hotel werde ich weitergeschickt. Das zweite schreckt mit Preisen über 300 Francs. Und dann kommt auf dem Weg, den ich fahre, erst mal keines mehr. Ich habe Nizza schon fast in Richtung Monaco verlassen, als links eine Privatunterkunft wirbt. Sie liegt irgendwo oben am Berg. Na ja, mit besonderen Kletterleistungen habe ich mich heute noch nicht hervorgetan. Also hinauf! Im Zickzack geht es »in« den Berg. Vor der Pension kommen mir Bedenken. Es ist nach neun, dies hier ist doch eine sehr bürgerliche Unterkunft, fast ein normales Wohnhaus, und so geschieht es, als ich klingele: Nous sommes complètes. Na, und? Wo ich einmal auf halber Höhe bin, fahre ich gleich weiter. Der Überblick über die Bucht wird immer besser, der Himmel immer dunkler. Ich stelle mich auf eine Freiluftübernachtung ein, und es kommt jetzt vor allem darauf an, diese Option so komfortabel wie möglich wahrzunehmen. Da ist eine Baustelle, allerdings eine sorgfältig eingezäunte, dort ist eine andere, aber die ist sehr gut einsehbar, und so erreiche ich schließlich das Ende des Wohngebiets, wo ein Schild eindeutig darauf hinweist, dass abends das Betreten des Parks am Gipfel des Berges verboten ist – und Camping natürlich sowieso. Einverstanden, erstens befahre ich nur, und zweitens habe ich kein Zelt. Ist ein Schlafsack vielleicht schon ein Camp? Ganz oben sehe ich ein Schild, das eine Jugendherberge anzeigt. Na, das wär’s noch! Nichts wie hin! Es geht auf der anderen, der Hafenseite, wieder hinab. Na, hoffentlich ist da noch a Platzerl frei. Um zehn komme ich an. Draußen ist Nacht, drinnen sieht es nicht direkt nach Überbelegung aus, aber dies hier ist der Empfang und der Gesellschaftsraum, und vielleicht sind die Kindlein alle schon im Bett. Eine ganze Weile kommt erst mal niemand. Und dann erscheint jemand, um mir zu sagen, dass alles voll sei. Was soll ich da machen? Nachschauen vielleicht? Immerhin: Wochenende, Samstagabend um 22 Uhr – das ist nicht ausgeschlossen. Also wieder zurück auf den verbotenen Berg. Ich mache noch ein Nachtfoto von der hell erleuchteten Stadt und suche mir dann abseits der Straße am Rande einer Fläche, auf der vielleicht mal Boule gespielt wurde, einen Liegeplatz. Das ist hier zwar nicht erstklassig, aber welcher Gast dieser Stadt hat schon so viel frische Luft und einen solchen Ausblick?
13. Juni
Nice – Fähre – I’lle-Rousse – Belgodère – N197xD47xD147 – Asco – Haute Asco – Asco – D147xD47xN197 – Ponte Leccia – D71 – Morosaglia (134 km)
Also, eine Wucht war die Nacht nicht. Andauernd kamen Mopeds und Motorräder und machten auf dem Berg Lärm. Warum die hier herumfuhren, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben. Man könnte vermuten, dass da einer dem anderen imponieren wollte, aber sie kamen ja immer einzeln, drehten ein paar Runden, damit ganz Nizza es hörte, und verschwanden dann wieder. Ich wünschte mir ein paar Mal, ich könnte solche Kisten einfach abknallen. Peng, dann vielleicht noch ein Knall, wenn viel im Tank war, und dann ist plötzlich Ruhe. Ist natürlich militant und hätte wahrscheinlich tragische Folgen für die Fahrer, aber letztlich knattern sie in der Realität ja doch unversehrt von dannen, wenn man einmal davon absieht, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Ding an der Schüssel haben.
Auch ansonsten war die Wahl des Quartiers nicht optimal. Trotz der Höhe war es über Nacht recht mild hier, um nicht zu sagen: ziemlich warm, und ich begann wieder zu schwitzen. Ohne die lange Hose ist das nicht so schön. Ich könnte daher und natürlich auch unabhängig davon mal wieder eine Dusche gebrauchen, aber damit wird es wohl vor der Überfahrt nix, und auf der Fähre dürfte es angesichts der Kürze der Reise auch keine Duschen geben. Na ja, wenigstens die Haare werde ich mir vorher mal waschen. Auf einem der höchsten Punkte des Berges steht ein Brunnen, und dort verschaffe ich mir ein einigermaßen öffentlichkeitstaugliches Aussehen. Rasieren wird erst auf der Fähre was.
Viel Zeit fürs Frühstück, diverse Aufbaumaßnahmen oder sonstigen Müßiggang bleibt mir heute nicht. Die Fähre wird pünktlich fahren – wenigstens muss ich das unterstellen – und keine Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse nehmen. Ich kann sie von hier oben schon sehen. Also keine Experimente mit alternativen Routen für die Abfahrt, sondern rasch zum Hafen!
Am Ticketschalter trifft mich angesichts des Preises der Schlag. Das ist ja schon fast so viel wie die Überfahrt von Helsinki nach Travemünde 1996! Und es ist wieder eine Diskriminierung gegenüber Kraftfahrzeugen, die für ein Kilo wesentlich weniger bezahlen müssen als ich. Aber es ist eine Hochgeschwindigkeitsfähre, und der enorme Spritverbrauch muss eben bestraft werden. Allerdings hätte ich wohl kaum eine Alternative gehabt. Es scheint so, als seien nur noch schnelle Fähren zwischen Korsika und dem Festland unterwegs. Eine langsamere hätte ich mir also gar nicht aussuchen können. Und wenn es eine Übernachtfahrt wäre, müsste ich wahrscheinlich für eine Kabine oder zumindest ein Schlafregal bezahlen. Angesichts dieser Auslagen überschlage ich mein Budget für Korsika. Mit Vier-Sterne-Hotels wird’s sicherlich nichts auf der Insel. Wird’s denn noch was ohne sie? Denn wer weiß, ob dort eine Bank ist, die mir auf die Postbankkarte Geld gibt. Nun, wenn alle Stricke reißen, dann muss halt die Visa-Card ’ran.
Das Einfahren auf das Fahrzeugdeck ist immer eine Prozedur, die etwas ähnlich Unangenehmes hat wie das Ein-, Um- und Aussteigen auf Flughäfen. Alles ist dreckig, laut und stinkt. So sieht es zwar auf Flughäfen weniger aus, aber auch dort muss man von einem Ort zum anderen, das häufig umfangreiche Handgepäck immer im Schlepp. Also, der Vergleich hinkt irgendwie, aber beides gefällt mir nicht, und die Flughäfen sind halt das Erste, was mir dazu eingefallen ist.
Tatsächlich legt die Fähre einigermaßen pünktlich ab. Und sie macht wirklich Dampf. Schon bald verliert sich die Stadt und die Côte d’Azur im Dunst. Vorne ist Korsika allerdings noch nicht zu sehen. Ich kümmere mich um meine Rasur und gewinne dadurch ein einigermaßen zivilisiertes Aussehen, wobei man sich über die Klamotten sicherlich streiten kann, denn der Hose sieht man die bisherige Reisedauer auf jeden Fall schon mal an.
Die Überfahrt ist solange verlorene Zeit, wie ich nur in den Salons herumhocke. Also frühstücke ich erst mal ausgiebig. Das wäre sowieso notwendig gewesen. Und da das Wetter so toll ist, gehe ich natürlich auch mal nach draußen, schaue mir das schäumende Wasser am Heck an oder den Bug, der mit vielleicht 40 Kilometern pro Stunde fortwährend riesige Wassermengen zur Seite prügelt. Diese gewaltige Kraft, dieses große Schiff, das ist schon etwas Unnatürliches. Ich schaue mir die Korsikaroute an. Die habe ich damals separat geplant, und daher weiß ich, dass es gut 1400 Kilometer werden. Keine große Sache, neun oder zehn Tage werde ich dort sein, und dann werde ich die Insel wieder verlassen und möglicherweise nie wieder dorthin zurückkehren, weil die Route so beschaffen ist, dass tatsächlich so gut wie alle grün markierten Straßen »abgefahren« sind. Bislang war noch keine ferne Auslandsroute so toll, dass ich ihretwegen in dieses Land zurückgekehrt wäre. Es gibt immer noch Regionen, in denen ich bis dahin überhaupt noch nicht war, und die ich deshalb bevorzuge. Und so mag es auch Korsika gehen. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt? Wer weiß, wie das Land überhaupt beschaffen ist? Aber das werde ich ja in Kürze erfahren.
Und dann ist Land in Sicht. Den Silberstreif am Horizont habe ich gar nicht mitbekommen. Korsika ist plötzlich da, Horizont füllend, heiß, trocken, schattenlos, flirrende und diesige Luft – so, wie man sich ein heißes Land unter der Sommermittagssonne vorstellt. Und kurz darauf legt die Fähre an, und wieder kommt mir das Flugzeug in den Sinn. Man kann keineswegs aussteigen, wenn der Flieger das erste Mal steht. Da muss noch manövriert werden, da müssen Gangway oder sonstige Vorrichtungen an das Flugzeug herangekarrt werden, und kaum irgendwo wird mit solcher Exklusivität auf ein Flugzeug gewartet, dass sich dann sofort das ganze Personal auf genau diese Maschine stürzt, um alles für das Aussteigen herzurichten. Hier ist es etwas anders. Trotzdem muss die Fähre erst die richtige Position einnehmen, vertäut werden, dann die Heckklappe öffnen… Na ja, was alles so dazugehört. Ich packe meine Siebensachen, und trotzdem bin ich nicht der Erste, der das Schiff verlässt. Es gibt jetzt im Grunde nur eine Möglichkeit, dem Trubel zu entkommen: Irgendwo anhalten und warten, bis sich die Autoschlange verlaufen hat. Eine zweite Möglichkeit geht auch noch: Man fährt mit der Schlange, bremst sie aus, lässt sie an breiteren Stellen auch mal stückchenweise an sich vorbei und atmet ohne Ende und in mittelprächtigen Dosen Abgase ein. Eine dritte Variante schließlich funktioniert nur kurze Zeit: Man lässt sie hinter sich, vollständig und keuchend. Pragmatisch, wie ich bin, entscheide ich mich für den zweiten Weg. I’lle-Rousse ist kein großer Ort. Sobald ich auf der Nationalstraße bin, verliert der Bauch der Fähre voller Autos an Bedeutung. Hier ist Platz und kein Gegenverkehr. Die Autos fahren in fünf Richtungen aus dem Dorf, wahrscheinlich die meisten in meine Richtung.
Als ich nach acht Kilometern ins Inland abbiege, ist der Trubel im Großen und Ganzen vorbei. Jetzt wird sich zeigen, wie die Insel auf den zweiten Blick beschaffen ist. Es geht flach bergan. Es ist wirklich auffällig, wie flach die Auffahrt ist. Der Norden der Insel ist sehr trocken. Ich kann nicht verstehen, was all die Urlauber so toll an Korsika finden. Da muss es noch mehr geben als diese Halbwüste, sonst würde doch kaum einer hier seinen Urlaub verbringen. Während ich den Hang hinauffahre, betrachte ich rechts das Panorama. Hinten liegt der Hafen im Dunst, weiter vorn, ziemlich genau rechts von mir, sehe ich am Horizont einen See, einen Stausee vermutlich. In dieser Hitze sieht das richtig unwirklich aus. Und dann ist da noch eine Eisenbahn. Also, Gleise wenigstens. Es ist eine Schmalspurstrecke, aber weit und breit ist kein Fahrzeug zu sehen. Scheint wohl nicht häufig befahren zu werden. Auch die Haltepunkte sehen aus wie zuletzt von Guerillakämpfern besucht: Demoliert, verschmiert. Die korsische Unabhängigkeitsbewegung scheint sich so oft wie möglich zu verewigen.
Mit Belgodère passiere ich das erste Bergdorf. Außer einer Gendarmeriestation sehe ich dort allerdings nichts von Bedeutung. Wenig später erreiche ich den ersten Pass. Was daran allerdings ein Pass ist, bleibt für mich unklar. Aus meiner Sicht ist es einfach nur eine Kurve auf einer Straße, auf der ich nach wie vor dem so genannten Pass bergauf fahre. Eine gute halbe Stunde später erreiche ich allerdings tatsächlich einen Pass in knapp 700 Meter Höhe. Das wäre also das erste Stück Arbeit des heutigen Tages gewesen. Vor mir liegt jetzt eine 20 Kilometer lange Abfahrt.
Auch hier ist die Landschaft trostlos trocken. Zwar gibt es laut Karte einen Bach oder sogar einen Fluss, aber der scheint zwischendurch immer mal wieder zu versickern. In seiner Nähe stehen vereinzelt Rinder, nicht eingezäunt, manchmal auch auf der Straße herumstreunend. Die haben’s hier nicht gut – nur eine ziemlich uneingeschränkte Freiheit. Jetzt begegnen mir auch wieder die Gleise. Sie scheinen die Bergspitze an einer anderen Stelle überwunden zu haben und streben nun ebenfalls in Schlängellinien dem Tal zu.
Vier Kilometer vor Erreichen der Straße zu den Gorges de l’Asco, die ich mir anschauen möchte, mündet mein Weg auf die Hauptstraße, auf der vermutlich ein Großteil des Verkehrs ins Innere der Insel strömt. Diese Straße ist neuer, breiter, kürzer, führt nicht so weit in die Berge, hat für mich nur den Nachteil, dass sie laut Karte landschaftlich nichts zu bieten hat. Darum bin ich lieber durch die Berge gefahren.
Die Stichstraße beginnt auf etwa 200 Metern Höhe. Sie endet in 1361 Metern Höhe. Da ich denselben Weg wieder zurück fahren muss, beschließe ich, den nicht benötigten Teil meines Gepäcks irgendwo zu verstecken und einigermaßen unbeschwert in die Berge aufzubrechen. Nach fünf Kilometern noch einigermaßen flacher Fahrt finde ich ein verlassenes Gebäude, eher eine Ruine, und in dessen Keller stelle ich meine Taschen. So fährt es sich schon um einiges leichter. Hier ist die Landschaft auch wesentlich grüner; Korsika wird mir als Urlaubsziel allmählich verständlicher.
Die schmale Straße könnte auch zu einem Pass führen. Es geht anständig bergauf. Das Ziel ist nicht zu sehen, nicht einmal, wie die Szene in drei Kilometern aussieht, weil die Route sich durch ein enges Felstal windet, und rechts oder links davon noch einmal tief unten der Fluss. Das wäre jetzt mal eine Chance, ein Bad zu nehmen. Das Wasser ist immerhin nicht salzig, und schön kühl dürfte es außerdem sein. Also, worauf warte ich noch? Auf eine Stelle, an der der Fluss mal nicht ganz so tief im Tal liegt, so dass ich schnell unten und schnell wieder oben bin. Nach einer Weile bietet sie sich. Da unten sind zwar schon zwei junge Männer, aber die stören mich nicht. Sie verhindern lediglich, dass ich ein Vollbad nehme. Stattdessen steige ich kurz entschlossen bis zum Schritt in die klaren Fluten, wobei das Wasser hier, in einer Senke, eher ruhig dahinfließt. Die Unterhose will ich mir dann doch lieber trocken halten, sonst wird das nix mit der Weiterfahrt. Nach einer Weile erreiche ich Asco, wobei die Straße den Ort nur streift, und dann oberhalb desselben weiter in die Berge führt. Ich muss feststellen, dass ich hier erst etwa ein Drittel der Höhe erklommen habe. Von allein fährt ein Fahrrad ohne Gepäck also auch nicht.
Die Vegetation ändert sich, Nadelbäume bedecken das jetzt breitere Tal; weiter oben sind sie kleiner und stehen vereinzelter. Zwar kann ich das Ziel nicht erkennen, aber dafür Berge, an deren Hängen Schnee liegt. Na bitte, das hat doch was. Im Mittelmeer! Das muss man sich mal klarmachen. Zwar haben wir noch nicht Hochsommer, aber der längste Tag des Jahres ist nur mehr eine Woche entfernt.
Vereinzelt steigt die Straße jetzt ziemlich steil an. Da macht es sich gut, statt 120 nur gute 90 Kilogramm schleppen zu müssen. So kann ich übertriebene Anspannung vermeiden und mich noch an diversen Schnörkeln der Straße ergötzen, die meiner Ansicht nach nicht besonders realistisch auf der Karte erfasst sind. Aber im Maßstab 1:200000 ist eben nicht alles möglich.
Nach einer letzten Doppelkurve erreiche ich einen großen, zum Tal hin abfallenden Platz. Rechts und links am oberen Ende stehen ein paar Häuser, dahinter ein paar Wirtschaftsgebäude. Ich fahre heran und stelle das Fahrrad ab. Jetzt darf ich mir wohl erst mal eine Mahlzeit gönnen. Das waren schließlich keine Peanuts. Das rechte große Haus ist so etwas wie eine Winterherberge. Eine ganze Serie von Emblemen und Plaketten soll dokumentieren, wie bedeutend das angrenzende Skigebiet ist. Die weiße Pracht ist jetzt aber wohl nirgends für eine Abfahrt geeignet. Nur oben auf der Nordseite der Felshänge sind noch ein paar Quadratmeter übrig geblieben. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier im Winter tatsächlich mächtig was los ist. Der Platz macht einen abgenutzten Eindruck. Ich trete die Rückreise an. Das dürfte ja nun relativ einfach gehen, denke ich mir.
Es geht auch einfach. Und schnell. Nach wenigen Minuten habe ich eine lange, gerade, abschüssige Strecke vor mir und komme rasch in Fahrt. Da taucht von vorn hinter einer Kurve ein Geländewagen auf. Der Kerl muss besoffen sein! Oder schläft der?! Er fährt von seiner Spur aus geradewegs auf mich zu. Er fährt nicht links, so dass ich ihm ausweichen könnte, indem ich ebenfalls links fahre – nein, er »driftet« langsam, aber doch zügig fahrend, direkt auf mich zu und lässt mir praktisch nur den Straßengraben als einigermaßen kollisionsfreien Raum. Der scheidet jedoch aus, weil ich bei diesem Gefälle nicht so schnell von knapp 50 km/h zum Stehen komme. Mit dieser Geschwindigkeit wäre es im Grunde einerlei, ob ich auf seinem Kühler oder im Geröll lande. Mir bleibt allerdings genug Zeit, um kräftig Adrenalin auszustoßen. Nicht im letzten Moment, aber doch auch nicht allzu weit davor kehrt der Fahrer auf seine Spur zurück. De facto hat das Ganze vielleicht vier, fünf Sekunden gedauert. Jetzt halte ich erst mal an, um mich wieder zu beruhigen. So ein Arschloch! Der soll mal wieder vorbeikommen! Diese »Begegnung« beschäftigt mich noch den ganzen Abend, und ich überlege, wie ich dem Kerl seine Rücksichtslosigkeit heimzahlen könnte, aber viele Möglichkeiten habe ich nicht, und ernstzunehmende aus sicherer Position eigentlich gar keine.
Auf der weiteren Fahrt habe ich keine gefährlichen Begegnungen mehr, lediglich durch Asco fahre ich in der falschen Richtung, diesmal nämlich durchs Dorf entgegen der Einbahnstraße. Na, und irgendwann habe ich wieder mein Gepäck vollständig an Bord, und schließlich bin ich wieder an der Hauptstraße und wenige Minuten später in Ponte Leccia. Auf der Landkarte sieht der Ort unscheinbar aus, ein wirklich kleines Dorf. Tatsache ist jedoch, dass drei wichtige und zwei weniger wichtige Straßen hier zusammentreffen, und sich zusätzlich ein Supermarkt hier befindet. Wahrscheinlich kommen die Menschen von über 1000 Quadratkilometern hier zumindest hin und wieder zum Einkaufen. Außerdem ist hier die (einzige) Verzweigung der Eisenbahn Koriskas. Insofern darf man der Siedlung durchaus etwas Städtisches zubilligen.
Auf einer der weniger wichtigen Straßen in Richtung Piedicroce und Cervione und schließlich zur Küste, jedenfalls »querbergein«, verlasse ich den Ort. Hier ist am Sonntagabend nicht viel los. Es geht sogleich in die Berge. Etwas anderes bleibt angesichts des Geländes auch nicht übrig. Die Strecke ist als landschaftlich schön ausgewiesen, aber so toll ist das hier nicht. Freilich, ganz nett, am besten ist noch der Blick auf die Silhouette des Bergmassivs um den Monte Cinto, den höchsten Berg der Insel, von dessen Gipfel ich in Haut-Asco gerade mal vier Kilometer entfernt war. Eine Reihe von Spitzen erinnert an Silhouetten in den Dolomiten.
Die Auffahrt ist aber moderat, praktisch immer an der Wand lang, wobei auch die »Wand« nicht gerade steil ist. Es ist nur absolut kein Ende zu erkennen, aber das jetzt schon zu erwarten, wäre angesichts der Verworfenheit des vor mir liegenden Massivs und der noch vor mir liegenden Höhe auch vermessen. Also kurbele ich so vor mich hin. Immer wieder trotten Kühe an der Straße entlang. Auch Viehzäune finden sich rechts und links der Straße, und das eingezäunte Gelände ist trostlos kahl. Da ist nichts mehr zu fressen, rein gar nichts. Hier muss gefüttert werden – oder zum Freigang geöffnet.
Die Dämmerung schreitet voran, im nächsten Ort, der noch ein ganzes Stück bergauf entfernt liegt, muss ich etwas finden – muss! Allerdings besteht das Dörflein bestenfalls aus ein paar Häusern, denn der Ortsname ist auf der Karte weit größer als die schwarzen Vierecke, die Besiedlung andeuten sollen. Na ja, lasse ich mich halt überraschen.
Als ich mit hereinbrechender Dunkelheit tatsächlich die ersten Häuser erreiche, kommt mir wieder in Erinnerung, dass heute Europawahl ist. Da ist ein Wahllokal, und es ist noch offen. Aber nach Wählen steht mir im Moment nicht der Sinn, ginge hier auch nicht ohne jegliche Wahlunterlagen. So was macht man ja per Briefwahl vor Antritt des Urlaubs. Wo kriege ich jetzt hier… ein Zimmer? Oder auch sonst was. Da steht ein Haus, das glatt ein Gästezimmer haben könnte. Ich stelle das Rad ab und trete zögernd an das Grundstück heran. In einem großen Zimmer ist Licht, und hier draußen ist es immerhin noch so hell, dass mich die Anwohner wahrnehmen und vor die Tür treten. Ich grüße und frage, ob hier eine Übernachtungsmöglichkeit besteht. Ich habe den Eindruck, dass die Frau des Hauses verneint, und das ist glaubhaft, denn die Leute hinter ihr sehen nicht aus, als würden sie zur Familie gehören, jedenfalls sind sie so zahlreich, dass das Haus als voll gelten kann. Aber natürlich können das auch Ressentiments gegenüber Fremden sein, die kaum Französisch sprechen. Ist jedoch letztlich egal. Ich will zum Fahrrad zurückkehren, da fragt der Mann des Hauses, was ich will. Vielleicht hat er es nicht verstanden, und höflich wiederhole ich meine Frage. Die Frau sagt jetzt deutlicher, dass nichts zu machen ist. Der Mann hat meine Frage noch immer nicht verstanden. Dieser taube Kerl! Soll er halt seine Frau fragen; die hat’s doch offensichtlich verstanden. Hier also nicht. Ich fahre weiter, weiter bergauf. Nach einer Rechtskurve ist der Ortsausgang erreicht. Ich inspiziere das letzte Gebäude, in dem momentan offensichtlich niemand zu Hause ist. Aber es macht einen ziemlich gut verschlossenen Eindruck, und auf das Grundstück, das ohnehin keinen attraktiven Schlafplatz bietet, ist auch schlecht zu gelangen. Einfach über den Zaun klettern ist im Ort schon sehr blöd. Und das ganze Fahrrad kann ich sowieso nicht mitnehmen. Ist also alles zu sehen, jederzeit. Scheidet aus. Ich kehre wieder zurück in den Ort. In der Kurve von vorhin ist eine Abfahrt, hin zu einigen höher gelegenen Häusern, von denen eins ein Museum ist. Hier wird ein für Korsika vor langer Zeit einmal sehr wichtiger Mann geehrt. Das interessiert mich um diese Zeit und unter diesen Bedingungen allerdings nur am Rande, muss ich gestehen. Viel wichtiger ist mir ein Schlafplatz. Das kleine Kirchlein dort, offenbar nicht mehr als solches in Benutzung, ist nicht betretbar. Alles verrammelt. Das Museum selbst natürlich auch. Zwischen beiden Gebäuden liegt eine Wiese. Die könnte es zur Not sein, wenn das Wetter sich nicht verschlechtert. Sie ist auch nicht von der Straße einsehbar, und wer mich dort überhaupt sehen will, muss sich schon bis auf wenige Meter nähern. Na ja, ein würdiger Empfang auf Korsika ist das nicht so direkt, aber wer in die Pampa fährt, muss in der Pampa übernachten. Ich lege mein Zeug ab und erforsche die Kirschbäume auf der Zufahrt zum Museum. An die untersten Zweige komme ich heran, und es stellt sich heraus, dass die Früchte außergewöhnlich schmackhaft sind. Es beginnt ein Gelage, bei dem ich vergesse, auf die Uhr zu schauen. Ohne Ende stopfe ich mich voll, solange noch Kirschen einigermaßen ohne Flurschaden erreichbar sind. Hinaufklettern müsste man, da hängen sie offensichtlich viel dichter, aber das ist hier gar nicht so einfach, ohne die Klamotten zu ramponieren. So muss ich also mit den »niedrigen Trauben« auskommen. Irgendwann denke ich mir dann, dass ich jetzt vielleicht doch schlafen gehen sollte, weil es unangenehm werden könnte, wenn mich am frühen Morgen doch jemand mitten im Ort schlafen sehen würde. Ich muss ja nicht unbedingt negativ auffallen. Und so breite ich die Isomatte aus, verkrieche mich im Schlafsack und finde den Schlafplatz sehr schnell schön individuell, reisegerecht, sogar bequem und natürlich nebenbei unschlagbar günstig.
14. Juni
Morosaglia – D71 – Col de Prato – Piedicroce – Col d’Arcarotta – Ortale – Saint Andréa-di-Cotone – D517xD17 – Chiatra – D17xD117xD16 – Matra – Pianello – Col de Casardo – D16xD339xD39 – Bustanico – Carticasi – San Lorenzo – D39xN193 – Ponte Leccia – Corte (151 km)
Die Nacht verlief nicht ohne Störungen. Ich bekam Besuch: Von einem Pferd und mindestens einer Kuh; die Tiere scheinen rund um die Uhr auf der Suche nach etwas grünem zu sein. Auch »meine Wiese« ist da nicht gerade ein Geheimtipp, aber die Viecher scheinen zumindest im Sommer nicht sehr anspruchsvoll zu sein. In schwacher Erinnerung an einen Gandhi-Film hoffte ich darauf, dass die großen Tiere auf keinen am Boden liegenden Menschen treten, was ja durchaus hätte verheerend sein können. Aber sie nahmen mich offensichtlich wahr und ließen mich in Ruhe, was jedoch aufgrund des harten Bodens nicht verhindern konnte, dass ihr Hufschlag mich weckte.
Insgesamt war es jedoch eine stille Nacht, und der Morgen scheint genauso still zu bleiben. Zwar ist die Sonne schon aufgegangen, bleibt aber noch hinter den Bergen verborgen. Ein bisschen was an Kletterei liegt schon noch vor mir. Ich packe meine Schlafrolle zusammen, frühstücke ein paar Happen, und … – also, die Kirschen sind ja noch längst nicht alle, und wer weiß schon, wo ich heute im Laufe des Tages mal wieder ein paar Vitamine angeboten kriege. Also lasse ich mir mit dem Aufbruch Zeit, zumal kein Mensch auf der Straße auftaucht. Zwar hängen die verbliebenen Früchte jetzt natürlich noch etwas höher als in der Nacht, und im Grunde könnte mich jetzt jeder sehen, aber es ist wie gesagt niemand da. Und so genehmige ich mir erneut ein Festmahl.
Langsam geht es los, nachdem ich mich in den Sattel geschwungen habe. Der Berg ist zwar nicht sehr steil, aber doch deutlich als solcher spürbar, und morgens ist das nicht der ideale Start. Auch wieder oder immer noch auf den Beinen sind meine nächtlichen Besucher, Kühe an fast jeder Kurve und natürlich auch deren nur auf Korsika so trockene Fladen, die schon fast an Pferdeäpfel erinnern. Milch ist mit solchem Vieh wahrscheinlich nicht zu machen.
Landschaftlich allerdings macht die Strecke was her. Als ich nach einer Weile den Pass erreicht habe, senkt sich die Landschaft halb zu meiner Linken in enorme Tiefen. Da kann an sich nicht mehr viel bis zur Meereshöhe fehlen. Ein riesiges Panorama breitet sich aus. Zwar überschaubar in ihrer Zahl, aber doch scheinbar wahllos hingestreut lugen hier und dort kleine Siedlungen und manchmal auch nur eine einzelne Kirche mit hohem Turm aus dem Busch- und Waldland hervor. Wie konnten die nur auf die Idee kommen, ausgerechnet dort, wo sie nun einmal waren, ein Dorf hinzubauen? Von hier oben für jeden sichtbar, und ansonsten nur schwer zu erreichen. Davon zeugt ein Gedärm von Wegen und Straßen, das überwunden werden muss, um von unten hier hoch (oder umgekehrt) zu gelangen. Zwischendurch gibt es hier und da Abzweige zu den Häusern. Ob nicht das eine oder andere Dorf schon verlassen ist? Von hier oben ist keine Bewegung und kein Mensch zu erkennen, höchstens mal ein Auto auf einer der Straßen. Wovon lebt man heutzutage in solch einer Gegend?
Diese Szene bleibt zu meiner Linken. Meine Strecke verläuft jetzt stetig am Hang, mit ganz leichtem Gefälle. Hier ist gut Fahren. Für Piedicroce macht sie einen großen Schlenker. Ich sollte mal zusehen, dass ich was zu Futtern kriege. Kirschen sind nicht sehr nahrhaft, und meine Picknickkörbe sind im Grunde alle. Was da noch bleibt, reicht für nicht mal einen halben Tag, hinzu kommen Honig und meine Leistungsreserven, vielleicht zwei Kilo Powerbar. Im Prinzip langt das für mehrere Tage, allerdings ist es kein Nahrungsmittel wie Brot oder Nudeln, sondern eher eine Ergänzung für die ganz harten Auffahrten oder Gegenwinde, und so ist es auch eingeplant. Allein – im Ort ist alles geschlossen. Zu! Mir fällt ein, dass heute Montag ist. Ah, da ist also erst am Nachmittag mit offenen Geschäften zu rechnen. Na gut, dumm nur, dass dieses mittelgroße Dorf heute wohl die größte Ortschaft sein wird, durch die ich komme. Wer wird heute Nachmittag noch in einem der letzten Nester was zum Verkauf anbieten? Und überhaupt, wo kaufen die Dörfler ein, wenn sie was brauchen? Machen sie dann immer gleich die ganz große Tour nach Ponte Leccia, immerhin 30 Kilometer die einfache Strecke? Oder kommt der Bäcker und der Fischhändler und der Fleischer und wer sie alle sind… kommen die hier durch, so als fliegender Händler? Einerlei, jetzt gibt’s weder immobil noch auf Rädern etwas. Ich muss also so weiter. Indes trifft diese Knappheit zusammen mit dem Aufstieg zum nächsten Pass. Zwar sind es nur 170 Meter, und noch habe ich keinen Hunger. Aber ich weiß, dass Feierabend ist, wenn der sich einmal eingestellt hat. Was also tun?
Oben am Pass steht ein Restaurant. Es widerstrebt mir, dort einzukaufen oder essen zu gehen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob dort heute überhaupt gekocht wird, so verlassen, wie es aussieht. Aber es ist immerhin offen und ohne Gäste. Wer Hunger hat, kann dennoch essen: Schinken, produits régionaux. Die Preise sind gesalzen, und davon abgesehen ist Fleisch auch nicht gerade das, was mich jetzt besonders schnell wieder fit macht. Ich frage nach Schokolade, Brot (Baguette) oder ähnlichem. Croissants hat die Frau im Angebot, und sie verlangt Feiertagspreise. Ich bezahle, und sie stellt mir eine Schale voll hin. Ach so, denke ich mir, ja, dann sind sie wohl doch eher günstig. Bevor ich zum zweiten Stück greife, frage ich aber lieber noch einmal nach, und Madame beraubt mich meiner Illusionen. Nein, das war scheinbar nur ein Marketing-Geck. Hätte ja sein können, dass bei Monsieur der Appetit beim Essen kommt. Keine Sorge, der wäre schon da gewesen, aber so viel Wirtschaftsförderung überlasse ich dann doch lieber anderen Stellen. Und nun? Soll ich jetzt Wasser und Honig mischen? Aber wer weiß, die Mittagszeit bricht an. Vielleicht kommen in wenigen Stunden volle Auslagen auf die Straße. Ich fahre weiter, und das stellt sich einigermaßen leicht dar, weil es am Hang entlang – der diesmal links liegt – leicht abwärts geht.
Auf der gegenüber liegenden Seite des Tals verläuft ebenfalls eine Straße. Auch sie neigt sich leicht dem Meer zu. Einmal angenommen, ich wollte hinüber, wie weit wäre das wohl auf befestigten Wegen? Aber auch diese Seite macht von einem Buckel des Hangs zum nächsten ordentliche Umwege. Und die Straßenbauer scheinen einen ausgeprägten Sinn für Ökonomie besessen zu haben. Anstatt jedes Seitental auf exakt gleich bleibender Höhe bis in den letzten Winkel zu verfolgen, um dann auf dessen anderer Seite wieder hervorzukriechen, fahren sie ein Stückchen bergab, um so auf kürzerem Wege die Stelle zur Überquerung der Talsohle zu erreichen, und auf der anderen Seite geht’s dann natürlich wieder hinauf. Diese Höhenunterschiede sind nicht gewaltig, oftmals zwischen fünf und vielleicht 30 Metern, aber einfach nur Rollen ist auf diese Weise nicht drin. Außerdem passen diese »Unebenheiten« nicht zu meinem Fahrstil – ich muss mich an einen Berg gewöhnen, dann kann ich damit umgehen, aber bis mir das hier gelingt, ist er schon vorbei –, und schließlich und vor allem habe ich ein undeutliches Gefühl von Hunger. Ich kann es nicht beschreiben. Es ist völlig anders, als wenn ich ohne Frühstück ins Büro fahren würde und nach vier Stunden Hunger aufs Mittagessen hätte – richtigen Hunger, der mit einem richtigen Teller voll Essen richtig gestillt ist. Es ist irgendwie undefiniert, und auf der anderen Seite hänge ich auch nicht total in den Seilen, aber so viel ist sicher: Jetzt zwei Baguettes, vielleicht noch eine oder zwei Tafeln Schokolade, und der Tag wäre viel schöner – obwohl die Sonne an sich ihr bestes gibt.
Rechts im Tal wird ein Stausee sichtbar. Türkis schimmert seine Oberfläche im Sonnenschein. Woher kommt bloß die Farbe? Der Himmel hat doch ein anderes Blau. Und blaues Gestein wäscht das Wasser hier sicherlich auch nicht aus den Bergen. Aber wer weiß, vielleicht Kalk, und wenn das Licht auf den Kalk fällt, bricht es sich irgendwie. Was weiß ich? – Laut Karte muss ich über die Staumauer des Sees auf dessen andere Seite fahren. Jetzt ist also klar, wie tief hinab die Fahrt über dieses Tal führen wird. Es bleibt gewiss nicht das letzte. Auf der anderen Seite des Tals, schräg vor mir, direkt hinter bzw. über dem See ragt eine Kirche über dem Berg auf. Drumherum gruppiert sich eine Siedlung. Das könnte Chiatra sein. Laut Karte muss ich da durch. Die Häuser liegen gewissermaßen auf einem Sattel, das heißt, das Bergmassiv kommt von rechts und bäumt sich noch einmal links vom Dorf auf, bevor es zum Stausee hin abstürzt.
In San-Giuliano ist Wendepunkt. Dies ist wieder eine Siedlung, in der am Montag einfach nichts zu kriegen ist. Ich hole den nächste Power-Bar aus meiner Tasche. Die Dinger müssen schließlich auch alle werden, und bislang habe ich nicht der gefahrenen Strecke entsprechend Gebrauch davon gemacht. War bisher vielleicht zu leicht. Aber das kann ich eigentlich nicht sagen, und außerdem kann man zwei Kilogramm Kraftfutter oder was auch sonst als zusätzliche Last nicht einfach in den Skat drücken, wenn es an die Grenzen der Gangschaltung geht. Vor mir wird im Dunst das Meer sichtbar. Aber nur kurz; ich biege scharf rechts ab und holpere eine miserable, steile Straße hinab. Es geht wahrhaftig über Stock und Stein, und schließlich erreiche ich die Mauerkrone des Sees. Von hier unten ist die Farbe des Wassers weniger inspirierend. Umso aufregender ist der Weg am anderen Ende der Mauer: Es könnte glatt eine Teststrecke sein, aber ich muss den Michelin-Leuten zugestehen, dass sie aus dem Zustand der Piste kein Geheimnis gemacht haben. Auch einen Doppelpfeil haben sie spendiert, um mir zu signalisieren, dass es happig wird beim Aufstieg. Erst mal kommt ein ungemütliches Auf und Ab, aber dann setzt sich das Auf eindeutig durch. Ich muss sehen, dass das Hinterrad auf dem Schotter nicht durchdreht. Jetzt habe ich auch die Wendung vollzogen, fahre also quasi wieder zurück, habe Chiatra vor mir und das Meer im Rücken.
Der Berg fordert seinen Tribut. Obwohl die Straße besser wird – hier ist sogar ein kleines Team gerade damit beschäftigt, sie auszubessern –, ist der Aufstieg keine Bagatelle, zumal die Sonne heiß vom frühen Nachmittagshimmel herab brennt. Nun gehen mir auch noch die Getränke aus! Da ist ja dann gleich ganz Feierabend. Aber Wasser dürften die Leute dort oben wohl hoffentlich haben.
Haben sie. An der Ortseinfahrt steht ein Brunnen, und ich tanke erst mal auf. Dazu wieder einen Energieriegel. Wenn ich die Dinger mal für heute zur Notreserve erkläre, erfüllen sie sofort eine wichtige Funktion. Aber ich hätte schon gerne mal wieder etwas anderes. Ob das allerdings an diesem Tag noch was wird, halte ich eher für zweifelhaft.
Der Streckenverlauf bis zurück zur N193 wird abenteuerlich. Es bereitet Mühe, ihn auf der Karte zu verfolgen, und auch die Distanz ist nicht so einfach zu ermitteln. Geradegezogen dürfte die Route glatt doppelt so lang sein. Hinzu kommt ein absolutes Sammelsurium von Straßennummern, -breiten und -qualitäten. Nur die ganz breiten fehlen. Es dürfte aber noch einige Male über Schotter gehen. Nun, ich werde ja sehen, wie viel Mountainbike ich unter mir habe. Den Reifen traue ich nach den bisherigen Erfahrungen noch allerhand zu. Keine Panne bisher, toi, toi, toi.
Es kostet einige Zeit, bevor ich wieder in die Gänge komme. Auch ist Chiatra (siehe die Sattelansicht oben) keineswegs der höchste Punkt des Massivs. Jetzt geht’s jedenfalls erst mal nach Moïta… Also, Namen haben die hier. Das ist doch alles nicht französisch. Wann kam Korsika wohl »heim ins Reich«? Aber Geschichte ist nicht gerade meine Stärke. Ich habe keine Ahnung. – Während des Aufstiegs studiere ich Fauna und Flora. Die Landschaft sieht irgendwie zerfranst aus. Als hätte hier mal ein Urwald gestanden (wird bis zu den Römern sicherlich auch so gewesen sein), der dann nicht vollständig kahlgeschlagen wurde. Vereinzelt oder auch mal dichter stehen durchaus respektable Bäume an der Straße und in der Gegend, aber meist ist es hohes Buschwerk. Und die Fauna? Also, hier müssen mal Schafe langgezogen sein. Oder so was Ähnliches. Jedenfalls haben sie ihre Losung hinterlassen, und die ist interessant, nämlich für Mistkäfer. Also, vielleicht sind das auch keine Mistkäfer, aber in einem Biene-Maja-Heft gibt es eine Figur, die Kurt Mistkäfer genannt wird und meist eine große Mistkugel vor sich herrollt. Ob diese Käfer hier genauso aussehen, vermag ich während der Fahrt nicht zu beurteilen, aber sie rollen jedenfalls die Kugeln der Losung über die Straße. Es sind, um genauer zu sein, immer zwei, die sich um ein solches Stück balgen, und weil die Straße für sie irgendwohin abschüssig ist – für mich führt sie aufwärts, darum bin ich für solche Beobachtungen langsam genug –, rollen sie bald auf der Ober-, bald auf der Unterseite der Kugel, und wer letztlich gewinnen wird, bleibt natürlich offen. Dieses Bild sehe ich einige Male, aber es ist das erste Mal, dass ich das life beobachte.
Der Pass kommt, und dort steht ein Kirschbaum. Da hält mich natürlich nichts. Fast jede Abwechslung auf dem Speiseplan ist mir jetzt recht, auch wenn da ein Haus steht, zu dem der Baum ganz sicher gehört. Ich halte mich am Rand des Baums. Da könnte man unter Umständen noch über die Grundstücksgrenze streiten, aber letztlich ist das ein schwaches Argument. Früher hätte man einfach Kirschen klauen gesagt. Aber da soll’n sie halt ihr Zeug ernten und nicht auf dem Ast verfaulen lassen. Diese Gefahr ist zwar noch nicht akut, aber reif sind die Früchte. Da könnte man sie eigentlich pflücken. Und darum tue ich das, um zu retten, was noch zu retten ist.
In einem der nächsten Dörfer begegne ich einem Mountain-Biker. Er steht da so, und deshalb halte ich an. Er spricht mich gleich auf Deutsch an. Nun sag mir doch mal einer, wieso! Der Mann könnte Mitte 50 oder auch schon 60 sein, und was er da macht, ist bestenfalls ein Tagesausflug. Sein Gepäck ist sehr spartanisch. Er spricht von Problemen mit seiner Kette. Ich erkläre mich bereit, mir das mal anzusehen, aber wie er vor mir eine Runde dreht, um mir das Phänomen vorzuführen, passiert nichts Auffälliges, und so erkenne ich natürlich auch keinen Handlungsbedarf. Er erzählt mir, sein »Basislager« sei unten am Strand, ein Wohnmobil. Seine Familie und die eines Freundes kämen seit Jahren hier her. Fahrrad fahre er auf Anraten seines Arztes, seit er sich die Gelenke mit Skilaufen verdorben habe und nun zur Hälfte künstlich sei; er habe schon versucht, seinen Freund anzurufen, aber hier sei wohl gerade Funkschatten – schadenfroh denke ich: Scheiß-Handy!
Nachdem ich nun wieder ein paar Höhenmeter abgegeben habe, geht es erneut in die Höhe. Ich komme jetzt besser damit zurecht und denke mir Geschichten aus, wen ich hier oben so aus meiner Erlanger Bekanntschaft treffen könnte und wie die wohl darauf reagieren würden, mich unter so »unbürokratischen« Verhältnissen vorzufinden. – Ein Rettungshubschrauber jagt dicht vorbei. Mensch, bis solche Hilfe dort ist, wo sie gebraucht wird (wenn man kein Handy hat!), hat die natürliche Auslese schon längst stattgefunden! Ich fahre unbeirrt weiter. Nach etlichen Kurven und einigen Metern höher höre ich den Hubschrauber wieder. Aber er wird nicht sichtbar, scheint auf der Stelle zu stehen. Und kurz darauf, hinter der nächsten Kurve, sehe ich eine Plattform, wo der Helikopter ordentlich Staub aufwirbelt und Frisuren durcheinanderbringt. Es scheint eine Übung zu sein, denn solche Plattformen befinden sich ja nicht an jeder Ecke.
Kurz vor Erreichen des knapp 1100 Meter hohen Col de Casardo wird aus der Straße wieder mal eher ein Weg. So wird die Abfahrt nicht gerade rasant. Wenn ich mir aber auf der anderen Seite vorstelle, was hier die Infrastruktur pro Einwohner kosten mag, kann ich den Zustand der Straße verstehen. – Ich komme an einer Schweinekoppel vorbei. Das ist mal was Neues. Borstenvieh habe ich bislang in Frankreich überhaupt noch nicht gesehen. Mich scheinen sie auch zum ersten Mal zu sehen, denn ein paar »Ausgänger« wollen hektisch in ihre Umzäunung zurück. Die müssen ja wirklich Todesangst haben, wie sie dabei in Panik geraten. Dabei fahre ich nur vorbei.
Landschaftlich lässt die Strecke nach. In San Lorenzo überrascht mich – nach einem erneuten Ausflug in die Kirschen – ein unerwarteter Anstieg, der zwar nicht so fürchterlich lang ist, aber gehörig Kraft fordert. Auch dort plündere ich Obstbäume, allerdings sind die Früchte schon nicht mehr besonders knackig. Als ich nach einigen weiteren Minuten den »Pass« erreiche, begegnet mir eine große Gruppe von Radreisenden. Das »Hauptfeld« ist etwas auseinander gezogen, weil dort wahrscheinlich auch jeder seinen eigenen Rhythmus beim Aufstieg hat. Was für die anstrengend war, ist für mich umso leichter, und nun beginnt die Abfahrt zur N193, und mir langt’s für heute auch mit den Bergen. Knappe 20 Kilometer später, kurz vor der Hauptstraße, verlasse ich das Tal noch einmal kurz, aber das sind dann Kleinigkeiten.
An der Kreuzung fallen mir wieder mein dürftiger Proviant und mein Hunger ein, und ich überlege, ob ich nicht noch mal nach Ponte Leccia zum Einkaufen fahren sollte. Die Frage ist nur, ob dort noch ein Laden offen hat. Ich frage jemanden an der Straße, und der macht mir Mut. Neben der Kleinbahnlinie geht’s nun leicht abwärts auf diesen Knotenpunkt zu, in dem ich schon war und in den ich laut Reiseplanung auch noch einmal zurückkehren werde. Die jetzige Fahrt ist eine außer der Reihe. Der Supermarkt an der Hauptkreuzung ist noch geöffnet, und ich falle ein wie ein Heuschreckenschwarm. Hier gibt es alles, was ich brauche, und wer mit leerem Magen einkaufen geht, der langt hin. Über das normale Maß hinaus, vielleicht auch über das, was am nächsten Berg an Zuladung vernünftig wäre, kaufe ich ein: Schokolade, Pudding, Fleisch, Cola, Obst. Da kommt was zusammen.
Es dauert eine Zeit, bis ich alles einigermaßen verstaut habe, aber es besteht überhaupt kein Zweifel, dass ich mir im Ort noch einen Platz zum Festmahl suchen werde. Und so geschieht es schon wenig später: Ich mache es mir auf einer Bank bequem, verschlinge eine Packung Schinken und reduziere auch den übrigen Proviant auf Normalmaß. Da soll noch mal einer sagen, ich ließe es mir im Urlaub nicht gut gehen. Diese Erfahrung werde ich mir jedenfalls einprägen: Ich werde nicht zulassen, noch einmal am Montag ohne nennenswerte Vorräte dazustehen.
Die weitere Fahrt steht nun im Zeichen der untergehenden Sonne. Ich werde versuchen, Corte noch zu erreichen, auch wenn zwischendurch noch 250 Höhenmeter überwunden werden müssen. Das ist aber jetzt alles kein Thema mehr. Wo steht das Klavier? Also fahre ich wieder zurück zum Abzweig, an dem ich auf die Hauptstraße eingebogen war, und weiter in Richtung Süden. Am Pass wird ein Tunnel für die Straße gebaut. Die Eisenbahn hat dort die ersten abenteuerlichen Schnörkel schon hinter sich. Als ich in Corte einrolle, wird es bereits dunkel. Wirklich höchste Zeit, dass ich für heute Schluss mache.
Abseits der Hauptstraße finde ich ein Lagerhaus, dessen Rampe überdacht ist. Dort gibt’s sogar einen Wasserhahn und einen Schlauch, so dass ich duschen kann. Beim Abtrocknen bricht mir leider das Armband meiner Uhr ab, so dass ich da wohl eine Neuinvestition nach dem Urlaub einplanen muss, aber das ist keine Tragödie. Auf der Rampe liegen ein paar Styroporplatten herum, auf die ich mich legen kann – fast so gut gefedert wie zu Hause. Ich freue mich darauf, einigermaßen sauber in meine Koje kriechen zu können und genehmige mir ein frisches Hemd für die Nacht.
Lange habe ich allerdings keine Ruhe. Mücken besuchen mich. Da habe ich mich wohl zu früh gefreut. War das nicht der richtige Ort? Ich rappele mich wieder auf und denke nach. Ist vielleicht im Haus nebenan ein ruhiges Plätzchen? Das Haus ist zwar bewohnt, aber vielleicht ist ja die oberste Wohnung leer, so dass ich dort auf dem Flur mein Lager aufschlagen kann. Nur – die Haustür ist offen. Da kommen natürlich auch die Mücken durch. Und das oberste Stockwerk ist nicht unbewohnt.
Also wieder ’runter. Was das wohl wird heute Nacht?
15. Juni
Corte – N193 – Venaco – Vivario – N193xD69 – Col de Sorba – Ghisoni – Col de Verde – Cozzano – Zicavo – Col de la Vaccia – Aullène – D69xD268 – Sainte Lucie-de-Tallano (139 km)
Grausam!!! Wie konnte ich nur mein Moskitonetz zu Hause liegen lassen! Das kleine Netz, gerade mal ausreichend fürs Gesicht, dieses Netz hat gefehlt. Ob ich wohl eine Minute lang geschlafen habe? Die Nacht werde ich sicherlich nicht so schnell vergessen. Es war die Hölle! Dabei bin ich gar nicht so zerstochen. Aber dieser Psychoterror, da zu liegen, irgendwo doch wehrlos und offen, und erst eine lange Zeit nur zu ahnen, dass es gleich beginnt, zu warten, was wohl schneller kommt: Eine Mücke oder der ersehnte Schlaf, vor allen Dingen einer, der tief genug ist, zur Not sogar einen Stich zu betäuben. Und dann kommt es: Das Sirren, das unerbittliche, gnadenlose und ankündigende. Ich weiß noch, wie Clemens sich für seine Wohnung, d.h. für sein Bett, ein Moskitonetz gekauft hatte. Das Sirren war fortan Musik in seinen Ohren. Hat er gesagt! Genau! Es ist nämlich relativ, einzig abhängig vom Wissen um das, was höchstwahrscheinlich danach kommt oder unter keinen Umständen passiert. Und zwischen den Alternativen entscheidet Haben und nicht Haben einer überzeugenden Gegenwehr. Ich kann mich erinnern, wie ich in Finnland, noch ziemlich weit oben in Lappland, mal eine Nacht – na ja, besser eine helle Zeit zwischen 22 und 6 Uhr – verbrachte, und da hatte ich das Netz fürs Gesicht, nichts weiter. Aber die damals auf dem Netz herumkrabbelnden Mücken hatten mich fast belustigt, jedenfalls nicht lange am Einschlafen gehindert. Und jetzt? Warum habe ich das Ding bloß nicht mitgenommen?! Das sind wenige Gramm. Nie wieder wird mir das auf einer Reise passieren! Heiliger Schwur!
Wenn es wenigstens kalt gewesen wäre! Wenn ein mittelprächtiger Wind übers Land gezogen wäre – na gut, dann hätte es gar keine Mücken gegeben – oder sonst eine Kühle mich heimgesucht hätte… Aber nein, es war eine laue Sommernacht, und wie um ausgerechnet hier zu beweisen, dass er himalajatauglich sei, spielte der Schlafsack ausgerechnet in dem Moment seine Isolation aus, als ich mich bis auf gerade mal ein Atemloch in seinen Tiefen verkroch, inständig hoffend, dass ich nicht am eigenen Atem ersticke. Ach was, die Temperatur stieg in dem Textil innerhalb von Minuten scheinbar bis auf ein Saunamilieu – und dabei hatte ich mir gerade nach der Dusche für die Nacht ein frisches Hemd angezogen; alles Essig –, und verzweifelt strampelte ich mich wieder frei, was für das Abkühlen geeignet war, aber nicht fürs Einschlafen, denn die Quälgeister kommen zumindest hier erst dann, wenn es ans Einschlafen geht. Na gut, die Nacht ist vorbei; mal sehen, wie ich mich tagsüber auf den Beinen halten werde.
Um sieben rücken Bauarbeiter an. Sie haben zwar nur um die Ecke zu tun, aber ein bisschen unpassend wird mir das Quartier vor Publikum dann doch. Also sehe ich zu, dass ich in die Spur komme. Der Tag verspricht heute alle Härten, ganz unabhängig von der Nacht. Zuerst kommt eine Auffahrt, die sogar Michelin mit zwei Doppelpfeilen versehen hat. Das werden 300 Höhenmeter. Nach der nächsten Abfahrt folgen dann gute 900, dann noch einmal 600 und schließlich 450 Höhenmeter – alles netto und möglicherweise ist der Tag dann ja noch nicht vorbei. Denn eine überaus lange Strecke wird’s nicht. Landschaftlich verspreche ich mir einiges von diesem zentralen Teil.
Die erste Auffahrt wird indes nicht so schlimm wie befürchtet. Man kann sich noch nicht einmal darauf verlassen, dass sie immer untertreiben, denke ich unfreundlich an den Kartenverlag. Aber wer weiß, vielleicht stimmt die Angabe ja sogar, neun Prozent sind schnell erreicht, und es könnten schon mehr sein. Vielleicht haben die Michelin-Leute hier ausnahmsweise mal exakt gemessen, weil es sich um eine der wichtigsten Straßen der Insel handelt.
Das Wetter ist schön, und nach einer knappen Stunde darf ich das erste Mal gut rollen. Die Fahrt geht hinab durch Venaco, ein Städtchen am Hang, und in all dem Gefalte windet sich irgendwo, jedenfalls immer an einer unerwarteten Stelle, die Eisenbahn hervor, und wenn ich nicht wüsste, woher sie kommt und wohin sie will, wäre es schwer, das zu erraten. Der Richtungswechsel ist das einzig Kontinuierliche an ihrem Streckenverlauf. Jetzt allerdings überquert sie die Straße und hält der Straße weiter oben am Hang die Treue, solange es weiter, jetzt nur noch leicht, bergab geht. Ich fahre auf eine Brücke zu, deren Darstellung im Atlas mich schon neugierig gemacht hat. Das muss eine ganz gewagte Konstruktion sein. Aber nein, es ist ein EU-Projekt. Es ist wirklich erstaunlich, wofür die Europäische Union Geld ausgibt. Das sieht also so aus: Die Eisenbahn überquert ein quer liegendes Tal auf einer ziemlich hohen Brücke. Für sie ist das gleichzeitig der Beginn eines langen Aufstiegs um über 500 Meter. Die Hauptstraße muss auch über das Quertal, in dessen Sohle es natürlich einen Fluss gibt, und damit die Überquerung nicht so teuer wird, hat man sich in traditioneller Weise erst mal der Quelle genähert, indem die Straße erst nach rechts abbiegt, dann parallel zum Fluss unter der Eisenbahnbrücke hindurchführt, auf diese Weise auch der Sohle des Quertals näher kommt, danach einen Linksschwenk macht und nunmehr wieder parallel zur Eisenbahn jenseits derselben auf einer verhältnismäßig kurzen und nicht sehr hohen Brücke den Fluss überquert, um das Ganze auf der anderen Flussseite spiegelsymmetrisch zu wiederholen und somit wieder in Flucht zum ursprünglichen Straßenverlauf zu liegen. So, und nun hat sich offenbar ein schlauer Kopf gedacht, den Schnörkel könne man doch leicht sparen. Das sind vielleicht 500 Meter, die da eingespart werden. Zugegeben, die Passage mag etwas schmal sein, aber dafür ein -zig-Millionen-Projekt aufzulegen, ist ein Stück, das glatt aus Deutschland kommen könnte. Nur mit dem Unterschied, dass es dort von eigenem Geld – bzw. eigenen Schulden – bezahlt worden wäre. Ich meine mich zu erinnern, auf der Fähre während der Überfahrt Nachrichten gesehen zu haben, in deren Verlauf die Brücke gezeigt wurde.
Die neue Brücke scheint erst vor wenigen Tagen befahrbar geworden zu sein, jedenfalls sind die Bauarbeiten noch im Gange, und nun geht es geradewegs wieder in die Höhe. Nach einigen Minuten habe ich die Eisenbahn wieder neben mir, und der Blick wird frei auf eine abenteuerliche Schnörkelei des Schienenstrangs, die im Wesentlichen der Überwindung des oben genannten Höhenunterschiedes dient. Ähnliches veranstaltet die Straße, und einen Bahnübergang gibt es in Vivario. Dort existiert sogar ein Bahnhof, wo gerade ein Dieseltriebwagen steht. Damit sehe ich zum ersten Mal eine solche Schmalspureisenbahn auf Korsika. Das wäre was für meine Kollegen! Aber viel her macht so ein Schienenbus bzw. eine Kombination aus zwei Wagen nicht gerade.
Doch damit ist die Auffahrt noch lange nicht bewältigt. Die steilen Kurven ziehen sich jetzt über dem Ort lang, und der Überblick über das Tal mit der Brücke, aus dem ich mich gerade empor winde, wird immer besser. Zwar kann ich auch nach längerer Fahrt nicht die gesamte Eisenbahnstrecke überblicken, weil ein Zipfel bzw. eine Wendeschleife hinter dem Berg südlich von Vivario verborgen bleibt, aber wenn ich wissen will, wie die Strecke aussieht, schaue ich eben auf die Karte. Dann wird es flacher, der Ort hinter mir verschwindet aus meinem Blickfeld; die Karte verzeichnet hier sogar einen Pass. Genau an diesem Pass muss ich jedoch links abbiegen, um jetzt eine lange Strecke auf der D69 zu beginnen, von der ich mir landschaftlich allerhand verspreche. Zu den ersten Eindrücken zählt jedoch die Fortsetzung des Anstiegs, und zwar nur knapp unterhalb dessen, was ich als unangenehm steil bezeichnen würde. Für die Anstrengung werde ich mit reichlich Schatten und deutlich niedrigeren Temperaturen entschädigt. Zuerst verläuft die schmale, ruhige Straße durch Gebirgswald, also eher geduckten und lichten Bewuchs, viel Moos und große Steine. Doch dann beginnt ein ziemlich alter Nadelforst, hochgewachsen und ziemlich dicht. Es dringt also wenig Sonne durch die Baumkronen, wobei mir nach einiger Zeit der Verdacht kommt, dass bereits die Wolken die Sonne verdecken. Der Nordhang ist auch derart steil, dass es gut sein könnte, die Sonne liege hinter dem Berg. Wie dem auch sei. So steil ist der Berg, dass ich Überlegungen darüber anstelle, was wohl abgeht, wenn weit oben einer der großen Steine ins Rollen kommt. Die Straße musste bergseitig gegraben und talseitig unterstützt werden, sonst hätte sie hier keinen Platz gehabt. Spannend dürften in den Kehren Begegnungen großer Fahrzeuge sein. Busfahrer scheinen ja vor kaum einem Weg zu scheuen, aber ihnen begegne ich hier nicht. Hin und wieder taucht allerdings ein Auto auf, und sobald ich es höre und gesehen habe, überlege ich, wo wir uns wohl begegnen werden oder es mich überholt. Bis dahin will ich diesen Baum oder jenen Stein oder da hinten die Kehre erreicht haben. Über solche kleinen Zwischenziele, auch mit »Terminen« versehen, kurbele ich mich nach und nach höher.
Zwischendurch höre ich nur das Rauschen der Baumkronen im Wind oder das Nadelwaldgeräusch. Das ist so undefinierbar, auch ein Rauschen zwar, aber eines von ferne, unauflösbar, keinem Baum zuzuordnen; es klingt so, als spiele ein leichter Wind gerade 100 Meter entfernt mit den Nadeln, und Rauschen in Nadeln klingt ja auch noch anders als das in Blättern. Mir kommt der Spruch in den Sinn: Über allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch… Wie es weitergeht, versuche ich zu verdrängen. Und mit inzwischen wieder anderen Gedanken erreiche ich dann tatsächlich den Gipfel – oder vielmehr den Pass. Die Gipfel liegen noch gute 400 Meter höher, rechts und links. Allerdings bleibt mir das im Wald verborgen, nur hat es ein Pass im Allgemeinen so an sich, dass zu beiden Seiten die Topographie noch höhere Kreise zieht.
Trotz der Kühle bei der Auffahrt bin ich doch ziemlich verschwitzt, und da es so kühl bleibt und die Abfahrt lang und tief zu werden verspricht, ziehe ich mir die Jacke über. Sicher ist sicher. Auch sieht der Himmel über dem Tal vor mir ziemlich schwarz aus. Donner grollen. Da ist alles drin. – Aufregend ist die Abfahrt nicht. Es geht im Wald wieder hinab, und zwar in ein Tal, hinter dem sich ebensolche Berge emporschwingen wie die, aus denen ich gerade komme. Auf der Fahrt fällt mir ein, dass jetzt sicherlich eine gute Zeit wäre, mal wieder was zu futtern. Die nächste Auffahrt wird ihren Tribut fordern. Wo könnte ich mal anhalten? Da, in einer der nächsten Kurven steht ein Motorradfahrer und macht auch gerade Pause. Er kommt aus Österreich, Kennzeichen P (wofür steht das, wo ist es?), und es ist keine Gang. Vielleicht kann man sich mit dem sogar ein wenig unterhalten. Ich halte an. Zwischen Baguettebissen und riesigen Löffeln voller Nougatcreme erzählen wir uns von unseren Fahrten, er von einer Motorpanne (Einspritzpumpe) und der Story um Rettung aus großer Not und Reparatur de